Archive for the 'zukunft' Category

Rascheln im Spießernetz? Horx sieht Ende der Weblog-Euphorie

Zukunfts- und Trendforscher Matthias Horx nahm auf dem FRA-Medientreff seine Begeisterung für Weblogs als neue Kommunikationsmedien doch etwas zurück. Ist in dem “Zukunftsletter” noch von einer mit Weblogs verbundenen “existenziellen Verschiebung des Verhältnisses von Privatheit und Öffentlichkeit” die Rede, heißt es jetzt: “Menschen nehmen nur ernst, was raschelt”.

Er verweist auf stagnierende oder zurückgehende Klickzahlen, um seine These zu unterstützen, dass dem Web 2.0 und den Weblogs die “sinnliche Dimension” fehlt, weswegen dieses “Genörgel von tausenden von digitalen Spießern” auch keine ernsthafte Bedrohung für die Printpresse und ihre “kommentierende und hintergründige Berichterstattung” sein können. Außerdem könne man fast schon von einer “Renaissance der Langsamkeit” sprechen (wer ein bisschen recherchiert, stellt aber schnell fest, dass dieser Trend auch die Welt der Weblogs betrifft). Aber allzu drastisch will Horx das auch nicht verstanden werden und hält sich die Möglichkeit offen, dass nach der gegenwärtigen “Wild Gadget Phase” (= Technik als billige “Ausrede für nicht existente Inhalte”) doch noch eine “digitale Lifestyle-Phase” folgen könnte.

Wie könnte dieser digitale Lebensstil aussehen? Handelt es sich vielleicht um ein neues Vernetzungsmuster (Twitter, Facebook etc.) auf Grundlage eines erreichten hohen Individualisierungsgrades? Also um eine Art networked individualism?



Verwandte Artikel:
  • Der Anfang? “Frisch auf den Tisch”
  • Patterns of mobilization in the blogosphere (English version)
  • Einübung und Gewöhnung – Twitter ist noch lange nicht am Ende
  • Wer bestimmt über die Werbung im Web?

    Kevin Kelley hat diese Matrix der Werbung im Web gezeichnet:

    futuread.png

    Unten links ist die klassische Werbung, in der beide Seiten darüber entscheiden, welche Werbung an welcher Stelle erscheint. Das AdSense-Modell liegt rechts daneben, denn im Unterschied zum klassischen Fall hat der Herausgeber nur einen minimalen Einfluss darauf, welche Werbung tatsächlich auf der Seite entscheiden wird. Oben links befinden sich die neuen AdChoice-Widgets, die zum Beispiel ein Blogger beliebig auf seiner Seite platzieren kann. Ein Sektor ist leer geblieben. Genau dort liegt möglicherweise die Zukunft der Web-Werbung:

    Here there might be publishing vehicles where both the editorial content and the advertising content are generated by contextual search and inquiry.

    Das ist nichts anderes als Werbung im semantischen Netz. Die Rechner der Werbevermarkter und der Herausgeber unterhalten sich in dieser Utopie selbständig miteinander und handeln Art, Preis und Platzierung der Werbeeinblendung aus. (via)



    Verwandte Artikel:
  • Internet beeinflusst Kaufentscheidungen stärker als Print oder Fernsehen
  • Reichweite oder Relevanz?
  • Kurze: Leseschwäche, Onlinewerbung, Sterbekarten, Blogsterben und Projektemacher
  • Die Zukunft des WWW (Richard MacManus)

    Sehr lesenswert ist dieser Beitrag, in dem Richard MacManus zehn zukünftige Trends des WWW skizziert, die sich um den Kerngedanken der Konvergenz von physikalischer und digitaler Vernetzung und Objekte drehen (“your online activity will be mixed with your presence, travels, objects you buy or act with”). Hier die Trends:

    1. Trotz der relativ frühen Ankündigung ist das Semantische Netz immer noch nicht so richtig in Gang gekommen. Da nach und nach Metadaten eine immer größere Rolle im Netz spielen (man denke an RDF, OWL und die hier von mir beschriebenen Mikroformate), könnte der nächste Schritt in einer Ausweitung der automatisierten semantischen Operation von Computersystemen liegen.
    2. Damit eng verbunden ist möglicherweise eine starke Intensivierung der künstlichen Intelligenz von Computern. Die ersten “intelligenten” Web2.0-Problemlösungssysteme sind vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt, wie man meinen möchte.
    3. Der dritte Trend sind, trotz der Second-Life-Ernüchterung, virtuelle Welten. Sowohl sozial- als auch unterhaltungsorientiert; sowohl zwei- als auch dreidimensional. Für MacManus bedeutet das jedoch nicht nur, dass die digitalen Welten sich immer mehr der physischen Realität annähern, sondern auch umgekehrt: Das “echte Leben” wird digitaler, zum Beispiel durch das (Geo-)Taggen physischer Objekte.
    4. Kaum mehr zu übersehen ist der Trend in Richtung des mobilen Netzes, das nicht nur vom heimischen Computer aus erreichbar ist, sondern auch mithilfe tragbarer Geräte. Man denke zum einen an Twitter, Plazes und die vielen anderen Webseiten, die mit m. beginnen, zum anderen (Stichwort ist hier die “digital divide”) aber auch daran, dass die Verbreitung mobiler Telefone in den “Entwicklungsländern” größer ist als in der “entwickelten Welt”.
    5. Hinter vielen Web2.0-Diensten lassen sich Anzeichen für einen Bedeutungsgewinn der “Aufmerksamkeitsökonomie” feststellen. Web2.0-Dienste werden nicht in der monetären Währung bezahlt, denn bereits die Anwesenheit von Nutzern auf den Seiten ist Teil der Bezahlung. Die Nutzer schaffen nicht nur user generated content, sondern vor allem: das wertvolle Gut Gemeinschaft.
    6. Der nächste Trend taucht in vielen Definitionen des Web2.0 auf: der Wandel von Webseiten zu Webdiensten, die in immer neuen Kombinationen miteinander vermischt und verschränkt werden können (“Mashups”).
    7. Weiter expandieren wird nach MacManus das Angebot von Video und TV im Internet. Die nächsten Veränderungen sind bereits absehbar: “Higher quality pictures, more powerful streaming, personalization, sharing, and much more – it’s all coming over the next decade.” Spannende Frage ist: Wie reagieren die Fernsehsender darauf?
    8. Auch der Trend zu “Rich Internet Applications” (RIA) ist Bestandteil der klassischen Web2.0-Definition.
    9. Eine Entwicklung, die die Internetlandschaft deutlich umstrukturieren könnte, wäre das Aufholen der bisherigen Internetnachzügler und die Abmilderung der bisherigen ungleichmäßigen, US-Europa-zentrierten Entwicklung (also ein neuer Globalisierungsschub). Gerade die Mobilisierung des Webs könnte dazu führen, dass auf einmal ganz andere Regionen für die Entwicklung von Social Software interessant werden.
    10. Doch diese Globalisierungswelle könnte durch den möglicherweise gleichzeitig ablaufenden Personalisierungsschub verdeckt werden und die Internetdienste können derart perfekt auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt angeboten werden, dass man die Entwicklungen hinter den unsichtbaren Mauern des eigenen “walled gardens” gar nicht mehr wahrnimmt.

    In der Diskussion, die sich daraufhin entfaltete, wurden noch weitere Punkte genannt, von denen ich folgende besonders hervorheben möchte:

    • Thomas Huhn weist auf die Bedeutung des Identitätsmanagements im neuen Netz hin, das insbesondere durch die über zahlreiche Netz verteilten Personendaten erschwert wird. Zu diesem Thema ist auch dieser Beitrag von Klaus Eck lesenswert.
    • Weitere Themen, die in der Aufzählung nicht genügend berücksichtigt werden, sind: die Auswirkungen auf die politische Landschaft, die (unsichtbare) Konvergenz verschiedener Datentypen sowie der möglicherweise tiefgreifende Wandel von Kommunikationsformen (zwischen Menschen wie auch zwischen Mensch und Computer).

    Allerdings muss ich sagen, dass mir nicht ganz klar ist, welchen Status die beschriebenen Trends haben. Einiges (wie das “Semantische Web”) sind Utopien, die als Leitbild technische Entwicklungen und möglicherweise auch soziale Bedeutungsverschiebungen nach sich ziehen können, jedoch wahrscheinlich niemals in der skizzierten Form verwirklicht werden können. Andere Trends sind keine Zukunftsprognosen, sondern Entwicklungen, die sich im Hier und Jetzt vollziehen (aber zum Teil nicht als wirkliche Umbrüche wahrgenommen werden). Eine spannende Liste ist es jedoch allemal, an der ich vor allem die sich immer stärker abzeichende Perspektivverschiebung von der Digitalisierung als solcher hin zu den Implikationen der neuen Vernetzungsformen für die “wirkliche Welt”, das “real life” oder die “physische Umwelt” wegweisend finde.



    Verwandte Artikel:
  • Naturalismus versus Religion?
  • Wird Google die Spielregeln für das Social Networking verändern?
  • Vom Meme zum Genom