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Qualitätssicherung in der Wikipedia

Schon kurios, was in der Wikipedia alles für löschenswert empfunden wird, wenn keine Änderungen im Sinne der Qualitätssicherungsbürokraten durchgeführt werden (“Gelingt dies nicht, droht dem Artikel die Löschung”):

Ich denke zwar nicht, dass die Qualitätssicherer ernsthaft daran denken, bei einer versäumten Überarbeitung die Einträge über Max Beckmann, Henri Matisse oder die abstrakte Malerei zu löschen, aber was denken sich die einfachen Nutzer, die in der Wikipedia etwas über Beckmann nachlesen wollen, weil diese Seite in der Googlesuche ganz oben auftaucht?

Und was denkt sich jemand, der auf dieser Qualitätssicherungsseite dann erfährt, dass diese Löschdrohung des Henri Matisse-Artikels von einem Autor ausgeht, der ohne Namensangabe als Begründung schreibt: “Harte Worte, aber ehrlich: lieber gar keinen Artikel als diesen”?



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  • Der Neuigkeitswert von RSS-Feeds

    Wir leben noch in einer Ära, in der das Einrichten eines RSS-Feeds auf einer Internetseite eine eigene Pressemitteilung wert ist:

    Pressemitteilung
    MPI für Bildungsforschung bietet RSS-Feed
    Dr. Petra Fox-Kuchenbecker, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
    Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
    13.06.2008

    Die Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung bietet ab sofort einen Informationsdienst an, der es Interessierten weltweit erlaubt, die Anzeige neuer Publikationen aus dem Institut zu abonnieren.
    Alle, die sich für die Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung interessieren, müssen künftig nicht mehr mühsam die Publikationen-Webseite des Instituts nach Beiträgen durchsuchen. Stattdessen erhalten Sie automatisch eine Nachricht, wenn die Veröffentlichung erscheint. Ein link führt dann zur vollständigen Titelanzeige.
    Dieser Dienst, der technisch als RSS-Feed realisiert ist, kann für alle Publikationen des Instituts oder getrennt nach Forschungsbereichen abonniert werden. Sie erreichen den Dienst unter http://library.mpib-berlin.mpg.de/iv/iv.php?year=2008-

    Weitere Informationen:

    http://www.mpib-berlin.mpg.de

    (via)



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    Schon des öfteren habe ich die These vertreten, dass Print nicht tot ist, genauso wenig wie Nachrichten tot sind. Aber die enge Verbindung von Print und News, wie sie sich beispielhaft in den großen Tageszeitungen beobachten lässt, verliert angesichts der in nahezu jedem Fall größeren Aktualität von Onlinenews oder der ungefilterten Nachrichtenkanälen wie Twitter oder Blogs stetig an Bedeutung (mittlerweile experimentieren auch Tageszeitungen wie Welt-Kompakt oder die Hamburger Morgenpost mit dem Instantmedium Twitter).

    Das sollte aber nicht verwechselt werden mit einer Demokratisierung der Nachrichtenproduktion und -distribution. Auf der einen Seite bestehen tatsächlich neue Möglichkeiten einer Nachrichtenproduktion und -distribution im Long Tail des WWW, die im Übrigen noch deutlich zu wenig genutzt werden. Auf der anderen Seite gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die Onlinenachrichtenquellen sehr viel stärker konzentriert sind als es in der Printwelt der Fall gewesen ist. Zu diesem Ergebnis kommt auch der “State of the News Media“-Bericht des Project for Excellence in Journalism:

    Online, for instance, the top 10 news Web sites, drawing mostly from old brands, are more of an oligarchy, commanding a larger share of audience than they did in the legacy media. The verdict on citizen media for now suggests limitations. And research shows blogs and public affairs Web sites attract a smaller audience than expected and are produced by people with even more elite backgrounds than journalists.

    Der Bericht skizziert sechs Trends in der Entwicklung der Nachrichtenmedien, die sich 2008 zumindest in den USA schon deutlich abgezeichnet haben:

    • Nachrichten verwandeln sich von einem Produkt in eine Dienstleistung. Dazu gehört auch der Trend zu einer Art perpetual beta-Nachrichten: immer wieder kleine Updates anstelle der klassischen (Morgen- und Abend-)Ausgaben. Das heißt aber auch, dass der aktuelle Nachrichten-Release nur ein Zwischenstand ist, der später ergänzt oder korrigiert werden muss. Das ist freilich nicht neu, wurde aber durch das Erscheinungsbild einer Zeitung als fertiges Produkt überdeckt.
    • Nachrichtenseiten sind nicht mehr Endpunkte, sondern Zwischenstationen. Nachrichtenportale sind keine walled gardens mehr. Die dort publizierten Meldungen können syndiziert, kommentiert, geokodiert, auf Facebook gepostet, gediggt oder geyiggt werden. Sie werden zu einem unter vielen Rohstoffen in digitalen Mashups. Anders ausgedrückt: news is a river.
    • Nutzergenerierter Content spielt (noch) keine große Rolle. Obwohl die Nutzer im Web 2.0 Nachrichten remixen können, spielt die eigene Produktion von Nachrichten wie es die Bürgerjournalismus-Idee will nur eine untergeordnete Rolle. Hier formuliert der Bericht eine interessante Pointe: die Graswurzelnachrichten in Blogs sind sehr viel geschlossener und altmodischer als die großen Nachrichtenportale: “In short, rather than rejecting the ‘gatekeeper’ role of traditional journalism, for now citizen journalists and bloggers appear for now to be recreating it in other places.”
    • Die Rückkehr des Newsroom. Verkündete man vor 10 Jahren noch das Ende des Newsroom, so ist das Nachrichtenressort mittlerweile sehr viel weniger umstritten als z.B. die Verlagsseite (fehlende Monetarisierungsmodelle für Online) oder die Meinungsseite (Blogger machen das, gerade in den USA, häufig besser).
    • Einengung der Agenda. Trotz der Pluralisierung von Nachrichtenquellen und -kanälen ist in jüngster Zeit die Nachrichtenagenda weiter geschrumpft. Irakkrieg und Präsidentenwahl sind die Themen, die ein Viertel der Nachrichtenmeldungen in den USA bestimmten.
    • Die Werbeagenturen sind ratlos. Hier halten sich die alten Formen, so dass der Leidensdruck für die alten Medien dadurch noch eine Weile niedrig gehalten wird. Aber auch hier sieht das Project for Excellency in Journalismus früher oder später eine drastische Veränderung: “But the losses could begin to accelerate when answers come. The question of whether, and how, advertising and news will remain partners is unresolved.”

    Zugespitzt formuliert: Die Nachrichtenindustrie ist ein Zombie, der sich im Halbschlaf befindet und nur deshalb nicht bemerkt, dass das Suchmaschinenzeitalter längst begonnen hat. Deshalb wird in Zukunft von großer Bedeutung sein, nach welchen Kriterien die großen Player Google und Yahoo den Zugang zu Nachrichtenmeldungen herstellen. Schon jetzt zeigen sich unterschiedliche Gewichtungen von Quellen und Themen – ein Problem sehe ich aber darin, dass diese Gewichtung nicht mehr auf Menschen und ihre politische Agenda zurechenbar ist, sondern von Algorithmen abhängt, die von außen nicht durchschaubar sind.



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    Einen interessanten Beleg für die Bedeutung von Twitter als Frühwarnsystem für Unternehmen hat Michael Arrington vor kurzem auf Techcrunch gepostet. Die Geschichte ist schnell erzählt: Sein Internetprovider Comcast hatte einen Verbindungsausfall, so dass er ohne Internetzugang war – eine gravierende Einschränkung für einen Palo Alto-Insider.

    Anrufe bei dem Provider brachten nicht allzu viel – man kennt das ja. Aber als er dann seine Verärgerung per Twitter publik gemacht hatte, dauerte es gerade 20 Minuten bis sich der Provider selbständig bei ihm meldete und ein Reperaturteam losschickte. Die Firma hat alle sie selbst betreffenden Twittermeldungen überwacht (das geht zum Beispiel mit Diensten wie Tweetscan), um es sehr schnell mitzubekommen, wenn es Probleme und einen potentiellen Imageschaden gibt.

    Insofern liegt eine wichtige Anwendung von Twitter darin, es als “Frühwarnsystem für Marken und Unternehmen” zu verwenden:

    It’s trivially easy to do a brand search on Tweetscan and create a feed for any new postings. Whether you join in the conversation directly or reach out to aggrieved customers is up to you. But Twitter is the place where conversations are exploding well before they even make it to mainstream blogs. With the information just sitting there, it’s surprising that more brands aren’t watching the tweetosphere.

    Aber vielleicht liegt in diesem gut funktionierenden Frühwarnsystem auch ein Anreiz, noch weniger als bisher auf Beschwerden per Servicehotline zu reagieren – denn wenn die Kundenfrustration ein kritisches Maß erreicht, erfährt man es ja über Twitter.

    Außerdem hängt das Funktionieren als Frühwarnsystem auch davon ab, dass eine kritische Masse von Twitternutzern erreicht ist, die im Fall negativer Erfahrungen mit einem Unternehmen davon Gebrauch machen. Kritisch muss in diesem Fall nicht zwangsläufig bedeuten, dass jeder Twitter benutzt, denn das ist auch in Palo Alto vermutlich nicht der Fall. Genauso effektiv kann es sein, wenn eine kleine Zahl von digitalen Meinungsmachern ihre Unzufriedenheit twittern. Oder anders herum: Besteht überhaupt Anreiz für Unternehmen, auf solche Backchannel-Informationen zu reagieren, wenn es sich nicht um einen A-List-Twitterer oder einen Mitglied der exklusiven Gruppe “The 250″, wie es hier heißt, handelt?

    In Deutschland versucht Robert Basic mit seinem Beschwerdenblog etwas ähnliches, das Projekt scheint aber mittlerweile eingeschlafen – warum das ganze nicht gleich als Twitterkanal einrichten?



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    twitterstats.pngIm Unterschied zu Social Networks wie Xing oder Facebook, in denen Profilinformationen und insbesondere auch Statusmeldungen je nach Sicherheitseinstellungen nur für andere Mitglieder oder sogar nur bestätigten Kontakten einsehbar sind, ist Twitter in der Praxis weitgehend ein offenes Forum. Nur eine geringe Zahl von Personen macht von der Möglichkeit gebrauch, ihr Profil für nicht bestätigte Kontakte zu sperren, so dass man im Prinzip auch als Nicht-Twitterer sehen kann, was eine bestimmte Person von den mittlerweile 860.000 Nutzern den ganzen Tag über schreibt, welche anderen Kontakte diese Person “verfolgt” (follow), welche Statusmeldungen die Person besonders interessant gefunden hat. Über Twitterholic kann man dann auch noch sehen, wie sich die Zahl der Kontakte in den letzten Tagen entwickelt hat.

    Insbesondere nachdem ich diese Ratschläge gelesen habe, die beschreiben, wie man Twitter-Nutzern, zum Beispiel Konkurrenten, folgen kann, ohne dass diese es merken (würde man der Person folgen, bekäme sie eine Benachrichtigung darüber). Das führt dann so weit, dass auch noch per Twitter-Suchmaschine alle Erwähnungen einer Person regelmäßig abgefragt und per RSS-Feed verschickt werden. Ein Überwachungssystem zum Selberbasteln. Auf den ersten Blick mag man vielleicht entgegnen: Na und? Selber schuld, wer sein Privatleben in eine unbekannte Öffentlichkeit versendet. Außerdem wird der wirtschaftliche Konkurrent ja zu den selben Methoden greifen, um einen selbst zu überwachen. Solange dieses Spiel in einem geschlossenen Teilnehmerkreis stattfindet – jeder überwacht jeden – ist das im Prinzip nicht sehr weit weg von der hellhörigen Dorfgemeinschaft. Aber in dem Moment, in dem Außenstehende dazu kommen – seien es staatliche Akteure oder der eigene Vorgesetzte – wird dieses Spiel asymmetrisch und es entstehen Beobachterpositionen, die selbst unbeobachtet bleiben.

    Brauchen wir eine Twitter-Ethik?



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  • Der Untergang des Web 2.0 und das Ende der A-Blogger

    kulturbilder_325.jpgWenn man die Beobachtungen von Steve Rubel ernst nimmt, dann könnte man tatsächlich von einem baldigen Ende des Web 2.0 sprechen. Aber das neue Netz geht nicht etwa mit einem big burst zu Ende wie die große Internetblase 2000. Das Problem liegt nicht darin, das Blogs, Ajax, Social Networking und Semantic Web die überhohen Erwartungen nicht erfüllen, sondern gerade weil sie sie so gut erfüllen, dass sie zur Normalität werden.

    Das „Web 2.0“ hat sich unmerklich in das „Web“ verwandelt, weil es kaum noch „Web 1.0“ gibt. Insofern, so Rubel weiter, spielen auch spezialisierte „Berufe 2.0“ wie „Social Media Consultant“, „Social Media Manager“, Funktionsbeschreibungen wie „Internet Advertising Sales“ oder „Online Advertising Sales“ oder „Digital Talent Agents“ keine Rolle mehr. Diese Berufsbilder und Geschäftsfelder werden allmählich unter andere, allgemeinere Bezeichnungen subsummiert. Onlinewerbung oder Community Marketing und Research sind nicht mehr die Zukunft der Werbung oder des Marketing, sondern die Gegenwart.

    Insofern glaube ich auch nicht, dass Alan Patrick in seiner Antwort auf Rubel damit Recht hat, dass der Niedergang des Berufsbild des A-Bloggers nur darin gründet, dass sich das Bloggen professionalisiert und damit den klassischen Onlinemedien annähert: unternehmerisches Denken („Bloggen ist anti-unternehmerisch“, meint John Wesley), PR-Berichte als Füllmaterial, strategische Verlinkung, weniger Kritik.

    Auf der anderen Seite finden sich durchaus auch Beispiele für eine Verbloggung der Massenmedien, die von der besonderen Authentizität – und auch der geringen Produktionskosten – dieses Mediums zu sehr profitieren, um es ignorieren zu können. Bei Zeitungen wie dem „Guardian“ sind die Übergänge von klassischen journalistischen Beiträgen zu den dazugehörigen Blogs schon sehr glatt geraten, noch mehr gilt das für Hochglanzmedien wie „(More) Intelligent Life“.

    Fast hat es den Anschein, dass in vielen Publizisten und Journalisten kleine Blogger stecken, während sich zugleich in vielen Bloggern kleine Unternehmer verbergen, die auf eine günstige Gelegenheit zum Ausbrechen warten. In manchen Fällen kann das auch schon ein juveniler Rockefeller sein wie im Fall von Michael Arrington, der in einem langen Beitrag mit Manifestcharakter von einem Zusammenschluss von Bloggern träumt, der dann raubritternd durch die Medienlandschaft zieht:

    That team could take CNET apart in a year, hire the best of the survivors there, and then move on to bigger prey.



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  • Twitter als World Wide Grapevine

    Immer wieder wurde die Frage laut, welchem Zweck Microblogging-Dienste wie Twitter eigentlich dienen. An dem aktuellen Beispiel des Erdbebens mit Stärke 7,2 auf der Richterskala, das sich heute Nacht im chinesischen Xinjiang ereignete, wird deutlich: trotz des chaotischen und bisweiligen etwas schrägen Eindrucks, den die Twitter-Nutzer (“Twitterati”) manchmal erwecken, erfährt man von solchen Ereignissen als erstes. Noch kein Nachrichtendienst hat von dem Erdbeben berichtet, aber dank Twitter weiß man schon seit einiger Zeit, wo und wann es sich ereignet hat, dass man die Wellen bis in die Schweiz spüren konnte und kann den genauen Ort auf einer Karte betrachten.

    Ganz unabhängig davon, wie wichtig es ist, von diesem Ereignis im fernen China eine Stunde oder mehr vor den klassischen Nachrichtenmedien zu erfahren, sagt dieser Fall einiges über die Bedeutung des Microbloggens als neue Kulturtechnik:

    • Twitter ist eine Art “weltweite Gerüchteküche” (“World Wide Grapevine”), durch die man alles mögliche erfahren kann – von weltbewegenden Ereignissen bis zu Dingen, die nur für eine sehr persönliche Öffentlichkeit relevant sein dürften.
    • Die hohe Aktualität: Viele Dinge erfährt man über Twitter als erstes: Artikel oder Blogposts, die gerade geschrieben werden, Gerüchte über Meldungen, die in Kürze publik werden oder sogar Augenzeugenberichte.
    • Man kann, ähnlich wie im face-to-face-Gerüchtewesen, seine Aufmerksamkeit nicht besonders gut fokussieren, sondern bekommt einen langen Strom von Meldungen mit ganz unterschiedlicher Thematik, Reichweite und Wichtigkeit. Es handelt sich also eher um eine frei flottierende Aufmerksamkeit.
    • Der ausgesprochen unordendliche Netzwerkcharakter des Systems und die unterschiedlichen Kontakte (mit Simmel könnte man hier vielleicht sogar von sozialen Kreisen sprechen), an die jeder Twitter-Nutzer seine Statusmeldungen verschickt, bringen mit sich, dass Meldungen verloren gehen können bzw. ähnliche Meldungen vielfach empfangen werden.

    Ein vielköpfiges Flurgespräch über Kontinente hinweg – wahrscheinlich gibt es momentan kaum bessere Beispiele für den Wandel globaler Kommunikationsstrukturen (Mikromedien statt Massenmedien).



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    sw-horz-w3c.pngVor wenigen Tagen zitterten Blogosphäre und Web2.0 vor Aufregung: Yahoo, so hieß es, würde große Nachrichten bekanntgeben, die das Netz zu einem besseren Ort machen würde. Also konnte es schon einmal nicht um die Übernahme durch AOL gehen. Tatsächlich gab Yahoo am Freitag bekannt, dass das Unternehmen sich von nun an als Evangelist des Semantic Web betrachten will.

    Worum geht es im Semantic Web? Die grundlegende Idee ist schnell erzählt: Die Informationen, die wir auf unseren Homepages, in unseren Blogs und Social Networks hinterlegen, sollen maschinenlesbar werden. Die nur für Menschen entzifferbare Aussage “X ist ein Kollege von mir” soll nun zusätzlich mit Hilfe von Mikroformaten wie XFN (kurz für “XHTML Friends Network”) oder FOAF (Akronym für “Friend of a Friend”) derart ausgezeichnet werden, dass ein entsprechender Parser sie verstehen kann. Das kann dann zum Beispiel so aussehen (“friend met” verweist hier auf eine befreundete Person, die der Verlinkende schon im wirklichen Leben getroffen hat):


    <a href="http://www.wissenswerkstatt.net/" rel="friend met">Marcs Wissenswerkstatt</a>

    Davon erhofft man sich einen besseren Zugriff auf die im Web 2.0 gespeicherten Informationen. So könnte man zum Beispiel mit Personensuchmaschinen auf diese Weise nicht nur erfahren, auf welchen Internetseiten der Name einer Person auftaucht, sondern zudem auch Dinge wie: die eigene Homepage der Person, die Seiten seiner Freunde und Arbeitskollegen, seine Profile bei Facebook, Twitter, Xing usw. Es geht also um die Übertragung der realen Beziehungsnetzwerke (“everyone’s connected”) in die digitale Sphäre (“social graph”). Das Internet wird dadurch sehr viel enger und aussagekräftiger verlinkt als bisher:

    Linked Data is about using the Web to connect related data that wasn’t previously linked, or using the Web to lower the barriers to linking data currently linked using other methods.

    So praktisch das sein mag, wenn es darum geht, seine Freunde und Bekannte im Netz ausfindig zu machen – ganz abgesehen davon, dass ein derart ausgezeichnetes Netz die wildesten Träume vieler Netzwerkanalytiker übertreffen würde –, so problematisch ist diese Entwicklung, was die Missbrauchmöglichkeiten betrifft.

    Was geschieht, wenn meine Seite (und damit meine virtuelle Identität) mit einer Person aus organisiert-kriminellem oder terroristischem Umfeld per Mikroformat verknüpft werden? Die Stärke eines dezentralen Systems (es gibt keinen “Datenbankadministrator, der Gott spielen kann”) werden hier zur Schwäche. Denn: Wer garantiert, dass die Verbindungen zu meiner Person, die auf anderen Webseiten formuliert werden, auch tatsächlich zutreffen? Denn die meisten dieser Formate sind, anders als LinkedIn-, Xing- oder Facebook-Freundschaften, nicht nur dezentral, sondern auch unidirektional, d.h. sie müssen nicht bestätigt werden.

    Verschärft wird dieses Problem noch durch die Permanenz des Internet: wenn einmal an einer Stelle eine Beziehungsaussage über mich getroffen wurde, kann diese möglicherweise nicht mehr gelöscht werden, da sie über Archive aufgefunden werden kann (so scheint das Google Social Graph API, kurz: SGAPI, Beziehungsdaten zu cachen) oder bereits in zahlreiche FOAF-Datensätze auf anderen Seiten integriert wurde. Denn eine sinnvolle Möglichkeit, Beziehungsclaims zu zitieren (“Ich sage, dass Markus gesagt hat, Anne ist mit Peter befreundet”) gibt es meines Wissens noch nicht.

    Das hat zur Folge, darauf hat danbri in seinem VortragSocial Network Portability” am 1. März in Cork hingewiesen, dass derartige Aussagen nicht als Tatsachenaussagen betrachtet werden dürfen, sondern nur als Behauptungen (“Claims”). Ein Semantic Web-Parser muss also in Betracht ziehen, welche Person hinter einer FOAF-Aussage steckt.

    Einen möglichen Ausweg stellen Systeme wie SPARQL (kurz für “SPARQL Protocol and RDF Query Language”) da, die nicht nur die Aussagen aus dem semantischen Netz ziehen, sondern sich darüber hinaus auch dafür interessieren, an welcher Stelle und von welchem Akteur die Aussagen gemacht wurden. Hier geht es also nicht nur um die Frage: “Wer ist mit Peter befreundet?” sondern um “Wer sagt, dass Anne mit Peter befreundet ist?”

    Momentan laufen erste Versuche, WordPress SPARQL-freundlich zu machen (“SparqlPress”). Damit werden zwei Ziele verfolgt: zum einen über einzelne Blogs Daten bereitzustellen, die mit SPARQL abgerufen werden können. Dadurch kann dann zum anderen das eigene Blog in eine automatisch aktualisierte Kontaktdatenbank verwandelt werden. Auf Grundlage der eigenen Kontaktliste können dann Aktivitätsströme erstellt werden, ähnlich zu den Facebook- und Xing-Statusmeldungen oder zu neuen Lifestream-Diensten wie Friendfeed. Mit dem FOAFnaut gibt es auch schon ein graphisches Interface, um das eigene FOAF-Kontaktnetzwerk zu visualisieren.

    Wahrscheinlich lassen sich die Veränderungen, die sich durch die allmähliche Etablierung des Semantischen Netzes für das digitale Identitäts- und Beziehungsmanagement ergeben werden, überhaupt noch nicht in ihrer ganzen Tragweite erkennen. Zwei Punkte scheinen mir jedoch absehbar:

    • Klar ist, dass die in diesem Ausmaß noch nie da gewesene Archivierung und öffentliche Zugänglichkeit von Beziehungsdaten das digitale Identitäts- und Beziehungsmanagement zu einer sehr viel komplexeren Aufgabe machen wird. Das Prinzip “security through obscurity” wird es für diesen Bereich nur noch rudimentär geben: meine sozialen Beziehungen sind nicht mehr Teil der Privatsphäre, sondern öffentlich einsehbar.
    • Das professionelle Reputationsmanagement wird ein sehr wichtiges Geschäftsfeld werden, da für den Normalbürger die Kanäle gar nicht mehr absehbar sind, über die Informationen über die eigene Person verbreitet werden. Früher konnte man sich schon denken, wer ein Gerücht in die Welt gesetzt hat, heute sind es anonyme Maschinen, die Informationen aus unterschiedlichen Quellen kombinieren und als Ergebnis dann z.B. ein mit Ortskoordinaten versehenes Bild der eigenen Familie ausspucken.
    • Zugleich wird sich dadurch auch das Wesen der Suchmaschinen verändern, die nicht mehr allein zum Abrufen von Textinhalten genutzt werden können, sondern auch zum Abfragen von Beziehungsdaten.

    Frei nach Kisch könnte man also schlussfolgern: Mit den Möglichkeiten des Semantischen Netz wird das Leben schöner, aber unsicherer.



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    tagging.png
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    meinvz.pngErst lässt man die Blogosphäre ein wenig über den genauen Namen des künftigen StudiVZ für Ex-Studenten spekulieren, dann geht man gegen die Verwendung der Buchstabenkombination VZ vor und schließlich dann die große Enthüllung des neuen Netzwerks meinVZ.

    Wenn man den Buzz beobachtet, den diese Ereignisse in der letzten Zeit in der deutschsprachigen Blogosphäre erzeugt haben, kann man nur zu dem Ergebnis kommen, dass die Strategie zumindest in dieser Hinsicht aufgegangen ist:


    (Monatsansicht)


    (Wochenansicht)

    Gerade die Marke studiVZ, die bisher, was die Erwähnungen in der deutschsprachigen Blogosphäre betrifft, hinter Facebook und MySpace an dritter Stelle gelegen ist, hat sich dadurch an die erste Stelle katapultiert. Dieser Buzz nützt aber auch der Konkurrenz, die dadurch ebenfalls wieder ins Gespräch kommen und zum Teil neue Februar-Höchstwerte erreichen können. Der meinVZ-Hype könnte sich also zu einem neuen Community-Hype entwickeln. Betrachtet man den Querschnitt für gestern und heute, dann erwähnen zwei von drei Blogbeiträgen mit Bezug auf Social Networks eines der Holtzbrinck-VZe:

    Das spiegelt sich dann natürlich auch darin wieder, das die Holtzbrinck-Gruppe gerade die Blogkonversationen dominiert und Bertelsmann, Springer und Burda auf die Plätze verweist:

    Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich das in den nächsten Tagen und Wochen weiterentwickeln wird.

    UPDATE: Wie man hier erkennen kann, hat studiVZ gestern weiter Buzz erzeugt und meinVZ ist nun das am zweithäufigsten erwähnte Social Network in der deutschen Blogosphäre. Dabei gab es einen time lag zwischen studiVZ und meinVZ, das erst einen Tag später einen entsprechenden “Sprung” gemacht hat:

    Was schreiben die anderen zum Thema meinVZ?

    • In der Gründerszene gibt’s ein Videointerview mit den StudiVZ-Gründern Michael Brehm und Dennis Bemmann
    • Martin Weigert kündigt den meinVZ-Start an und verursacht eine lebhafte Diskussion.
    • Auf turi-2 gibt es die ersten Screenshots des neuen VZs.
    • Brandkraft hat ein Video entdeckt, das die Zielgruppe von meinVZ darstellen soll.
    • Markus relativiert den Hype etwas und verweist auf eine Le Monde-Karte, auf der man sehen kann, in welchen Netzwerke Nord- und Süd-Amerikaner, Europäer, Afrikaner und Asiaten am liebsten gruscheln.
    • Und Robert Basic findet das alles nicht besonders spannend, während der Sichelputzer nicht davon lassen konnte, es gleich einmal am eigenen Leib auszuprobieren.


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