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Das lange 19. Jahrhundert der Zeitungsmacher

Der gerade eben veröffentlichte Medien-Trendmonitor liefert wieder einmal spannende Einblicke in die Überzeugungen der Journalisten und Redakteure. Eine Frage ist besonders schön, da sie einen tiefen Glaubensinhalt des Printjournalismus betrifft: Die Frage nach dem Leitmedium.

Man muss sich das in etwa so vorstellen: Unabhängig von kleineren Veränderungen und Verschiebungen gibt es große gesellschaftliche Trends, was den öffentlichen (oder: veröffentlichten) Diskurs betrifft. Luthers Zeitgenossen haben sich noch Flugschriften bedient, wenn sie eine relevante Öffentlichkeit erreichen wollten, 100 Jahre später konnte man sich mit gelehrten Büchern an die Öffentlichkeit wenden. Im 19. Jahrhundert begann dann die Ära der Zeitung, genauer: der Massenpresse, die durch neue Drucktechnologien möglich wurde. Und danach? Nichts mehr. Der Medien-Trendmonitor formuliert es wie folgt:

Das Ergebnis ist eindeutig: Die gedruckte Zeitung bleibt weiterhin das maßgebliche Leitmedium. Diese Meinung zieht sich durch alle Berufsgruppen sowie Medienbereiche.

Kein Radio, kein TV, kein World Wide Web, ja nicht einmal die Onlineausgaben der Tageszeitungen und Zeitschriften spielen hier eine Rolle. Nur 3,8 Prozent der 3093 online-befragten Redakteure und freien Journalisten sind der Meinung, dass das Internet die Zeitung als Leitmedium bereits abgelöst hat. Noch weniger sind es in den Redaktionen der Tageszeitungen. Verständlich. Da überrascht es auch nicht, dass das Web 2.0 (was auch immer darunter verstanden wird) für zwei Drittel der Befragten nur eine geringe oder gar keine Relevanz für die journalistische Arbeit hat. Zum Glück ist es nur von untergeordneter Wichtigkeit, was die Zeitungsmacher selbst für relevant halten oder als Leitmedium empfinden. Viel wichtiger ist die gesellschaftliche Relevanz, die allerdings mangels zuverlässiger Zahlen und Forschung noch nicht hinreichend belegt werden kann.

Einschränkend muss man dazu sagen, dass die gedruckte Zeitung hier nur mit dem Internet verglichen wurde und nicht mit den Leitmedien des 20. Jahrhundert Radio und TV, die was Glaubwürdigkeit und Verbreitung betrifft, gerade bei den jüngeren Mediennutzern die Zeitung schon seit längerem abgelöst haben. Aktuelle Studien zeigen, dass dort mittlerweile auch das Internet schon vor den Zeitungen liegt. (via Martin Welker)



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    Schon des öfteren habe ich die These vertreten, dass Print nicht tot ist, genauso wenig wie Nachrichten tot sind. Aber die enge Verbindung von Print und News, wie sie sich beispielhaft in den großen Tageszeitungen beobachten lässt, verliert angesichts der in nahezu jedem Fall größeren Aktualität von Onlinenews oder der ungefilterten Nachrichtenkanälen wie Twitter oder Blogs stetig an Bedeutung (mittlerweile experimentieren auch Tageszeitungen wie Welt-Kompakt oder die Hamburger Morgenpost mit dem Instantmedium Twitter).

    Das sollte aber nicht verwechselt werden mit einer Demokratisierung der Nachrichtenproduktion und -distribution. Auf der einen Seite bestehen tatsächlich neue Möglichkeiten einer Nachrichtenproduktion und -distribution im Long Tail des WWW, die im Übrigen noch deutlich zu wenig genutzt werden. Auf der anderen Seite gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die Onlinenachrichtenquellen sehr viel stärker konzentriert sind als es in der Printwelt der Fall gewesen ist. Zu diesem Ergebnis kommt auch der “State of the News Media“-Bericht des Project for Excellence in Journalism:

    Online, for instance, the top 10 news Web sites, drawing mostly from old brands, are more of an oligarchy, commanding a larger share of audience than they did in the legacy media. The verdict on citizen media for now suggests limitations. And research shows blogs and public affairs Web sites attract a smaller audience than expected and are produced by people with even more elite backgrounds than journalists.

    Der Bericht skizziert sechs Trends in der Entwicklung der Nachrichtenmedien, die sich 2008 zumindest in den USA schon deutlich abgezeichnet haben:

    • Nachrichten verwandeln sich von einem Produkt in eine Dienstleistung. Dazu gehört auch der Trend zu einer Art perpetual beta-Nachrichten: immer wieder kleine Updates anstelle der klassischen (Morgen- und Abend-)Ausgaben. Das heißt aber auch, dass der aktuelle Nachrichten-Release nur ein Zwischenstand ist, der später ergänzt oder korrigiert werden muss. Das ist freilich nicht neu, wurde aber durch das Erscheinungsbild einer Zeitung als fertiges Produkt überdeckt.
    • Nachrichtenseiten sind nicht mehr Endpunkte, sondern Zwischenstationen. Nachrichtenportale sind keine walled gardens mehr. Die dort publizierten Meldungen können syndiziert, kommentiert, geokodiert, auf Facebook gepostet, gediggt oder geyiggt werden. Sie werden zu einem unter vielen Rohstoffen in digitalen Mashups. Anders ausgedrückt: news is a river.
    • Nutzergenerierter Content spielt (noch) keine große Rolle. Obwohl die Nutzer im Web 2.0 Nachrichten remixen können, spielt die eigene Produktion von Nachrichten wie es die Bürgerjournalismus-Idee will nur eine untergeordnete Rolle. Hier formuliert der Bericht eine interessante Pointe: die Graswurzelnachrichten in Blogs sind sehr viel geschlossener und altmodischer als die großen Nachrichtenportale: “In short, rather than rejecting the ‘gatekeeper’ role of traditional journalism, for now citizen journalists and bloggers appear for now to be recreating it in other places.”
    • Die Rückkehr des Newsroom. Verkündete man vor 10 Jahren noch das Ende des Newsroom, so ist das Nachrichtenressort mittlerweile sehr viel weniger umstritten als z.B. die Verlagsseite (fehlende Monetarisierungsmodelle für Online) oder die Meinungsseite (Blogger machen das, gerade in den USA, häufig besser).
    • Einengung der Agenda. Trotz der Pluralisierung von Nachrichtenquellen und -kanälen ist in jüngster Zeit die Nachrichtenagenda weiter geschrumpft. Irakkrieg und Präsidentenwahl sind die Themen, die ein Viertel der Nachrichtenmeldungen in den USA bestimmten.
    • Die Werbeagenturen sind ratlos. Hier halten sich die alten Formen, so dass der Leidensdruck für die alten Medien dadurch noch eine Weile niedrig gehalten wird. Aber auch hier sieht das Project for Excellency in Journalismus früher oder später eine drastische Veränderung: “But the losses could begin to accelerate when answers come. The question of whether, and how, advertising and news will remain partners is unresolved.”

    Zugespitzt formuliert: Die Nachrichtenindustrie ist ein Zombie, der sich im Halbschlaf befindet und nur deshalb nicht bemerkt, dass das Suchmaschinenzeitalter längst begonnen hat. Deshalb wird in Zukunft von großer Bedeutung sein, nach welchen Kriterien die großen Player Google und Yahoo den Zugang zu Nachrichtenmeldungen herstellen. Schon jetzt zeigen sich unterschiedliche Gewichtungen von Quellen und Themen – ein Problem sehe ich aber darin, dass diese Gewichtung nicht mehr auf Menschen und ihre politische Agenda zurechenbar ist, sondern von Algorithmen abhängt, die von außen nicht durchschaubar sind.



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    Für Soziologen, Statistiker und Marktforscher ist es – spätestens seit Quételet – keine Überraschung mehr: Auch wenn die meisten davon überzeugt sind, in ihren Handlungen die eigene Individualität auszudrücken, ist das Ergebnis eine geordnete Struktur, die sich sehr präzise vorhersagen lässt. Nehmen wir zum Beispiel die Nahrungsgewohnheiten der Deutschen wie sie sich in den Google-Suchbegriffen widerspiegeln:

    googlegaense.png

    Um die Weihnachtsfeiertage wird auf einmal das Thema “Gans” höchst relevant: Deutschland sucht nach Rezepten für die perfekte Weihnachtsgans (man beachte auch die kleine Spitze davor zur Martinszeit). Weil die Feiertage dann aber gar so fett waren, wird gegen Jahresende dann auf einmal verzweifelt nach Diätratschlägen gesucht.

    (Dank an Philipp Lenssen, dessen schönen Grafiken zu “turkey” + “diet” ich für diesen Eintrag nur auf den hiesigen Kontext übertragen musste. Vergleiche auch die spannenden Diskussionen über viele Ähnliche Googleismen auf reddit.com)



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    Zukunfts- und Trendforscher Matthias Horx nahm auf dem FRA-Medientreff seine Begeisterung für Weblogs als neue Kommunikationsmedien doch etwas zurück. Ist in dem “Zukunftsletter” noch von einer mit Weblogs verbundenen “existenziellen Verschiebung des Verhältnisses von Privatheit und Öffentlichkeit” die Rede, heißt es jetzt: “Menschen nehmen nur ernst, was raschelt”.

    Er verweist auf stagnierende oder zurückgehende Klickzahlen, um seine These zu unterstützen, dass dem Web 2.0 und den Weblogs die “sinnliche Dimension” fehlt, weswegen dieses “Genörgel von tausenden von digitalen Spießern” auch keine ernsthafte Bedrohung für die Printpresse und ihre “kommentierende und hintergründige Berichterstattung” sein können. Außerdem könne man fast schon von einer “Renaissance der Langsamkeit” sprechen (wer ein bisschen recherchiert, stellt aber schnell fest, dass dieser Trend auch die Welt der Weblogs betrifft). Aber allzu drastisch will Horx das auch nicht verstanden werden und hält sich die Möglichkeit offen, dass nach der gegenwärtigen “Wild Gadget Phase” (= Technik als billige “Ausrede für nicht existente Inhalte”) doch noch eine “digitale Lifestyle-Phase” folgen könnte.

    Wie könnte dieser digitale Lebensstil aussehen? Handelt es sich vielleicht um ein neues Vernetzungsmuster (Twitter, Facebook etc.) auf Grundlage eines erreichten hohen Individualisierungsgrades? Also um eine Art networked individualism?



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  • Die Zukunft des WWW (Richard MacManus)

    Sehr lesenswert ist dieser Beitrag, in dem Richard MacManus zehn zukünftige Trends des WWW skizziert, die sich um den Kerngedanken der Konvergenz von physikalischer und digitaler Vernetzung und Objekte drehen (“your online activity will be mixed with your presence, travels, objects you buy or act with”). Hier die Trends:

    1. Trotz der relativ frühen Ankündigung ist das Semantische Netz immer noch nicht so richtig in Gang gekommen. Da nach und nach Metadaten eine immer größere Rolle im Netz spielen (man denke an RDF, OWL und die hier von mir beschriebenen Mikroformate), könnte der nächste Schritt in einer Ausweitung der automatisierten semantischen Operation von Computersystemen liegen.
    2. Damit eng verbunden ist möglicherweise eine starke Intensivierung der künstlichen Intelligenz von Computern. Die ersten “intelligenten” Web2.0-Problemlösungssysteme sind vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt, wie man meinen möchte.
    3. Der dritte Trend sind, trotz der Second-Life-Ernüchterung, virtuelle Welten. Sowohl sozial- als auch unterhaltungsorientiert; sowohl zwei- als auch dreidimensional. Für MacManus bedeutet das jedoch nicht nur, dass die digitalen Welten sich immer mehr der physischen Realität annähern, sondern auch umgekehrt: Das “echte Leben” wird digitaler, zum Beispiel durch das (Geo-)Taggen physischer Objekte.
    4. Kaum mehr zu übersehen ist der Trend in Richtung des mobilen Netzes, das nicht nur vom heimischen Computer aus erreichbar ist, sondern auch mithilfe tragbarer Geräte. Man denke zum einen an Twitter, Plazes und die vielen anderen Webseiten, die mit m. beginnen, zum anderen (Stichwort ist hier die “digital divide”) aber auch daran, dass die Verbreitung mobiler Telefone in den “Entwicklungsländern” größer ist als in der “entwickelten Welt”.
    5. Hinter vielen Web2.0-Diensten lassen sich Anzeichen für einen Bedeutungsgewinn der “Aufmerksamkeitsökonomie” feststellen. Web2.0-Dienste werden nicht in der monetären Währung bezahlt, denn bereits die Anwesenheit von Nutzern auf den Seiten ist Teil der Bezahlung. Die Nutzer schaffen nicht nur user generated content, sondern vor allem: das wertvolle Gut Gemeinschaft.
    6. Der nächste Trend taucht in vielen Definitionen des Web2.0 auf: der Wandel von Webseiten zu Webdiensten, die in immer neuen Kombinationen miteinander vermischt und verschränkt werden können (“Mashups”).
    7. Weiter expandieren wird nach MacManus das Angebot von Video und TV im Internet. Die nächsten Veränderungen sind bereits absehbar: “Higher quality pictures, more powerful streaming, personalization, sharing, and much more – it’s all coming over the next decade.” Spannende Frage ist: Wie reagieren die Fernsehsender darauf?
    8. Auch der Trend zu “Rich Internet Applications” (RIA) ist Bestandteil der klassischen Web2.0-Definition.
    9. Eine Entwicklung, die die Internetlandschaft deutlich umstrukturieren könnte, wäre das Aufholen der bisherigen Internetnachzügler und die Abmilderung der bisherigen ungleichmäßigen, US-Europa-zentrierten Entwicklung (also ein neuer Globalisierungsschub). Gerade die Mobilisierung des Webs könnte dazu führen, dass auf einmal ganz andere Regionen für die Entwicklung von Social Software interessant werden.
    10. Doch diese Globalisierungswelle könnte durch den möglicherweise gleichzeitig ablaufenden Personalisierungsschub verdeckt werden und die Internetdienste können derart perfekt auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt angeboten werden, dass man die Entwicklungen hinter den unsichtbaren Mauern des eigenen “walled gardens” gar nicht mehr wahrnimmt.

    In der Diskussion, die sich daraufhin entfaltete, wurden noch weitere Punkte genannt, von denen ich folgende besonders hervorheben möchte:

    • Thomas Huhn weist auf die Bedeutung des Identitätsmanagements im neuen Netz hin, das insbesondere durch die über zahlreiche Netz verteilten Personendaten erschwert wird. Zu diesem Thema ist auch dieser Beitrag von Klaus Eck lesenswert.
    • Weitere Themen, die in der Aufzählung nicht genügend berücksichtigt werden, sind: die Auswirkungen auf die politische Landschaft, die (unsichtbare) Konvergenz verschiedener Datentypen sowie der möglicherweise tiefgreifende Wandel von Kommunikationsformen (zwischen Menschen wie auch zwischen Mensch und Computer).

    Allerdings muss ich sagen, dass mir nicht ganz klar ist, welchen Status die beschriebenen Trends haben. Einiges (wie das “Semantische Web”) sind Utopien, die als Leitbild technische Entwicklungen und möglicherweise auch soziale Bedeutungsverschiebungen nach sich ziehen können, jedoch wahrscheinlich niemals in der skizzierten Form verwirklicht werden können. Andere Trends sind keine Zukunftsprognosen, sondern Entwicklungen, die sich im Hier und Jetzt vollziehen (aber zum Teil nicht als wirkliche Umbrüche wahrgenommen werden). Eine spannende Liste ist es jedoch allemal, an der ich vor allem die sich immer stärker abzeichende Perspektivverschiebung von der Digitalisierung als solcher hin zu den Implikationen der neuen Vernetzungsformen für die “wirkliche Welt”, das “real life” oder die “physische Umwelt” wegweisend finde.



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