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Wie politisch ist die Blogosphäre?

SPD und Union dominieren den Diskurs der politischen Blogosphäre. Bei den Jugendorganisationen ist das Bild ausgewogener.

Vor kurzem konnte man auf Heise Online ein Interview mit Jan Schmidt zum Thema Parteien im Netz lesen. Darin stellt er fest, dass sich das Onlineengagement der deutschen Parteien im Gegensatz zu den USA noch in einer Experimentierphase befindet. Die politische Meinungsbildung bleibe demnach weiterhin stark printzentriert:

Die überregionale Printpresse bleibt trotz aller Probleme stark. Vielleicht ist das Bedürfnis nach Alternativ-Öffentlichkeiten deshalb niedriger als anderswo.

Schon vor längerem habe ich mich gefragt: Wie politisch ist die Blogosphäre? Entsprechen die politischen Einstellungen von Bloggern dem Bevölkerungsdurchschnitt? Oder tendiert die digitale Avantgarde zu liberalen, techno-utopistischen politischen Ideen? Spielen politische Parteien in der Blogosphäre überhaupt eine Rolle oder sind es andere, vernetzte Initiativen und Kampagnen, die hier relevant sind? Beispiele dafür wären zum Beispiel abgeordnetenwatch.de, der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung oder trupoli.

Zumindest die Frage nach den politischen Parteien lässt sich mit Hilfe meines Blogbuzz-Tools beantworten, das zählt, wie oft die einzelnen Parteien in der Blogosphäre an einem bestimmten Zeitpunkt erwähnt werden. Damit ist natürlich noch nichts über die Bewertung der Parteien gesagt – ob es um Lob oder Kritik geht, lässt sich an diesen Zahlen nicht feststellen. Aber man kann erkennen, wie sich die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Parteien verteilt, was in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie eine wichtige Währung darstellt.

Die folgende Grafik fasst alle Parteierwähnungen des letzten Monats (Februar 2008) zusammen:

Man erkennt hier verglichen mit der Forsa-Sonntagsfrage vom 27. Februar nahezu identische Werte für die Unionsparteien (36 Prozent Forsa vs. 35 Prozent Blogs), aber das war es auch schon an ähnlichkeiten. Die SPD ist die Partei, die im Februar am häufigsten in der Blogosphäre genannt wird – fast jeder zweite Blogeintrag, in dem eine Partei vorkommt, nennt die Sozialdemokraten. Auch die FDP schneidet mit 15 Prozent sehr stark ab, während die Grünen und die Linke hier nur ein minimales Maß an Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Die großen Volksparteien bestimmen also ganz klar die Aufmerksamkeitsökonomie der Blogosphäre, auch wenn sie in den Wahlen immer seltener die Massenbasis erreichen können. Die politische Blogosphäre ist also keineswegs ein Fünfparteiensystem.

In der Längsschnittbetrachtung kann man einzelne blogmediale Ereignisse finden, die zu einer Aufmerksamkeitsspitze für einzelne Parteien führen. In dieser Grafik, die die Werte für den letzten Monat darstellen, kann man am 25. deutlich eine Spitze für die CDU und die Grünen finden, die sich mit den Parteiwechsel von Metzger in Verbindung lässt. Zudem erkennt man einen ebensolchen peak für die CSU am 3. und 4. März – hier hat in der Blogosphäre die Aufbereitung der bayerischen Kommunalwahlen stattgefunden:

Bei den politischen Jugendorganisationen ist das Bild schon etwas ausgeglichener. Hier schneiden insbesondere die Grüne Jugend und die Linksjugend ['solid] im selben Zeitraum deutlich besser ab als entsprechenden Parteien, denen sie nahestehen. Auch die Jungen Liberalen sind etwas stärker vertreten. Dennoch sind auch hier die Jusos mit Abstand am stärksten. Über 40 Prozent der Nennungen von politischen Jugendorganisationen entfallen auf die Jungsozialisten, während die Junge Union nur in gut einem Fünftel der Beiträge genannt wird.

Insgesamt waren es 365 Nennungen in dem untersuchten Zeitraum, wobei Beiträge, in denen zwei Jugendorganisationen erwähnt werden, auch doppelt gezählt wurden. Dagegen findet man bei der Suche nach den politischen Parteien für den Februar 26.149 Nennungen. Auch wenn die Blogosphärenbevölkerung jünger ist als der Bevölkerungsdurchschnitt, liegt der Fokus eindeutig auf den Parteien, während die Jugendorganisationen nur eine marginale Rolle spielen. In dieser Hinsicht besteht also noch Nachholbedarf. Gerade wenn zutrifft, was Jan Schmidt im Heise-Interview feststellt, nämlich “dass vor allem junge, höher gebildete und internetaffine Menschen für Online-Wahlkämpfe zugänglicher sind” könnten die Jugendorganisationen noch viel präsenter in den Blogosphärenkonversationen sein.

Auf der re:publica werde ich übrigens zum Thema digitaler politischer Aktivismus zusammen mit Marc Scheloske (Wissenswerkstatt, die heute ihren ersten Geburtstag feiert) noch ein paar Thesen präsentieren, die sich auf die Ergebnisse der Burma-Studie (siehe auch hier) stützen, die wir letzten Herbst durchgeführt hatte.

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    180px-juergenhabermas.jpgJürgen Habermas betont in seiner vielbeachteten Rede zur politischen Kommunikation in der Mediengesellschaft, die gerade eben auch in einem Suhrkamp-Bändchen abgedruckt wurde, die Wichtigkeit einer Feedbackschleife zwischen Politik und Zivilgesellschaft. Nur so können die Grundprinzipien der deliberativen Demokratie verwirklicht werden, die anders als die liberale (Freiheit) oder republikanische (Partizipation) auf eine wahrnehmbare öffentliche Meinung als Öffnung der Politik für die Gesellschaft setzt. Die veröffentlichten Meinungen dienen als “networks for wild flows of messages” als Deliberationsarena auf politischer Grassroots-Ebene.

    Natürlich ist die Unabhängigkeit und Selbst-Regulierung des Mediensystems eine wesentliche Bedingung für einen unverzerrten öffentlichen Diskurs — Gegenbeispiel sind Banalisierung (Berlusconi) oder Verfälschung (Irakkrieg) der Medienberichterstattung. Insofern müssten doch eigentlich die vielen Weblogs ein wertvolles deliberatives Element in der Mediengesellschaft darstellen, oder? Habermas sieht das in dem Fall gegeben, wenn es gegen die autoritäre geht: Weblogs können hier einen zusätzlichen, authentischen Nachrichten- und Meinungskanal eröffnen und der öffentlichen Meinung zur Veröffentlichung helfen (das hält auch Jeff Jarvis für ein wichtiges Element einer “Open Source-Demokratie”).

    Dann kommt aber Habermas kritische Einschränkung: In liberalen Regimen mit unabhängigen Mediensystemen ist diese Funktion überflüssig und Grassrootsmedien wie Weblogs sind eher eine bedrohliche Erscheinung, da sie zur Fragmentierung der politischen Öffentlichkeit in zahlreiche Mikroöffentlichkeiten beitragen. Mit Jan Schmidt kann man dieses Phänomen auch als “persönliche Öffentlichkeiten” beschreieben, also winzige Gruppen von zum Teil namentlich bekannten Personen, für die manche Mikropublisher schreiben.

    friendfeed.pngVerstärkt wird dieses Phänomen zudem durch die Syndizierungsmöglichkeiten von Web 2.0-Inhalten. Mittels RSS- und Atom-Feeds können Bloginhalte nicht mehr nur auf der Bloghomepage selber gelesen werden, sondern auch mit Feedreadern online und offline. Dienste wie FriendFeeds ermöglichen darüber hinaus auch noch, die Feeds an anderer Stelle – eben auf dem eigenen FriendFeed – zu kommentieren: “Verlagerung der Diskussionen” lautet mittlerweile die gängige Formel dafür. Die Diskussion über die in einem Blogpost vertretene Meinung wird damit noch weiter fragmentiert, so dass die Autorin teilweise gar nicht mehr mitbekommt, ob und wo über ihren Beitrag diskutiert wird. Habermas würde das nicht gefallen. Denn so wird nicht nur die politische Öffentlichkeit “into a huge number of isolated issue publics” zersplittert, sondern auch der Diskurs in eine große Zahl isolierter Diskursfädchen. Niemand hat mehr einen Überblick über den Stand der Debatte, so dass die Aufmerksamkeit in dieser Mikrokultur zunehmend zerfasert.

    Aber diese Entwicklung lässt sich womöglich auch ins Positive wenden. Ein wesentliches Hindernis für die Entfaltung wirklich freier Konversationen in der Blogosphäre ist die Kommentarhaftung des Betreibers. In Kurzform: Wenn jemand in einem Kommentar auf einen Blogpost das Maß überschreitet, wird nicht diese Person selbst zur Verantwortung gezogen, sondern der Betreiber muss für seine Ausfälle haften. So als müsste für eine Beleidigung im Landtag der Landtagspräsident die Konsequenzen tragen. Viele Blogger werden dadurch unfreiwillig in Blogwarte oder breitschultrige Türsteher verwandelt, was im Gegensatz zu einer medienmündigen “sich-selbst-veröffentlichenden Gesellschaft” steht.

    Ich fürchte, die Rechtslage diesbezüglich ist noch nicht geklärt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich für die Äußerungen anderer Personen in “meinem” FriendFeed, SocialThing oder Noserub oder anderen derartigen Diensten verantwortlich gemacht werden kann. Insofern bietet die Fragmentierung der Kommunikation den Vorteil, auch kontroverse Artikel an einem “sicheren Diskurshafen” diskutieren zu können. Könnten nicht zum Beispiel Niggemeiers CallActive-Beiträge, bei denen aus nachvollziehbaren Gründen die Kommentarfunktion deaktiviert ist, dort einem öffentlichen Diskurs zugänglich gemacht werden?

    Eigentlich müsste es doch möglich sein, ein Wordpress-Plugin zu entwickeln, das die verteilten Kommentare aus FriendFeed, del.icio.us oder Digg einsammelt und mit dem Blogeintrag zusammen anzeigt. Oder gibt es das schon?

    (Bild: “Jürgen Habermas”, Quelle: Wikipedia, CC-Lizenz)

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    UPDATE: Mittlerweile wurde eine Arbeitsgemeinschaft Social Media gegründet.

    Eine spannende Diskussion über die Messbarkeit von Onlinecommunities hat auf dem BarCamp in Hannover stattgefunden (vgl. dazu die Beiträge von Kai-Uwe Hellmann, Michael Ellensohn). Ich war leider nicht dort, hatte jedoch auf diesem Blog ebenfalls etwas über diese Thema geschrieben und mit der metaroll den Versuch unternommen, eine alternative Blogrollmetrik zu entwickeln, mit der die langfristige Relevanz von Blogs sowie ihre dauerhafte Vernetzung untereinander dargestellt werden können. Rivva bietet Informationen darüber, welche Themen in der Blogosphäre am intensivsten diskutiert werden und welche Blogs „aus Schneebällen Lawinen rollen“, so Frank Westphal. Außerdem gibt es natürlich auch noch die auf der Verlinkung von Einträgen und Blogs basierende Technorati-Authority, die z.B. auch die Grundlage für die Deutschen Blogcharts sind.

    Zugleich fehlen nach wie vor grundlegende Informationen, zum Beispiel darüber, wie groß die deutschsprachige Blogosphäre überhaupt ist (unter Berücksichtigung von Serien- und Multibloggern sowie Weblogvakanzen), wie relevant die dort diskutierten Themen für massenmediale Öffentlichkeiten sind (die Annahmen reichen von einer selbstreferentiellen Copy-and-Paste-Kultur bis hin zum Nachfolger der Printzeitungen) und vor allem auch: von wem die Millionen von Einträgen überhaupt gelesen werden. Wie sieht die soziokulturelle und demographische Struktur der Blogleser aus und wie verändert sich diese im Lauf der Zeit? Wie groß ist das Engagement im Neuen Netz tatsächlich? Kurz: der Forschungsbedarf ist nicht zu übersehen.

    Warum sollte sich die Blogosphäre mit diesem Thema überhaupt auseinandersetzen? Liegt der besondere Charme der Blogs nicht gerade in ihrer Authentizität, Leidenschaftlichkeit und Unprofessionalität? Das mag in zahlreichen Fällen zutreffen. Doch zugleich gilt: Wenn die Blogger das nicht selber machen, wird es jemand anderer für sie erledigen. Im Zweifelsfall sind das die großen Verlage und Medienhäuser, deren Engagement auf dem Web 2.0-Sektor nicht mehr zu übersehen ist (siehe dazu auch den taz-Beitrag “Ein Gütesiegel muss her“).

    Um das Heft selbst in der Hand zu behalten und sich nicht fremd bestimmen zu lassen, wäre zum Beispiel die Gründung eines Vereins oder einer Arbeitsgemeinschaft Blog- und Communityforschung denkbar, mit dessen Hilfe sich die Blogosphäre für folgende Ziele einsetzen könnte:

    • Wissenschaftliche Erforschung der Blogosphäre und Online-Communities, zum Beispiel in Studien nach dem Modell „Wie ich blogge?!“. Bislang wird dieses Thema regelmäßig und in großem Umfang vor allem von Marktforschungsunternehmen und den Forschungsabteilungen der Medienhäuser bedient. Das Feedback der Ergebnisse in die Blogosphäre lässt dabei zu wünschen übrig. Die sozialwissenschaftliche Forschung ist aufgrund äußerer Bedingungen wie Projektlaufzeiten und Qualifizierungsarbeiten eher episodisch und erlaubt keine Aussagen über die Entwicklung der Blogs im zeitlichen Längsschnitt. Deshalb wäre es wichtig, wenn die Blogosphäre selbst über ihre eigene Vermessung verfügen könnte.
    • Neben der Forschung wäre eine weitere wichtige Funktion die politische Interessenvertretung. Themen wie Vorratsdatenspeicherung, Onlinedurchsuchung und Kommentarhaftung werden zwar in den Blogs intensiv diskutiert, davon ist jedoch in Berlin zu wenig angekommen, da die Politik keinen Ansprechpartner hat, der die Interessen der Blogger gebündelt vertreten kann. Dabei geht es auf längere Sicht auch um den Schutz von Bloggern unter dem Dach der Pressefreiheit, z.B. was ihren Umgang mit vertraulichen Quellen betrifft. Das heißt aber auch, dass ein solcher Verein das Thema Bloggerethik auf die Tagesordnung setzen müsste.

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