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Antwort aus dem Paralleluniversum

Kurze Vorbemerkung: Ich mache mir bereits Gedanken über Textbausteine, mit denen sich die immergleichen Internetschmähreden in Zeit, Süddeutscher Zeitung und Co. automatisiert beantworten lassen. Noch habe ich diese Bausteine nicht, deshalb hier eine manuell getippte Kurzantwort auf das Videostatement von Jens Jessen, der darin Abschaffung der Anonymität im Internet (gähn) fordert. Ein kurzer Ausschnitt daraus:

Im Internet wird gestohlen – wir meinen die notorischen Urheberrechtsverletzungen. Im Internet wird vergewaltigt – wir meinen die Kinderpornographie. Und es werden mit der unverfrorendsten Unschuldsmiene Menschen diffamiert, diskriminiert und mit Gewaltdrohungen verfolgt. All dies, sagen die Internetverteidiger, gehöre nun einmal zu der großen, einzigartigen und schützenswerten Freiheit des Internets, die nun einmal einige zu tolerierende Nachtseiten hat.

Jens Jessen hat die Kritik dieser “Internetverteidiger” entweder nicht wahrgenommen oder aber nicht verstanden. Kriminalität ist Kriminalität, egal ob sie auf der Straße, im Schlafzimmer oder im Internet stattfindet. Und die Verteidiger der Netzneutralität fordern auch kein gleicher Recht auf Internetnutzung für gesetzliche wie ungesetzliche Handlungen.

Nur: Urheberrechtsverletzungen im Internet sollten mit als Urheberrechtsverletzungen verfolgt werden, Kinderpornographie als Kinderpornographie und Verleumdung als Verleumdung. Das sind alles keine spezifischen Internetdelikte, sondern Verstöße oder Verbrechen, die substantiell verfolgt werden müssen. Denn, das hat Jessen immerhin mitbekommen, das Internet ist kein ausgeflipptes Hirngespinst aus Bits und Bytes, sondern ein sozialer Raum, in dem dieselbe Ordnung gilt wie anderswo auch. Meines Wissens kennt weder die deutsche, noch die europäische Rechtsprechung so etwas wie “Paralleluniversen”.

Übrigens: Ist es ein Zufall, dass für das Internet ganz ähnliche Begriffe verwendet werden wie für die von den Leitkulturfanatikern und Teilzeitspenglerianern der Zeit ebenso wenig verstandene und geliebte ethnische Pluralisierung der Gesellschaft?

Das heißt aber auch: Recht auf informationelle Selbstbestimmung, Recht auf Unversehrtheit der Wohnung oder Meinungsfreiheit sind Dinge, die (zum Glück) auch im Netz gelten. Artikel 5 des Grundgesetzes ist blind dafür, ob man seine Meinung im eigenen Namen äußert oder anonym.



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    Die Zukunft wird sprechen (Goya 1803-24)

    Die Zukunft wird sprechen

    Was mir gestern auf dem Heimweg von dem Interview im Bayerischen Rundfunk, das natürlich mal wieder viel zu schnell vorbei gewesen ist, noch eingefallen ist: Das Thema der (mangelnden) Relevanz von Weblogs (siehe insbesondere hier, hier und diese Übersicht) zeigt eigentlich nur eines, nämlich, dass die Massenmedien das Prinzip Blog immer noch nicht annähernd verstanden haben.

    Mittlerweile haben sie ein Verständnis für Onlinepublikationen entwickelt, sie lernen langsam, aber sicher das Verlinken, nutzen die Instrumente des Web 2.0. Aber von Weblogs haben sie keine Ahnung. Denn wenn man liest, an welchen Stellen aus der Sicht von Spiegel et al. Weblogs noch nicht ausgereift genug sind, um ihrer Bestimmung nachzukommen, dann wird auf einmal klar: Anerkennung würden Blogs erst dann finden, wenn sie genau so aussehen würden wie Spiegel Online, Focus Online oder Zeit Online. Mit Redaktion, professionellen Grafikern und dpa/ap-Meldungen. Ihr Erfolg würde sich dann darin messen lassen, eine ähnliche Reichweite zu besitzen wie die genannten Onlinepublikationen.

    Genau darum geht es aber im Falle der Blogs gar nicht.

    Nur die allerwenigsten Blogs werden jemals eine ähnliche Reichweite ausweisen können wie die großen Onlinemagazine. Das ist in den USA übrigens nicht anders. Die Blogs, die sich dann tatsächlich in Massenmedien verwandeln, werden allerdings auch nach einer ganz ähnlichen Logik arbeiten, mit einer Redaktion usw. Die meisten Blogs richten sich an sehr viel kleinere und vor allem speziellere Öffentlichkeiten zwischen 2 und 2.000 Personen. Keine Massenmedien, aber in ihrer Gesamtzahl durch die vielen sich überlappenden Öffentlichkeitsfragmente, die erreicht werden, durchaus ein Medium von Gewicht. In einigen Fällen werden dann sogar durch Vernetzung und virale Effekte Kampagnen möglich, die ein quasi-massenmediales Publikum erreichen können.

    Bloggerinnen und Blogger sollten gar nicht – und in den wenigsten Fällen tun sie das – den großen Onlinemagazinen nacheifern, denn sie befinden sich historisch gesehen im Augenblick auf der richtigen Seite des Medienwandels. Ich spreche hier gerne von einem Metawandel, da es nicht nur um den Wandel einzelner Medien geht wie zum Beispiel im Fall der Onlineaktivitäten von Zeitungen und Zeitschriften, sondern weil sich meiner Ansicht nach das gesamte Koordinatensystem der Medienlandschaft ändern wird unter anderem in Richtung fragmentierte Öffentlichkeiten, kurzfristige Themenaffinität, dialogische Informations- und Wissensstrategien.

    Blogs sind, was diese Themen Entwicklungen angeht, auf lange Sicht zukunftssicherer als der Versuch, die massenmediale Logik und ihre Reichweiten einfach ins Internet zu übertragen.

    (Abbildung: Zeno.org)



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