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Macht Google klug?

GehirnaktivitätWie titelte der Spiegel doch Anfang August so schön: “Macht das Internet dumm?” Viele Weblogautoren hatten sehr schnell eine plausible Antwort auf diese Frage parat: “Nein, nur Spiegelautoren bei der Suche nach einem griffigen Titel”, denn die Nähe zu Nicholas Carrs Frage “Is Google Making Us Stupid?” im Atlantic war einfach zu frappierend.

Eine Forschergruppe um Gary Small im Semel Institute for Neuroscience and Human Behavior der UCLA haben diese Frage nun etwas näher untersucht (siehe dazu auch Smalls Buch “iBrain: Surviving the Technological Alteration of the Modern Mind“). In einem Experiment wurde die Hirnaktivität von 24 Testpersonen zwischen 55 und 76 untersucht – die eine Hälfte mit Interneterfahrung, die andere ohne.

Als die Probanden ein Buch lesen sollten, zeigten sich keine nennenswerten Unterschiede in der durch funktionellen Magnetresonanztomographie gemessenen Hirnaktivität, bei der Internetsuche hingegen schon. Dazu Small:

Our most striking finding was that Internet searching appears to engage a greater extent of neural circuitry that is not activated during reading — but only in those with prior Internet experience.

Er interpretiert dies einen Hinweis darauf, dass Googlen eine komplexe Aktivität ist, die dazu in der Lage ist, Verbindungen im Gehirn zu verbessern. Also: Lebenslanges Lernen mit Google?

Bei allen Vorbehalten, was die Interpretation von Gehirnaktivität betrifft oder die Zahl der Teilnehmer, macht dieses Ergebnis doch Hoffnung, dass der Spiegel-Redaktion mit etwas mehr Zeit im Internet so etwas wie der erwähnte Spiegel-Titel nicht mehr vorkommen wird.



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    Die Zukunft wird sprechen (Goya 1803-24)

    Die Zukunft wird sprechen

    Was mir gestern auf dem Heimweg von dem Interview im Bayerischen Rundfunk, das natürlich mal wieder viel zu schnell vorbei gewesen ist, noch eingefallen ist: Das Thema der (mangelnden) Relevanz von Weblogs (siehe insbesondere hier, hier und diese Übersicht) zeigt eigentlich nur eines, nämlich, dass die Massenmedien das Prinzip Blog immer noch nicht annähernd verstanden haben.

    Mittlerweile haben sie ein Verständnis für Onlinepublikationen entwickelt, sie lernen langsam, aber sicher das Verlinken, nutzen die Instrumente des Web 2.0. Aber von Weblogs haben sie keine Ahnung. Denn wenn man liest, an welchen Stellen aus der Sicht von Spiegel et al. Weblogs noch nicht ausgereift genug sind, um ihrer Bestimmung nachzukommen, dann wird auf einmal klar: Anerkennung würden Blogs erst dann finden, wenn sie genau so aussehen würden wie Spiegel Online, Focus Online oder Zeit Online. Mit Redaktion, professionellen Grafikern und dpa/ap-Meldungen. Ihr Erfolg würde sich dann darin messen lassen, eine ähnliche Reichweite zu besitzen wie die genannten Onlinepublikationen.

    Genau darum geht es aber im Falle der Blogs gar nicht.

    Nur die allerwenigsten Blogs werden jemals eine ähnliche Reichweite ausweisen können wie die großen Onlinemagazine. Das ist in den USA übrigens nicht anders. Die Blogs, die sich dann tatsächlich in Massenmedien verwandeln, werden allerdings auch nach einer ganz ähnlichen Logik arbeiten, mit einer Redaktion usw. Die meisten Blogs richten sich an sehr viel kleinere und vor allem speziellere Öffentlichkeiten zwischen 2 und 2.000 Personen. Keine Massenmedien, aber in ihrer Gesamtzahl durch die vielen sich überlappenden Öffentlichkeitsfragmente, die erreicht werden, durchaus ein Medium von Gewicht. In einigen Fällen werden dann sogar durch Vernetzung und virale Effekte Kampagnen möglich, die ein quasi-massenmediales Publikum erreichen können.

    Bloggerinnen und Blogger sollten gar nicht – und in den wenigsten Fällen tun sie das – den großen Onlinemagazinen nacheifern, denn sie befinden sich historisch gesehen im Augenblick auf der richtigen Seite des Medienwandels. Ich spreche hier gerne von einem Metawandel, da es nicht nur um den Wandel einzelner Medien geht wie zum Beispiel im Fall der Onlineaktivitäten von Zeitungen und Zeitschriften, sondern weil sich meiner Ansicht nach das gesamte Koordinatensystem der Medienlandschaft ändern wird unter anderem in Richtung fragmentierte Öffentlichkeiten, kurzfristige Themenaffinität, dialogische Informations- und Wissensstrategien.

    Blogs sind, was diese Themen Entwicklungen angeht, auf lange Sicht zukunftssicherer als der Versuch, die massenmediale Logik und ihre Reichweiten einfach ins Internet zu übertragen.

    (Abbildung: Zeno.org)



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    Der Spiegel und die Wikipedia. Eine endlose Geschichte. Auf der einen Seite kann man ohne die Community-Enzyklopädie nicht leben. Auf der anderen Seite traut man der Weisheit der Massen doch nicht so ganz. Oder wird dazu angehalten. Das sieht man zum Beispiel an einem aktuellen Bericht über das “Horrorheim auf Jersey“, in dem es am Ende heißt:

    Jersey gilt als die größte und mit etwa 90.000 Einwohnern bevölkerungsreichste der britischen Kanalinseln und ist berühmt für ihre weiten Strände und die vielen Sonnenstunden.

    Zum Vergleich die Wikipedia:

    Jersey [...] ist die größte und mit etwa 90.000 Einwohnern zugleich bevölkerungsreichste der Kanalinseln. [...] Jersey gilt als die sonnenreichste aller britischen Inseln und ist berühmt für ihre ausgedehnten Strände.

    Ganz davon abgesehen, ob diese Informationen für das Verständnis des Artikels unbedingt notwendig sind – hat Kindermissbrauch etwas mit den Sonnenstunden und Stränden zu tun? -, die merkwürdige Formulierung “Jersey gilt als die größte … der britischen Kanalinseln” zeigt sehr schön das Misstrauen dem wisdom of the crowd gegenüber: Wikipedia ist kein sicheres Wissen, deshalb schreiben wir lieber einmal “gilt”. Auch die Wikipedia-Information über die Größe der Kanalinseln (Jersey hat über 100 km2, alle anderen unter 1 km2) könnte ja falsch sein. Von wegen digitaler Maoismus und so …



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    Aber dieses Mal auf Spiegel Online ein besonders dreister und inhaltsleerer Einwurf von Ullrich Fichtner, dem Autor von “Tellergericht”, der sich eigentlich nur ein bisschen überfordert fühlt durch die große Vielfalt der Essblogthemen, das Ganze aber ziemlich pathetisch als “Wahnsinn” bezeichnet. Mehr dazu nebenan in der Molekularküche.



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    Noch ein Indiz dafür, wie weit sich Wikipedia als Wissensquelle im öffentlichen Diskurs durchgesetzt hat. In der Spiegel Online-Meldung über die Parkinsonerkrankung eines bekannten Schauspielers liest man über die Krankheit folgendes:

    Morbus-Parkinson ist eine sich langsam entwickelnde neurologische Erkrankung. Sie beginnt schleichend und schreitet zeitlebens fort. Laut Wikipedia gibt es heute noch keine Möglichkeit die Krankheit aufzuhalten oder zu Verhindern.

    Auf der einen Seite löblich, dass der Autor die aus der Wikipedia übernommenen Passagen (“Die Erkrankung beginnt schleichend und schreitet danach zeitlebens fort.”) Nur hätte er dann beim Umformulieren des zweiten Satzes darauf achten sollen, aus dem großgeschriebenen Hauptwort “Verhindern” (auf Wikipedia: “Es gibt heute noch keine Möglichkeit einer ursächlichen Behandlung des Parkinson-Syndroms, die in einem Verhindern oder zumindest einem Aufhalten der fortschreitenden Degeneration der Nerven des nigrostriatalen Systems bestünde.”) ein kleingeschriebenes Verb zu machen.

    Aber geschenkt. Bemerkenswert finde ich, dass sich auch im Qualitätsjournalismus die für ihre mangelhafte Qualität immer wieder angegriffene Wikipedia mittlerweile als Auskunftsquelle für den Stand der wissenschaftlichen Forschung zu etablieren scheint. Kein Journalist 1.0 hätte wohl für so eine Aussage den Brockhaus oder die Encyclopedia Britannica herangezogen. Zu schnell veraltet und vielleicht auch zu wenig Kontrolle durch die Peers auf dem entsprechenden Fachgebiet.



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