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Überwachen mit Twitter

twitterstats.pngIm Unterschied zu Social Networks wie Xing oder Facebook, in denen Profilinformationen und insbesondere auch Statusmeldungen je nach Sicherheitseinstellungen nur für andere Mitglieder oder sogar nur bestätigten Kontakten einsehbar sind, ist Twitter in der Praxis weitgehend ein offenes Forum. Nur eine geringe Zahl von Personen macht von der Möglichkeit gebrauch, ihr Profil für nicht bestätigte Kontakte zu sperren, so dass man im Prinzip auch als Nicht-Twitterer sehen kann, was eine bestimmte Person von den mittlerweile 860.000 Nutzern den ganzen Tag über schreibt, welche anderen Kontakte diese Person “verfolgt” (follow), welche Statusmeldungen die Person besonders interessant gefunden hat. Über Twitterholic kann man dann auch noch sehen, wie sich die Zahl der Kontakte in den letzten Tagen entwickelt hat.

Insbesondere nachdem ich diese Ratschläge gelesen habe, die beschreiben, wie man Twitter-Nutzern, zum Beispiel Konkurrenten, folgen kann, ohne dass diese es merken (würde man der Person folgen, bekäme sie eine Benachrichtigung darüber). Das führt dann so weit, dass auch noch per Twitter-Suchmaschine alle Erwähnungen einer Person regelmäßig abgefragt und per RSS-Feed verschickt werden. Ein Überwachungssystem zum Selberbasteln. Auf den ersten Blick mag man vielleicht entgegnen: Na und? Selber schuld, wer sein Privatleben in eine unbekannte Öffentlichkeit versendet. Außerdem wird der wirtschaftliche Konkurrent ja zu den selben Methoden greifen, um einen selbst zu überwachen. Solange dieses Spiel in einem geschlossenen Teilnehmerkreis stattfindet – jeder überwacht jeden – ist das im Prinzip nicht sehr weit weg von der hellhörigen Dorfgemeinschaft. Aber in dem Moment, in dem Außenstehende dazu kommen – seien es staatliche Akteure oder der eigene Vorgesetzte – wird dieses Spiel asymmetrisch und es entstehen Beobachterpositionen, die selbst unbeobachtet bleiben.

Brauchen wir eine Twitter-Ethik?



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    Wittgenstein 2.0:
    Was sich überhaupt sagen läßt,
    läßt sich twittern.

    off_the_record (via Twitter)

    Jan Schmidt hat (z.B. hier) für seine Analysen der Blogosphäre ein Analyseraster entwickelt, das drei Grundfunktionen von Social Media im Allgemeinen und Blogs im Besonderen unterscheidet:

    • Identitätsmanagement: Meistens ist das persönliche Blog, sofern es nicht anonym geführt wird, einer der ersten Treffer bei der Googlesuche nach einer Person (der bekannte Blogbias der Suchmaschinenöffentlichkeit). Deshalb spielen die dort präsentierten Informationen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, sich ein Bild dieser Person zu machen. Blogs sind also ein Instrument der Selbstdarstellung. Mit ihrer Hilfe kann man sich so darstellen, wie man nach außen wirken möchte (bei Goffman heißt das “presentation of self in everyday life“). Das gilt natürlich auch für andere digitale Identitäten von der klassischen Homepage über das Xingprofil bis zum Lifefeed, aber aufgrund der großen Sichtbarkeit und einfachen Aktualisierung haben Blogs hier eine prominente Bedeutung erlangt.
    • Beziehungsmanagement: Dieser Punkt lässt sich aus dem vorangegangenen Punkt ableiten. Selbstdarstellung ist immer ein sozialer Akt. Sie bedarf eines Publikums, einer Bühne. Weblogs dienen deshalb schon in ihrer einfachsten Erscheinungsform als digitales Tagebuch als Beziehungswerkzeug. Denn auch wenn man nicht explizit für ein Publikum schreibt, die Wahl des Internets als Medium der Selbstdarstellung nimmt Sozialität zumindest in Kauf. Die sich in der Blogosphäre entwickelte Kultur der Verlinkung (culture of links) fördert diesen Charakter noch, insbesondere durch das automatisierte Setzen von Referenzen (Trackbacks und Pingbacks) sowie die Neigung vieler Blogger, ihr soziales Kapital, das mit Angeboten wie Technorati direkt quantifizierbar scheint, zu vermehren.
    • Informations- oder Wissensmanagement: Die beiden ersten Punkte skizzieren die Entwicklung vom digitalen Tagebuch zur entwickelten, gut vernetzten Blogosphäre. Aber man kann die Geschichte der Weblogs auch von einem anderen Startpunkt aus erzählen: der kommentierten Linkliste. In viele frühen Noch-nicht-ganz-Blogs wie zum Beispiel denen von Tim Berners-Lee oder Marc Andreessen bestanden die Einträge aus einer Sammlung Hyperlinks, die teilweise mit kurzen Kommentaren versehen waren, in etwas so wie die gegenwärtigen del.icio.us-Feeds. Hier geht es weniger um Identität oder soziale Beziehung, sondern der Fokus liegt hier auf dem Archivieren und Dokumentieren von Wissen. Diese Funktion findet man auch in vielen zeitgenössischen Weblogs wieder, so lassen sich meine viralmythen auch als elektronischer Zettelkasten betrachten und dienen auch der Vermittlung und Vernetzung von Wissen.

    Keine der drei Funktionen ist neu. Die eigene Identität lässt sich auch über ein papiernes Tagebuch konstruieren, Beziehungen per Visitenkartenaustausch pflegen und Wissen lässt sich in Büchern speichern oder in Briefen austauschen. Weblogs sind jedoch eine ungewöhnliche Kulturtechnik, in der diese drei Funktionen konvergieren und sich gegenseitig steigern lassen.

    Nun stellt sich die Frage, ob das alles auch für Mikrobloggingtechniken wie Twitter, Pownce oder Jaiku gilt. Also: Wie sehen Identitäts-, Beziehungs- und Wissensmanagement im mikrobloggerischen Kontext aus?

    • Identitätsmanagement: Ebenso wie mit Blogs lässt sich auch per Twitter die eigene Identität konstruieren und repräsentieren. Nur: 140 Zeichen sind natürlich viel zu wenig, um komplexe Gedankengänge auszudrücken, so dass es hier meist bei stenographischen Äußerungen bleibt, die sich immer wieder auf neue Technologien, Orte, Fernsehsendungen und Internetseiten beziehen. Viele Twitterati stellen ihre eigene Identität dementsprechend als technikkompetente, hypermobile, prokrastinierende Internetavantgarde mit einem chronisch untererfüllten Schlafbedürfnis dar (“3 Stunden Schlaf ist einfach zu wenig auf Dauer”).

      Bemerkenswert ist die Tatsache, dass man sich hier weniger als das Darstellt, was man ist oder erreicht hat (vergleiche die doch recht konventionellen Lebensläufe bei Facebook oder Xing), sondern als das, was man im Moment tut oder denkt. Für Psychologen ist es nichts neues, aber hier kann man das ganz konkret erfahren: Identität als Prozess.

    • Beziehungsmanagement: Mikrobloggen ist sozial. Vielleicht sogar etwas zu sozial. Denn wenn man nur die Statusmeldungen (“Tweets”) einer Person beobachtet (“follow”), dann wird man schnell bemerken, dass diese für sich nicht entschlüsselbar sind. Immer wieder (unter meinen Twitterkontakten variiert zwischen 1/5 und 1/4 liegen) taucht das Zeichen “@” auf, das für Reaktionen auf andere Tweets steht. Ohne die Ursprungsnachrichten sind diese Tweets unverständlich.

      Insofern besteht ein epistemologischer Anreiz zur Sozialität: Je mehr Kontakten man followt, desto mehr vollständigere Konversationen bekommt man mit (dem ist natürlich aufgrund der Netzwerkstruktur nicht so, denn mit jedem neuen Kontakt kommen neue unvollständigere Gespräche dazu). Mit Twitter lässt sich aber auch eine basale Kontaktpflege betreiben, da es die Grundfunktionen eines Social Networks besitzt (Profil, Kontakte hinzufügen und bestätigen, Avatare).

    • Wissensmanagement: Die Funktion des Wissensmanagements lässt sich mit Twitter, so hat es zunächst den Anschein, denkbar schlecht erfüllen. Denn es gibt nur rudimentäre Möglichkeiten, eigene oder fremde Nachrichten zu speichern und vor allem wiederzufinden. Die einzige Möglichkeit, die Twitter von sich aus mitbringt: Man kann bestimmte Nachrichten anderer Twitterati als Favorit abspeichern. Mittlerweile hat sich aber auch das Taggen von Nachrichten mit Hashtags (z.B. “#politik“) durchgesetzt und wird von Drittanbietern unterstützt, die sich der Twitter-Datenschnittstelle (API) bedienen. Dasselbe gilt für die Suche, auch hierfür gibt es mittlerweile Lösungen. Dennoch: Als digitales Notizbuch lässt sich Twitter schon aufgrund der Beschränkung auf 140 Zeichen nur schwer einsetzen.

      Aber: denkt man nicht nur in den klassischen Kategorien von Informationsspeicherung und -retrieval, dann lässt sich hier doch ein interessantes Potential von Twitter und anderen Mikroblogs erkennen: Die fragmenarischen, oft aphoristischen Meldungen sind immer wieder für Irritationen oder Anregungen gut (bisweilen erinnert das an Brian Enos Oblique Strategies), zudem erhält man auf diese Weise, je nachdem wer die eigenen Kontakt sind, täglich unzählige Links auf andere Internetseiten (Wissen in Gestalt von Hyperlinks). Die unvollständige Sozialität hat auch Folgen für das Wissensmanagement, denn oft sind interessante Gedanken erst in der Abfolge mehrerer – und vor allem verteilter! – Tweets erkennbar. Es kommt zu einer Sozialisierung des Wissens, einem sozialen sechsten Sinn, der sich durchaus in Richtung des Teilhard’schen Noosphäre denken lässt.

    Letztlich lässt sich, glaube ich, recht plausibel die These vertreten, dass auch per Twitter, Pownce und Jaiku Identitäts-, Beziehungs- und Wissensmanagement möglich sind. Aber die Einschränkung auf 140 Zeichen, die nur rudimentäre Vernetzung (es gibt zwar Permalinks, aber Antworten werden auf Personen, nicht Nachrichten bezogen, außerdem fehlen Track- und Pingbacks) sowie das nur wenig ausgearbeite Informationsretrieval lassen das Microblogging zunächst als defizitäre Variante des richtigen “Voll-Bloggens” erscheinen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass in diesen Einschränkungen gerade auch der Reiz und die Innovativität dieses Systems liegen, die Schlagworte lauten: Identität als Prozess, unvollständige Sozialität, aphoristisch-fragmentarisches Wissen. Für Twitter-Soziologen scheint genügend Material da zu sein.

    Nebenbei: Hier geht’s zu meinem Twitter-Feed



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    180px-juergenhabermas.jpgJürgen Habermas betont in seiner vielbeachteten Rede zur politischen Kommunikation in der Mediengesellschaft, die gerade eben auch in einem Suhrkamp-Bändchen abgedruckt wurde, die Wichtigkeit einer Feedbackschleife zwischen Politik und Zivilgesellschaft. Nur so können die Grundprinzipien der deliberativen Demokratie verwirklicht werden, die anders als die liberale (Freiheit) oder republikanische (Partizipation) auf eine wahrnehmbare öffentliche Meinung als Öffnung der Politik für die Gesellschaft setzt. Die veröffentlichten Meinungen dienen als “networks for wild flows of messages” als Deliberationsarena auf politischer Grassroots-Ebene.

    Natürlich ist die Unabhängigkeit und Selbst-Regulierung des Mediensystems eine wesentliche Bedingung für einen unverzerrten öffentlichen Diskurs — Gegenbeispiel sind Banalisierung (Berlusconi) oder Verfälschung (Irakkrieg) der Medienberichterstattung. Insofern müssten doch eigentlich die vielen Weblogs ein wertvolles deliberatives Element in der Mediengesellschaft darstellen, oder? Habermas sieht das in dem Fall gegeben, wenn es gegen die autoritäre geht: Weblogs können hier einen zusätzlichen, authentischen Nachrichten- und Meinungskanal eröffnen und der öffentlichen Meinung zur Veröffentlichung helfen (das hält auch Jeff Jarvis für ein wichtiges Element einer “Open Source-Demokratie”).

    Dann kommt aber Habermas kritische Einschränkung: In liberalen Regimen mit unabhängigen Mediensystemen ist diese Funktion überflüssig und Grassrootsmedien wie Weblogs sind eher eine bedrohliche Erscheinung, da sie zur Fragmentierung der politischen Öffentlichkeit in zahlreiche Mikroöffentlichkeiten beitragen. Mit Jan Schmidt kann man dieses Phänomen auch als “persönliche Öffentlichkeiten” beschreieben, also winzige Gruppen von zum Teil namentlich bekannten Personen, für die manche Mikropublisher schreiben.

    friendfeed.pngVerstärkt wird dieses Phänomen zudem durch die Syndizierungsmöglichkeiten von Web 2.0-Inhalten. Mittels RSS- und Atom-Feeds können Bloginhalte nicht mehr nur auf der Bloghomepage selber gelesen werden, sondern auch mit Feedreadern online und offline. Dienste wie FriendFeeds ermöglichen darüber hinaus auch noch, die Feeds an anderer Stelle – eben auf dem eigenen FriendFeed – zu kommentieren: “Verlagerung der Diskussionen” lautet mittlerweile die gängige Formel dafür. Die Diskussion über die in einem Blogpost vertretene Meinung wird damit noch weiter fragmentiert, so dass die Autorin teilweise gar nicht mehr mitbekommt, ob und wo über ihren Beitrag diskutiert wird. Habermas würde das nicht gefallen. Denn so wird nicht nur die politische Öffentlichkeit “into a huge number of isolated issue publics” zersplittert, sondern auch der Diskurs in eine große Zahl isolierter Diskursfädchen. Niemand hat mehr einen Überblick über den Stand der Debatte, so dass die Aufmerksamkeit in dieser Mikrokultur zunehmend zerfasert.

    Aber diese Entwicklung lässt sich womöglich auch ins Positive wenden. Ein wesentliches Hindernis für die Entfaltung wirklich freier Konversationen in der Blogosphäre ist die Kommentarhaftung des Betreibers. In Kurzform: Wenn jemand in einem Kommentar auf einen Blogpost das Maß überschreitet, wird nicht diese Person selbst zur Verantwortung gezogen, sondern der Betreiber muss für seine Ausfälle haften. So als müsste für eine Beleidigung im Landtag der Landtagspräsident die Konsequenzen tragen. Viele Blogger werden dadurch unfreiwillig in Blogwarte oder breitschultrige Türsteher verwandelt, was im Gegensatz zu einer medienmündigen “sich-selbst-veröffentlichenden Gesellschaft” steht.

    Ich fürchte, die Rechtslage diesbezüglich ist noch nicht geklärt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich für die Äußerungen anderer Personen in “meinem” FriendFeed, SocialThing oder Noserub oder anderen derartigen Diensten verantwortlich gemacht werden kann. Insofern bietet die Fragmentierung der Kommunikation den Vorteil, auch kontroverse Artikel an einem “sicheren Diskurshafen” diskutieren zu können. Könnten nicht zum Beispiel Niggemeiers CallActive-Beiträge, bei denen aus nachvollziehbaren Gründen die Kommentarfunktion deaktiviert ist, dort einem öffentlichen Diskurs zugänglich gemacht werden?

    Eigentlich müsste es doch möglich sein, ein WordPress-Plugin zu entwickeln, das die verteilten Kommentare aus FriendFeed, del.icio.us oder Digg einsammelt und mit dem Blogeintrag zusammen anzeigt. Oder gibt es das schon?

    (Bild: “Jürgen Habermas”, Quelle: Wikipedia, CC-Lizenz)



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    Immer wieder wurde die Frage laut, welchem Zweck Microblogging-Dienste wie Twitter eigentlich dienen. An dem aktuellen Beispiel des Erdbebens mit Stärke 7,2 auf der Richterskala, das sich heute Nacht im chinesischen Xinjiang ereignete, wird deutlich: trotz des chaotischen und bisweiligen etwas schrägen Eindrucks, den die Twitter-Nutzer (“Twitterati”) manchmal erwecken, erfährt man von solchen Ereignissen als erstes. Noch kein Nachrichtendienst hat von dem Erdbeben berichtet, aber dank Twitter weiß man schon seit einiger Zeit, wo und wann es sich ereignet hat, dass man die Wellen bis in die Schweiz spüren konnte und kann den genauen Ort auf einer Karte betrachten.

    Ganz unabhängig davon, wie wichtig es ist, von diesem Ereignis im fernen China eine Stunde oder mehr vor den klassischen Nachrichtenmedien zu erfahren, sagt dieser Fall einiges über die Bedeutung des Microbloggens als neue Kulturtechnik:

    • Twitter ist eine Art “weltweite Gerüchteküche” (“World Wide Grapevine”), durch die man alles mögliche erfahren kann – von weltbewegenden Ereignissen bis zu Dingen, die nur für eine sehr persönliche Öffentlichkeit relevant sein dürften.
    • Die hohe Aktualität: Viele Dinge erfährt man über Twitter als erstes: Artikel oder Blogposts, die gerade geschrieben werden, Gerüchte über Meldungen, die in Kürze publik werden oder sogar Augenzeugenberichte.
    • Man kann, ähnlich wie im face-to-face-Gerüchtewesen, seine Aufmerksamkeit nicht besonders gut fokussieren, sondern bekommt einen langen Strom von Meldungen mit ganz unterschiedlicher Thematik, Reichweite und Wichtigkeit. Es handelt sich also eher um eine frei flottierende Aufmerksamkeit.
    • Der ausgesprochen unordendliche Netzwerkcharakter des Systems und die unterschiedlichen Kontakte (mit Simmel könnte man hier vielleicht sogar von sozialen Kreisen sprechen), an die jeder Twitter-Nutzer seine Statusmeldungen verschickt, bringen mit sich, dass Meldungen verloren gehen können bzw. ähnliche Meldungen vielfach empfangen werden.

    Ein vielköpfiges Flurgespräch über Kontinente hinweg – wahrscheinlich gibt es momentan kaum bessere Beispiele für den Wandel globaler Kommunikationsstrukturen (Mikromedien statt Massenmedien).



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    geiger.png
    Jori Finkel beschreibt in der New York-Times in dem Artikel “You’ve Seen the E-Mail, Now Buy the Art” einen starken Trend zur Galerie 2.0. So könnte man nämlich das Phänomen beschreiben, dass in US-Galerien wie der Gagosian oder Cheim & Read mittlerweile ganze Ausstellungen noch vor der Vernissage verkauft werden – per Email-Ankündigungen und JPEG-Bildergalerien. Auch die Kunstszene hat sich also an die digitalen Medien gewöhnt, dass das Betrachten einer JPEG-Abbildung als ausreichender Beurteilungsmaßstab gilt, um mehrere 100.000 USD auszugeben. Die Folge ist eine ungeahnte Beschleunigung der Kunstmarkttransaktionen:

    It’s another sign of the acceleration of the contemporary art market: New works, even in the six-figure range, are selling by digital image alone. For the Friedman show, Gagosian set up a private section on its Web site, accessible only by a password sent via e-mail message to select collectors.

    Klar, es handelt sich hier streng genommen nicht um eine digitale Ökonomie, denn gekauft und verkauft werden nach wie vor materielle Objekte und keine JPEG-Dateien. Aber dennoch finde ich es spannend, welche Rolle digitale Informationen mittlerweile in diesem Sektor spielt, in dem doch eigentlich die Aura der Gemälde und ihre Materialität so wichtig ist. Interessant ist auch die bereits im Titel dieses Blogposts angesprochene Veränderung der Kunstsprache:

    Lisa Schiff, a New York art consultant, agreed, saying that “99 percent” of her sales now involve a JPEG at one stage or another. “It’s changed the way we all do business,” she said. “People have begun using JPEG as a verb: JPEG me this work.” (On the resale market, where many art consultants operate, JPEGs can be shopped so widely that a seller can find himself in the puzzling position of being offered his own work.)

    (Abbildung: “Bild:Gasteig Muenchen-2.jpg” von Rufus46, GNU FDL)



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  • Galerie des Wissens 1.0
  • Galerie des Wissens 1.0 (Folge 2)
  • Internet beeinflusst Kaufentscheidungen stärker als Print oder Fernsehen

    Das hat schon Sprengkraft, was W&V gestern über die Studie von Booz, Allen, Hamilton unter dem Titel “Studie: Klassische Werbung entscheidet nicht über den Kauf” vermeldete:

    Nur noch zu fünf Prozent beeinflusst Werbung im Fernsehen oder in den Printmedien, ob wir ein Produkt oder eine Dienstleistung kaufen oder nicht. Im Vergleich dazu legt das Internet als Einflussgeber zu: Zehn Prozent lassen sich durch das Web leiten. Das bedeutet, dass nach dieser Studie, das Web doppelt soviel Einfluss hätte wie Print- und TV-Werbung.

    Die besondere Stärke und Glaubwürdigkeit des Internet liegt dabei in der Kombination von Merkmalen, die man gemeinhin unter dem Label Web 2.0 nennt: user generated content wie zum Beispiel Bewertungen, Empfehlungen und redaktionellen Inhalten wie Testberichten. Die Studie basiert auf einer Untersuchung des Konsumentenverhaltens sowie der Präferenzen von 1000 Endnutzern. Wobei: Die Endnutzer sind in dieser Studie schon längst zu “Kunden 2.0″ geworden. Das zeigt sich zum Beispiel auch in der Aufgeschlossenheit für das Preisgeben persönlicher Informationen:

    Je nach Produktsegment sind zwischen 50% und 80% der Kunden bereit, soziodemographische Daten sowie Nutzungsdaten offen zu legen. Als Gegenleistung erwarten sie insbesondere eine bevorzugte Behandlung als Produkttester, spezielle Angebote oder Preisnachlässe.

    Siehe auch:



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