Am zweiten Tag nachdem ich auf Foursquare mein Profil “gelöscht” habe, habe ich spaßeshalber einmal ausprobiert mich einzuchecken. Über das Mobilinterface geht das wunderbar. Ich habe dafür sogar wieder ein Abzeichen bekommen:

Ein bisschen komisch fühlt es sich schon an, Foursquare als Zombie mit einem gelöschten Profil zu verwenden. Aber vielleicht gewöhne ich mich mit der Zeit daran.
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Der entscheidende Unterschied zwischen funktional differenzierten und traditionellen Gesellschaften im Wirtschaftsleben liegt nach Luhmann in der Professionalisierung von Beziehungen. Wenn ich ein Produkt oder eine Dienstleistung erwerben möchte, ist allein entscheidend, ob ich genügend Geld dafür in der Hosentasche habe. Ob der Verkäufer gerade einen schlechten Tag hat oder meine Frisur nicht mag, spielt dagegen keine Rolle mehr.
Zu dieser Professionalisierung gehört auch, dass das Ende einer Geschäftsbeziehung nicht persönlich genommen wird, sondern genauso kalt und technisch abläuft wie der Beginn dieser Beziehung. “It’s not personal, it’s strictly business,” würde Michael Corleone dazu sagen.
Insofern ist die Handhabung von Kündigungen auch ein zentraler Lackmustest für die Professionalisierung neuer Kommunikationsplattformen wie z.B. Foursquare. Auf den ersten Blick scheint dies hier schon weit fortgeschritten zu sein. Der Punkt “delete account” ist sehr gut sichtbar unter den Einstellungen (“Settings”) platziert:
Wenn man auf den Löschen-Link klickt, kommt man auf eine Sicherheitsabfrage, die nicht so richtig dem Luhmannschen Prinzip der Professionalisierung entspricht. Nun, man wollte wahrscheinlich witzig sein. Anders lassen sich Formulierungen wie “I hope we can still be friends” nicht erklären.
[...] once you click the big blue button, your account and check-in history will be deleted completely from our system.
Gesagt, gelöscht. Nach dem Klick auf “Delete me” wird man wieder auf die Startseite umgeleitet und ist nicht mehr eingeloggt. Und tatsächlich, wenn man die Seiten der Orte betrachtet, an denen man häufiger eingecheckt hatte oder deren Mayor man war – hier fehlt von dem eigenen Profil jetzt jede Spur. Also wirklich eine Komplettlöschung? Ich bin davon ausgegangen und hatte Foursquare im Geist schon als professionalisierte Plattform abgelegt, die man auch ohne Probleme und mit wenigen Mausklicks wieder verlassen kann.
Bis in meinem Postfach eine Email von Foursquare auftauchte, derzufolge irgendjemand mein Freund auf Foursquare werden wollte. Wer möchte denn Freund eines toten Profils, eines Plattformzombies werden? Also habe ich auf den Link geklickt und mich eingeloggt. Die große Überraschung: Bis auf meine Kontakte und meine Check-ins waren alle meine persönlichen Daten noch in Foursquare: Profilbild, Telefonnummer, letzter Aufenthaltsort und sogar Verbindung mit den Twitter und Facebook-Accounts. So sieht also ein “completely deleted” Profil aus:
Diese Plattform scheitert also kläglich am Lackmustest der Professionalisierung. Mal sehen, ob Foursquare dieses Problem (oder Feature) bekannt ist. Für eine Anwendung, die in der jüngsten Finanzierungsrunde mit 20 Mio USD ausgestattet wurde, finde ich diesen offensichtlichen Widerspruch zwischen “completely deleted” und dem tatsächlich auch nach der Löschung weiter bestehenden Profil bemerkenswert.
Von Qype kannte ich das schon. Meine Kündigung ist jetzt schon 10 Monate her und immer noch ist mein Profil aktiv und ich bekomme Mails. Allerdings habe ich bei Qype keine Funktion gefunden, mit der man direkt sein Profil löschen kann, sondern man wird aufgefordert, dem Support eine Email zu schicken. Was recht lustig ist: Hier wird erklärt, wie das funktioniert. Der Klick auf den Link führt dann aber ins Leere.
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In formalen Organisationen passiert so etwas regelmäßig. Jemand legt sich mit den Strukturen und Prozessen der Organisation an und bekommt dafür die Rechnung. Dazu muss man keine Funktionen und Folgen formaler Organisationen gelesen zu haben, um vorhersehen zu können, dass ein Blogger, der seit kurzem bei einer großen Tageszeitung als CTRL-Verlustblogger engagiert wurde, im Ernstfall eines Streits mit der Organisation keine allzu guten Karten besitzt. Das hat dann auch nichts mit unterschiedlichen Publikationskulturen oder Dezentralität versus Zentralismus zu tun, sondern schlicht damit, wie kreativ man die Regeln, unter den man eingestellt wurde, auslegen kann, bevor es knallt.
Einigermaßen bemerkenswert ist allerdings doch, wie dieses Ereignis nun in anderen Blogs als “eklatanter Widerspruch zur Pressefreiheit” oder besonders daneben als “Bücherverbrennung” deklariert wird. Mit Pressefreiheit hat das nämlich überhaupt nichts zu tun. Pressefreiheit beschreibt nicht das Recht eines Bloggers, für seine Blogposts und nicht einmal selbstgeschossenen Fotos, eine reichweitenstarke Präsenz wie die FAZ als Bühne verwenden zu können. Pressefreiheit ist kein Recht darauf, gehört zu werden, sondern ein Abwehrrecht dagegen, zum Schweigen gebracht zu werden.
Ist es nicht eine herrliche Ironie, dass der Gründungsherausgeber der FAZ, Paul Sethe, 1965 folgende bitterbösen Sätze geschrieben hat, die heute in keiner Journalistikvorlesung fehlen:
Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten… Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher.
Der Witz an der Sache ist, dass genau dieser Zusammenhang 45 Jahre später nicht mehr zwangsläufig ist. Das Herstellen von Zeitungen und Zeitschriften mag immer noch einen zu großen Kapitalaufwand bedeuten, um das als Individuum stemmen zu können. Aber das Verbreiten der eigenen Meinung ist nicht mehr nur eine Frage des ökonomischen Kapitals. Jeder kann sich mit Hilfe von freien und kostenlosen Programmen wie der WordPress-Blogsoftware eine eigene Publikationsplattform schaffen und seine Meinung publizieren – “aus einer gemütlichen Stube heraus“. Das ist dann freilich noch keine Garantie dafür, dass die eigene Meinung dann auch gelesen wird, aber genau das ist auch Pressefreiheit. Im Web haben ein großer Verlag und ein einzelner Blogger wenigstens prinzipiell die gleichen Startbedingungen, ein gutes, lesenswertes Medium zu schaffen und dafür dann auch ein Publikum zu finden.
Genau an diesem Punkt wird es dann aber höchst politisch, denn dazu gehört z.B. auch, dass die Inhalte nicht aufgrund ökonomischer Erwägungen aus den wichtigen Distributions- und Informationskanälen wie Suchmaschinen, Videoplattformen, Wikis etc. herausgelöscht werden wie z.B. im Fall des Wikileaks-Videos “Collateral Damage” von Youtube geschehen. Dazu meine Slow-Media-Kollege Jörg Blumtritt, der einen “Virtuellen Rundfunk” fordert:
Eine Website, die auf Google nicht gelistet wird, existiert de facto nicht; ein Buch, dass Amazon nicht anbietet, kann man gleich wieder einstampfen; Musik, die i-tunes nicht listet, wird kaum gehört werden. Es ist höchste Zeit, dass wir – als Gesellschaft– aktiv werden, Initiative ergreifen, die Stimme erheben. Und zwar nicht, indem wir versuchen, über Regelungen und Gesetze alles in den alten Bahnen festzuzementierten (das wird ohnehin nichts bewirken). Nein, es ist vielmehr wichtig, eine aktive Rolle einzunehmen und nicht nur zu reagieren.
Das Problem ist nicht der Kontrollverlust eines Bloggers gegenüber einem Unternehmen, mit dem er ein für ihn wie auch immer missverständliches Vertragsverhältnis eingegangen ist, sondern der drohende Kontrollverlust gegenüber einer immer mächtigeren Informationsinfrastruktur, deren wesentliche Bausteine nicht in öffentlicher, sondern privater Hand sind. Da hat der alte Sethe dann doch noch seine Relevanz.
Ergänzung: Die Blogosphäre wäre eine viel interessantere Welt, wenn alle Blogger ihre Fotos selbst machen würden.
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Vielleicht ist es gar nicht so sinnvoll, immer in die Tiefe zu bohren. Insbesondere, wenn sich dort Dinge verbergen, die man gar nicht wissen möchte. Eine Art Schlusswort zu dem Reichstagsmärchen habe ich auf dem Slow Media-Blog geschrieben. Mögen die Hunde süß weiterschlafen.
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Ohne das Internet hätte es wahrscheinlich kaum jemand gemerkt. In der Halbzeitpause sprechen die ZDF-Moderatorin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn über das Tor von Miroslav Klose im ersten Spiel der WM mit deutscher Beteiligung. Dabei rutscht Müller-Hohenstein die zweifelhafte Formulierung “Das war für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag” heraus. Zu diesem Zeitpunkt ist das Publikum normalerweise auf dem Weg in den Keller um noch ein Bier zu holen oder geht kurz auf die Toilette. Heute sitzt man nebenbei am Computer und kommentiert das Spiel auf Facebook oder Twitter:
Noch in derselben Sekunde werden die ersten Twitter-Nachrichten verschickt, die mit der Wortwahl der Moderatorin, vorsichtig ausgedrückt, überhaupt nicht zufrieden sind. Nahezu ebenso schnell schlagen die ersten Nutzer im Wiktionary nach und verharmlosen die seltsame Wortwahl als gängige umgangssprachliche Redewendung (kurzer Hinweis: darum geht es gar nicht, sondern darum, dass eine Formel, die im Dritten Reich üblich war in der Primetime auf dem ZDF gesendet wird – ohne jede Distanz). Es folgen dann zum Teil sehr seltsame Begründungen, warum so eine Redewendung unproblematisch sei:
Aber nicht nur das Publikum sitzt an den Rechnern, sondern auch der Sender. Und auch hier wird per Twitter das Gesagte kommentiert:
Diese Twitter-Nachricht hat das Potential für mich zu meinem bisherigen Twitter-Tiefpunkt zu werden. So kommuniziert der offizielle Kanal einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt? Redewendungen, die im Dritten Reich gängig waren und heute noch in der Umgangssprache weiterleben finden nicht nur über eines der reichweitenstärkste Fernsehformat einen Weg in den öffentlichen Sprachgebrauch, sondern werden auch noch als einfache Redewendung entschuldigt – Reichsparteitag steht hier auch für eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt für Stolz und Befriedigung. That’s it? Ich hoffe nicht.
UPDATE: Auch die Welt und die taz haben das Thema schon aufgegriffen. F!XMBR widmen dem Thema zwei Blogposts und auch auf Wortreich und dem medium-Blog finden sich Posts dazu.
UPDATE 2: In der taz hat der WDR-”Kultreporter” 2005 in einem Interview von einem ähnlichen Fehlgriff erzählt: “Es gab ein Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Nürnberg. Der Spieler Detlef Szymanek, zuvor von Düsseldorf nach Nürnberg gewechselt, erzielte ein Tor und ich benutzte ausgerechnet die Formulierung “das war für ihn ein innerer Reichsparteitag”. In dem Moment als ich den Satz gesprochen hatte war mir klar, dass gibt Ärger. Und so war es auch.”
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Manchmal sind Wasserspiele einfach nur eine willkommene Erfrischung an einem heißen Sommertag. Die Lektüre von Gartenbauliteratur von 17. bis 19. Jahrhundert zeigt aber, dass man Springbrunnen auch als Medium beobachten kann. Als sehr langsames Medium – deshalb habe ich auf dem Slow Media Blog einen Beitrag über “Springende Strahlen” geschrieben. Am besten lesen, so lange das Sommerwetter anhält.
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Was Douglas Adams vor gut 10 Jahren über die Internetkritiker
geschrieben hat, gilt heute … ähm … immer noch für die
Internetkritiker, aber auch für die Kritiker der Internetkritiker (und
wahrscheinlich auch für die Slow-Media-Kritiker):
“I suppose earlier generations had to sit through all this huffing and
puffing with the invention of television, the phone, cinema, radio,
the car, the bicycle, printing, the wheel and so on, but you would
think we would learn the way these things work, which is this:
1) everything that’s already in the world when you’re born is just normal;
2) anything that gets invented between then and before you turn thirty
is incredibly exciting and creative and with any luck you can make a
career out of it;
3) anything that gets invented after you’re thirty is against the
natural order of things and the beginning of the end of civilisation
as we know it until it’s been around for about ten years when it
gradually turns out to be alright really.
Apply this list to movies, rock music, word processors and mobile
phones to work out how old you are.”
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Über den Begriff “Communitas” bin ich in meinen Ethnologieseminaren immer wieder gestolpert. Der große Symboldeuter Victor Turner hatte diesen Begriff verwendet, um eine Erfahrung zu beschreiben, die häufig in Zusammenhang mit einem Übergang auftritt. In vielen Ritualen tauchen solche Schwellenzustände auf, in denen auf einmal die gewöhnlichen Strukturen des Alltags aufgehoben werden und alle auf derselben Stufe stehen (wobei es eigentlich gar keine Stufen mehr gibt). Wenn die Schwelle dann überschritten wird, festigt sich die Struktur wieder und die Teilnehmer des Rituals haben sich auf einmal verändert und besitzen z.B. einen neuen sozialen Status.

Ich glaube, dass die Faszination der Early Adopters diesem Communitas-Zustand, also einem ganz intensiven Gefühl, gerade etwas bedeutendes gemeinsam zu erleben, ähnelt. Gerade Social-Media-Plattformen wie Twitter, Pownce (“egak”), Second Life, Facebook oder Foursquare hatten für mich in der Anfangszeit deutliche Ansätze einer liminalen Communitas-Erfahrung. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, wie man auf diese Plattformen kommt. Entweder man gehört zu den Spätzündern, die von einem größeren Freundes- oder Bekanntenkreis dorthin gezogen werden (man gehört also zur kritischen Masse, im Gegensatz zur unkritischen Communitas). Die anderen haben sich dort schon eingerichtet, wissen über die Möglichkeiten und Grenzen der Plattformen Bescheid und können den Nachzüglern jederzeit eine Kurzeinführung geben. Soziologen würden hier von Sozialisation sprechen. Eine sehr schöne Beschreibung habe ich auf dem Savage-Minds-Blog gefunden:
I am a late adopter of Twitter (r3×0r — feel free to follow me), and one of the nice things about being late to the party is that all of your old friends have already arrived and had a few drinks by the time you find a place to park.
Ganz anders die Early Adopters. Sie warten die ganze Zeit darauf, dass das “next shiny toy” am Horizont auftaucht, und wenn die Türe zum Alpha- oder Betatest geöffnet werden, strömen sie auf die Plattform und beginnen damit gemeinsam herauszufinden, was man mit diesem neuen Spielzeug alles anfangen kann. In den zum Teil nächtelangen Sitzungen entsteht dabei, da es sich oft im Kern um dieselben Personen handelt, die man schon von anderen Plattformen kannte, eine Erfahrung, gerade an einem mehr oder weniger bedeutenden Moment der Geschichte des Internets teilzunehmen – oder besser: sie gerade gemeinsam zu schreiben. Jeder fängt gleichermaßen bei Null an, so dass es ganz im Turnerschen Sinne in diesem Moment kaum feste Strukturen gibt, sondern nur eine undefinierte, aber gemeinsame Erfahrung. Das Spannende und Faszinierende daran (nicht nur für den Early Adopter, sondern auch für den Plattformbetreiber) ist gerade die Möglichkeit, mit anzusehen, wie sich diese Strukturen allmählich entwickeln.
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Was ist eigentlich das Faszinierende an der gegenwärtigen Debatte über das Internet, die sich unter anderem auf Frank Schirrmachers Buch Payback bezieht? Für mich ist es gar nicht so sehr der Austausch an Argumenten und Missverständnissen. Vielmehr bin ich überrascht, wie wenig selbstbewusst und gelassen die sogenannten “Internetbefürworter” sich hier verhalten. Hier scheint es tatsächlich die Befürchtung zu geben, dass ein paar kritisch-nachdenkliche Zeitungsartikel das Internet kaputtreden könnten. Ich glaube es ist lange her, das dem Feuilleton so viel Macht eingeräumt wurde.
Die frohe Botschaft lautet: Auch zehn Paybacks werden und können uns nicht wieder in die internetfreien 1950er Jahre zurückbringen. Paradoxerweise ist sich die Fraktion der Kritiker dieser Tatsache viel bewusster als es die Verteidiger sind:
“Wir sollten unsere Zeit nicht damit verschwenden, zu diskutieren, ob man das Internet braucht oder nicht, ob irgendjemand es abschaffen oder vorantreiben will.” (Frank Schirrmacher im Isarrunden-Blog)
Eigentlich muss man sich nur Zahlen wie diese kürzlich von Nielsen veröffentlichen Nutzungsdaten der Top 10 Internetmarken in den USA ansehen. Sieben Stunden beträgt die durchschnittliche monatliche Nutzungsdauer von Facebook:

Der Wandel, der dahinter steckt – und der auch noch keine Anzeichen der Verlangsamung aufweist -, zeigt deutlich, dass das Internet sich in ein neues Massenmedium verwandelt, das mittlerweile die neue Primetime darstellt. Diesen Punkt sollten wir in der Diskussion endlich einmal als gegeben setzen. Das Internet ist eine technische, kulturelle und soziale Realität. Punkt. Denn erst dann fängt die spannende Debatte darüber an, was dieses neue Meta-Medium mit uns (und den Geschäftsmodellen des 20. Jahrhunderts) macht oder was für ein Internet wir überhaupt wollen.
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Die FAZ hat mit ihrer Serie über das digitale Denken ein Denk-Vakuum ausgefüllt und verblüfft von Woche zu Woche mit intelligenten Gastbeiträgen zu dieser entscheidenden Frage der digitalen Kultur. Ganz zentral geht es darum, was mit unserer Art zu Denken passiert, wenn wir immer mehr Informationen auf externe Speicher auslagern, in einem immer schnelleren Tempo Informationen senden und empfangen und wenn diese Prozesse noch dazu in einer Art instabilem und opakem Kollektiv stattfinden – Cloudsourcing. Die drei Herausforderungen lauten also: Externalisierung, Beschleunigung und Sozialisierung.
In dem jüngsten FAZ-Beitrag schreibt Stephen Baker über die erste dieser drei Fragen, nämlich “Was lassen wir in unseren Köpfen“. Er stellt fest, dass die zunehmende Externalisierung von Informationen und Denkprozessen (ein neuer Höhepunkt wurde mit dem Cloud-Computing erreicht) einen neuen Entwicklungsschub der Homo sapiens-Gehirne bedeutet – nach 40.000 Jahren Stabilität gibt es nun wieder einen neuen Schub:
Jahr für Jahr verdoppelt dieses globale Gehirn die Zahl seiner Transistoren. Es wird stärker. Und während es stärker wird, türmt es nicht nur Berge, sondern ganze Gebirgsketten von Daten auf.
Für die frühen Theoretiker des digitalen Zeitalters wie McLuhan war dies noch eine Entwicklung, die man ins Transzendentale verlängern konnte und so die Herausbildung eines Weltbewusstseins – einer Noosphäre – als etwas positives betrachten konnte. Es scheint seit McLuhans Visionen nichts grundlegendes passiert zu sein, dennoch fällt es zunehmend schwerer, an die Heilserwartung der Noosphäre noch ernsthaft zu glauben. Der gnostische Optimismus ist zerbrochen. Aber woran?
Ich habe darauf noch keine schlüssige Antwort. Ein Anhaltspunkt liefert aber der Flussersche Begriff des Automaten. Wir wissen, dass Medien nichts anderes sind als Verlängerungen menschlicher Organe – in der Regel Sinnesorgane. Werkzeuge also, die Menschen bedienen können, um z.B. weiter, lauter oder schneller kommunizieren zu können. Automaten sind etwas anderes. Automaten sind Wechselbeziehungen zwischen Menschen und Vorrichtungen. Die Vorrichtung ist (wie beim Werkzeug) eine Funktion des Menschen. Aber hier sind die Menschen gleichzeitig auch Funktionen der Vorrichtung.
Für mich ist eine der bedrohlichsten Entwicklungen der digitalen Kultur nicht so sehr die Tatsache, dass wir durch Algorithmen immer besser überwachbar und vorhersagbar werden. Nein, die gefährliche Pointe liegt darin, dass wir uns immer besser überwachbar und vorhersagbarer machen. Noch wirkt es wie ein Sketch, wenn Menschen mit dem Mittagessen warten, bis sie ein Foto davon auf Facebook gepostet haben, vor der Kneipe stehen bleiben bis Foursquare ihnen das erfolgreiche Einchecken bestätigt hat oder reflexartig die Kurzgedanken der digitalen Prominenz per Retweet auf Twitter weiterverbreiten. In diesen Fällen – und das ist nur die zur Karikatur überformte Spitze – machen wir uns zur Vorrichtung von Codes, Datenbanken, Clouds, APIs und neuen Meta-Medienkonzernen wie Apple und Google.
Damit ist mir auch etwas klarer geworden, wass wir mit unserem Slow-Media-Gedanken eigentlich im Sinn haben: Einen Ausbruch aus dieser Matrix. Das Sammeln von Medien, in denen wir uns als Persönlichkeiten wiederfinden und nicht als Automaten. Ein bisschen erinnert mich das an die Erinnerungsgemeinschaft in Fahrenheit 451 – geht es darin nicht genau um die Frage, was wir in unseren Köpfen bewahren können?
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