Tag Archive for 'youtube'

Ich habe die Zukunft der Nachrichten gesehen

In Zukunft werden Schlagzeilen von uns selbst gemacht. Im Internet.

Immer wieder wird im Zusammenhang mit neuen Medien die Frage gestellt: Wie sehen die Nachrichten der Zukunft aus? Oder: Wie sieht die Zukunft der Nachrichten aus? Ich denke eine denkbare Antwort auf diese Fragen sieht in etwa so aus:

Oder so:


Toronto Explosion from photojunkie on Vimeo.

Diese Bilder, beide anscheinend mit einer Handykamera aufgenommen, zeigen die Explosionen, die sich gestern Nacht anscheinend in einer Fabrik im kanadischen Toronto ereignet haben. Die Filme wurden gleich nach dem Aufnehmen ins Internet hochgeladen, per Twitter und Blogs bekannt gemacht, wodurch sie dann auch bald auf dem Blog einer Tageszeitung landeten. Kein Fernsehsender, kein Radiosender und schon gar keine gedruckte Zeitung kommt an diese authentische Unmittelbarkeit heran. Man meint die Angst und Verunsicherung des mitten in der Nacht aufgeweckten Augenzeugen in dem Wackeln und Zittern der Kamera wiederzufinden. Mittlerweile haben bereits 62,135 Youtube-Nutzer diese Bilder gesehen.

So werden in Zukunft Schlagzeilen gemacht. Das Prinzip heißt “publish, then filter“. Die rohen Eindrücke werden von Augenzeugen ins Netz gestellt und erst viel später wird dann nach der dazu passenden Story (“Was ist der Fall? Was steckt dahinter?”) gesucht (ähnlich hat das vor kurzen auch im Fall des Erdbebens funktioniert). Die Leser oder Zuschauer sind also zunächst völlig auf sich selbst gestellt, diese Bilder zu interpretieren. Dass dieser Medienwandel auch seine Schattenseiten hat, darauf weist Jeremiah Owyang in seinem Blog hin:

1) Sources may panic, and over or under state the situation. 2) Determining who is a credible source is a challenge, 3) Echos from the online network may over pump or mis-state very important facts that could impact people’s safety.

Damit wird jedoch wieder einmal deutlich, was es bedeutet, in einer entwickelten Mediengesellschaft (“Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien”, hat es Niklas Luhmann damals in seiner unnachahmlichen Eleganz auf den Punkt gebracht) zu leben: Die Bilder und Geschichten, die wir wahrnehmen, sind nicht mit unseren eigenen Augen gesehen, sind nicht selbst erlebt, sondern technisch vermittelt. Techniken wie die Druckerpresse, der Journalist oder hier die Handykamera und das YouTube-Distributionssystem ersetzen oder ergänzen unsere Sinnesorgane, ohne dass wir uns sicher sein können, dadurch einen unverzerrten Blick zu haben. Der Vergleich dafür fehlt uns.

Wir waren also im Umgang mit Medien schon immer aufgefordert, nach guten Gründen zu suchen, einer Geschichte oder einem Bild zu vertrauen. Medien sind keine neutralen Abbildapparate, sondern perspektivische Filter. Nur konnte diese Aufgabe des aktiven Herstellens von Vertrauen durch Routinen und Shortcuts wie dem professionellen Journalismus oder der Reputation von Zeitungen erleichtert werden. Durch soziale Medien wie Twitter, Blogs und Youtube lernen wir wieder (manchmal ist dies schmerzhaft): Das alles waren nur Abkürzungen, auf die wir uns keineswegs blind verlassen sollten. Beim Betrachten von Nachrichtensendungen und beim Lesen der Tageszeitung haben wir das natürlich auch schon gewusst, konnten diesen Zweifel jedoch durch Systemvertrauen ersetzen. Bei sozialen Medien ist das nicht mehr möglich.

Können wir jetzt bitte die Debatte über die unkreative Blogosphäre, die nur die Inhalte der Qualitätspresse wiederkäut, beenden?



Verwandte Artikel:
  • Wie Twitter die Gesellschaft verändert: Die Massenmedien
  • “Amtliche Statistik heißt heute Internet”
  • Sechs Beobachtungen zur Zukunft der Nachrichten