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Flusser, Twitter, Lobo – für ein dialogisches Fernsehen

Eine der intelligentesten Analysen des Fernsehens hat der kosmopolitische Medienphilosoph Vilém Flusser 1974 unter dem Titel “Für eine Phänomenologie des Fernsehens” vorgelegt. Darin versucht er sich durch die Ausblendung alles Vorwissens (bei Husserl heißt das Epoché oder Innehalten, Enthaltung) das Wesen des Fernsehens zu beschreiben, wie es sich dem Phänomenologen unmittelbar präsentiert (“Unter den Möbeln eines Wohnraums steht eine Kiste. Sie hat ein fensterähnliches Glas und verschiedene Knöpfe …”).

Das Fernsehen erscheint aus dieser Betrachtungsweise als “Fenster zum Blicken auf die Welt”, ein Fenster, das in manchen Punkten dem klassischen Fenster überlegen ist (Möglichkeit der Vergrößerung und Verkleinerung von Dingen sowie eine unbeschränkte Aussicht). In anderen Punkten ist der Fernseher dem gewöhnlichen Fenster unterlegen, denn er unterbricht den Dreischritt Orientierung (Ausblick), Engagement (Vorstoß durch die Tür), Einkehr (Rückkehr in die vier Wände). Fernsehen ist passiv.

Noch spannender sind die politischen Mängel des Fernsehens, also diejenigen, die mit dem Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit zu tun haben. Zunächst einmal ermöglicht das Fernsehen z.B. Politikern, das private Wohnzimmer der Leute zu betreten. Aber diese Beziehung ist minderwertig, denn:

Erstens erlaubt die Kiste, die den Politiker in den Privatraum projiziert, keinen Dialog mit ihm, und der Dialog ist die Struktur des politischen Lebens. Und zweitens sind die Millionen von Kisten, die in der Gesellschaft verteilt sind, zwar alle mit demselben Sender (dem Politiker), aber nicht untereinander verbunden. Sie erlauben also keinen Dialog zwischen den Empfängern [...] Es führt einerseits zur Vereinsamung, zur Entpolitisierung des Empfängers und andererseits zur allgemeinen Invasion des Privaten, zum Totalitarismus.

Gestern abend habe ich erlebt, wie dieser Mangel kurzzeitig korrigiert werden konnte. Durch Twitter. In der “Kiste” kam eine Sendung von Menschen bei Maischberger, bei der auch Sascha Lobo, einer der aktivsten Twitterer zu Gast war. Dementsprechend groß war die Aufmerksamkeit auf Twitter. Die vielen maximal 140 Zeichen langen Botschaften lieferten genau den Dialog zwischen den Empfängern, den Flusser im Fall des nackten Fernsehens so vermisst. Und dazu kommt, dass auch einer der im Fernsehen erscheinenden Protagonisten per Twitter direkt ansprechbar war und seinerseits den eigenen Auftritt im Fernsehen zeitversetzt kommentieren konnte.

Die kurzen Kommentare der Twitter-Zuseher reichten von Politik

Ach so, Steuern haben nix mit Abgaben zu tun. Politiker sind Fachidioten mit Scheuklappen. Im Realleben laufen solche Leute vor die Wand

über Ästhetik,

möglicherweise wurde @saschalobo nur als roter Teppich eingeladen. was fatal wäre. #laufenüberiro

Wissenschaft

“Diskontinuierliche Arbeits- und Erwerbsbiographien” wären das Stichwort! #saschalobo #maischberger

oder Rhetorik

@saschalobo guter einstieg, angenehmes tempo

Eine mögliche Nebenfolge des intensiven Begleittwitterns ist, dass die bei solchen Ereignissen übliche Aufarbeitung der Sendung in den Weblogs bisher eher schleppend voran geht.

Unabhängig von der Frage, ob man in 140 Zeichen tatsächlich einen politischen Dialog führen kann, halte ich dieses Experiment für gelungen. Um die 50 Personen sehen gemeinsam eine Fernsehsendung und verwandeln sie durch ihr Getwitter von einem starren diskursiven Broadcast in einen Dialog. Die zweite Einseitigkeit – also das Fehlen einer Verbindung zwischen Empfängern und Sender – wird dadurch vermutlich nicht beeinflusst. Aber ich hoffe, dass früher oder später vielleicht auch die Rundfunkverantwortlichen dieses dialogische Potential entdecken werden, das unendlich wirkungsvoller und ehrlicher ist als die oft so dämlichen Zuschaueranrufe, die von Redakteuren ausgewählt und ins Studio durchgestellt werden.

Ein dialogisches Fernsehen wäre ein sinnvoller Auftrag für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Vielleicht sogar der einzige, der geblieben ist.

Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun.



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    Einmal mehr stellt eine Studie über die Internetnutzung fest, dass es eine erhebliche digitale Spaltung gibt: Der Branchenverband BITKOM zeigt im aktuellen Webmonitor, dass die Emailnutzung deutlich von dem Bildungsgrad abhängt. Während zwei Drittel der Personen mit Abitur oder Hochschulabschluss dieses Dialogmedium nutzen, sind es bei den Realschulabsolventen nur knapp die Hälfte und unter den Hauptschulabsolventen nur noch ein knappes Drittel. So überrascht es kaum, dass angesichts der großen Wichtigkeit von IT-Kenntnissen und der schlechten Ausstattung der deutschen Schulen eine große Bildungsinitiative gefordert wird.

    Man sollte allerdings, ohne das Phänomen der digitalen Spaltung kleinreden zu wollen, einmal darüber nachdenken, dass auch das Diskursmedium Fernsehen in der Anfangszeit ein Elitenphänomen gewesen ist (vgl. dazu die Dissertation “Fernsehen und sozialstruktureller Wandel” von Rudolf Stumberger). Erst in den 1970er Jahren konnte man in Deutschland von einer Vollversorgung sprechen, in den 1950er und frühen 1960er Jahren kennzeichnete die Besitzer von Fernsehgeräten ein überdurchschnittlicher Bildungsgrad und ein relativ hohes Einkommen. Aber im Falle des Fernsehens kam es sehr schnell zu einer Umkehr: So besaßen die einkommensstärksten 12 Prozent der Bevölkerung Großbritanniens im Jahr 1947 fast die Hälfte der Fernsehgeräte, bereits sechs Jahre später standen über die Hälfte der Geräte in Haushalten der “Lower 68%” der Bevölkerung. In Deutschland fand diese Entwicklung entsprechen später statt: Zwischen 1954 und 1963 ist der Anteil der Selbständigen unter den Gerätebesitzern von 59 auf 14 Prozent gesunken, während gleichzeitig der Arbeiteranteil von 9 auf 53 Prozent gestiegen ist.

    Insofern ist fraglich, ob wir es bei der digital divide im Fall von Email tatsächlich mit einem Phänomen eigener Art zu tun haben. Denkbar wäre auch eine Kombination aus den folgenden Faktoren:

    • schichtspezifische Präferenzen und Fähigkeiten, was das freie Verfassen von Texten betrifft,
    • ein ganz gewöhnlicher lag in der Diffusion von neuen Technologien
    • das “Überspringen” der Technologie Email und eine stärkere Nutzung von Chat, IM oder Direktnachrichten in Social Networks wie SchülerVZ oder Lokalisten


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    Momentan geht es Schlag auf Schlag:

    • Letzte Woche kam eine Studie der EIAA (EIAA steht hier für European Interactive Advertising Association) zu dem Ergebnis, dass die Altersgruppe der 16- bis 24-Jährigen jede Woche im Durchschnitt 13,8 Stunden im Web verbringen und 13,5 Stunden vor dem Fernseher (siehe auch hier)
    • Gerade eben kam eine Meldung des auf Kinder spezialisierte Marktforschungsinstitut Iconkids & Youth (München) heraus, nach der Kinder zwischen 8 und 14 das Internet nicht als Begleitmedium verwenden, sondern als Primärmedium. Allerdings sind die ersten Worte der Kinder nach wie vor “Mama”, “Papa” und “Auto”, aber noch nicht “Browser” oder “Wikipedia”.
    • Dann hat sich auch noch der Coca Cola-Konzern dafür entschieden, auf das Internet als Leitmedium zu setzen: “Wir brauchen TV für die Reichweite. Für unsere Kernzielgruppe der 12- bis 19-Jährigen entwickelt sich allerdings zunehmend das Internet zum Werbeleitmedium” (siehe auch hier)
    • Außerdem ist Joschka Fischer jetzt auch unter die Blogger gegangen – und liefert mit seiner wöchentlichen Zeit-Kolumne ein anschauliches Beispiel für die Schwierigkeit, neue soziale Praktiken wie das Bloggen sauber zu definieren: “Angesichts zahlreicher Kommentare schon bei der Ankündigung seiner politischen Kolumne verwischen sich die Formate. Joschka Fischer wird außerdem auf ZEIT online Essays veröffentlichen und von Gero von Randow in Videogesprächen interviewt. Im Prinzip könnte es sich bei der ZEIT-Kolumne auch um ein Joschka Fischer-Blog handeln”, meint Klaus Eck. Wobei: etwas ähnliches macht er doch auch schon eine ganze Weile im Guardian (via).


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    bravo.pngSeit einiger Zeit ist der Begriff der “digital natives” (vgl. dazu auch Mark Prensky’s Artikel zum Thema sowie diesen aktuellen Beitrag von Klaus Eck) aus dem Sprachgebrauch der Medien- und Internetforscher kaum mehr wegzudenken. Damit soll die Generation derer beschrieben werden, die als Kind in das digitale Zeitalter hineingewachsen sind und die sich nicht (wie noch meine Generation) diese Welt selbst erarbeiten musste wie man eine Fremdsprache lernt. Die aktuelle Bravo-Jugendstudie “Faktor Jugend 9″ (pdf) hat sich auf explorativem Weg der Altersgruppe 12-15 genähert (wenn auch auf etwas geringer Datengrundlage von 20 Einzelinterviews und 2 Gruppendiskussionen).

    Das zentrale Ergebnis der Exploration sind die unterschiedlichen Medienprofile, wie sie sich aus Sicht der Jugendlichen darstellen:

    • Zeitschriften dienen den Jugendlichen als Ratgeber (“im schnelllebigen In & Out der Glamourwelt”), spielen aber auch im Freundeskreis eine wichtige Rolle: zum einen als Themenlieferant, aber auch als Beschäftigung (Tests). Dabei werden Zeitschriften als besonders glaubwürdig erfahren, da sie von Profis gemacht werden.
    • Fernsehen wird dagegen bewusst dazu eingesetzt, auf unkomplizierte Weise die eigene Stimmung zu beeinflussen oder Zeit totzuschlagen, erscheint den Jugendlichen aber auch unentbehrlich um auf dem Schulhof mitreden zu können (der “GZSZ-Effekt”).
    • Das Radio ist, was wäre anderes zu erwarten gewesen, zu einem reinen Ambient-Medium geworden: nur selten wird bewusst die Aufmerksamkeit auf dieses Medium gelenkt; in den meisten Fällen wird es in den Hintergrund verbannt. Eine Ausnahme: wenn es um lokale und regionale Veranstaltungstipps geht, ist das Radion bei den Jugendmedien ganz vorne mit dabei.
    • Im Zusammenhang mit dem Internet rückt dagegen die Interaktivität in den Vordergrund: dieses Medium wird bewusst als Zwei-Wege-Kommunikation genutzt (“ich schreibe schnell zurück”). Darüber hinaus zeichnet sich dieses Medium aber dadurch aus, dass es amorph ist und vielen Zwecken dienen kann bzw. viele Medien ersetzen kann. Die Substitutionsthese erfreut sich also wenigstens in dieser Altersgruppe einer gewissen Beliebtheit! Komplexere Inhalte in Textform (Wikipedia) werden dagegen vor allem für schulische Zwecke genutzt. Das Internet ist interessanterweise das Medium, in dem die Jugendlichen am offensten für Werbebotschaften sind – besonders, wenn die Werbung neue Informationen oder einen gewissen Unterhaltungswert bietet – virale Botschaften sind bei den Jugendlichen besonders gern gesehen – und nicht zu aufdringlich ist.
    • Interessanterweise geht die Studie extra auch auf das Schlagwort Web 2.0 ein, wenn auch nicht klar wird, was die Autoren damit meinen. Wie auch immer: Weblogs, Foren oder Online Communities werden von den Jugendlichen nicht als besonders wichtige Elemente ihrer Onlinenutzung beschrieben – wenn sie überhaupt schon einmal davon gehört haben. Stattdessen wird auf bewährte Ressourcen (Chat, MSN, ICQ oder “regionale Schülerseiten” – was ist damit gemeint?) zurückgegriffen.
    • Das Handy dient den digitalen Eingeborenen vorrangig als permanente Verbindung zu ihrem Freundeskreis (vgl. dazu auch meinen Beitrag über mobiltelefonierende Nomaden), aber auch als Statussymbol und Gadget (“Mein Handy kann bessere Fotos machen als deins”). Insofern wird nicht nur mit Hilfe des Mobiltelefons kommuniziert, sondern das Handy ist selbst ein wichtiges Gesprächsthema.

    Ach ja, ein weiteres Ergebnis: Wäre die Wikipedia ein Mensch, sie wäre Walter, ein Oldtimer-fahrender und Cordhosen-tragender Oldschooler, der informativ und interessant ist, aber bisweilen etwas länger braucht, um zu verstehen, worum es geht.



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