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Die Feed-Malaise

180px-juergenhabermas.jpgJürgen Habermas betont in seiner vielbeachteten Rede zur politischen Kommunikation in der Mediengesellschaft, die gerade eben auch in einem Suhrkamp-Bändchen abgedruckt wurde, die Wichtigkeit einer Feedbackschleife zwischen Politik und Zivilgesellschaft. Nur so können die Grundprinzipien der deliberativen Demokratie verwirklicht werden, die anders als die liberale (Freiheit) oder republikanische (Partizipation) auf eine wahrnehmbare öffentliche Meinung als Öffnung der Politik für die Gesellschaft setzt. Die veröffentlichten Meinungen dienen als “networks for wild flows of messages” als Deliberationsarena auf politischer Grassroots-Ebene.

Natürlich ist die Unabhängigkeit und Selbst-Regulierung des Mediensystems eine wesentliche Bedingung für einen unverzerrten öffentlichen Diskurs — Gegenbeispiel sind Banalisierung (Berlusconi) oder Verfälschung (Irakkrieg) der Medienberichterstattung. Insofern müssten doch eigentlich die vielen Weblogs ein wertvolles deliberatives Element in der Mediengesellschaft darstellen, oder? Habermas sieht das in dem Fall gegeben, wenn es gegen die autoritäre geht: Weblogs können hier einen zusätzlichen, authentischen Nachrichten- und Meinungskanal eröffnen und der öffentlichen Meinung zur Veröffentlichung helfen (das hält auch Jeff Jarvis für ein wichtiges Element einer “Open Source-Demokratie”).

Dann kommt aber Habermas kritische Einschränkung: In liberalen Regimen mit unabhängigen Mediensystemen ist diese Funktion überflüssig und Grassrootsmedien wie Weblogs sind eher eine bedrohliche Erscheinung, da sie zur Fragmentierung der politischen Öffentlichkeit in zahlreiche Mikroöffentlichkeiten beitragen. Mit Jan Schmidt kann man dieses Phänomen auch als “persönliche Öffentlichkeiten” beschreieben, also winzige Gruppen von zum Teil namentlich bekannten Personen, für die manche Mikropublisher schreiben.

friendfeed.pngVerstärkt wird dieses Phänomen zudem durch die Syndizierungsmöglichkeiten von Web 2.0-Inhalten. Mittels RSS- und Atom-Feeds können Bloginhalte nicht mehr nur auf der Bloghomepage selber gelesen werden, sondern auch mit Feedreadern online und offline. Dienste wie FriendFeeds ermöglichen darüber hinaus auch noch, die Feeds an anderer Stelle – eben auf dem eigenen FriendFeed – zu kommentieren: “Verlagerung der Diskussionen” lautet mittlerweile die gängige Formel dafür. Die Diskussion über die in einem Blogpost vertretene Meinung wird damit noch weiter fragmentiert, so dass die Autorin teilweise gar nicht mehr mitbekommt, ob und wo über ihren Beitrag diskutiert wird. Habermas würde das nicht gefallen. Denn so wird nicht nur die politische Öffentlichkeit “into a huge number of isolated issue publics” zersplittert, sondern auch der Diskurs in eine große Zahl isolierter Diskursfädchen. Niemand hat mehr einen Überblick über den Stand der Debatte, so dass die Aufmerksamkeit in dieser Mikrokultur zunehmend zerfasert.

Aber diese Entwicklung lässt sich womöglich auch ins Positive wenden. Ein wesentliches Hindernis für die Entfaltung wirklich freier Konversationen in der Blogosphäre ist die Kommentarhaftung des Betreibers. In Kurzform: Wenn jemand in einem Kommentar auf einen Blogpost das Maß überschreitet, wird nicht diese Person selbst zur Verantwortung gezogen, sondern der Betreiber muss für seine Ausfälle haften. So als müsste für eine Beleidigung im Landtag der Landtagspräsident die Konsequenzen tragen. Viele Blogger werden dadurch unfreiwillig in Blogwarte oder breitschultrige Türsteher verwandelt, was im Gegensatz zu einer medienmündigen “sich-selbst-veröffentlichenden Gesellschaft” steht.

Ich fürchte, die Rechtslage diesbezüglich ist noch nicht geklärt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich für die Äußerungen anderer Personen in “meinem” FriendFeed, SocialThing oder Noserub oder anderen derartigen Diensten verantwortlich gemacht werden kann. Insofern bietet die Fragmentierung der Kommunikation den Vorteil, auch kontroverse Artikel an einem “sicheren Diskurshafen” diskutieren zu können. Könnten nicht zum Beispiel Niggemeiers CallActive-Beiträge, bei denen aus nachvollziehbaren Gründen die Kommentarfunktion deaktiviert ist, dort einem öffentlichen Diskurs zugänglich gemacht werden?

Eigentlich müsste es doch möglich sein, ein WordPress-Plugin zu entwickeln, das die verteilten Kommentare aus FriendFeed, del.icio.us oder Digg einsammelt und mit dem Blogeintrag zusammen anzeigt. Oder gibt es das schon?

(Bild: “Jürgen Habermas”, Quelle: Wikipedia, CC-Lizenz)



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    Die Frage, wo denn die ganzen bloggenden Professoren, Forscher und Dozenten seien, hatten wir ja schon mehrere Male hier oder an anderen Orten ausgiebig diskutiert (auch die Netzeitung hatte das Thema seinerzeit aufgegriffen). Mit dem Wissenschafts-Spartenkanal der metaroll lässt sich nun ein erstes Gesamtbild der wissenschaftlichen Subblogosphäre zeichnen.

    Zunächst die frohe Botschaft: es gibt sie, die bloggenden WissenschaftlerInnen und Wissenschaftlerblogs und es sind mehr als man denkt. Mehr als 200, aber wahrscheinlich noch weniger als 300 dürften es alles in allem sein. Wenn man überlegt, dass noch vor einem Jahrzehnt “Homepages” eine Besonderheit von Informatik-Lehrstühlen darstellte (ich hatte damals selbst einige Lehrstuhlhomepage-Premieren verwirklicht), ist das doch ein recht ordentliches Ergebnis.

    Interessant ist auch die Tatsache, dass es bei den Wissenschaftsblogs gar keinen so ausgeprägten Long Tail gibt, wie man auf in dieser Grafik gut erkennen kann (aufgezeichnet ist die Anzahl der Verlinkungen in den letzten 6 Monaten, Technorati-Authority):

    Es gibt einige Blogs, die sehr oft verlinkt werden, dann ein recht breites Mittelfeld und schließlich einige Blogs, die nie oder fast gar nicht verlinkt werden. Aber das sind nicht so viele wie in der “großen” Blogosphäre. Beim Durchforsten der Blogrolls nach Wissenschaftsblogs bin ich wieder auf einige Blogs gestoßen, die ich noch gar nicht kannte, was einmal mehr das Zweite Grundgesetz der Blogosphäre bestätigt:

    Zu jedem Thema gibt es immer noch mindestens ein Blog, das man noch nicht kennt.

    Deshalb liebe Kollegen Wissenschaftsblogger: vernetzt euch, verlinkt euch, kommt ins Gespräch, quer zu den Disziplinen, quer zu den politischen Orientierungen! Denn mit der internen Vernetzung steigt auch die externe Vernetzung und Sichtbarkeit.

    Um nicht nur die Topblogs zu verlinken, hier ein paar interessante Wissenschaftsblogs aus den “hinteren Bereichen” der Liste:

    • Im GeDICKicht wirft Richard Zinken bloggerisch einen wissenschaftlich geprägten Blick auf Gedichte. Es geht dabei weniger als um eine Analyse der Lyrik als vielmehr um das frei-assoziative Erkunden von Verbindungen zwischen den Welten der Poesie und der Wissenschaft. Etwas ähnliches machen wir auch in unserer Molekularküche – dort geht es aber um das Terrain zwischen der Kochkunst und der Wissenschaft. Er sollte nur bald einmal wieder etwas schreiben, der Herr Zinken!
    • Von interaktive Lernumgebungen über eAssessments bis hin zum eMobbing reicht die Themenvielfalt des Blogs von Karsten D. Wolf, der an der Uni Bremen zum Thema “Didaktische Gestaltung multimedialer Lernumgebungen” forscht und lehrt.
    • BlogSchafftWissen ist ein spannendes naturwissenschaftlich ausgerichtetes Blog, das ruhig etwas mehr Beachtung finden dürfte. Dort bloggt Klaus Delueg von Südtirol aus immer wieder interessante Beiträge über den Klimawandel.
    • Seit Januar bloggt Tobias Eberwein vom Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund auf coolepark.de zu journalistisch-medienwissenschaftlichen Themen. Da werde ich auf jeden Fall öfters einmal hineinsehen.
    • Ich kann es kaum glauben, aber dem Archiv nach gibt es das Blog von Karl-Heinz Pazzini, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg, schon seit 1996. Die Postingfrequenz ist zwar sehr gering (z.T. nur zwei Beiträge im Jahr), aber dafür findet man dort einige spannende Videos zur Zukunft der akademischen Lehre.
    • ePUSH ist der Selbstbeschreibung nach “ist Vernetzungs- und Integrationsprojekt, das innerhalb der Laufzeit von zwei Jahren Strukturen der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft [der Uni Hamburg, BK] zusammenführen, entwickeln und nachhaltig etablieren soll.” Hier ist das Projektblog dazu.
    • Hier bloggt der homo sociologicus Martin Booker über … richtig! Soziologie. Gehört natürlich auch in jeden gut sortierten sozialwissenschaftlichen Feedreader.
    • Ebenfalls erst seit gerade eben in meinem Feedreader ist “Hobohms Library and Information Science Blog“, in dem Hans-Christoph Hobohm von der FH Potsdam über Social Software im Bibliothekswesen bloggt.
    • Fast schon vor meiner Haustür gibt es dann auch noch das Piazza-Blog des Instituts für Kommunikationswissenschaften der LMU, für das sowohl Professoren und Instituts-Mitarbeiter als auch Studenten und Alumni schreiben. Klasse Idee. Auch dieses Blog kannte ich bisher nicht, es ist nicht einmal bei Technorati verzeichnet.
    • Außerdem interessant: “Nach der Uni ist vor der Uni“, ein klassisches PhD-Blog von Barbara Rampf, Doktorandin am gerade erwähnten Institut für Kommunikationswissenschaften der LMU.

    Viele der Wissenschaftsblogs in der Liste findet man auch im Wissenschafts-Café, wo man demnächst vielleicht sogar spartenbezogene Feeds abonnieren kann. Ansonsten sei auf die noch jungen Portale Scienceblogs.de und die Scilogs verwiesen, in denen sich viele sehr interessante Blogs finden, von denen es sicher einige ganz nach oben schaffen werden.

    Weitere Hinweise auf Wissenschaftsblogs, die in der metaroll-Liste noch nicht verzeichnet sind, bitte in die Kommentare. Danke!



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  • Abbildung: Die Genealogie der Weblogs

    Hier ein Versuch, das hier, hier und hier gesagte einmal in eine Grafik zu packen um den “Stammbaum” der Weblogs einigermaßen übersichtlich darzustellen.

    blog.png

    Im Mittelpunkte stehen die Weblogs im engeren Sinne, die viele der einigermaßen konsensuellen Merkmale eines idealtypischen Weblogs tragen: Einträge in umgekehrerter Chronologie, regelmäßige Updates, Permalinks zu den einzelnen Beiträgen, die Möglichkeit über Trackbacks und Pings zwischen Weblogs zu verlinken, Bedienungsfreundlichkeit durch spezielle Blogsoftware bzw. einen gehosteten Dienst, direkte Kommentierbarkeit, Feeds, Kategorien bzw. Tags sowie eine Blogroll.

    Davon zu unterscheiden sind die historisch früher entstandenen Weblogs im weiteren Sinne oder Proto-Blogs, zum Beispiel digitale Tagebücher, Newsseiten und Filterlogs / (kommentierte) Linklisten. Vielleicht findet man hier auch noch mehr. Jedenfalls erkennt man bei diesen Formen jeweils bestimmte (unterschiedliche) Elemente, die auch in den eigentlichen Weblogs vorkommen können. Was sie jedoch verbindet sind regelmäßige Updates und die chronologische Anordnung.

    Richtet man den Blick in die jüngste Vergangenheit (Stichwort “Web 2.0″), so kann man weitere Formen erkennen, die Elemente der (Proto-)Blogs beinhalten, aber anders akzentuieren – ich habe das einfach einmal “Post-Blogs” genannt. Als Beispiele sind hier Social Bookmarking-Dienste genannt, die sich als Abkömmling der Filterlogs sehen lassen, sowie das Microblogging (Twitter) oder die Status-Messages (Facebook), die einiges mit Weblogs i.e.S. und digitalen Tagebüchern gemeinsam haben, während andere Elemente wie die Möglichkeit der Vernetzung mit Kontakten oder “Freunden” (nicht: anderen Blogs über eine Blogroll).



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  • Tagging von Weblogs in der metaroll
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  • Mikroformate

    Wer sich in Web2.0-Kreisen bewegt, ist sicher schon einmal auf den Begriff “microformat” gestoßen. Was verbirgt sich dahinter? Im wesentlichen geht es hier um einfache, offene Datenformate, die sowohl maschinen- als auch menschenlesbar sein wollen. Ein Beispiel dafür dürfte den WordPress-Benutzern allgegenwärtig sein (Klick zum Vergrößern):

    xfn.png

    Wenn man seiner Blogroll einen neuen Link hinzufügt, kann man dort angeben, in welcher Beziehung man zu dem Link steht: Handelt es sich um eine andere eigene Webadresse? Oder um einen Freund, Kontakt, Bekannten, den man bereits oder auch nicht “physisch” getroffen hat? Oder ist es ein Arbeitskollege, ein Nachbar, gar ein Familienmitglied? Oder gehört die Beziehung in das Reich der romantischen Liebe? Das Format, in dem diese “link relationship” dann gebracht wird, heißt XFN (XHTML Friends Network) und ist – richtig geraten – ein Mikroformat, das entwickelt wurde, um soziale Beziehungen zu klassifizieren. So könnte zum Beispiel der Link in einer Blogroll dann so aussehen:

    <a href="http://www.eigenarbeit.org/blog" rel="friend met">

    Das heißt nichts anderes als, dass der Poster dieses Links mit mir befreundet ist und wir uns auch schon außerhalb der virtuellen Realität begegnet sind. Neben dem erwähnten XFN gibt es aber noch zahlreiche andere Formate zur Beschreibung von Personen, Organisationen, Ereignissen, Meinungen, Rezensionen, Lizenzen, Kategorien, Tags oder Listen. Auch die Verbannung von Webcrawlern funktioniert per Mikroformat. Letztlich zielen diese Formate alle darauf, das Web zu semantifizieren, so dass letztlich die Berners-Lee’sche Vision Wirklichkeit wird, in der Computer sich mit anderen Computern austauschen können und sich zum Beispiel selbstständig im Netz umsehen nach Freunden des Benutzers, die in der Nähe wohnen und zu einem Videoabend eingeladen werden können. Aber der Anspruch der Mikroformate richtet sich auch auf die Menschenlesbarkeit. Nur: wer will denn im HTML-Quellcode herumwühlen, um herauszufinden, wie der Blogroll Link zum eigenen Blog auf einer anderen Seite klassifiziert wird.

    <a href="http://www.eigenarbeit.org/blog" rel="spammer idiot">

    (An alle mitlesenden Juristen: Wäre so etwas eigentlich eine abmahnungsfähige Beleidigung?) Außerdem können diese Mikroinformationen ja auch per JavaScript dynamisch in die Seite eingefügt werden, dann gibt’s im Quellcode erst mal gar nichts zu lesen. Abhilfe schafft ein Firefox-Plugin namens “Operator”, das jede geladene Seite nach Mikroformaten durchscannt und diese dann höchst menschenlesbar darstellt.

    Wenn ich mich zum Beispiel mit eingeschaltetem Operator auf Twitter oder last.fm bewege, dann sehe ich sofort, dass hier Informationen über meine Freunde/Kontakte auch im hCard-Mikroformat abrufbar sind.

    twitter.PNG

    Diese Informationen kann ich dann zum Beispiel direkt als Visitenkarte im vCard-Format abspeichern oder meinem Windowsadressbuch hinzufügen. Oder ich lasse mir diese Informationen gleich in meine Yahoo-Kontaktliste einspeisen. Wenn sich auf einer Seite Tags befinden, dann kann ich mir zu diesen Tags Bilder auf flickr anzeigen lassen, passende Bookmarks auf del.icio.us oder Blogs beziehungsweise Einträge auf technorati. Wenn etwas als Ort kodiert ist, kann ich gleich GoogleMaps starten lassen und den Ort suchen. Aber es kommt noch praktischer: Surfe ich auf last.fm, dann kann ich Konzerttermine, die dort angegeben sind, ganz leicht in meinen Google- oder Yahoo-Kalender importieren. Und das alles nur mit ein bis zwei Mausklicks. Und wenn mir die vorhandenen Mikroformate oder Skripte nicht reichen, kann ich eigene programmieren.



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