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Die Macht des Mikrobloggens

Wenn man sich die Entwicklung des “neuen Netzes” (Web 2.0) in der jüngsten Zeit näher ansieht, dann kann man derzeit einen neuen Trend beobachten: Neben das klassische Bloggen, also das Veröffentlichen von mehr oder weniger ausführlichen Beiträgen im eigenen Blog, tritt das Mikrobloggen (microblogging). WWW-Dienste wie Twitter, Pownce oder Jaiku ermöglichen das Versenden von Kurzbeiträgen (auf Twitter sind es maximal 140 Zeichen) oder mit Kurzkommentaren versehene Links oder Dateien an die allgemeine Mikroöffentlichkeit oder nur an die eigenen Kontakte (friends).

Eine (spezialisierte) Variante des Mikrobloggens besteht darin, anderen mitzuteilen, was man gerade tut (status blogging). status.PNGDies ist nicht nur mit den genannten Mikrobloganbietern möglich, sondern findet zunehmend Eingang in andere Applikationen wie etwa Facebook, wo es in jedem Profil ein Feld mit “Status Updates” gibt (siehe Abbildung) sowie eine Übersichtsseite, auf der man sich alle Statusänderungen, also alle angegebenen Aktivitäten seiner “Friends” anzeigen lassen kann.

Neben diesen Oberflächen, mit denen sich beliebige Informationen verschicken lassen und auch Gespräche geführt werden können (mit vorgeschaltetem @ wie in @Martin), sind aber auch Geoblogging-Dienste wie Plazes beliebt auf denen der Nutzer in erster Linie angibt, wo er oder sie sich gerade befindet oder wohin er gerade unterwegs ist. Die Übergänge zwischen diesen drei Spielarten sind jedoch fließend: auch auf Twitter kann mitgeteilt werden (und wird mitgeteilt), wo man sich gerade aufhält ebenso wie man Plazes für eine kurze Tätigkeitsbeschreibung gebrauchen kann.

Manche sehen darin bereits den Beginn einer neuen Kommunikationsform, sei es eine Art subliminaler Orientierungssinn virtueller Gemeinschaften oder eine Form von “ambient information“. Um diese sicher ebenfalls spannende Frage, wie sich Mikrobloggen kommunikations- und medientheoretisch fassen lässt, soll es jedoch im Folgenden nicht gehen. Stattdessen stellt sich hier die Frage, wie diese bereitwilligen Auskünfte über das eigene Leben und die eigene Person (also diese veröffentlichte Selbstüberwachung) in einen Kontext passen, in dem Fragen von Anonymität und Datenschutz ein hohes Maß an Aufmerksamkeit beanspruchen können (Stichwort: “Bundestrojaner”).

Im Folgenden habe ich 10 Thesen versammelt, warum das Mikrobloggen derzeit (und überhaupt) trotz der offensichtlichen oberflächlichen Ähnlichkeit zu Überwachungsszenarien einen so regen Zuspruch erfährt:

  1. Die Bezugsgruppe der “Freunde” (friends) spielt eine große Rolle. Erfahren wird, dass sich andere Personen, die einem selbst zwar nicht unbedingt sozialstrukturell, aber zumindest in ihrer Technikaffinität ähneln, dort ebenfalls “enthüllen”.
  2. Eine weitere Selbstberuhigung dürfte darin liegen, dass an anderen Orten des Internets sehr viel stärker und offensichtlicher Daten gesammelt werden, so dass das Mikrobloggen auch nicht mehr viel ausmacht.
  3. Das Mikrobloggen wird von der Illusion begleitet, dass ich meine Selbstdarstellung kontrolliere und nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Inhalte bewusst herausfiltern kann.
  4. Die Exit-Option ist immer präsent: Wenn es mir zu bunt wird, bzw. wenn sich negative Konsequenzen ergeben könnten, besteht immer noch die Möglichkeit, damit aufzuhören.
  5. Im Zusammenhang mit dem 2. Punkt könnte auch eine Rolle spielen, dass die im Internet insgesamt anfallenden Verhaltensspuren für so umfangreich gehalten werden, dass keine sinnvollen Informationen daraus entnommen werden (signal to noise ratio).
  6. Zudem wird es grundsätzlich für möglich gehalten, bewusst eine falsche Darstellung, eine fiktive Internetidentität anzunehmen und dadurch (scheinbar) unbrauchbare Daten zu produzieren.
  7. Möglicherweise hält sich aber auch die Vorstellung, dass die wirkliche Person hinter den Äußerungen nach wie vor anonym bleiben kann.
  8. Denkbar ist auch die Vorstellung, dass die positiven Wirkungen im Sinne von Werbung für die eigene Person in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie überwiegen.
  9. Auch die “Es-bleibt-unter-uns”-Annahme könnte sich als wichtig erweisen, also die Vorstellung einer grundlegenden Reziprozität: ich nutze die Informationen über die anderen nicht für “böse” Zwecke und kann insofern davon ausgehen, dass die anderen das mit meinen Informationen auch nicht machen werden.
  10. Schließlich ist aber auch denkbar, dass sich der oder die MikrobloggerIn überhaupt nicht vorstellen kann, für welche Zwecke die preisgegebenen Informationen überhaupt genutzt werden könn(t)en.

Diese Thesen ähneln den Argumenten, die auch in der Surveillance-Debatte immer wieder auftauchen, jedoch mit dem Unterschied, dass es hier nicht nur um die Frage geht, warum gegen die Überwachung der eigenen Person nicht protestiert wird, sondern warum man diese “Überwachung” sogar selbst leistet (und im Falle des ausländischen SMS-Gateways z.T. sogar dafür zahlt).



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    Gibt es Höhlenmenschen im Web 2.0? Nein, dies soll nicht etwa auf die mangelnden Umgangsformen anspielen, die den User Generated Content manches Mal begleiten und auch nicht auf die schlichte Eleganz und Funktionalität der Höhlenzeichnungen von Lascaux oder Niaux, die in dem Design von del.icio.us vielleicht ihr modernes Äquivalent gefunden haben. Stattdessen beschreibt der Begriff eine bestimmte Form der Vernetzung, in der eine Population in zahlreiche Cluster aufgeteilt ist, die nicht miteinander verbunden sind. Schematisch lässt sich diese Form in etwa so darstellen:
    cavemen.png
    Die Fragmentierung des Netzwerks führt in diesem Fall dazu, dass die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Knoten (z.B. User in einer Community) miteinander in Kontakt geraten, gegen null tendiert. Sehr viel spannender ist dagegen eine Abwandlung des Schemas – der “connected caveman graph”, in dem zwischen den Clustern einige wenige Verbindungen bestehen:
    ccavemen.png
    Nun kann man trotz der nach wie vor starken Clusterung von jedem Knoten jeden anderen erreichen. Das entgegengesetzte Modell ist das einer zufälligen Verbindung der einzelnen Knoten, in dem keine Cluster bestehen, dafür aber die charakteristische Pfadlänge zwischen zwei beliebigen Knoten geringer ist als in dem ebengenannten Modell.

    Duncan J. Watts hat in seinem wichtigen Aufsatz “Networks, Dynamics, and the Small-World Phenomenon” (pdf, Zusammenfassung) aus dem Jahr 1999 das connected caveman sowie das random distributed Modell als Ausgangspunkt genommen, um eine mathematische Theorie des Small-World-Phänomens zu formulieren. Dem Problem der Widersprüchlichkeit von Kleine-Welt-Phänomenen – sie beschreiben Netzwerke auf, die gleichzeitig stark geclustert sind und eine niedrige charakteristische Pfadlänge zwischen zwei Knoten besitzen – begegnet er, in dem er viele Zwischenformen zwischen den beiden beschriebenen Modellen graphentheoretisch analysiert und schließlich auf die Bedeutung von Abkürzungen stößt, die in einem stark geclusterten Modell die Pfadlänge gravierend senken können, ohne die Gesamtzahl der Verbindungen wesentlich zu erhöhen und damit in Richtung eines zufällig geclusterten Netzwerks zu gelangen.

    Durch so ein Muster wird es möglich, sich darüber zu wundern, dass man mit einer anderen Person über nur wenige Schritte verbunden ist, obwohl man selbst nur in einem lokalen vernetzt ist und keinen shortcut in der Nähe ahnt. Es bleibt aber eine empirische Aufgabe, diese Beobachtungen an sozialen Netzwerken wie OpenBC, Facebook oder Twitter zu überprüfen.



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    Einen interessanten Versuch der Klassifikation (digitaler) sozialer Netzwerke hat Robert Peck, Internetanalyst bei Bear Sterns unternommen. Er unterscheidet vier verschiedene Typen:

    1. Freizeitorientierte Seiten (“leasure-oriented sites”)
    2. Berufsorientierte Seiten (“professional networking sites”)
    3. Medienorientierte Seiten (“media sharing sites”)
    4. Begegnungsorientierte Seiten (“virtual meeting place sites”)

    Zu der ersten Form, den freizeit- oder unterhaltungsorientierten Seiten rechnet er zum Beispiel MySpace, Facebook, Orkut oder Friendster. Also alles Seiten, auf denen sich die Benutzer mit anderen in Kontakt setzen, um sich über bestimmte Bands, Hobbies etc. auszutauschen oder Spiele miteinander spielen (z.B. Roshambull auf Facebook). Die Berufsorientierten Seiten wie LinkedIn (oder Xing, wäre hier zu ergänzen) dienen vor allem Karrierezwecken, also dem Ziel der Vernetzung mit Personen, die für die eigene berufliche Tätigkeit relevant sind. Medienorientierte Netzwerke wie YouTube oder Flickr benutzt man, um Videos oder Bilder miteinander auszutauschen. Schließlich sind noch virtuelle Räume wie Second Life aufzuführen, in denen man sich, vermittelt über Avatare und simulierte Architekturen, in einem virtuellen dreidimensionalen Raum begegnen kann. Seiner Ansicht nach werden diese Netzwerke früher oder später die Rolle der klassischen Internetportale wie Yahoo! übernehmen, vor allem, weil sie mittels Widgets andere Informationen (Wetter, Musik, Horoskope etc.) integrieren können.

    Den kommenden Trend sieht er in der Ausweitung von digitalen sozialen Netzwerken auf mobile Clients, die es ermöglichen, dass der Benutzer praktisch ununterbrochen (auch unterwegs) in seinem Netzwerk präsent ist. Dabei spielen GPS-Geräte eine große Rolle, die durch die Positionsangabe dem Netzwerken eine neue “real world dimension” hinzufügen können. Allerdings verwendet nur ein geringer Teil der Mobiltelefonienutzer (17%) auch das mobile Internet.

    In Anschluss an die Präsentation, die Yahoo nahe legt, (digitale) soziale Netzwerke ernst zu nehmen (und zum Beispiel Facebook zu kaufen) wird zum Beispiel hier darüber diskutiert, inwiefern es sich bei diesen Netzwerken nicht um ein Phänomen handelt, das von Anfang an die Entwicklung des Internets begleitet hat (also vom Usenet über BBS, AOL, Geocities bis hin zu Friendster, Myspace, LinkedIn, Facebook und Twitter. Außerdem wird daran erinnert, dass Yahoo! 1999 mit der Übernahme von Geocities (für 3,5 Mrd. USD) schon einmal versucht hat, in das Social-Networkingbusiness einzusteigen. Andere bemerken, dass sich Yahoo! mit seinen eigenen Netzwerken (360°, del.icio.us, Yahoo Answers, Geocities, Flickr und dem Yahoo Messenger nicht hinter Facebook zu verstecken braucht, sondern versuchen sollte, diese Dienste einfacher zugänglicher zu machen und vor allem in eine einheitliche Oberfläche zu integrieren. (via)



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