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RT: Homo sapiens sapiens

Die Retweet-Gesellschaft

Die FAZ hat mit ihrer Serie über das digitale Denken ein Denk-Vakuum ausgefüllt und verblüfft von Woche zu Woche mit intelligenten Gastbeiträgen zu dieser entscheidenden Frage der digitalen Kultur. Ganz zentral geht es darum, was mit unserer Art zu Denken passiert, wenn wir immer mehr Informationen auf externe Speicher auslagern, in einem immer schnelleren Tempo Informationen senden und empfangen und wenn diese Prozesse noch dazu in einer Art instabilem und opakem Kollektiv stattfinden – Cloudsourcing. Die drei Herausforderungen lauten also: Externalisierung, Beschleunigung und Sozialisierung.

In dem jüngsten FAZ-Beitrag schreibt Stephen Baker über die erste dieser drei Fragen, nämlich “Was lassen wir in unseren Köpfen“. Er stellt fest, dass die zunehmende Externalisierung von Informationen und Denkprozessen (ein neuer Höhepunkt wurde mit dem Cloud-Computing erreicht) einen neuen Entwicklungsschub der Homo sapiens-Gehirne bedeutet – nach 40.000 Jahren Stabilität gibt es nun wieder einen neuen Schub:

Jahr für Jahr verdoppelt dieses globale Gehirn die Zahl seiner Transistoren. Es wird stärker. Und während es stärker wird, türmt es nicht nur Berge, sondern ganze Gebirgsketten von Daten auf.

Für die frühen Theoretiker des digitalen Zeitalters wie McLuhan war dies noch eine Entwicklung, die man ins Transzendentale verlängern konnte und so die Herausbildung eines Weltbewusstseins – einer Noosphäre – als etwas positives betrachten konnte. Es scheint seit McLuhans Visionen nichts grundlegendes passiert zu sein, dennoch fällt es zunehmend schwerer, an die Heilserwartung der Noosphäre noch ernsthaft zu glauben. Der gnostische Optimismus ist zerbrochen. Aber woran?

Ich habe darauf noch keine schlüssige Antwort. Ein Anhaltspunkt liefert aber der Flussersche Begriff des Automaten. Wir wissen, dass Medien nichts anderes sind als Verlängerungen menschlicher Organe – in der Regel Sinnesorgane. Werkzeuge also, die Menschen bedienen können, um z.B. weiter, lauter oder schneller kommunizieren zu können. Automaten sind etwas anderes. Automaten sind Wechselbeziehungen zwischen Menschen und Vorrichtungen. Die Vorrichtung ist (wie beim Werkzeug) eine Funktion des Menschen. Aber hier sind die Menschen gleichzeitig auch Funktionen der Vorrichtung.

Für mich ist eine der bedrohlichsten Entwicklungen der digitalen Kultur nicht so sehr die Tatsache, dass wir durch Algorithmen immer besser überwachbar und vorhersagbar werden. Nein, die gefährliche Pointe liegt darin, dass wir uns immer besser überwachbar und vorhersagbarer machen. Noch wirkt es wie ein Sketch, wenn Menschen mit dem Mittagessen warten, bis sie ein Foto davon auf Facebook gepostet haben, vor der Kneipe stehen bleiben bis Foursquare ihnen das erfolgreiche Einchecken bestätigt hat oder reflexartig die Kurzgedanken der digitalen Prominenz per Retweet auf Twitter weiterverbreiten. In diesen Fällen – und das ist nur die zur Karikatur überformte Spitze – machen wir uns zur Vorrichtung von Codes, Datenbanken, Clouds, APIs und neuen Meta-Medienkonzernen wie Apple und Google.

Damit ist mir auch etwas klarer geworden, wass wir mit unserem Slow-Media-Gedanken eigentlich im Sinn haben: Einen Ausbruch aus dieser Matrix. Das Sammeln von Medien, in denen wir uns als Persönlichkeiten wiederfinden und nicht als Automaten. Ein bisschen erinnert mich das an die Erinnerungsgemeinschaft in Fahrenheit 451 – geht es darin nicht genau um die Frage, was wir in unseren Köpfen bewahren können?



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    Eines der Hauptargumente, warum Arbeitgeber ihren Mitarbeitern den Zugang von sozialen Netzwerkplattformen verbieten, ist die Befürchtung, sie würden dadurch von ihrer eigentlichen Arbeit abgelenkt beziehungsweise sie würden durch die Zeit, die sie auf diesen Seiten verbringen, nicht mehr so viel Arbeit erledigen wie zuvor. Um welche Seiten geht es dabei? Die Liste, die in einer aktuellen Befragung von 430 PR-Angestellten zustande kam, ergibt eine schöne Momentaufnahme des social web:

    * Facebook
    * MySpace
    * YouTube
    * Flickr
    * Twitter
    * Squidoo
    * Second Life
    * Blogs
    * Podcasts
    * Video-sharing sites
    * Anything streaming
    * Almost everything. I work for the military. It’s considered a threat.
    * EVERYTHING!

    Deutlich wurde in der Umfrage, dass es meistens nicht um technische Probleme geht (zum Beispiel den hohen Traffic durch das Streamen von Videos, den das US-Verteidigungsministerium als Grund für die Sperrung der Web 2.0-Seiten angegeben hatte), sondern um die Kontrolle der Mitarbeiter.

    Doch ist die Frage, inwiefern die Nutzen hier die Kosten aufwiegen können, denn mit dem Verbot bestimmter Webangebote setzen die Arbeitgeber nicht nur das Engagement und Commitment ihrer Mitarbeiter aufs Spiel, sondern verpassen womöglich Chancen, diese Netzwerke und Plattformen für die Unternehmenszwecke produktiv einzusetzen. Der PR-Blogger Hans Kullin hat im Rahmen der Studie “BlogSweden 3″ – so einer Art “Wie ich blogge?!” auf Schwedisch (hier die Ergebnisse der Vorjahresstudie) – 747 Blogger gefragt, warum sie Mitglied einer sozialen Netzwerkplattform sind. Dabei ergaben sich zahlreiche Motive, die durchaus im Sinne eines Unternehmens sein könnten:

    * 61.6 said “as a way to stay in touch with former colleagues, classmates or suchlike”
    * 54.1% said “to use as a common channel in which to communicate with friends/colleagues”
    * 31.3% said “to network”
    * 18.7% said “to connect with others in my profession”

    Sehr viel sinnvoller als ein Totalverbot des Web 2.0 erscheint mir a) die Ausarbeitung einer Web 2.0-Strategie, b) die Schulung der Mitarbeiter im verantwortungsvollen Umgang mit Web 2.0-Seiten sowie womöglich c) die Einrichtung von Web 2.0-Angeboten im Intranet.

    Außerdem setzt das Netzwerkverbot in Unternehmen eine klassische Trennung von Arbeitszeit vs. Privatleben voraus, die gerade in den wissensbasierten Berufen schlicht nicht mehr gegeben ist (“flexible Work-Life-Balance”). Dazu Shel Holtz von Stop Blocking:

    The replacement is the idea of work/life integration, which means that if you’re going to expect me to work while I’m at home then you damn well better be prepared to let me live a little bit of my life while I’m at work.



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    Wenn man sich mit sozialen Netzwerken beschäftigt, stößt man schnell auf den etwas seltsamen Doppelcharakter des Netzwerkbegriffs: zum einen ist damit die Methode (also Netzwerkanalyse) benannt, mit der man gesellschaftliche Verbindungen (bzw. Verbindungen aller Art) in Gegenwart und Vergangenheit untersuchen kann (vgl. dazu auch die vielzitierte Analyse der Medici-Familie). Zum anderen schwingt aber immer auch die zweite Bedeutung mit, die darauf verweist, dass moderne Gesellschaften sich zunehmend netzförmig organisieren und insofern Netzwerke einen immer wichtigeren Beobachtungsgegenstand für die empirische sozialwissenschaftliche Forschung darstellen (also Netzwerkanalyse).

    Obwohl diese Bedeutungsfelder häufig zusammenfallen, jedoch findet man nur selten explizite Versuche, gesellschaftstheoretische Aussagen aus der Netzwerkforschung abzuleiten (also jenseits des im allgemeinen Sprachgebrauchs verwendeten Netzwerkbegriffs). Eine spannende Ausnahme ist Barry Wellmans Begriff des “networked individualism”, der auf einen fundamentalen Wandel der Vergesellschaftung von gruppenbasierten hin zu netzwerkförmigen Assoziationsmustern beschreibt (pdf hier). Oder anders ausgedrückt: Die Leute leben nicht mehr in Gruppen, sondern in Netzwerken. Merkmale dieser neuen Lebensweise sind:

    1. Glokalisierung von Gemeinschaft: ausgedehnte (z.T. globale) Netzwerke bei weiter bestehender Bedeutung von home bases wie dem Haushalt oder der Arbeit
    2. Netzwerkmanagement: Man ist nicht nur einem/dem direkten Vorgesetzten rechenschaftspflichtig, sondern mehreren Personen z.T. in unterschiedlichen Arbeitsgruppen
    3. Unternehmensnetze: Auch Unternehmen sind nicht mehr autark, sondern in Netzwerke unterschiedlicher Stärke eingebunden
    4. Politiknetzwerke: Etwas argumentationsbedürftig ist die vierte Feststellung, dass auch die internationale Politik zunehmend netzwerkförmig organisiert ist. Das mag plausibel erscheinen, wenn man die gegenwärtigen wechselnden Koalitionen mit der Blockstruktur des Kalten Krieges vergleicht; geht man aber darüber hinaus erscheint diese These schwierig, zumal mir nicht klar ist, was in diesem Netzwerk die Knoten, was die Kanten sind. Länder? Diplomaten? Verträge?

    Interessanterweise liefert Wellman seine Antithese gleich mit: Nach dem 11. September zieht sich das Sozialleben in einem gegenläufigen Trend immer stärker in “little boxes” zurück. Indizien dafür sind: gated communities, Verkehrshindernisse, Wartezeiten und Sicherheitsanforderungen im Luftverkehr, neue Blockbildungen (Nord-Süd).

    Wellman neigt dazu, diese beiden Perspektiven als Entweder-oder-These zu formulieren. Kann man sich diese beiden Pole nicht z.T. auch als Sowohl-als-Auch, wenn nicht gar als Steigerungsverhältnis vorstellen? Was sagt ihr dazu?



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