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Ich habe die Zukunft der Nachrichten gesehen

In Zukunft werden Schlagzeilen von uns selbst gemacht. Im Internet.

Immer wieder wird im Zusammenhang mit neuen Medien die Frage gestellt: Wie sehen die Nachrichten der Zukunft aus? Oder: Wie sieht die Zukunft der Nachrichten aus? Ich denke eine denkbare Antwort auf diese Fragen sieht in etwa so aus:

Oder so:


Toronto Explosion from photojunkie on Vimeo.

Diese Bilder, beide anscheinend mit einer Handykamera aufgenommen, zeigen die Explosionen, die sich gestern Nacht anscheinend in einer Fabrik im kanadischen Toronto ereignet haben. Die Filme wurden gleich nach dem Aufnehmen ins Internet hochgeladen, per Twitter und Blogs bekannt gemacht, wodurch sie dann auch bald auf dem Blog einer Tageszeitung landeten. Kein Fernsehsender, kein Radiosender und schon gar keine gedruckte Zeitung kommt an diese authentische Unmittelbarkeit heran. Man meint die Angst und Verunsicherung des mitten in der Nacht aufgeweckten Augenzeugen in dem Wackeln und Zittern der Kamera wiederzufinden. Mittlerweile haben bereits 62,135 Youtube-Nutzer diese Bilder gesehen.

So werden in Zukunft Schlagzeilen gemacht. Das Prinzip heißt “publish, then filter“. Die rohen Eindrücke werden von Augenzeugen ins Netz gestellt und erst viel später wird dann nach der dazu passenden Story (“Was ist der Fall? Was steckt dahinter?”) gesucht (ähnlich hat das vor kurzen auch im Fall des Erdbebens funktioniert). Die Leser oder Zuschauer sind also zunächst völlig auf sich selbst gestellt, diese Bilder zu interpretieren. Dass dieser Medienwandel auch seine Schattenseiten hat, darauf weist Jeremiah Owyang in seinem Blog hin:

1) Sources may panic, and over or under state the situation. 2) Determining who is a credible source is a challenge, 3) Echos from the online network may over pump or mis-state very important facts that could impact people’s safety.

Damit wird jedoch wieder einmal deutlich, was es bedeutet, in einer entwickelten Mediengesellschaft (“Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien”, hat es Niklas Luhmann damals in seiner unnachahmlichen Eleganz auf den Punkt gebracht) zu leben: Die Bilder und Geschichten, die wir wahrnehmen, sind nicht mit unseren eigenen Augen gesehen, sind nicht selbst erlebt, sondern technisch vermittelt. Techniken wie die Druckerpresse, der Journalist oder hier die Handykamera und das YouTube-Distributionssystem ersetzen oder ergänzen unsere Sinnesorgane, ohne dass wir uns sicher sein können, dadurch einen unverzerrten Blick zu haben. Der Vergleich dafür fehlt uns.

Wir waren also im Umgang mit Medien schon immer aufgefordert, nach guten Gründen zu suchen, einer Geschichte oder einem Bild zu vertrauen. Medien sind keine neutralen Abbildapparate, sondern perspektivische Filter. Nur konnte diese Aufgabe des aktiven Herstellens von Vertrauen durch Routinen und Shortcuts wie dem professionellen Journalismus oder der Reputation von Zeitungen erleichtert werden. Durch soziale Medien wie Twitter, Blogs und Youtube lernen wir wieder (manchmal ist dies schmerzhaft): Das alles waren nur Abkürzungen, auf die wir uns keineswegs blind verlassen sollten. Beim Betrachten von Nachrichtensendungen und beim Lesen der Tageszeitung haben wir das natürlich auch schon gewusst, konnten diesen Zweifel jedoch durch Systemvertrauen ersetzen. Bei sozialen Medien ist das nicht mehr möglich.

Können wir jetzt bitte die Debatte über die unkreative Blogosphäre, die nur die Inhalte der Qualitätspresse wiederkäut, beenden?



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    “Das Requiem auf Print ist noch nicht gesungen”, sagte Bascha Mika, Chefredakteurin der taz auf dem media coffee der dpa in Berlin. Ich befürchte fast, dass sie damit Recht hat. Aber nicht deshalb, weil ich den Untergang der Printzeitungen und -zeitschriften herbeisehnen würde – im Gegenteil! Eher sehe ich die Gefahr, dass sich gerade die gedruckten Tageszeitungen in Zombies verwandeln, untote Wesen, die nicht sterben dürfen, weil von Seiten der Zeitungsmacher zu viel Prestige, Tradition, Emotion daran hängt. So werden möglicherweise Veröffentlichungen, die längst nicht mehr relevant, ökonomisch tragfähig oder zukunftsweisend sind, jahrelang mitgeschleift, weil es einem Tabubruch gleich käme, sie zu hinterfragen.

    Gerade mit Entwicklungen wie der Selbstisolation der Associated Press, die seit kurzem horrende Worthonorare dafür verlangt, dass ihre Informationen in Blogs wiedergegeben werden, spitzt sich die Situation merklich zu. Klar zu erkennen ist, dass es hierbei überhaupt nicht mehr um die Funktion der gesellschaftlichen Verbreitung von Nachrichten geht. Nachrichtenagenturen, die auf einmal mit der wachsenden Konkurrenz aus user generated news in Blogs, auf Twitter oder Friendfeed konfrontiert sind, versuchen dennoch, ihre alte Funktion als gate-keeper zu bewahren. Nur wirken gate-keeper schnell lächerlich, wenn die Mauern längst geschleift worden sind.

    What has me most upset about the AP Affair is that I fear we are seeing the beginnings of its death throes. I value the AP and don’t want it to die. I want it to morph to a new model and a new future. But I am afraid that in its fights, we are seeing its inability to adapt,

    schreibt Jeff Jarvis und das gilt nicht nur für Nachrichtenagenturen, sondern eigentlich die gesamte Printwelt. Nur leider lassen sich diese neuen Modelle und neuen Zukünfte zumindestens in der Welt der Zeitungsverlage noch nicht erkennen. Die Zeitungen werden zwar auf ihren Onlinepräsenzen immer “bloggiger“, binden Bewegtbilder ein, geotaggen ihre Informationen oder beginnen sogar mit dem Twittern. Aber das überzeugt als langfristiger Zukunftsentwurf noch lange nicht.



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    Das Internet ist mittlerweile das einflussreichste Medium geworden. Dieses Fazit zieht zumindest die gerade veröffentlichte “Digital Influence Index Study” von Fleishman Hillard und Harris Interactive.

    Normalerweise vergleicht man Medien wie Zeitung, TV, Zeitschriften, Radio und Internet Indikator für Indikator. Geht es um die Reichweite, die Nutzungsdauern oder auch die Glaubwürdigkeit liegt das Internet meistens auf dem zweiten oder dritten Platz hinter – es kommt darauf, welchen Indikator man betrachtet – Zeitung und TV.

    Wenn man allerdings mehrere Indikatoren gemeinsam betrachtet und z.B. Nutzungsdauer und Glaubwürdigkeit multiplikativ verknüpft, dann rückt das Internet auf einmal an die erste Stelle. Der Digitale Einflussindex errechnet sich als “the amount of time consumers spent on a given medium combined with the relative importance they attach to that medium.” Das Ergebnis ist ein prozentuales Maß für den Anteil verschiedener Medien am gesamten Einfluss auf die Konsumenten. In Deutschland liegt das Internet mit 40% klar vor den anderen Kanälen TV (22%), Radio (13%), Zeitungen (14%) und Zeitschriften (11%).

    Der Bericht versteht sich als Bestätigung der These, dass zwar auf der einen Seite das Bedürfnis der Konsumenten nach Nachrichten ungebrochen ist, jedoch zunehmend über das Internet befriedigt wird: “In fact, one could argue that the digital form of the written word is more powerful than its ink-on-paper predecessor”. Wenn man sich die ebenfalls in dieser Studie erhobenen Zahlen der Printverweigerer – also der Personen, die in einer typischen Woche keine gedruckten Zeitungen oder Zeitschriften gelesen haben – betrachtet, dann sind die deutschen Zahlen (13% Zeitschriftenverweigerer und 14% Zeitungsverweigerer) im Vergleich mit den britischen und französischen Lesern noch vergleichsweise niedrig. Dort liegen nur die französischen Zeitschriften unter einer Verweigerungsquote von 25%.

    Trotz des deutlichen Einflussvorsprungs von Online sind die Werbeausgaben noch nicht entsprechend umgeschichtet worden. Aber es wäre auch falsch, wie es der Bericht suggeriert, hier einen Automatismus zu vermuten. Denn gerade, wenn es um die neuen Aktivitäten im Internet geht – sowohl um den Ausdruck der eigenen Person in Blogs oder Social Networks als auch um mobile Internetanwendungen auf dem Handy – fehlen zuverlässige Ergebnisse zur Werbewirkungsforschung noch. Für die klassischen Anwendungsfälle des Web 1.0 – die Studie nennt hier das Recherchieren, Kommunizieren und Einkaufen – sieht es dagegen etwas besser aus. Das Forschungsprogramm für die nächsten Jahre dürfte damit klar sein. Wer packt es an?



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    Steffen Büffels Antwort auf die von mir kürzlich vorgestellten und erweiterten Thesen von Doc Searls zur Rettung der Zeitung hat mir wieder einmal die Bedeutung der “Kultur der Verlinkung” gezeigt, die sich gerade in den Weblogs so eindrucksvoll zeigt. Steffen rät den Zeitungsmachern nämlich:

    Wedelt mit guten Content-Teasern lieber an den Boulevards der großen Onlinenetzwerke. Dann schaue ich gerne mal rein und klicke durch eure PI-gierigen Seiten. Und wenn ihr mich dann wieder an viele tolle Stellen wegschickt, komme ich umso lieber zurück.

    Das ist meiner Ansicht nach der große Graben zwischen ins Internet gedruckten Zeitungen und echten Digitalformaten wie Blogs. Süddeutsche, Spiegel etc. geizen mit Links nach draußen aus Angst, dadurch den Leserstrom von den eigenen Inhalten wegzuleiten. Sie haben nicht begriffen, dass Links Informationen sind, die einen Mehrwert bieten. Das Denkmodell ist immer noch die klassische “Ausgabe”. Also ein Inhaltsbündel, das man von vorn bis hinten durchliest bzw. durchklickt. Ein Inhaltsbündel, dass man auch nur als Bündel erwerben kann.

    Im Internet wird jedoch kreuz und quer gelesen – Inhalte gibt es hier nicht im Bündel oder auf der Rolle, sondern in einem Netzwerk. Ich komme über einen Link auf einen interessanten Beitrag, lese ihn und sehe mir die Links an, die von dort auf andere Seiten verweisen. Eine Wahrheit, die unsere Onlinezeitungsmacher anscheinend noch nicht begriffen haben: Kein Besucher bleibt ewig. Die Frage lautet nur: Ist deine Seite eine Sackgasse oder ein Knotenpunkt in einem dicht gewobenen Netzwerk? Verlassen die Besucher die Seite per “Tab schließen” oder über den Link zu einer anderen Seite, die ihnen genau die Informationen bietet, nach denen sie suchen? Und von der sie dann vielleicht früher oder später wieder zurückkommen, weil diese Seite ebenfalls auf Verlinkung setzt?

    Ich muss wohl nicht eigens betonen, dass ich die zweite Option für die zukunftssichere halte. Wenn die Zeitungen wirklich auf irgendeine Weise in den neuen digitalen Dialogen mitreden wollen, müssen sie lernen, zu verlinken. In einem Netzwerk liegen Punkte, von denen kaum eigene Verbindungen ausgehen, am Rand.



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    Doc Searls, Mitauthor des Cluetrain-Manifests (“Märkte sind Gespräche“), hat auf seinem Blog in prägnanter Form zehn Empfehlungen für die Zeitung der Zukunft formuliert (bzw. aus dem Archiv hervorgeholt). Da diese Punkte sehr gut zu meinem letzten Blogeintrag zum Tod der Tageszeitungen und dem Überleben der Zeitschriften passt, möchte ich die Thesen hier kurz kommentieren:

    1. Die Archive öffnen. Wenn die alten Beiträge hinter einer kostenpflichtigen Anmeldemaske versteckt sind, können sie von Suchmaschinen nicht gefunden werden. Was im Suchmaschinenzeitalter schlicht heißt: sie existieren nicht. Hier hat sich einiges getan. Das Zeit-Archiv reicht trotz einiger Mängel bis ins Jahr 1946 zurück. Das taz-Archiv ist zwar kostenpflichtig, Google darf aber umsonst hinein, so dass die älteren Beiträge in den Suchmaschinenindices zu finden sind. FAZ und SZ sind dagegen größtenteils kostenpflichtig.
    2. Archiviertes auf die Titelseite bringen. Doc Searls empfielt, Links zu alten Artikeln aus den Archiven auf die Titelseite zu bringen, um die Suchmaschinen und Nutzer in die Archive einzuladen. Zwar haben die Onlineausgaben mittlerweile durch die Bank Verweise auf thematisch ähnliche Beiträge (“related items”) auf den Artikelseiten. Aber der Weg von der Titelseite ins Archiv ist meistens so versteckt, dass man nicht ernsthaft davon ausgehen darf, dass man die Leser dort haben will. Hier als Beispiel der gut getarnte Archivlink ganz unten auf der Tagesspiegel-Seite:
      Gut getarnter Archivlink auf Tagesspiegel.de
      Einige Archive sind zudem nur durchsuchbar und nicht Artikel für Artikel, Ressort für Ressort durchblätterbar.

    3. Nach außen verlinken. Wie ich hier schon erwähnt habe: bei deutschen Zeitungswebseits Fehlanzeige. Verlinkt wird nur auf das eigene Blatt. Links nach außen sind nahezu immer Werbelinks. Von Tageszeitungstrackbacks in die Blogosphäre können wir im Augenblick nur träumen.
    4. Blogs und andere Zeitungen verfolgen und verlinken. Auch hier nicht viel neues. Immerhin leisten sich viele Tageszeitungen nun Blogger, die anscheinend diese Arbeit für die Zeitungsredaktion übernehmen sollen.
    5. Blogger als potentielle Berichterstatter einbeziehen. Bislang ist die Kluft zwischen Zeitungen und Blogs nur in eine Seite durchlässig: Journalisten können Blogger werden. Bewegungen in die andere Richtung, also dass ein wichtiger Blogger oder eine Bloggerin in eine Redaktion geholt wurde, sind mir nicht bekannt. Robert Basics Techniktipps auf der Computerseite der Süddeutschen? Schwenzels Woche in der Taz? Aber das geht natürlich nur, wenn der Scheingegensatz zwischen Journalisten und Bloggern aufgegeben wird.
    6. Bürgerjournalisten für lokale Themen einsetzen. Auch hierfür fallen mir auf Anhieb keine prägnanten Beispiele ein.
    7. Weg mit dem Begriff “Content”. Es geht um Texte, Bilder, Meinungen, nicht um Inhalt, der nur dazu da ist, einen Leerraum zu füllen. Eine Onlineredaktion sollte mehr sein als ein Content-Management-System.
    8. Einfache Webseiten bauen. Klare Strukturen und Navigationspfade, kurz: Benutzerfreundlichkeit.
    9. Ins “Live Web” einsteigen. Statt Site, Content, Box und Container sollte im Idealfall der Eindruck entstehen, dass hier lebendige Menschen recherchieren, fotografieren, schreiben, verlinken, beobachten, kommentieren. Das neue Netz ist dynamisch.
    10. Für mobile Endgeräte “Nachrichtenströme” veröffentlichen. Auf einem Mobiltelefon will man die Essenz der Seite lesen. Mehr nicht. Das kann dann in etwa so aussehen.

    Mir fallen da noch zwei Ergänzungen ein:

    1. Zugänge in die Nachrichtenmaschine anlegen. RSS-Feeds haben mittlerweile die meisten Tageszeitungen im Netz. Aber das sind meistens One-Size-Fits-Them-All-Lösungen. Die Personalisierung geht in der Regel nur so weit, dass man Feeds für einzelne Ressorts abrufen kann. Mit Nachrichten-APIs könnte man sehr viel spezifischere Zugänge zu den Datenbanken ermöglichen und so das dort gespeicherte Wissen besser nutzen. Die amtliche Statistik hat damit auch schon angefangen, so dass man die offiziellen Daten in Mashups weiter umwandeln kann. Warum sollten die Zeitungen das nicht auch können?
    2. Die Nachrichten verschlagworten und geocodieren. Wenn es hoch kommt, sind in den Metatags gerade einmal die ersten zehn Worte der Meldung als Stichworte abgespeichert. Was fehlt ist eine aussagekräftige Verschlagwortung der Beiträge sowie die Geocodierung. In Verbindung mit dem vorangegangenen Punkt entstünde auf diese Weise eine umfassende und dynamische Datenbank mit Begriffen und ihren Orten, auf die man dann z.B. für eigene Blogbeiträge oder Mashups (vgl. dazu meinen geolokalisierten Wein-Nachrichtenfluss mivino) zurückgreifen könnte.


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    Ganz gleich, wie oft man ihn wiederholt: Der Satz “Print ist tot” wird dadurch einfach nicht wahrer. Manche Printerzeugnisse werden fortbestehen und zum Teil noch an Bedeutung zulegen während andere zum Fall für die Geschichtsbücher werden (siehe zum Beispiel diese Meldung). Das Zeitalter der Tageszeitung ist vorbei – Hochglanzzeitschriften werden auch noch in 30 Jahren gelesen werden.

    Doch es scheinen unterschiedliche Gründe hinter dem Untergang der Tageszeitungen bzw. ihrer Verwandlung in ein Luxusgut für ältere Menschen mit viel Zeit und dem Fortbestehen der Zeitschriften zu stecken.

    Das Ende der Tageszeitungen

    Das Ende der Tageszeitungen, also des Prinzips neueste Nachrichten in gedruckter Form diskursiv zu verbreiten, liegt ganz wesentlich daran, dass die Gatekeeperfunktion des Journalismus ad absurdum geführt wird. Früher bedeutete Gatekeeper, dass hier jemand (ein Journalist) ist, der komplexe Informationen und Hintergründe allgemeinverständlich aufbereitet und dadurch einen Informationskanal öffnet. Heute blockieren und verstopfen Journalisten diesen Kanal. Jeder hat potentiell über das Internet Zugang zu den aktuellen Nachrichten, in den ersten Fällen ist die Twitter-Öffentlichkeit sogar schneller informiert als die Presseagenturen. Die Funktion des Journalismus als Verwalter eines knappen Gutes Information wird überflüssig.

    Aber nicht nur der Zugang zu den Informationen hat sich strukturell verändert, sondern mittlerweile hat jeder die Möglichkeit, per Blog Nachrichten zu publizieren. Früher brauchte man dazu eine Druckerpresse, heute genügt eine Blogsoftware oder ein kostenloser Account bei einem der vielen Bloganbieter (siehe dazu auch das dritte Kapitel in Clay Shirkys “Here Comes Everybody“). Wie bezeichnend, dass sich zwei Webloginstallationen mit ihrem Namen in die Tradition des Buchdrucks einordnen: WordPress (“Wörterpresse”) und Movable Type (“bewegliche Lettern”).

    Wie ernst die Lage tatsächlich ist, wird schnell deutlich, wenn man sich etwa die aktuell “Nationale Initiative Printmedien” ansieht. Jetzt muss die Bedeutung des Gedruckten schon offiziell beschworen werden. Das war schon immer ein sicheres Zeichen einer bevorstehenden Pleite.

    Das Überleben der Zeitschriften

    Sucht man nach Gründen für das Überleben der Hochglanzzeitschriften, so wird man einmal mehr bei dem Medienphilosophen Vilém Flusser (“Lob der Oberflächlichkeit“) fündig. Zeitschriften sind weniger im alphanumerischen Code verfasst, der sequentiell – Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Aussage für Aussage – aufgenommen werden muss, sondern wirken im Wesentlichen als farbige, ahistorische Oberflächen, die man eher mit dem Auge kreisend aufnimmt. Nach Flusser “deutet die gegenwärtige Farbenexplosion auf ein Ansteigen der Wichtigkeit zweidimensionaler Codes. Oder umgekehrt: Eindimensionale Codes wie das Alphabet neigen gegenwärtig dazu, an Wichtigkeit zu verlieren” (“Die kodifizierte Welt”, 1978).

    Während jeder einen Zugang zu den neuesten Nachrichten hat und als Nachrichtensender agieren kann, kann nicht jeder hochwertige Oberflächen produzieren. Die Produktionsmittel sind hier ungleich verteilt. Das Internet hilft in diesem Fall nicht weiter, da Farbtreue und Farbtiefe noch zu weit weg von den gedruckten Zeitschriften entfernt sind, ganz zu schweigen von dem Fehlen der haptischen Dimension. Webseiten lassen sich nicht mit den Fingerspitzen lesen. Bisherige Versuche, digitale Hochglanzseiten zu entwerfen, überzeugen noch nicht. Wir bleiben hier also auch in Zukunft noch angewiesen auf professionelle Oberflächenproduzenten und auf das Papier als Medium für Glanz und Farbe. Die Lücke zwischen Flüssigkristallen und Hochglanzpapier ist zumindest für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte die Überlebensgarantie der Zeitschriften.

    (Abbildung “Zeitschriften” von cld, CC-Lizenz)



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    Lutz Hachmeister weist in einem Interview für den Rheinischen Merkur darauf hin, dass die Unterscheidung zwischen “Internet” hier und “Fernsehen” da möglicherweise ein Auslaufmodell ist. Eine ähnliche Konvergenz könnte man nun auch zwischen “Zeitung” und “Weblog” feststellen, zumindest wenn man die Onlineausgaben der Zeitungen betrachtet. Einige in dieser Hinsicht fortschrittliche Verlage haben bereits ihr Onlineangebot zum primären Informationskanal erklärt – die Devise lautet: “Online first“. Ich habe mir einmal die Internetangebote einiger Tages- und einer Wochenzeitung angesehen, um herauszufinden, wie “bloggig” diese Seiten schon geworden sind. Dazu habe ich 16 Merkmale untersucht, die für mich ein idealtypisches Blog ausmachen und dann einen gewichteten Index gebildet, der Auskunft darüber geben soll, wie nah ein Onlineangebot an diesem idealtypischen Blog ist. Hier zunächst das Ergebnis, dann die Erklärung der einzelnen Merkmale:

      SZ Taz FAZ NYTimes Welt Guardian Tagesspiegel Zeit
    RSS + - + + + + + +
    Kommentare + + + - + - + +
    Stapel - - + - - - + -
    Volltext - + - + + + + +
    Permalinks + + + + + + + +
    Tags - - - - + + - +
    Autorenkat. - - - + - + - -
    Trackbacks - - - - - - - -
    Links - - - - - - - -
    Archiv - + - + - + - -
    Blogroll - - - - - - - -
    Kategorien + + + + + + + +
    Related + + + + + + + +
    Share + - + + - + + +
    Navigation - - - + + - + -
    Suche + + + + + + + +
    Score 10 10 12 13 14 14 15 15

    Die “bloggigsten” Zeitungen sind also Die Zeit und der Tagesspiegel (beide 15), danach der Guardian und die Welt (beide 14), dann die New York Times (13) und die FAZ (12) und die Schlusslichter sind taz und Süddeutsche Zeitung (beide 10). Wenn man dieselben Kriterien für einige Weblogs betrachtet, dann kommt das Bildblog nur auf 13 Punkte, während zum Beispiel wirres.net 17 Punkt und Basic Thinking 19 Punkte erreichen, beide also deutlich mehr als die untersuchten Tageszeitungen. Einige Onlineangebote von Zeitungen kann man also auch als Blogs betrachten – freilich bezieht sich das nur auf die genannten formalen Kriterien und nicht auf die Professionalität der Autoren oder die jeweiligen Inhalte. Interessant ist auch die Heterogenität der Onlinestrategien. Keine Zeitungen haben, was diese Indikatoren betrifft, ein identisches Profil. Es scheint also noch kein Best Practice auf diesem Gebiet zu geben.

    Nun kurz zu den Indikatoren, über die man sich natürlich streiten kann:

    • RSS: Die Verfügbarkeit eines RSS- oder Atom-Feeds. Fast alle Zeitungen bieten dies an, in der Regel auch für einzelne Ressorts.
    • Kommentare: Die Möglichkeit, einen Eintrag zu kommentieren. Dieses Feature findet man bei allen deutschsprachigen, nicht aber bei den englischsprachigen Zeitungen.
    • Stapel: Die Organisation der Homepage als ein Stapel, bei dem die neuesten Beiträge oben eingefügt werden, während ältere Beiträge unten herausfallen (bzw. ins Archiv wandern).
    • Volltext: Die Verfügbarkeit aller Texte aus den Printausgaben.
    • Permalinks: Die Möglichkeit, einen Artikel über eine stabile URL zu erreichen. Alle Zeitungen haben dieses Feature.
    • Tags: Die Verschlagwortung eines Artikels mit horizontalen Tags. Ein Tag kann auf mehrere Artikel verweisen, ein Artikel kann mehrere Tags haben.
    • Autorenkategorie: Die Möglichkeit, sich nur Beiträge eines bestimmten Autors anzusehen.
    • Trackbacks: Die Registrierung einkommender Trackbacklinks. Dieses Feature, das eine wesentliche Grundlage der intensiven Vernetzung der Blogosphäre ist, findet man bei keinem Onlineangebot.
    • Links: Auch externe Links findet man nur in Ausnahmefällen (Werbung). Zeitungen verlinken auf in der Zeitachse, d.h. auf eigene Beiträge.
    • Archiv: Ein Archiv, in dem man blättern kann und sich z.B. alle Beiträge anzeigen lassen kann, die im letzten Januar erschienen sind.
    • Blogroll: Auch die Anzeige von interessanten Blogs ist ein Blog-exklusives Feature.
    • Kategorien: Die Möglichkeit, sich Beiträge einer bestimmten Kategorie anzuzeigen, haben alle Zeitungen – unter dem Namen “Ressort”.
    • Related Items: Alle Onlineausgaben zeigen interne Links an, die zu einem bestimmten Beitrag inhaltlich passen.
    • Share: Die Möglichkeit, einen Beitrag bei del.icio.us, Mr. Wong etc. abzuspeichern und für andere verfügbar zu machen.
    • Artikelnavigation: Die Möglichkeit von einem Artikel zum vorherigen bzw. nächsten zu surfen.
    • Suche: Auch das ist ein ubiquitäres Feature.

    Doppelt gewertet wurden die ersten sechs Merkmale, da ich sie für besonders wesentlich für Blogs halte.



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    kulturbilder_325.jpgWenn man die Beobachtungen von Steve Rubel ernst nimmt, dann könnte man tatsächlich von einem baldigen Ende des Web 2.0 sprechen. Aber das neue Netz geht nicht etwa mit einem big burst zu Ende wie die große Internetblase 2000. Das Problem liegt nicht darin, das Blogs, Ajax, Social Networking und Semantic Web die überhohen Erwartungen nicht erfüllen, sondern gerade weil sie sie so gut erfüllen, dass sie zur Normalität werden.

    Das „Web 2.0“ hat sich unmerklich in das „Web“ verwandelt, weil es kaum noch „Web 1.0“ gibt. Insofern, so Rubel weiter, spielen auch spezialisierte „Berufe 2.0“ wie „Social Media Consultant“, „Social Media Manager“, Funktionsbeschreibungen wie „Internet Advertising Sales“ oder „Online Advertising Sales“ oder „Digital Talent Agents“ keine Rolle mehr. Diese Berufsbilder und Geschäftsfelder werden allmählich unter andere, allgemeinere Bezeichnungen subsummiert. Onlinewerbung oder Community Marketing und Research sind nicht mehr die Zukunft der Werbung oder des Marketing, sondern die Gegenwart.

    Insofern glaube ich auch nicht, dass Alan Patrick in seiner Antwort auf Rubel damit Recht hat, dass der Niedergang des Berufsbild des A-Bloggers nur darin gründet, dass sich das Bloggen professionalisiert und damit den klassischen Onlinemedien annähert: unternehmerisches Denken („Bloggen ist anti-unternehmerisch“, meint John Wesley), PR-Berichte als Füllmaterial, strategische Verlinkung, weniger Kritik.

    Auf der anderen Seite finden sich durchaus auch Beispiele für eine Verbloggung der Massenmedien, die von der besonderen Authentizität – und auch der geringen Produktionskosten – dieses Mediums zu sehr profitieren, um es ignorieren zu können. Bei Zeitungen wie dem „Guardian“ sind die Übergänge von klassischen journalistischen Beiträgen zu den dazugehörigen Blogs schon sehr glatt geraten, noch mehr gilt das für Hochglanzmedien wie „(More) Intelligent Life“.

    Fast hat es den Anschein, dass in vielen Publizisten und Journalisten kleine Blogger stecken, während sich zugleich in vielen Bloggern kleine Unternehmer verbergen, die auf eine günstige Gelegenheit zum Ausbrechen warten. In manchen Fällen kann das auch schon ein juveniler Rockefeller sein wie im Fall von Michael Arrington, der in einem langen Beitrag mit Manifestcharakter von einem Zusammenschluss von Bloggern träumt, der dann raubritternd durch die Medienlandschaft zieht:

    That team could take CNET apart in a year, hire the best of the survivors there, and then move on to bigger prey.



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    375779781_44482dc707_m.jpgWieder einmal spricht die Blogosphäre über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem klassischen Zeitungsjournalismus und Weblogs. Tyler Brûlé, Herausgeber einer der schönsten Zeitschriften zur Zeit, lobt auf der einen Seite den demokratisierenden Charakter der Blogs, stellt aber auch fest, dass viele Blogger keine eigenen Stories im Sinne des investigativen Journalismus produzieren und in Zweifelsfällen nicht so viel riskieren können, weil ihnen ein starkes Verlagshaus fehlt, das sie finanziell und juristisch unterstützen kann (Stichwort: Abmahnwellen).

    Ich denke, Brûlés “Kritik”, die eigentlich gar keine ist, trifft zu, allerdings nicht nur für Weblogs, sondern jegliche Art von Bürgerjournalismus oder Amateur-Publizistik. Wobei es auch Ausnahmen gibt, wie zum Beispiel den Fall des US-Bloggers Joshua Marshall, der sich mit der Entlassung von Bundesstaatsanwälten auseinandersetzte und dort auf UnRegelmäßigkeiten gestoßen ist, oder den “Journalisten 2.0″ Matt Drudge. Dieses (seltene) Beispiel für investigativen Blogjournalismus wurde mit dem George-Polk-Preis für Berichterstattung im Justizbereich ausgezeichnet. Es klappt also doch, wobei es in Deutschland auf Grund der Rechtslage noch schwieriger sein dürfte, derart brisantes Material in einem Blog zu veröffentlichen.

    Weblogs und Tageszeitungen unterscheiden sich also gar nicht so sehr in den Themen oder der Selbstreferentialität. Genauso wie Zeitungen selbstreferentiellen Klatsch über die Zeitungswelt veröffentlichen können, sind Blogger in der Lage, spannende Stories zu recherchieren und zu schreiben. Voraussetzung dafür sind jedoch die entsprechenden Rahmenbedingungen. Dazu gehören dann vielleicht die folgenden Punkte:

    • Finanzielle Anerkennung des Bloggens. Denn aufwändige Recherchearbeit muss erst einmal finanziert werden. Dasselbe gilt allerdings auch für den Zeitungsjournalismus, denn auch hier sieht man, wie die Qualität der Recherche im Fall unterbezahlter Freier ohne “festangestellte Rolls-Royce-Gesichter” leidet. Womöglich wäre auch für Blog-Artikel ein Recherche-Stiftungsmodell à la Robert Rosenthal praktikabel?
    • Juristische Unterstützung. Also so eine Art Blogger-Rechtsschutzversicherung oder -fonds, um auch dann noch investigativ recherchieren zu können, wenn große und finanzstarke Konzerne davon betroffen sind. Die Stärke des Formats “Weblog” liegt in der Publikation von Meinungen und Analysen, im Idealfall auch unbequemen Meinungen. Das geht aber nur, wenn die Möglichkeiten, Blogger unter Druck zu setzen nicht allzu groß sind
    • Vielleicht auch Blogger-Presseausweise? Damit könnten sich auch Blogger bei offiziellen Veranstaltungen akkreditieren lassen. Diesen Punkt sehe ich allerdings als unproblematisch, da immer mehr Veranstalter auch Blogger akkreditieren und zudem der Presseausweis immer mehr zu einer Rabattkarte für schreibende Schnäppchenjäger wird.

    Wenn man sich das steigende Vertrauen gerade der “Meinungsführer” in soziale Medien wie Weblogs betrachtet – nach einer aktuellen Umfrage ist in den USA das “Internet damit erstmals zum klar dominierenden News-Medium geworden” -, wird die Frage immer wichtiger, wie die Blogger mit diesem Vertrauensvorschuss umgehen. Beziehungsweise nach den strukturellen Grundlagen dafür, diesem Vertrauen gerecht zu werden.



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    ‘s wird Zeit, daß deine Knechte dir den Rücken kehren.
    Den guten Herrn, den finden sie geschwind, wenn sie
    erst ihre eigenen Herren sin
    d (Bert Brecht)

    Auf den ersten Blick konnte man in den letzten Monaten eine eigentlich ganz positive Öffnung der Printverlage und Medienhäuser in Richtung Weblogs beobachten. Oberflächlich könnte man das in die Richtung deuten, dass die Medienhäuser die Zeichen der Zeit begriffen haben: gerade bei Wissensthemen, Nischenthemen oder Regionalthemen lassen sich Printerzeugnisse sinnvoll mit Web 2.0-Elementen verbinden. Mit Blicken in die Werkstätten von Wissenschaftlern, mit Videoclips oder -tagebüchern und geolokalisierten Informationen lassen sich darüber hinaus womöglich auch noch neue Leser für ein Medium gewinnen.

    Aber warum hört man dann in der Blogosphäre immer wieder Negatives von diesen Unterfangen? Weil viele Verlage die Blogger nach wie vor nicht als gleichberechtigte Partner akzeptieren, sondern als eine Art künstlich herstellbare Power-User, die einer Plattform Inhalte liefern, ohne dafür entsprechend entlohnt zu werden. Zuerst werden geradezu blogtrunken die neuen Möglichkeiten des Mitmachwebs als Zukunft der Medien gelobt; wenn der Rausch verflogen ist, bleibt davon nur die Fehlannahme einer natürlichen intrinsischen Motivierbarkeit von Bloggern (auch bekannt als Dabeisein-ist-alles-Fehlschluss). Statt 150 Euro pro aufwändig recherchierten und gut geschriebenen Blogbeitrag gibt’s ein paar freundliche Dankesworte und vielleicht ab und zu einmal eine symbolische Prämie oder ein T-Shirt mit Logo. Und in Wirklichkeit gehören die öffentlich bemitleideten 300-Euroblogger gar nicht mal zum unteren Rand.

    Das Problem dabei: auf diese Weise bekommen die Verlage nur die Blogger, die sie verdienen. Und nicht nur das. Wenn die anfängliche Euphorie verflogen ist, bloggen die Blogger dann auch nur so, wie es der Verlag verdient hat. Die sinkende Qualität hat dann verständlicherweise zur Folge, dass die Vorurteile der Web 2.0-Skeptiker in der Printwelt voll und ganz bestätigt werden: “Siehste, hab ich immer gesagt, dass dieses Mitmachweb nichts taugt.” Doch ich glaube nicht unbedingt, wie es bei Don Alphonso immer wieder durchscheint, dass hier auf Seiten der Medienhäuser eine bewusste Strategie zugrunde liegt. Bis nicht das Gegenteil einwandfrei bewiesen ist, würde ich an dieser Stelle Hanlon’s razor gelten lassen: “Never attribute to malice that which can be adequately explained by stupidity.”

    Aber wie kommt man aus diesem Teufelskreis aus nutzergenerierter Mängelware und verlagsgenerierter Abwertung heraus? Die folgenden Lösungsvorschläge sind zugegebenermaßen nicht besonders innovativ. Am sinnvollsten für die Qualitätssicherung von Weblogs erscheint mir tatsächlich das Modell des festangestellten Bloggers, der in allen wesentlichen Rechten und Pflichten dem Verlag gegenüber einem Journalisten gleichgestellt ist. Oder man setzt wirklich auf Freiwilligkeit und lässt die Leute schreiben, muss dann aber akzeptieren, dass man nicht als Informationsproduzent wahrgenommen, sondern als Anbieter einer Plattform (wenn man sich nicht gleich auf das Aggregieren von Informationen beschränkt, wie es das Wissenschafts-Café derzeit mustergültig vormacht). Die dritte Option wäre – schön nachzulesen bei Kooptech – entweder eine faire Beteiligung der Blogger an den mit Hilfe ihrer Inhalte erzielten Werbeeinnahmen (das Glam-Modell: “Glam finds the good blogs and creates a relationship. It features good content from them on Glam and also sells ads on the blogs, sharing revenue with and supporting those bloggers.”) bzw. die Möglichkeit, selbständige Einnahmen mit ihren Inhalten zu generieren (genannt wird Infopirat).

    Völlig unmöglich ist dagegen, was der Wissenschaftsblogger MattiDominikus Herzberg in seinem Blog denkspuren berichtet:

    Dann kam der Vertrag vom Galeristen mit der Post. Da stand zum Beispiel, er solle doch nach Möglichkeit an jedem Werktag ein Bild malen. Wie das?! Er malte ein Bild im Monat, manchmal sogar zwei oder drei, wenn es sehr gut lief vier oder fünf — aber Fließbandkreativität? Seltsam, das klang alles so anders als im Gespräch mit dem Galeristen. Der Künstler verstand nicht viel von Juristerei, also zog er einen Anwalt zu Rate. Und der sagte ihm: “Laß die Finger von dem Vertrag. Der Galerist erhält alle Rechte an deinen Bildern, sie gehören dir nicht mehr. Er darf deine Bilder sogar übermalen, wenn er Lust dazu hat. Und übrigens: Gegen Diebstahl und Vandalismus musst du deine Bilder selber versichern. Ich kenne keine Versicherung, die das für ‘ein paar Euro’ macht.”



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