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Qype scheint seine Experten nicht mehr zu brauchen

Eine der Schlüsselfragen des Community Managements: Wie schafft man ein angenehmes und inspirierendes Umfeld, das die aktiven Träger einer Community (man denke an die 90-9-1-Regel oder die Social Technographics-Profile von Forrester) dazu anregt, sich immer stärker mit der Community zu identifizieren? Wie richtet man intelligente Verstärkungsmechanismen ein, die an den innersten Gefühlen und Leidenschaften der Nutzer rühren? Wie erhält man eine begeisterte Gemeinschaft, die ihre Begeisterung ohne jegliche monetäre Belohnung (intrinsische Motivation) nach außen trägt?

So jedenfalls nicht:

From: QYPE
To: eigenarbeit@gmail.com

Date: Wed, Jul 22, 2009 at 2:19 PM
Subject: system_1000_points_downgrade subject

Hallo,

wir haben festgestellt, dass Du seit mindestens 2 Monaten nicht mehr geqypt hast und haben darum Deinen Experten-Status rückgängig gemacht.
Es ist schade aber Du verstehst ganz bestimmt, dass ein Experte ohne neue Beiträge für die Community ein bisschen wie ein Sommertag ohne Sonne ist.
Wenn Du Deinen Status wieder erhalten willst, weisst Du, was Du zu tun hast ;-)

Danke.

Dein Qype-Team–

Wenn die Wikipedia so einen Mist erlauben würde, stünden wir jetzt wahrscheinlich bei 93 und nicht bei 933.000 Einträgen. Wer nur ein winziges bisschen Psychologie in seinem Leben mitbekommen hat, weiß, dass das Wegnehmen einer Belohnung (“Deprivation”) eine der schlimmsten Bestrafungsmöglichkeiten ist. Das Beenden der Strafe (“negative Verstärkung”) wirkt dagegen nur schwach.

UPDATE: Alle meine Beiträge habe ich gesichert und gelöscht. Alle Vorschläge, wo ich meine seit April 2006 mehr oder weniger regelmäßig verfassten Rezensionen veröffentlichen kann, sind willkommen. Auf einem Wiki? Auf einem Blog?

UPDATE 2: Ich bin wohl nicht der einzige “Experte”, der diese unhöfliche Email bekommen hat. Über Twitter und Directmails haben sich noch einige weitere Betroffene gemeldet. Ich habe das Gefühl, dass diese Strafaktion vielleicht genau das Gegenteil erreichen könnte als eigentlich beabsichtigt.

UPDATE 3: Die Antwort von Qype kam sehr schnell per Twitter: “@furukama den Status erhält man sofort wieder, wenn man wieder aktiv ist. So wird der Status der aktiven Mitglieder aufgewertet.” Stimmt. Aber nur derjenigen, die nach so einer unhöflichen Mail dann tatsächlich bleiben.

UPDATE 4: Stephan Mosel von Qype hat “telefoniert, gemeetet und gemailt” mit dem Ergebnis, dass es diese Status-Downgrades so nicht mehr geben wird. Hier geht’s zum Qype-Forenbeitrag dazu.



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    Der Stapel für heute enthält wieder einmal einiges zu Twitter, aber auch ein paar grundsätzliche Gedanken zum Web 2.0 bzw. Social Media.

    Mythen des Web 2.0

    John Dodds hat ein klein wenig Diskursforschung betrieben und die fünf besten erfundenen Wörter des Web 2.0 zusammengestellt: Conversation, Community, Relationship, Content und Authenticity. Diese Begriffe werden jedoch viel zu häufig missverstanden: Web 2.0 bedeutet für ihn eine Rückkehr zur “guten alten” Kundenorientierung auf Grundlage einer gesteigerten Reaktionsfähigkeit. Was sich aber nicht ändert: die Kunden. “It doesn’t mean that your customers want a conversation with you. They generally want a quiet life without unwanted noise from you.” Zu so einem Ergebnis kommt man aber nur, wenn man die empirisch gut belegte Veränderung in der Mediennutzung der Menschen ignoriert.

    Corporate-Twitter

    Allmählich entdecken die Unternehmen die mit Twitter mögliche Instantkommunikation (sowie: die dort Tag für Tag erreichbare Premium-Zielgruppe). Daniel Riveoung hat sich das näher angesehen. Mit dabei sind z.B. schon H&R Block, 10 Downing Street, Zappos, BBC News, Yahoo Marketing, Amazon.com oder der LaGuardia-Flughafen in New York. Warum twittern sie alle? Zum einen ist das eine Gelegenheit, sich auf praktischem Wege Knowhow für die Verwendung von Social Media anzueignen. Zum anderen bekommen sie dort mit, wie die “Linkerati”, also die “bleeding edge of early adopters” ticken. Über Twitter können sich Unternehmen überdies ein menschliches Antlitz geben, zum Beispiel indem sich Corporate Twitterer ab und zu an Nonsense-Gesprächen (“occasional fart-related humour”) beteiligen. Aber auch als Mikro-Presseverteiler und für das Reputationsmonitoring lässt sich Twitter einsetzen. Wann twittern Merkel, Fraport oder die Deutsche Bank?

    Social Media-Experte

    Wenn man einen Blick auf Netzwerke wie Xing wirft, dann gewinnt man den Eindruck, dass dieses Land geradezu vor Expertise strotzt. Social Media-Experten überall. Doch was sollte ein Social Media-Experte eigentlich alles wissen und können, damit diese Bezeichnung gerechtfertigt ist? Chris Brogan hat in seiner Reihe “100 nützliche Blogposts über Social Media” einige Anhaltspunkte für die Beantwortung dieser Frage gegeben. Er unterscheidet zwischen strategischen Fähigkeiten (z.B. integrierte Medienkampagnen durchzuführen, 100 Leute aus dem Bereich kennen oder den Stand einer Community in 2 Minuten zusammenfassen zu können) und technischen Fähigkeiten (z.B. Blogsoftware installieren, Social Networks nutzen können oder Suchmaschinenoptimierung). Mal sehen, wie lange es dauert, bis diese Fähigkeitsliste in die amtlichen Beschreibungen der Bundesagentur für Arbeit Eingang findet.

    Das kuratierte Netz

    Fred Stutzman erkennt: Das Web 2.0, das für ihn das Ende der Ressourcenknappheit darstellt (Speicherplatz, Rechenpower, Zugangsschwellen), benötigt digitale “Kurateure” (oder Redakteure), die mit diesem Überfluss umgehen können. Die Zukunft liegt in kleinen, überschaubaren weil handverlesenen Netzwerken wie Twitter, Tumblr oder Seesmic und nicht in großen überkomplexen monolithischen Plattformen wie Facebook. Die Technologien sind nicht mehr das Problem, sondern der kreative Umgang damit. Dafür verwendet er dann den Lévi-Strauss’schen Begriff der “Bricolage“: “To this extent, the fuel of the next web is bricolage, as opposed to the more inherently techno-capitalist notions of mashup and remix.”

    Twitter als Radiogerät

    Hartmut Wöhlbier sieht durch Aggregatoren wie Friendfeed, Socialthing und demnächst auch Facebook einen “volatilen Kommunikationsraum einer völlig neuen Art” entstehen: “Mit der Authentizität der Lifestreams vergegenwärtigt sich die Person bei anderen und bildet so eine verteilte Präsenz aus: Man wird von verschieden Menschen an verschieden Orten wahrgenommen und tritt mit diesen wiederum in Kontakt.” Anzumerken ist, dass die Möglichkeit, Informationen rundfunkartig beliebigen Personen zur Verfügung zu stellen, nichts neues ist (Stichwort: Fernsehen). Neu ist jedoch, dass dies nun für (fast) jeden möglich ist, und zwar “zeitnah von jedem Ort”. Mit Flusser gesprochen: Es geht also um eine Konvergenz amphitheatralischer Diskursmedien wie dem Fernsehen und ortsungebundenen Dialogmedien wie der SMS.



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