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Social Networking im Jahr 1976 – das Pew-Projekt über die Onlineavantgarde

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Obwohl sie sich am längsten in der Onlinewelt tummelten, wusste man bisher erstaunlich wenig über diese frühen Kolonisten des Internet: die early adopters. Die Kolonisierungsmetapher trägt freilich nicht so besonders gut, kamen in dieser Bildwelt doch die Eingeborenen (web natives), also die Generation, die wie selbstverständlich mit Computer und Internet aufgewachsen sind, erst nach den Kolonisten, die sich diese Fähigkeiten erst aneignen mussten.

Jetzt hat ein Bericht des Pew Internet and American Life Project mit dem Titel „A Portrait of Early Adopters: Why People First Went Online – and Why They Stayed“ (Autorin: Amy Tracy Wells) festgestellt, dass sich zumindest für diese Gruppe von Internetnutzern, was ihre Motivation betrifft, gar nicht so viel geändert hat:

Our canvassing of longtime internet users shows that the things that first brought them online are still going strong on the internet today. Then, it was bulletin boards; now, it’s social networking sites. Then, it was the adventure of exploring the new cyberworld; now, it’s upgrading to broadband and wireless connections to explore even more aggressively.

Aber ein wichtiger Umschwung lässt sich dennoch an dieser Gruppe beobachten: Während sie in der Anfangszeit dem Internet vor allem in einer passiv-konsumierenden Haltung entgegengetreten sind, sind sie nun zu aktiven Produzenten von Internetinhalten geworden. Hier zeigt sich also deutlich ein Wandel zum Read-Write-Web (oder wie es in der Studie heißt: vom taker zum giver). Dabei geht es vor allem um eine gewandelte Wahrnehmung des WWW, das sich von einem Nachrichten- und Informationsspeicher (also eine Art BTX mit höherer Auflösung) in ein Kommunikationsmedium verwandelt hat, das heute fast jeder diesseits der digital divide als Sender benutzen kann. Viele spezialisierte Kommunikationsfunktionen des Internet – Newsgroups, Email, Instant Messaging – wurden mittlerweile ans WWW assimiliert.

Das Pew-Projekt stellt fest, dass die early adopters das Internet zunächst als Individuen und Konsumenten benutzten (daran sieht man, dass es gar nicht um die ersten Jahre des Internet gehen kann, in denen es noch gar nicht für die Privatwirtschaft geöffnet war):

[T]hey used search engines; got news; played games; conducted research; downloaded software and emailed friends, family and colleagues. Many of these activities consisted of serial connections — people querying systems, communicating privately with other individuals or with highly-defined communities.

Erst nach Jahren kamen laut Aussagen der alten Surfer dann zwei weitere Verwendungsformen des Internet hinzu: der kreative Ausdruck sowie die Nutzung neuer Online-Vergemeinschaftungsformen. An dieser Stelle müsste man allerdings besser von der breiten Durchsetzung des Prinzips surfing for community sprechen, da Geselligkeit und Austausch in virtuellen Gemeinschaften entgegen der Selbstbeschreibung der Pew-Panelteilnehmer eine der frühesten Motivationen für die Internetnutzung gewesen ist. Man muss nur ein bisschen in Howard Rheingolds Beschreibung der Well-Community blättern oder dieses schöne Zitat aus der Studie lesen:

I started my online life on a state-wide time-shared mainframe computer in the 5th grade in 1972, and we were “social
networking” on it by 1976.

Besonderes Interesse verdient diese Studie deshalb, weil sie es erlaubt einen Blick auf die silver surfer von Morgen zu richten; auf diejenigen älteren Surfer, die den Umgang mit dem Internet nicht erst im Alter gelernt haben, sondern noch vergleichsweise früh. Dies wird dann auch die Generation sein, mit der die Internetdurchdringung auch in den älteren Bevölkerungsteilen rapide ansteigen wird.

(Abbildung: “Btx ist da!” von fukami)



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    Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, kurz BITKOM, kommt in einer aktuellen Auszählung von Eurostat-Daten zu dem Ergebnis, dass gut ein Fünftel der Deutschen in der Altersgruppe 16-74 Jahre Nachrichtenportale im Internet besucht. Nachrichtenportale werden dabei als

    Angebote definiert, die ausschließlich und tagesaktuell über Politik-, Wirtschafts-, Sport- oder Fachthemen berichten.

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    Das sind also Portale wie Spiegel Online, Welt Online, heise.de oder sueddeutsche.de Also unsere Internetleitmedien. Ich bin schon etwas verwundert, dass nur 21 Prozent der Deutschen diese Seiten aufrufen, während doch die Internetdurchdringung bei dieser Altersgruppe etwa bei zwei Drittel liegt. Also: 50 Millionen Internetnutzer gibt es in Deutschland und darunter sind 35 Millionen, die keine dieser Nachrichtenportale besuchen? Das kann ich mir nicht vorstellen. Klar haben Webmail, YouTube, Google und MySpace gewaltige Reichweiten – und dann gibt es noch den long tail. Aber doch nicht ausschließlich. Oder geht es um die tägliche Lektüre der Newsportale? Oder ist das einfach nur ein weiteres Beispiel dafür, wie man aus ein bisschen Nichts eine Nachricht macht?

    Der Vergleich der beiden Einzelgrafiken zeigt zwar deutlich, dass die Besuche bei den 20 größten Nachrichtenportalen schneller wächst als der Anteil der Deutschen, die überhaupt diese Portale frequentieren. Aber woran das liegt, an einer zunehmenden Konzentration oder an einer höheren Zahl der Besuche pro Besucher, geht aus der Grafik leider ebenfalls nicht hervor.



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    profile.pngGerade eben ist mit Mash die neue social networking platform von Yahoo! in das public invitation-Stadium eingetreten. Und womit will sich dieser Dienst von den Konkurrenten Facebook, Orkut, mixi, Xing, 360° (dem bisherigen Vertreter von Yahoo! in dieser Gattung) und wie sie alle heißen abgrenzen? Will Aldrich nennt drei Punkte, die interessant klingen:

    1. Die Ausbreitung soll nicht über banale Einladungsemails laufen, sondern indem man für die einzuladende Person schon einmal ein mehr oder weniger ausgearbeites Profil erstellt.

    2. Außerdem kann man sein Profil für die Bearbeitung von Freunden öffnen – endlich ein Schritt in Richtung Verbindung von social networking und dem Wiki-Prinzip
    3. drittens kommen in Mash ebenso wie in Facebook Drittanbieter-Module zum Tragen.

    mash.png
    Momentan scheint Mash aber noch nicht so richtig rund zu laufen: die Stylesheets werden nicht geladen und alle Änderungen an meinem Profil werden mit {"error":"Could not save information"} quittiert.

    Und für wen darf ich jetzt einmal das Profil-Ausarbeiten ausprobieren?



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    Sehr lesenswert ist dieser Beitrag, in dem Richard MacManus zehn zukünftige Trends des WWW skizziert, die sich um den Kerngedanken der Konvergenz von physikalischer und digitaler Vernetzung und Objekte drehen (“your online activity will be mixed with your presence, travels, objects you buy or act with”). Hier die Trends:

    1. Trotz der relativ frühen Ankündigung ist das Semantische Netz immer noch nicht so richtig in Gang gekommen. Da nach und nach Metadaten eine immer größere Rolle im Netz spielen (man denke an RDF, OWL und die hier von mir beschriebenen Mikroformate), könnte der nächste Schritt in einer Ausweitung der automatisierten semantischen Operation von Computersystemen liegen.
    2. Damit eng verbunden ist möglicherweise eine starke Intensivierung der künstlichen Intelligenz von Computern. Die ersten “intelligenten” Web2.0-Problemlösungssysteme sind vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt, wie man meinen möchte.
    3. Der dritte Trend sind, trotz der Second-Life-Ernüchterung, virtuelle Welten. Sowohl sozial- als auch unterhaltungsorientiert; sowohl zwei- als auch dreidimensional. Für MacManus bedeutet das jedoch nicht nur, dass die digitalen Welten sich immer mehr der physischen Realität annähern, sondern auch umgekehrt: Das “echte Leben” wird digitaler, zum Beispiel durch das (Geo-)Taggen physischer Objekte.
    4. Kaum mehr zu übersehen ist der Trend in Richtung des mobilen Netzes, das nicht nur vom heimischen Computer aus erreichbar ist, sondern auch mithilfe tragbarer Geräte. Man denke zum einen an Twitter, Plazes und die vielen anderen Webseiten, die mit m. beginnen, zum anderen (Stichwort ist hier die “digital divide”) aber auch daran, dass die Verbreitung mobiler Telefone in den “Entwicklungsländern” größer ist als in der “entwickelten Welt”.
    5. Hinter vielen Web2.0-Diensten lassen sich Anzeichen für einen Bedeutungsgewinn der “Aufmerksamkeitsökonomie” feststellen. Web2.0-Dienste werden nicht in der monetären Währung bezahlt, denn bereits die Anwesenheit von Nutzern auf den Seiten ist Teil der Bezahlung. Die Nutzer schaffen nicht nur user generated content, sondern vor allem: das wertvolle Gut Gemeinschaft.
    6. Der nächste Trend taucht in vielen Definitionen des Web2.0 auf: der Wandel von Webseiten zu Webdiensten, die in immer neuen Kombinationen miteinander vermischt und verschränkt werden können (“Mashups”).
    7. Weiter expandieren wird nach MacManus das Angebot von Video und TV im Internet. Die nächsten Veränderungen sind bereits absehbar: “Higher quality pictures, more powerful streaming, personalization, sharing, and much more – it’s all coming over the next decade.” Spannende Frage ist: Wie reagieren die Fernsehsender darauf?
    8. Auch der Trend zu “Rich Internet Applications” (RIA) ist Bestandteil der klassischen Web2.0-Definition.
    9. Eine Entwicklung, die die Internetlandschaft deutlich umstrukturieren könnte, wäre das Aufholen der bisherigen Internetnachzügler und die Abmilderung der bisherigen ungleichmäßigen, US-Europa-zentrierten Entwicklung (also ein neuer Globalisierungsschub). Gerade die Mobilisierung des Webs könnte dazu führen, dass auf einmal ganz andere Regionen für die Entwicklung von Social Software interessant werden.
    10. Doch diese Globalisierungswelle könnte durch den möglicherweise gleichzeitig ablaufenden Personalisierungsschub verdeckt werden und die Internetdienste können derart perfekt auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt angeboten werden, dass man die Entwicklungen hinter den unsichtbaren Mauern des eigenen “walled gardens” gar nicht mehr wahrnimmt.

    In der Diskussion, die sich daraufhin entfaltete, wurden noch weitere Punkte genannt, von denen ich folgende besonders hervorheben möchte:

    • Thomas Huhn weist auf die Bedeutung des Identitätsmanagements im neuen Netz hin, das insbesondere durch die über zahlreiche Netz verteilten Personendaten erschwert wird. Zu diesem Thema ist auch dieser Beitrag von Klaus Eck lesenswert.
    • Weitere Themen, die in der Aufzählung nicht genügend berücksichtigt werden, sind: die Auswirkungen auf die politische Landschaft, die (unsichtbare) Konvergenz verschiedener Datentypen sowie der möglicherweise tiefgreifende Wandel von Kommunikationsformen (zwischen Menschen wie auch zwischen Mensch und Computer).

    Allerdings muss ich sagen, dass mir nicht ganz klar ist, welchen Status die beschriebenen Trends haben. Einiges (wie das “Semantische Web”) sind Utopien, die als Leitbild technische Entwicklungen und möglicherweise auch soziale Bedeutungsverschiebungen nach sich ziehen können, jedoch wahrscheinlich niemals in der skizzierten Form verwirklicht werden können. Andere Trends sind keine Zukunftsprognosen, sondern Entwicklungen, die sich im Hier und Jetzt vollziehen (aber zum Teil nicht als wirkliche Umbrüche wahrgenommen werden). Eine spannende Liste ist es jedoch allemal, an der ich vor allem die sich immer stärker abzeichende Perspektivverschiebung von der Digitalisierung als solcher hin zu den Implikationen der neuen Vernetzungsformen für die “wirkliche Welt”, das “real life” oder die “physische Umwelt” wegweisend finde.



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