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Studium 2.0: Vertrauen Studenten der Wikipedia?

Wie sieht es mit der Wikipedia-Nutzung der Studierenden in Deutschland aus? Diese Frage lässt sich mit den Daten des aktuellen Hisbus des Hochschul-Informations-Systems über die Internetnutzung von Studenten beantworten (pdf hier).

Gefragt, welche “Wissensplattform” (schön allgemein ausgedrückt, dass von der Britannica bis zu Wissen.de alles hinein gepackt werden kann) am verlässlichsten sei, antworteten 52% der Studierenden, dass sie der Wikipedia vertrauen oder sogar sehr vertrauen. Sehr viel weniger Vertrauen schenken die Studenten der Spiegel Wissen (34%) oder Zeit Online (34%), MS Encarta (29%), Meyers Lexikon Online (27%), Encyclopaedia Britannica (26%) und Wissen.de (14%). Allenfalls das Onlinewörterbuch LEO (49%) kommt noch in die Nähe der Wikipedia.

Die Autoren der Studie warnen jedoch davor, dies als Beleg für das große Vertrauen der Studierenden in nutzergenerierte Inhalte zu sehen. Die Prozentzahlen beziehen sich nämlich nicht nur auf die fünfstufige Skala von “sehr verlässlich” bis “überhaupt nicht verlässlich”, sondern auch auf die Restkategorie “kann ich nicht beurteilen”. Sieht man sich auch diese Zahlen an, dann wird deutlich: Für die Studierenden gibt es nur eine Wissensplattform, und die heißt Wikipedia. Weniger als ein Prozent fühlen sich nicht imstande, die Zuverlässigkeit der Online-Enzyklopädie zu beurteilen. So sieht Marktbeherrschung aus. Bei der Encyclopaedia Britannica sind es 70%, Wissen.de 68%, Meyers Lexikon 67%, MS Encarta 57%, Zeit Online 55%, Spiegel Wissen 51%, Auch hier liegt Leo mit einem Wert von 35% ziemlich weit vorne.

Ich habe ein bisschen mit den Zahlen gerechnet und diejenigen ausgeklammert, die sich nicht in der Lage sehen, die Glaubwürdigkeit zu beurteilen. Das Ergebnis sieht folgendermaßen aus:

Nun liegt die Wikipedia weit abgeschlagen hinter den meisten anderen Angeboten und auch für LEO sieht es nicht mehr so gut aus. Diese Pointe der HISBUS-Zahlen hat z.B. die Zeit gar nicht mitbekommen. Ich würde das so interpretierenj: Die Benutzung von Wikipedia gehört für die meisten Studenten mittlerweile zum Studienalltag dazu. Das Nachschlagen dort ist zur Routine geworden, die nicht mehr hinterfragt wird, so dass auch die eher als schlecht wahrgenommene Zuverlässigkeit (wobei insgesamt mehr Studenten die Wikipedia als zuverlässig beurteilen denn als nicht zuverlässig) keine große Rolle mehr spielt.

Interessant ist auch der Blick auf das Wikipedia-Vertrauen der unterschiedlichen Studienrichtungen:

Die besten Zuverlässigkeitswerte (“zuverlässig” und “sehr zuverlässig”) bekommt die Wikipedia von den Studenten technischer Studiengänge wie Agrarwissenschaften, Medizin, Ingenieurswissenschaften und Medizin. Die Geistes- und Sozialwissenschaften sind da deutlich skeptischer und den Lehramtsstudenten scheint man in ihrer Ausbildung einzuschärfen, ja die Finger von diesem Teufelszeug zu lassen ;-)

Trotz der intensiven Wikipedia-Nutzung der Studierenden (80% lesen “häufig” oder “sehr häufig” Artikel dort) wird nahezu überhaupt nicht daran mitgearbeitet. Vergesst die 90-9-1-Regel. Die Arbeit an der Wikipedia – ganz egal, ob es um das Schreiben neuer, das Überarbeiten alter Beiträge geht oder um die Beteiligung an Diskussionen geht – findet im Promillbereich statt.

Hier sehe ich deutlichen Nachholbedarf in der akademischen Lehre. Anstatt zum tausendsten Mal das Thema “Theorievergleich Max Weber und Emil Durkheim” in einem soziologischen Grundkurs zu vergeben, sollte den Studierenden die Aufgabe gestellt werden, den entsprechenden Wikipediaartikel signifikant zu verbessern. Dabei sollte auf jeden Fall auf das Wikipedia-Mentorenprogramm hingewiesen werden. Je besser der Artikel schon ist, desto anspruchsvoller wird diese Aufgabe. Wenn das Ergebnis dann ein lesenswerter Enzyklopädieartikel ist, haben alle etwas davon.

Mein Vorschlag: Der Partizipationsgrad an Wissensprojekten wie der Wikipedia sollte als Indikator in die bestehenden Hochschulrankings eingeführt werden. Ich würde gerne eine Liste der Universitäten in Deutschland sehen, geordnet nach ihrem studentischen Wikipediaengagement. Niedrige Studienabbrecherquoten, hoher Anteil ausländischer Studenten – alles schön und gut, aber es fehlt in den Bildungsberichten ein Maß dafür, wie unsere Universitäten über Plattformen wie die Wikipedia zum allgemein verfügbaren Wissen beitragen. Frau Schavan, ich warte!

Welche anderen Ideen und Modelle gibt es, um die Wikipedia-Partizipation an den deutschen Unis zu fördern? Wer ist schon einmal in einem Seminar gewesen, in dem an der Wikipedia gearbeitet wurde?



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    Die Frage, wo denn die ganzen bloggenden Professoren, Forscher und Dozenten seien, hatten wir ja schon mehrere Male hier oder an anderen Orten ausgiebig diskutiert (auch die Netzeitung hatte das Thema seinerzeit aufgegriffen). Mit dem Wissenschafts-Spartenkanal der metaroll lässt sich nun ein erstes Gesamtbild der wissenschaftlichen Subblogosphäre zeichnen.

    Zunächst die frohe Botschaft: es gibt sie, die bloggenden WissenschaftlerInnen und Wissenschaftlerblogs und es sind mehr als man denkt. Mehr als 200, aber wahrscheinlich noch weniger als 300 dürften es alles in allem sein. Wenn man überlegt, dass noch vor einem Jahrzehnt “Homepages” eine Besonderheit von Informatik-Lehrstühlen darstellte (ich hatte damals selbst einige Lehrstuhlhomepage-Premieren verwirklicht), ist das doch ein recht ordentliches Ergebnis.

    Interessant ist auch die Tatsache, dass es bei den Wissenschaftsblogs gar keinen so ausgeprägten Long Tail gibt, wie man auf in dieser Grafik gut erkennen kann (aufgezeichnet ist die Anzahl der Verlinkungen in den letzten 6 Monaten, Technorati-Authority):

    Es gibt einige Blogs, die sehr oft verlinkt werden, dann ein recht breites Mittelfeld und schließlich einige Blogs, die nie oder fast gar nicht verlinkt werden. Aber das sind nicht so viele wie in der “großen” Blogosphäre. Beim Durchforsten der Blogrolls nach Wissenschaftsblogs bin ich wieder auf einige Blogs gestoßen, die ich noch gar nicht kannte, was einmal mehr das Zweite Grundgesetz der Blogosphäre bestätigt:

    Zu jedem Thema gibt es immer noch mindestens ein Blog, das man noch nicht kennt.

    Deshalb liebe Kollegen Wissenschaftsblogger: vernetzt euch, verlinkt euch, kommt ins Gespräch, quer zu den Disziplinen, quer zu den politischen Orientierungen! Denn mit der internen Vernetzung steigt auch die externe Vernetzung und Sichtbarkeit.

    Um nicht nur die Topblogs zu verlinken, hier ein paar interessante Wissenschaftsblogs aus den “hinteren Bereichen” der Liste:

    • Im GeDICKicht wirft Richard Zinken bloggerisch einen wissenschaftlich geprägten Blick auf Gedichte. Es geht dabei weniger als um eine Analyse der Lyrik als vielmehr um das frei-assoziative Erkunden von Verbindungen zwischen den Welten der Poesie und der Wissenschaft. Etwas ähnliches machen wir auch in unserer Molekularküche – dort geht es aber um das Terrain zwischen der Kochkunst und der Wissenschaft. Er sollte nur bald einmal wieder etwas schreiben, der Herr Zinken!
    • Von interaktive Lernumgebungen über eAssessments bis hin zum eMobbing reicht die Themenvielfalt des Blogs von Karsten D. Wolf, der an der Uni Bremen zum Thema “Didaktische Gestaltung multimedialer Lernumgebungen” forscht und lehrt.
    • BlogSchafftWissen ist ein spannendes naturwissenschaftlich ausgerichtetes Blog, das ruhig etwas mehr Beachtung finden dürfte. Dort bloggt Klaus Delueg von Südtirol aus immer wieder interessante Beiträge über den Klimawandel.
    • Seit Januar bloggt Tobias Eberwein vom Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund auf coolepark.de zu journalistisch-medienwissenschaftlichen Themen. Da werde ich auf jeden Fall öfters einmal hineinsehen.
    • Ich kann es kaum glauben, aber dem Archiv nach gibt es das Blog von Karl-Heinz Pazzini, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg, schon seit 1996. Die Postingfrequenz ist zwar sehr gering (z.T. nur zwei Beiträge im Jahr), aber dafür findet man dort einige spannende Videos zur Zukunft der akademischen Lehre.
    • ePUSH ist der Selbstbeschreibung nach “ist Vernetzungs- und Integrationsprojekt, das innerhalb der Laufzeit von zwei Jahren Strukturen der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft [der Uni Hamburg, BK] zusammenführen, entwickeln und nachhaltig etablieren soll.” Hier ist das Projektblog dazu.
    • Hier bloggt der homo sociologicus Martin Booker über … richtig! Soziologie. Gehört natürlich auch in jeden gut sortierten sozialwissenschaftlichen Feedreader.
    • Ebenfalls erst seit gerade eben in meinem Feedreader ist “Hobohms Library and Information Science Blog“, in dem Hans-Christoph Hobohm von der FH Potsdam über Social Software im Bibliothekswesen bloggt.
    • Fast schon vor meiner Haustür gibt es dann auch noch das Piazza-Blog des Instituts für Kommunikationswissenschaften der LMU, für das sowohl Professoren und Instituts-Mitarbeiter als auch Studenten und Alumni schreiben. Klasse Idee. Auch dieses Blog kannte ich bisher nicht, es ist nicht einmal bei Technorati verzeichnet.
    • Außerdem interessant: “Nach der Uni ist vor der Uni“, ein klassisches PhD-Blog von Barbara Rampf, Doktorandin am gerade erwähnten Institut für Kommunikationswissenschaften der LMU.

    Viele der Wissenschaftsblogs in der Liste findet man auch im Wissenschafts-Café, wo man demnächst vielleicht sogar spartenbezogene Feeds abonnieren kann. Ansonsten sei auf die noch jungen Portale Scienceblogs.de und die Scilogs verwiesen, in denen sich viele sehr interessante Blogs finden, von denen es sicher einige ganz nach oben schaffen werden.

    Weitere Hinweise auf Wissenschaftsblogs, die in der metaroll-Liste noch nicht verzeichnet sind, bitte in die Kommentare. Danke!



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