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Online verdrängt Print: Studie befasst sich mit den Digitalisierungsverlierern Tageszeitungen

Wir können nun wissenschaftlich zeigen,
dass Print gegen den digitalen Medienwandel
nicht immun ist
(Kolo/Meyer-Lucht)

max_slevogt_francisco_dandrade_zeitung_lesend_1903.jpgWenn man sich diesen Aufsatz (“Erosion der Intensivleserschaft”) von Castulus Kolo und Robin Meyer-Lucht durchliest, der am Freitag in der Fachzeitschrift “Medien & Kommunikationswissenschaften” veröffentlicht wird, erscheinen die jüngsten Wortschlachten zwischen Qualitätszeitungen auf der einen Seite und Bloggern auf der anderen etwas verständlicher, denn das Fazit der Wissenschaftler lautet wie folgt:

Die Autoren zeigen, dass Tageszeitungen genau dort besonders viele treue Leser verlieren, wo eine starke Hinwendung zum Internet als Nachrichtenmedium zu beobachten ist: Je stärker die Nutzungszunahme von Online-Nachrichten in einer Altersgruppe, desto gravierender sind zugleich auch die Einbußen der Tageszeitungen.

Zu diesem Ergebnis kommen Kolo und Meyer-Lucht durch eine Zeitreihenanalyse der vom Allensbach-Institut erhobenen ACTA- und AWA-Daten der Jahre 2001-2006. Die Autoren lehnen auf ihrer Datengrundlage die Komplementärnutzungsthese (Online verdrängt Print nicht, sondern beide Medien ergänzen sich in ihren jeweiligen Stärken) ab und sehen eine wachsende Polarisierung: Die Parallelnutzung erscheint hier als bloßer Übergang zu einer “habitualisierten Entscheidung” für oder gegen Print. Besondern bei den jüngeren Altersgruppen, die als digital natives mit dem Internet aufgewachsen sind, lässt sich also eine echte Abwendung von den Printmedien betrachten. Damit erscheint die bisherige Koexistenzthese (etwa das Rieplsche Gesetz) als verzweifelter Versuch der Selbstlegitimierung der Digitalisierungsverlierer Tageszeitungen.

Besonders interessant und brisant finde ich diesen medialen Verdrängungseffekt angesichts der möglicherweise nicht nur rein zufällig mangelhaften Umsetzungen des Konzepts “Online-Tageszeitung”, wie zum Beispiel Stefan Niggemeier am Beispiel der Klickgalerien eindrucksvoll demonstriert. Ja, man könnte vielleicht sogar die restriktiven Kommentar-Öffnungszeiten der Süddeutschen Zeitung als Versuch sehen, den Always-On-Charakter des Mediums, einen der zentralen Katalysatoren des Wandels, zu sabotieren. Da stellt sich doch die Frage, wie sehr sich dieser Medienwandel der Tageszeitungen beschleunigen würde, wenn die Medienhäuser ihre digitale Kompetenz aufsbauen würden.

Lesenswert dazu auch:

  • KoopTech: Gatekeeping schwer gemacht. In dem Beitrag kommt Christiane zu dem Ergebnis: “Gatekeeper spielen keine Rolle mehr, wenn sie offensichtlich keine exklusiven Inhalte mehr liefern können, wenn sie nicht allein mehr über den Spin einer Geschichte entscheiden können.”

(Bild: Max Slevogt: Der Sänger Francisco d’Andrade, Zeitung lesend, 1903)



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    Momentan geht es Schlag auf Schlag:

    • Letzte Woche kam eine Studie der EIAA (EIAA steht hier für European Interactive Advertising Association) zu dem Ergebnis, dass die Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen jede Woche im Durchschnitt 13,8 Stunden im Web verbringen und 13,5 Stunden vor dem Fernseher (siehe auch hier)
    • Gerade eben kam eine Meldung des auf Kinder spezialisierte Marktforschungsinstitut Iconkids & Youth (München) heraus, nach der Kinder zwischen 8 und 14 das Internet nicht als Begleitmedium verwenden, sondern als Primärmedium. Allerdings sind die ersten Worte der Kinder nach wie vor “Mama”, “Papa” und “Auto”, aber noch nicht “Browser” oder “Wikipedia”.
    • Dann hat sich auch noch der Coca Cola-Konzern dafür entschieden, auf das Internet als Leitmedium zu setzen: “Wir brauchen TV für die Reichweite. Für unsere Kernzielgruppe der 12- bis 19-Jährigen entwickelt sich allerdings zunehmend das Internet zum Werbeleitmedium” (siehe auch hier)
    • Außerdem ist Joschka Fischer jetzt auch unter die Blogger gegangen – und liefert mit seiner wöchentlichen Zeit-Kolumne ein anschauliches Beispiel für die Schwierigkeit, neue soziale Praktiken wie das Bloggen sauber zu definieren: “Angesichts zahlreicher Kommentare schon bei der Ankündigung seiner politischen Kolumne verwischen sich die Formate. Joschka Fischer wird außerdem auf ZEIT online Essays veröffentlichen und von Gero von Randow in Videogesprächen interviewt. Im Prinzip könnte es sich bei der ZEIT-Kolumne auch um ein Joschka Fischer-Blog handeln”, meint Klaus Eck. Wobei: etwas ähnliches macht er doch auch schon eine ganze Weile im Guardian (via).


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    Steffen Büffel, Falk Lüke, Igor Schwarzmann und Alexander Svensson haben ihre Studie zur Verwendung von Web 2.0-Features in den Online-Auftritten von Zeitungen aktualisiert und können mit interessanten Ergebnissen aufwarten. Besonders deutlich hat sich der Anteil der Zeitungen (71%) vergrößert, die Videoinhalte auf ihren Webseiten anbieten (Youtube-Effekt). Die Grenze zwischen Printzeitung und Fernsehnachrichten wird zunehmend unscharf. Auch die Möglichkeiten der Nutzer, sich inhaltlich zu beteiligen (z.B. per Kommentar) haben deutlich zugenommen: gegenüber 11% im Vorjahr sind es nun schon 28%. Auch das bislang etwas selbstgefällig geäußerte Vorurteil, dass Zeitungen nichts von der Blogosphäre verstehen, lässt sich so nicht halten. Denn mittlerweile gibt es auf fast jeder dritten Zeitungshomepage auch ein Weblog.

    Ich denke aber nicht, dass es sich bei diesen Trends um einen zeitungsspezifischen Effekt handelt, denn auch andere Webseiten rüsten, was interaktive Technologien angeht, immer stärker auf. Das hat vor kurzem auch eine Studie von Laura Massoli angedeutet, die die Homepages von Forschungsförderungsinstitutionen analysiert hat. Viel stärker als die Angebotsseite würde mich jedoch die Nachfrageseite interessieren: geht das Konzept auf? Profitieren die Zeitungen durch ihre Schritte ins neue Netz hinsichtlich Glaubwürdigkeit, Reichweite etc.?



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    bravo.pngSeit einiger Zeit ist der Begriff der “digital natives” (vgl. dazu auch Mark Prensky’s Artikel zum Thema sowie diesen aktuellen Beitrag von Klaus Eck) aus dem Sprachgebrauch der Medien- und Internetforscher kaum mehr wegzudenken. Damit soll die Generation derer beschrieben werden, die als Kind in das digitale Zeitalter hineingewachsen sind und die sich nicht (wie noch meine Generation) diese Welt selbst erarbeiten musste wie man eine Fremdsprache lernt. Die aktuelle Bravo-Jugendstudie “Faktor Jugend 9″ (pdf) hat sich auf explorativem Weg der Altersgruppe 12-15 genähert (wenn auch auf etwas geringer Datengrundlage von 20 Einzelinterviews und 2 Gruppendiskussionen).

    Das zentrale Ergebnis der Exploration sind die unterschiedlichen Medienprofile, wie sie sich aus Sicht der Jugendlichen darstellen:

    • Zeitschriften dienen den Jugendlichen als Ratgeber (“im schnelllebigen In & Out der Glamourwelt”), spielen aber auch im Freundeskreis eine wichtige Rolle: zum einen als Themenlieferant, aber auch als Beschäftigung (Tests). Dabei werden Zeitschriften als besonders glaubwürdig erfahren, da sie von Profis gemacht werden.
    • Fernsehen wird dagegen bewusst dazu eingesetzt, auf unkomplizierte Weise die eigene Stimmung zu beeinflussen oder Zeit totzuschlagen, erscheint den Jugendlichen aber auch unentbehrlich um auf dem Schulhof mitreden zu können (der “GZSZ-Effekt”).
    • Das Radio ist, was wäre anderes zu erwarten gewesen, zu einem reinen Ambient-Medium geworden: nur selten wird bewusst die Aufmerksamkeit auf dieses Medium gelenkt; in den meisten Fällen wird es in den Hintergrund verbannt. Eine Ausnahme: wenn es um lokale und regionale Veranstaltungstipps geht, ist das Radion bei den Jugendmedien ganz vorne mit dabei.
    • Im Zusammenhang mit dem Internet rückt dagegen die Interaktivität in den Vordergrund: dieses Medium wird bewusst als Zwei-Wege-Kommunikation genutzt (“ich schreibe schnell zurück”). Darüber hinaus zeichnet sich dieses Medium aber dadurch aus, dass es amorph ist und vielen Zwecken dienen kann bzw. viele Medien ersetzen kann. Die Substitutionsthese erfreut sich also wenigstens in dieser Altersgruppe einer gewissen Beliebtheit! Komplexere Inhalte in Textform (Wikipedia) werden dagegen vor allem für schulische Zwecke genutzt. Das Internet ist interessanterweise das Medium, in dem die Jugendlichen am offensten für Werbebotschaften sind – besonders, wenn die Werbung neue Informationen oder einen gewissen Unterhaltungswert bietet – virale Botschaften sind bei den Jugendlichen besonders gern gesehen – und nicht zu aufdringlich ist.
    • Interessanterweise geht die Studie extra auch auf das Schlagwort Web 2.0 ein, wenn auch nicht klar wird, was die Autoren damit meinen. Wie auch immer: Weblogs, Foren oder Online Communities werden von den Jugendlichen nicht als besonders wichtige Elemente ihrer Onlinenutzung beschrieben – wenn sie überhaupt schon einmal davon gehört haben. Stattdessen wird auf bewährte Ressourcen (Chat, MSN, ICQ oder “regionale Schülerseiten” – was ist damit gemeint?) zurückgegriffen.
    • Das Handy dient den digitalen Eingeborenen vorrangig als permanente Verbindung zu ihrem Freundeskreis (vgl. dazu auch meinen Beitrag über mobiltelefonierende Nomaden), aber auch als Statussymbol und Gadget (“Mein Handy kann bessere Fotos machen als deins”). Insofern wird nicht nur mit Hilfe des Mobiltelefons kommuniziert, sondern das Handy ist selbst ein wichtiges Gesprächsthema.

    Ach ja, ein weiteres Ergebnis: Wäre die Wikipedia ein Mensch, sie wäre Walter, ein Oldtimer-fahrender und Cordhosen-tragender Oldschooler, der informativ und interessant ist, aber bisweilen etwas länger braucht, um zu verstehen, worum es geht.



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