Archive for the 'welt' Category

Wie bloggig sind die Zeitungen mittlerweile geworden?

Lutz Hachmeister weist in einem Interview für den Rheinischen Merkur darauf hin, dass die Unterscheidung zwischen “Internet” hier und “Fernsehen” da möglicherweise ein Auslaufmodell ist. Eine ähnliche Konvergenz könnte man nun auch zwischen “Zeitung” und “Weblog” feststellen, zumindest wenn man die Onlineausgaben der Zeitungen betrachtet. Einige in dieser Hinsicht fortschrittliche Verlage haben bereits ihr Onlineangebot zum primären Informationskanal erklärt – die Devise lautet: “Online first“. Ich habe mir einmal die Internetangebote einiger Tages- und einer Wochenzeitung angesehen, um herauszufinden, wie “bloggig” diese Seiten schon geworden sind. Dazu habe ich 16 Merkmale untersucht, die für mich ein idealtypisches Blog ausmachen und dann einen gewichteten Index gebildet, der Auskunft darüber geben soll, wie nah ein Onlineangebot an diesem idealtypischen Blog ist. Hier zunächst das Ergebnis, dann die Erklärung der einzelnen Merkmale:

  SZ Taz FAZ NYTimes Welt Guardian Tagesspiegel Zeit
RSS + - + + + + + +
Kommentare + + + - + - + +
Stapel - - + - - - + -
Volltext - + - + + + + +
Permalinks + + + + + + + +
Tags - - - - + + - +
Autorenkat. - - - + - + - -
Trackbacks - - - - - - - -
Links - - - - - - - -
Archiv - + - + - + - -
Blogroll - - - - - - - -
Kategorien + + + + + + + +
Related + + + + + + + +
Share + - + + - + + +
Navigation - - - + + - + -
Suche + + + + + + + +
Score 10 10 12 13 14 14 15 15

Die “bloggigsten” Zeitungen sind also Die Zeit und der Tagesspiegel (beide 15), danach der Guardian und die Welt (beide 14), dann die New York Times (13) und die FAZ (12) und die Schlusslichter sind taz und Süddeutsche Zeitung (beide 10). Wenn man dieselben Kriterien für einige Weblogs betrachtet, dann kommt das Bildblog nur auf 13 Punkte, während zum Beispiel wirres.net 17 Punkt und Basic Thinking 19 Punkte erreichen, beide also deutlich mehr als die untersuchten Tageszeitungen. Einige Onlineangebote von Zeitungen kann man also auch als Blogs betrachten – freilich bezieht sich das nur auf die genannten formalen Kriterien und nicht auf die Professionalität der Autoren oder die jeweiligen Inhalte. Interessant ist auch die Heterogenität der Onlinestrategien. Keine Zeitungen haben, was diese Indikatoren betrifft, ein identisches Profil. Es scheint also noch kein Best Practice auf diesem Gebiet zu geben.

Nun kurz zu den Indikatoren, über die man sich natürlich streiten kann:

  • RSS: Die Verfügbarkeit eines RSS- oder Atom-Feeds. Fast alle Zeitungen bieten dies an, in der Regel auch für einzelne Ressorts.
  • Kommentare: Die Möglichkeit, einen Eintrag zu kommentieren. Dieses Feature findet man bei allen deutschsprachigen, nicht aber bei den englischsprachigen Zeitungen.
  • Stapel: Die Organisation der Homepage als ein Stapel, bei dem die neuesten Beiträge oben eingefügt werden, während ältere Beiträge unten herausfallen (bzw. ins Archiv wandern).
  • Volltext: Die Verfügbarkeit aller Texte aus den Printausgaben.
  • Permalinks: Die Möglichkeit, einen Artikel über eine stabile URL zu erreichen. Alle Zeitungen haben dieses Feature.
  • Tags: Die Verschlagwortung eines Artikels mit horizontalen Tags. Ein Tag kann auf mehrere Artikel verweisen, ein Artikel kann mehrere Tags haben.
  • Autorenkategorie: Die Möglichkeit, sich nur Beiträge eines bestimmten Autors anzusehen.
  • Trackbacks: Die Registrierung einkommender Trackbacklinks. Dieses Feature, das eine wesentliche Grundlage der intensiven Vernetzung der Blogosphäre ist, findet man bei keinem Onlineangebot.
  • Links: Auch externe Links findet man nur in Ausnahmefällen (Werbung). Zeitungen verlinken auf in der Zeitachse, d.h. auf eigene Beiträge.
  • Archiv: Ein Archiv, in dem man blättern kann und sich z.B. alle Beiträge anzeigen lassen kann, die im letzten Januar erschienen sind.
  • Blogroll: Auch die Anzeige von interessanten Blogs ist ein Blog-exklusives Feature.
  • Kategorien: Die Möglichkeit, sich Beiträge einer bestimmten Kategorie anzuzeigen, haben alle Zeitungen – unter dem Namen “Ressort”.
  • Related Items: Alle Onlineausgaben zeigen interne Links an, die zu einem bestimmten Beitrag inhaltlich passen.
  • Share: Die Möglichkeit, einen Beitrag bei del.icio.us, Mr. Wong etc. abzuspeichern und für andere verfügbar zu machen.
  • Artikelnavigation: Die Möglichkeit von einem Artikel zum vorherigen bzw. nächsten zu surfen.
  • Suche: Auch das ist ein ubiquitäres Feature.

Doppelt gewertet wurden die ersten sechs Merkmale, da ich sie für besonders wesentlich für Blogs halte.



Verwandte Artikel:
  • Kein Besucher bleibt ewig! Zeitungen sollen sich nicht neu erfinden, sondern das Verlinken lernen
  • Das Requiem auf Print
  • Das Ende der Blogsphäre
  • Quick Response in Spex und Welt

    welt.pngEine der Möglichkeiten, die physische Welt mit der Online-Realität in Verbindung zu bringen, sind die sogenannten QR-Codes (QR steht hier für “Quick Response”). Seit heute verwendet die Welt Kompakt diesen Code, um in ihre Texte Hyperlinks zu Onlinedokumenten einzubetten. Wie funktioniert das? Zum Beispiel mit einem fotofähigen Handy mit installierter QR-Lesesoftware. Dann kann der Leser den Code fotografieren und der Web- oder Wapbrowser des Mobiltelefons wird von der Software direkt auf die referenzierte URL gelenkt.

    Wer will, kann es ja einmal mit dem folgenden Code ausprobieren (hiermit generiert):
    qrcode

    Mehr zum Thema:

    • Etwas mehr theoretischen Hintergrund liefert die Spex, die den QR-Code sogar auf die Titelseite ihrer aktuellen Ausgabe verfrachtet hat. Max Dax schreibt dazu: “Alleine, dass der Code als Verzierung, als Schmuck durchgeht, hat bereits etwas ebenso Subversives wie Beunruhigendes. So schön und streng und elegant hat die Digitalisierung des öffentlichen Raums bisher noch nicht ausgesehen.”
    • Max könnte Recht haben, schließlich wissen auch die Pet Shop Boys diese digitale Eleganz schon zu schätzen.
    • Eher technisch wird das Thema bei Polypensees behandelt.
    • Der Elektrische Reporter hat schon im Mai ein Interview mit dem Kaywa-Geschäftsführer Roger Fischer veröffentlicht.
    • Auf Zweinull.cc gibt’s das ganze auch noch mit grafischer Unterstützung.


    Verwandte Artikel:
  • Das Ende der URL – “Google ‘viralmythen’ to find out more”
  • Über mich
  • Corporate Twitter: Die Liste
  • Metadaten in Tageszeitungen – oder: wie man Merkel und Putin verwechseln kann

    Sehr schön, was der “Medienhacker” Dave Winer auf dieser Seite mit dem NY-Times-Newsfeed anstellt: er filtert aus allen neuen Nachrichtenartikel die Keywords heraus und erstellt eine Rangfolge. Beziehungsweise: nicht er macht das alles, sondern ein Script. Möglich wird das dadurch, dass alle (jedenfalls die meisten) Artikel der NY Times auf vorbildliche Weise mit Metadaten versehen sind. So findet man zum Beispiel im Quelltext der Nachricht “In Iran, Putin Warns Against Military Action” folgende Metadaten, die sich alle per Computer auslesen und weiterverarbeiten lassen:

    • Kurzbeschreibung
    • Schlagworte
    • Datum
    • Titel
    • Autor
    • Themengebiete
    • Personen
    • Geographischer Kontext
    • Ressort

    Ein Computer könnte diesen Metadaten entnehmen, dass sich das berichtete Ereignis auf Russland und den Iran bezieht, dass es mit Vladimir Putin und Mahmoud Ahmadinejad zu tun hat sowie dass es dabei um Internationale Beziehungen und Atomenergie geht. Damit lässt sich schon eine Menge anfangen und ohne großen Aufwand Verknüpfungen zu anderen Nachrichten herstellen. Fehlt nur eine geeignete Darstellungsform, um der Leser könnte durch diese Angaben “Pivot-Browsen“, also immer wieder einen neuen Ausgangspunkt auswählen, sei es ein Ort, eine Person oder ein Thema, und von dort aus neue Beiträge entdecken. Vielleicht sogar in anderen Nachrichtenquellen oder gar Medienformen (GoogleEarth, Youtube, Facebook).

    Sieht man sich dagegen die deutschen überregionalen Tageszeitungen an, so kann man nur einen gewaltigen Aufholbedarf feststellen. Der Artikel zum selben Thema in der Süddeutschen Zeitung wartet zwar mit einigen Keywords auf, doch diese wollen mir doch tatsächlich weißmachen, es gehe in dem Artikel um “Bush”, “Cofi Annan”, “Saddam”, den “Bundestag” oder um “Steuer”. Davon, dass “Saddam” und “Cofi Annan” schon etwas länger Geschichte sind, will ich gar nicht reden.

    Weiter zur FAZ, die ebenfalls einen Artikel zu Putins Solidaritätserklärung parat hat. Aber auch hier ist das semantische Netz zerrissen, denn ein Computer würde zu dem Ergebnis kommen, der Artikel thematisiere “Merkel”, die “EU”, “Steuern” und irgendeine “Wahl”.

    Die Welt hat keinen Artikel direkt zu dem Thema, also habe ich mir einen Beitrag über die Terrorrisiken der Putinreise ausgesucht. Auch hier führen die Metadaten zunächst ins Leere, denn mit “Urlaub”, “Sport” und “Satire” hat das nichts zu tun. Aber halt! Ganz am Ende der Keywords doch noch ein paar sinnvolle Hinweise: Iran, Russland, Wladimir Putin, Staatsbesuch, Atomenergie, Anschlag. Gar nicht übel, aber schlecht auszuwerten.

    Zum Schluss noch zur taz, wo mich wieder nur Standardkeywords erwarten, außer hinter der Wahl von Schlagworten wie “politische Karikatur”, “Cartoons” und “Comic” steckt eine tiefere Absicht? Klar ist: ein Computer würde beim Versuch, diesen Humor zu entschlüsseln, versagen.



    Verwandte Artikel:
  • Online verdrängt Print: Studie befasst sich mit den Digitalisierungsverlierern Tageszeitungen
  • Gruscheln als Alternative zum Nachrichtenkonsum?
  • Das lange 19. Jahrhundert der Zeitungsmacher