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Wasserspiele

Manchmal sind Wasserspiele einfach nur eine willkommene Erfrischung an einem heißen Sommertag. Die Lektüre von Gartenbauliteratur von 17. bis 19.  Jahrhundert zeigt aber, dass man Springbrunnen auch als Medium beobachten kann. Als sehr langsames Medium – deshalb habe ich auf dem Slow Media Blog einen Beitrag über “Springende Strahlen” geschrieben. Am besten lesen, so lange das Sommerwetter anhält.



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    Die aktuelle Folge der Isarrunde ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie das Web funktioniert. Man trifft sich online und offline, diskutiert über Ereignisse, die einen bewegt haben, wie zum Beispiel den Tod des Ethnologen Claude Lévi-Strauss. Dann schreibt jemand einen Blogbeitrag darüber, inwiefern sich ein zentrales Motiv daraus (das Zerstören oder Verwestlichen von kulturellen Unterschieden durch das Reisen) auch auf das Internet übertragen lässt. Anschließend entfaltet sich auf Twitter in zahlreichen 140-Zeichenbeiträgen eine kontroverse Diskussion über dieses Thema und es folgen weitere Blogeinträge hier, hier und hier – und hier wird sogar ein Blog eigens für diesen Zweck wieder reaktiviert. Dieses Diskursnetzwerk liefert dann das fruchtbare Ferment für eine Isarrundendiskussion wie die folgende:



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    Ich freue mich natürlich sehr über die große Resonanz des ersten Beitrags in meiner Reihe “Wie Twitter die Gesellschaft verändert” und werde so bald wie möglich den zweiten Beitrag dazu posten. Doch für die nächsten Tage (16.-18. Oktober) verabschiede ich mich erst einmal in Richtung Niederösterreich auf die zweite internationale bildwissenschaftliche Konferenz “Blick im 21. Jahrhundert” im Benediktinerstift Göttweig.

    Dort werde ich nicht nur das Poster zu unserer Fallstudie über die Visualisierung statistischen Wissens in Infografiken präsentieren, sondern auch gespannt auf die Keynote von Barbara Stafford von der University of Chicago warten. Der Titel “Meaning in Combinations: The Effort of Taking Shape from Hieroglyph to Twitter” klingt für mich ebenso vielversprechend wie mysteriös. Meint Stafford wirklich unser Twitter? Oder nur das aviäre Gezwitscher? Und was hat das dann mit den alten Ägyptern zu tun? Ich werde berichten, wenn ich das Rätsel am Samstag gelöst habe. Bis dahin: Twitter, das richtige.



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    Gerade bin ich auf ein Missverständnis, vielleicht auch eher eine Unschärfe gestoßen, die in vielen soziologischen Neue-Medien- bzw. Internettheorien zu finden ist. Tilmann Sutter schreibt in seinem Aufsatz über die Interaktivität neuer Medien folgendes:

    Die Nutzer von Computern interagieren nicht mit Personen, sondern mit Texten bzw. symbolischen Repräsentationen [...] Es geht nicht um Beziehungen zwischen konkreten Personen, die sich als Personen wahrnehmen und identifizieren, sondern um Intertextualität.

    Auf den ersten Blick naheliegend. Ich spreche auf Twitter, Facebook oder in einer Email nicht mit einer anderen Person, sondern tippe Buchstaben, die dann codiert und übertragen werden. Zwischen die Kommunikationspartner tritt also eine Vermittlung. Aber ist das nicht auch im Fall der Interaktion von Angesicht zu Angesicht der Fall? Auch in diesem Fall können keine Beziehungen ohne Codierung hergestellt werden. Schon mal mit jemandem unterhalten, der nur eine fremde Sprache spricht? Auch in diesem Fall wird ein Medium verwendet, denn die Bewusstseine werden nicht aneinandergekoppelt. Hier ist es kein elektronisches Medium, sondern ein akustisches. Die Stimmen werden durch die Luft als Schallwellen übertragen. Auch die Face-to-Face-Interaktion beruht also auf Technik, Codierung und Vermittlung.

    Ich würde sogar sagen, dass es ebenfalls symbolische Repräsentationen geschaffen werden. Das Timbre der Stimme, der Gesichtsausdruck, die Gesten – alles Beobachtungen, die mit Bedeutungen versehen und zu einer Repräsentation der anderen Person verdichtet werden. Wen oder was ich als “konkrete Person” wahrnehme, ist kulturell gerahmt und hängt von der Einübung bestimmter Kulturtechniken ab. Das Sprechen von Angesicht zu Angesicht hat gegenüber Twitternachrichten oder SMS einen unleugbaren historischen Vorteil. Das führt aber bisweilen dafür, dass man das Eingeübte mit dem Natürlichen verwechselt. Wenn ich nur lange genug twittere, komme ich allmählich dazu, den medialen Kontext auszublenden und spreche nicht mehr mit Avataren, sondern mit “konkreten Personen”.

    Dass es Unterschiede zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation (mit McLuhan vielleicht besser allgemein: visueller Kommunikation) gibt, bestreite ich gar nicht. Nur liegen sie nicht darin, dass die eine Form “konkreter” und im wahrsten Sinne des Wortes “persönlicher” sei als die andere.



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    Okay, ich muss zugeben, dass die Formulierung “Bücher liest ja keiner mehr” ein bisschen arg zugespitzt ist. Ich merke es aber an mir selbst: In meiner wissenschaftlichen Arbeit rezipiere ich immer mehr online verfügbare Texte – ganz gleich ob es um die sogenannte “graue Literatur”, Aufsätze in Onlineausgaben von Fachjournals (am besten Open Access) oder um digitale Buchausgaben geht. Aber auch Blogs spielen für mich als Ideengeber eine immer wichtigere Rolle. Soweit als kurze Vorbemerkung zu dem folgenden Interview, das turi2-Mitarbeiter Peter Schwierz am Rande der re:publica mit mir geführt hat.

    Zur Arbeitsgemeinschaft Social Media geht’s übrigens da lang.



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    re:publica in Berlin

    Auch hier ist Aufbruchstimmung, denn wie so viele andere aus der Nachbarschaft zieht es auch mich nach Berlin auf dieses seltsame, umstrittene Ritual re:publica. Der Ethnologe in mir ist besonders gespannt. Da Marc in der Wissenswerkstatt schon ausführlich das Vortragsprogramm dargestellt hat, das im wesentlichen auch für mich gilt, kann ich mich hier kurz fassen:

    • Donnerstag, 3.4., 10:00 in der Radebergerlounge: “Forschungsgruppe Social Media” oder “Arbeitsgemeinschaft Blog- und Communityforschung”. Hier wollen wir die Möglichkeiten einer solchen Arbeitsgemeinschaft sondieren, mit deren Hilfe die Blogosphäre ihre eigene Erforschung und Vermessung in die Hände nehmen könnte: Graswurzelforschung also. Wer will, kann sich hier für die Veranstaltung anmelden, Kurzentschlossene können natürlich sehr gerne auch einfach in die Veranstaltung kommen.
    • Donnerstag, 3.4., 16:00 im Großen Saal: Advocacy 2.0: Digitaler Aktivismus. Dort werden Marc und ich Befunde aus unserer Free-Burma-Begleitforschung präsentieren und auch den Versuch unternehmen, das ganze auch theoretisch auf den Punkt zu bringen.
    • Freitag, 4.4., 15:00 Workshop: Social Media in der Wissenschaft. Dort werde ich am Beispiel der Soziologie darstellen, dass es manchmal auch heißen kann: “Keine Social Media in der Wissenschaft”. Etwas ausführlicher klingt das dann so:

      Es ist ein Widerspruch, an dem Paradoxie-Gourmets wie Niklas Luhmann sicher ihre Freude gehabt hätte: Auf der einen Seite tummeln sich die Studenten an deutschen Unis munter auf Facebook oder StudiVZ und der Gedanke, eine Seminararbeit ohne Wikipedia-Recherche zu schreiben, ist phantastisches Wunschdenken altmodischer Zettelkasten-Dozenten. Auf der anderen Seite findet das Internet (über das Web 2.0 brauchen wir gar nicht zu reden) in den Lehrplänen kaum statt. Ich möchte diese Aussage mit ein paar Beobachtungen und Zahlen aus der deutschen Universitätslandschaft belegen und nach möglichen Gründen suchen. Liegt es daran, dass das Internet deshalb nicht als solches vorkommt, weil es als Querschnittphänomen überall Eingang gefunden hat? Oder liegt es an der Selbstverständlichkeit der Internetnutzung, die ihre Beobachtung unmöglich macht? Ist es eine postmarxistische Abneigung dieses durchkommerzialisierten Mediums? Wenn ja, wo bleibt dann die Kritik? Oder gibt es vielleicht doch einige “Leuchttürme” oder “thematische Inseln” in der Soziologie, wo das Internet nicht nur ernst genommen, sondern sogar verstanden wurde?

    Aber eigentlich geht es natürlich darum, einmal wieder diesen angenehmen Schauer zu spüren, der sich unweigerlich einstellt, wenn man erkennt: Hinter jedem der 200.000 Blogs in Deutschland steckt ein Mensch.



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  • Einladung zum re:publica-Workshop “Brauchen wir eine Forschungsgruppe Social Media?”

    republica1.jpgNun gibt es einen festen Termin und einen festen Ort für den re:publica-Workshop zum Thema “Forschungsgruppe Social Media”: Wir treffen uns am Donnerstag, 3. April 2008, um 10:00 in der “Radeberger-Lounge”. In dieser gemütlichen und kommunikationsanregenden Umgebung haben wir dann 90 Minuten Zeit, unsere Vorstellungen über eine “Forschungsgruppe Social Media” auszutauschen.

    Hier der Ankündigungstext für unseren re:publica-Workshop (siehe dazu auch hier und hier):

    Jedes Medium hat eine Arbeitsgemeinschaft oder Forschungsgruppe, die sich um seine Erforschung und die Erhebung von Zahlen kümmert – von IVW, ag.ma bis AGOF. Vermutlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis die großen Medienhäuser auch die Bedeutung des Social Web erkennen und beginnen, es zu vermessen. Nach ihren Kriterien und Interessen.

    Wäre es da nicht sinnvoll, diese Angelegenheit selbst in die Hände zu nehmen und eine Forschungsgruppe Social Media ins Leben zu rufen, in der die BloggerInnen sich selbst über die Spielregeln verständigen, mit denen Blogosphäre und Social Networks erforscht und vermessen werden? Zudem könnte eine solche Institution auch als Träger für qualitative wie quantitative Blogstudien agieren sowie als Informationsstelle, die der interessierten Öffentlichkeit zuverlässige Daten über das Web 2.0 zur Verfügung stellt.

    Auch die ewige Relevanzfrage könnte in diesem Kontext aufgegriffen werden, berufen sich die Kritiker des neuen Netzes doch immer wieder auf die im Vergleich mit Print und TV geringere Reichweite von Blogs. Doch außer der internen Verlinkung der Blogosphäre gibt es dazu kaum brauchbare Daten. Insofern wäre es auch spannend, darüber zu diskutieren, welche Möglichkeit zur Messung der gesellschaftlichen Bedeutung der Blogosphäre denkbar sind.

    Hier geht’s zur Anmeldung für die Teilnehmer



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  • Über Twitter: Identitäts-, Beziehungs- und Wissensmanagement mit Microbloggingdiensten

    Wittgenstein 2.0:
    Was sich überhaupt sagen läßt,
    läßt sich twittern.

    off_the_record (via Twitter)

    Jan Schmidt hat (z.B. hier) für seine Analysen der Blogosphäre ein Analyseraster entwickelt, das drei Grundfunktionen von Social Media im Allgemeinen und Blogs im Besonderen unterscheidet:

    • Identitätsmanagement: Meistens ist das persönliche Blog, sofern es nicht anonym geführt wird, einer der ersten Treffer bei der Googlesuche nach einer Person (der bekannte Blogbias der Suchmaschinenöffentlichkeit). Deshalb spielen die dort präsentierten Informationen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, sich ein Bild dieser Person zu machen. Blogs sind also ein Instrument der Selbstdarstellung. Mit ihrer Hilfe kann man sich so darstellen, wie man nach außen wirken möchte (bei Goffman heißt das “presentation of self in everyday life“). Das gilt natürlich auch für andere digitale Identitäten von der klassischen Homepage über das Xingprofil bis zum Lifefeed, aber aufgrund der großen Sichtbarkeit und einfachen Aktualisierung haben Blogs hier eine prominente Bedeutung erlangt.
    • Beziehungsmanagement: Dieser Punkt lässt sich aus dem vorangegangenen Punkt ableiten. Selbstdarstellung ist immer ein sozialer Akt. Sie bedarf eines Publikums, einer Bühne. Weblogs dienen deshalb schon in ihrer einfachsten Erscheinungsform als digitales Tagebuch als Beziehungswerkzeug. Denn auch wenn man nicht explizit für ein Publikum schreibt, die Wahl des Internets als Medium der Selbstdarstellung nimmt Sozialität zumindest in Kauf. Die sich in der Blogosphäre entwickelte Kultur der Verlinkung (culture of links) fördert diesen Charakter noch, insbesondere durch das automatisierte Setzen von Referenzen (Trackbacks und Pingbacks) sowie die Neigung vieler Blogger, ihr soziales Kapital, das mit Angeboten wie Technorati direkt quantifizierbar scheint, zu vermehren.
    • Informations- oder Wissensmanagement: Die beiden ersten Punkte skizzieren die Entwicklung vom digitalen Tagebuch zur entwickelten, gut vernetzten Blogosphäre. Aber man kann die Geschichte der Weblogs auch von einem anderen Startpunkt aus erzählen: der kommentierten Linkliste. In viele frühen Noch-nicht-ganz-Blogs wie zum Beispiel denen von Tim Berners-Lee oder Marc Andreessen bestanden die Einträge aus einer Sammlung Hyperlinks, die teilweise mit kurzen Kommentaren versehen waren, in etwas so wie die gegenwärtigen del.icio.us-Feeds. Hier geht es weniger um Identität oder soziale Beziehung, sondern der Fokus liegt hier auf dem Archivieren und Dokumentieren von Wissen. Diese Funktion findet man auch in vielen zeitgenössischen Weblogs wieder, so lassen sich meine viralmythen auch als elektronischer Zettelkasten betrachten und dienen auch der Vermittlung und Vernetzung von Wissen.

    Keine der drei Funktionen ist neu. Die eigene Identität lässt sich auch über ein papiernes Tagebuch konstruieren, Beziehungen per Visitenkartenaustausch pflegen und Wissen lässt sich in Büchern speichern oder in Briefen austauschen. Weblogs sind jedoch eine ungewöhnliche Kulturtechnik, in der diese drei Funktionen konvergieren und sich gegenseitig steigern lassen.

    Nun stellt sich die Frage, ob das alles auch für Mikrobloggingtechniken wie Twitter, Pownce oder Jaiku gilt. Also: Wie sehen Identitäts-, Beziehungs- und Wissensmanagement im mikrobloggerischen Kontext aus?

    • Identitätsmanagement: Ebenso wie mit Blogs lässt sich auch per Twitter die eigene Identität konstruieren und repräsentieren. Nur: 140 Zeichen sind natürlich viel zu wenig, um komplexe Gedankengänge auszudrücken, so dass es hier meist bei stenographischen Äußerungen bleibt, die sich immer wieder auf neue Technologien, Orte, Fernsehsendungen und Internetseiten beziehen. Viele Twitterati stellen ihre eigene Identität dementsprechend als technikkompetente, hypermobile, prokrastinierende Internetavantgarde mit einem chronisch untererfüllten Schlafbedürfnis dar (“3 Stunden Schlaf ist einfach zu wenig auf Dauer”).

      Bemerkenswert ist die Tatsache, dass man sich hier weniger als das Darstellt, was man ist oder erreicht hat (vergleiche die doch recht konventionellen Lebensläufe bei Facebook oder Xing), sondern als das, was man im Moment tut oder denkt. Für Psychologen ist es nichts neues, aber hier kann man das ganz konkret erfahren: Identität als Prozess.

    • Beziehungsmanagement: Mikrobloggen ist sozial. Vielleicht sogar etwas zu sozial. Denn wenn man nur die Statusmeldungen (“Tweets”) einer Person beobachtet (“follow”), dann wird man schnell bemerken, dass diese für sich nicht entschlüsselbar sind. Immer wieder (unter meinen Twitterkontakten variiert zwischen 1/5 und 1/4 liegen) taucht das Zeichen “@” auf, das für Reaktionen auf andere Tweets steht. Ohne die Ursprungsnachrichten sind diese Tweets unverständlich.

      Insofern besteht ein epistemologischer Anreiz zur Sozialität: Je mehr Kontakten man followt, desto mehr vollständigere Konversationen bekommt man mit (dem ist natürlich aufgrund der Netzwerkstruktur nicht so, denn mit jedem neuen Kontakt kommen neue unvollständigere Gespräche dazu). Mit Twitter lässt sich aber auch eine basale Kontaktpflege betreiben, da es die Grundfunktionen eines Social Networks besitzt (Profil, Kontakte hinzufügen und bestätigen, Avatare).

    • Wissensmanagement: Die Funktion des Wissensmanagements lässt sich mit Twitter, so hat es zunächst den Anschein, denkbar schlecht erfüllen. Denn es gibt nur rudimentäre Möglichkeiten, eigene oder fremde Nachrichten zu speichern und vor allem wiederzufinden. Die einzige Möglichkeit, die Twitter von sich aus mitbringt: Man kann bestimmte Nachrichten anderer Twitterati als Favorit abspeichern. Mittlerweile hat sich aber auch das Taggen von Nachrichten mit Hashtags (z.B. “#politik“) durchgesetzt und wird von Drittanbietern unterstützt, die sich der Twitter-Datenschnittstelle (API) bedienen. Dasselbe gilt für die Suche, auch hierfür gibt es mittlerweile Lösungen. Dennoch: Als digitales Notizbuch lässt sich Twitter schon aufgrund der Beschränkung auf 140 Zeichen nur schwer einsetzen.

      Aber: denkt man nicht nur in den klassischen Kategorien von Informationsspeicherung und -retrieval, dann lässt sich hier doch ein interessantes Potential von Twitter und anderen Mikroblogs erkennen: Die fragmenarischen, oft aphoristischen Meldungen sind immer wieder für Irritationen oder Anregungen gut (bisweilen erinnert das an Brian Enos Oblique Strategies), zudem erhält man auf diese Weise, je nachdem wer die eigenen Kontakt sind, täglich unzählige Links auf andere Internetseiten (Wissen in Gestalt von Hyperlinks). Die unvollständige Sozialität hat auch Folgen für das Wissensmanagement, denn oft sind interessante Gedanken erst in der Abfolge mehrerer – und vor allem verteilter! – Tweets erkennbar. Es kommt zu einer Sozialisierung des Wissens, einem sozialen sechsten Sinn, der sich durchaus in Richtung des Teilhard’schen Noosphäre denken lässt.

    Letztlich lässt sich, glaube ich, recht plausibel die These vertreten, dass auch per Twitter, Pownce und Jaiku Identitäts-, Beziehungs- und Wissensmanagement möglich sind. Aber die Einschränkung auf 140 Zeichen, die nur rudimentäre Vernetzung (es gibt zwar Permalinks, aber Antworten werden auf Personen, nicht Nachrichten bezogen, außerdem fehlen Track- und Pingbacks) sowie das nur wenig ausgearbeite Informationsretrieval lassen das Microblogging zunächst als defizitäre Variante des richtigen “Voll-Bloggens” erscheinen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass in diesen Einschränkungen gerade auch der Reiz und die Innovativität dieses Systems liegen, die Schlagworte lauten: Identität als Prozess, unvollständige Sozialität, aphoristisch-fragmentarisches Wissen. Für Twitter-Soziologen scheint genügend Material da zu sein.

    Nebenbei: Hier geht’s zu meinem Twitter-Feed



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    Vor einiger Zeit hatte ich an dieser Stelle die Frage gestellt, ob wir eine “Arbeitsgemeinschaft Blog- und Communityforschung” bzw. eine “Forschungsgruppe Social Media” oder wie auch immer der Namen lauten könnte (Vorschläge sind sehr willkommen) brauchen, um das Erforschen und Vermessen der Blogosphäre nicht den großen Publishern zu überlassen, sondern selbst in die Hand zu nehmen. Ich könnte mir gut vorstellen, für diesen Zweck einen Verein zu gründen, der dann nicht nur wissenschaftliche Studien zur Blog- und Social Media-Forschung durchführen bzw. beratend daran mitwirken könnte, sondern auch so eine Art öffentliche Informationsstelle für die deutschsprachige Blogosphäre werden könnte. Gerade auch um den vielen Vorurteilen und Fehlinformationen darüber entgegenzuwirken. Aber auch die Lobbyarbeit für BloggerInnen könnte eine Perspektive für einen solchen Verein sein.

    Da die Reaktionen per Kommentar, in anderen Blogs und per Email größtenteils positiv, in einigen Fällen sogar enthusiastisch waren, würde ich gerne etwas konkreter mit euch über dieses Thema diskutieren. Markus hat uns – besten Dank dafür! – in Aussicht gestellt, für diesen Zweck einen Workshop-Slot auf der re:publica in Berlin zu erhalten, entweder am Mittwoch, 2.4. um 20:00 oder Donnerstag, 3.4. um 10:00 oder 20:00. In guter Web 2.0-Tradition habe ich für die diesbezügliche Terminplanung ein Doodle eingerichtet und würde alle Interessenten bitten, sich dort möglichst bald mit Name und Terminwunsch einzutragen (dauert nur ein paar Sekunden und geht ohne Anmeldung):

    blogforschung.png

    Bleibt außerdem noch zu klären, welche Themen es auf einer solchen Sitzung zu besprechen gibt. Mich würden schon einmal die folgenden Dinge interessieren:

    • Perspektiven der Blog- und Social Media-Forschung: Was wissen wir? Was wollen wir alles wissen?
    • Qualitätsindikatoren: Wie misst man die Qualität eines Weblogs?
    • Ratings, Charts und Toplists: Ökonomisierung oder Professionalisierung der Blogosphäre?
    • Welche Aufgaben könnte ein Verein / eine Forschungsgruppe / eine Arbeitsgruppe zur Blogforschung oder Social Media-Analyse übernehmen?
    • Blogger oder Micropublisher: Wie breit, wie eng sollte der Fokus einer solchen Forschungsgruppe angelegt werden?
    • Wie könnte Öffentlichkeitsarbeit oder Lobbyarbeit für Blogger und andere Micropublisher aussehen?

    Soviel erst einmal von meiner Seite. Welche Themen interessieren euch noch – aus wissenschaftlicher, politischer oder sonstiger Perspektive?



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    Ich weiß nicht, ob es schon jeder mitbekommen hat: am 1. Januar 2008 tritt der zweite Korb des neuen Urheberrechts in Kraft. Damit ist das Internet endgültig auch im Urheberrecht angekommen: die Online-Verwertung ist dann nämlich nicht mehr wie bisher eine “unbekannte Nutzungsform”. Konkret bedeutet das: Wenn man als Autor nicht explizit Widerspruch einlegt, fallen die Rechte für eine Online-Verwertung der zwischen dem 1. Januar 1966 und dem 31. Dezember 1994 veröffentlichten Texte automatisch an den Verlag, der die Print-Verwertungsrechte an diesen Texten besitzt. Besonders problematisch ist an der Angelegenheit, dass man selbst als Autor durch diese Rechteübertragung die Möglichkeit verliert, die eigenen Texte auf fachlichen oder institutionellen Servern oder Open Access Servern publizieren zu dürfen. Das heißt, man könnte unter Umständen Probleme bekommen, wenn man die eigenen Texte auf der Institutshomepage veröffentlichen möchte.

    Will man nicht, dass der Verlag die eigenen Texte unbegrenzt online verwerten kann, sollte man bis zum 31. Dezember 2007 aktiv werden und seine Rechte geltend machen:

    • Hier gibt es einen Musterbrief, mit dem man seinem Verlag mitteilen kann, dass man der Übertragung der zum damaligen Zeitpunkt unbekannten Nutzungsarten widerspricht.
    • Eine andere, noch elegantere Lösung liegt darin, die einfachen Online-Nutzungsrechte an den eigenen Publikationen einer Bibliothek zu übertragen. Auch hierfür gibt es einen Musterbrief.

    Man kann als Sozialwissenschaftler die Rechte an den eigenen Publikationen zum Beispiel dem DFG-geförderten Social Science Open Access Repository (SSOAR) übertragen, als Psychologe dem Repositorium PsyDok und als Pädagoge paedocs. Die Deutsche Initiative für Netzwerkinformationen (DINI) hält eine umfangreiche Liste deutscher Dokumenten- und Publikationsserver bereit, die für eine Rechteübertragung in Frage kommen könnten.

    Generell sollte man bei neuen Publikationen darauf achten, dass man kein ausschließliches Nutzungsrecht an den Verlag überträgt und für sich selbst wenigstens ein einfaches Nutzungsrecht an den eigenen Arbeiten behält. Wenn man sich nicht ganz sicher ist, was zu tun ist: Fragen Sie Ihren Bibliothekar.

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