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Call for Participation: “Forschungsgruppe Social Media” auf der re:publica 2008

Vor einiger Zeit hatte ich an dieser Stelle die Frage gestellt, ob wir eine “Arbeitsgemeinschaft Blog- und Communityforschung” bzw. eine “Forschungsgruppe Social Media” oder wie auch immer der Namen lauten könnte (Vorschläge sind sehr willkommen) brauchen, um das Erforschen und Vermessen der Blogosphäre nicht den großen Publishern zu überlassen, sondern selbst in die Hand zu nehmen. Ich könnte mir gut vorstellen, für diesen Zweck einen Verein zu gründen, der dann nicht nur wissenschaftliche Studien zur Blog- und Social Media-Forschung durchführen bzw. beratend daran mitwirken könnte, sondern auch so eine Art öffentliche Informationsstelle für die deutschsprachige Blogosphäre werden könnte. Gerade auch um den vielen Vorurteilen und Fehlinformationen darüber entgegenzuwirken. Aber auch die Lobbyarbeit für BloggerInnen könnte eine Perspektive für einen solchen Verein sein.

Da die Reaktionen per Kommentar, in anderen Blogs und per Email größtenteils positiv, in einigen Fällen sogar enthusiastisch waren, würde ich gerne etwas konkreter mit euch über dieses Thema diskutieren. Markus hat uns – besten Dank dafür! – in Aussicht gestellt, für diesen Zweck einen Workshop-Slot auf der re:publica in Berlin zu erhalten, entweder am Mittwoch, 2.4. um 20:00 oder Donnerstag, 3.4. um 10:00 oder 20:00. In guter Web 2.0-Tradition habe ich für die diesbezügliche Terminplanung ein Doodle eingerichtet und würde alle Interessenten bitten, sich dort möglichst bald mit Name und Terminwunsch einzutragen (dauert nur ein paar Sekunden und geht ohne Anmeldung):

blogforschung.png

Bleibt außerdem noch zu klären, welche Themen es auf einer solchen Sitzung zu besprechen gibt. Mich würden schon einmal die folgenden Dinge interessieren:

  • Perspektiven der Blog- und Social Media-Forschung: Was wissen wir? Was wollen wir alles wissen?
  • Qualitätsindikatoren: Wie misst man die Qualität eines Weblogs?
  • Ratings, Charts und Toplists: Ökonomisierung oder Professionalisierung der Blogosphäre?
  • Welche Aufgaben könnte ein Verein / eine Forschungsgruppe / eine Arbeitsgruppe zur Blogforschung oder Social Media-Analyse übernehmen?
  • Blogger oder Micropublisher: Wie breit, wie eng sollte der Fokus einer solchen Forschungsgruppe angelegt werden?
  • Wie könnte Öffentlichkeitsarbeit oder Lobbyarbeit für Blogger und andere Micropublisher aussehen?

Soviel erst einmal von meiner Seite. Welche Themen interessieren euch noch – aus wissenschaftlicher, politischer oder sonstiger Perspektive?



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    Natürlich wird Wissen nicht allein dadurch besser, dass es in Open-Access-Zeitschriften frei verfügbar ist. Aber besser zugänglich. Mittlerweile haben sich im Directory of Open Access Journals auch einige sozialwissenschaftliche Zeitschriften angesammelt. Hier die meiner Ansicht nach spannendsten OA-Zeitschriften aus Soziologie, Sozialforschung und Medienwissenschaften:

    Eine besondere Publikation ist das eJournal Philica, das nicht nur alle denkbaren disziplinären Richtungen abdeckt, von der Soziologie bis zur Kosmologie, sondern auch einen transparenten und dynamischen Reviewprozess besitzt: jeder kann die Gutachten einsehen und diese können auch mit der Zeit geändert werden. Das führt dann zu Erkenntnissen der merkwürdigen Art wie zum Beispiel über das tageszeitenabhängige Überholverhalten von Autofahrern.



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    Gerade eben ist eine der wichtigsten regelmäßigen Online-Studien in München präsentiert worden: die Allensbacher Computer- und Technik-Analyse (ACTA). Diese Studie, die auf jährlich 10.000 Interviews von 14-64jährigen basiert, zielt nicht nur darauf, neue Märkte und Zielgruppen zu erfassen, sondern auch darauf, “die Veränderungen des Informations-, Kommunikations- und Transaktionsverhaltens in der digitalen Welt” nachzuzeichnen. Das macht sie zu einer auch für Soziologen spannenden Datenfundgrube (Lob gibt es auch von den Münchner Kommunikationswissenschaftlern).

    Vergleicht man die Daten mit den Werten der Vorjahre, so kommt man schon einmal zu dem ersten Schluss: in vielen Dimensionen geht die Entwicklung so weiter wie bisher. Hier einige interessante Ergebnisse aus der Präsentation “Qualitative Veränderung der Internetnutzung” von Renate Köcher und Johannes Schneller (hier als pdf):

    • Obwohl die Internetnutzung 2006 mit 67% bereits ein hohes Niveau erreicht hat, ist erneut eine Steigerung auf 72% möglich gewesen (bei einer gleichzeitigen weitergehenden Verbesserung der technischen Ausstattung der Haushalte). Gleichzeitig nimmt der Anteil derer weiter ab, die auch auf absehbare Zeit nicht planen, das Internet zu nutzen (von 23% auf 19%). Womöglich lässt sich hier tatsächlich eine internationale Angleichung betrachten, so dass auch in Deutschland früh oder später ähnliche Internetdurchdringungs- und -nutzungsraten beobachten lassen wie in den USA (70% lt. Nielsen//NR), Schweden (76% lt. ITU) oder die Niederlande (88% lt. Nielsen//NR)? Potential scheint jedenfalls noch da zu sein – fragt sich nur: in welcher Altersgruppe oder in welcher Schicht?
    • Beeindruckend ist auch der Anstieg der Nutzungshäufigkeit. Waren es 2006 erst 34%, die das Internet täglich oder mehrmals täglich nutzten, sind es 2007 bereits 39%. Leider wurden zu diesem Punkt keine Daten angegeben, aber ich vermute, dass nicht nur die Frequenz, sondern auch die Intensität der Nutzung mit angestiegen ist. Diese beiden Randbedingungen sind von erheblicher Bedeutung, will man z.B. Veränderungen der Mediennutzung beschreiben.
    • Als Informationsquelle wird das Internet immer häufiger genutzt, bleibt aber, was das Gesamtbild und die aktuellen Nachrichten betrifft, hinter Fernsehen, Zeitung und Radio zurück (wobei allerdings gerade bei den Jüngeren das Internet teilweise schon vor der Zeitung liegt – sollte das kein Alterseffekt sein, sondern ein Kohorteneffekt, haben die Printmedien tatsächlich ein Problem). Hier wäre nicht nur spannend, die tatsächliche Nutzungsdauer zu erfahren, sondern auch die Frage, inwiefern sich hier eine Entgrenzung der Medienprofile beobachten lässt: Wer seine Tageszeitung per Email als pdf geschickt bekommt oder die wichtigsten Schlagzeilen auf dem Mobiltelefon durchliest, nutzt das Internet – womöglich ohne das zu bemerken. Ich vermute, dass diese hidden internet usage stark ansteigen wird. Eine echte Herausforderung für die Medienforscher. Eine andere Präsentation (pdf) stellt zudem fest, dass das Bedürfnis danach, über das aktuelle Geschehen auf dem Laufenden zu bleiben, generell abgenommen hat (vor allem bei den Jüngeren). Eine Entschleunigung durch die Beschleunigung des “jederzeit abrufbaren Informationsbestandes”?
    • Lobenswert ist die intensive Berücksichtigung des Web 2.0 in der Studie. Und so kann man der Studie auch einige Zahlen zur Blognutzung entnehmen. Kurz gefasst: Weblogs sind immer noch eine Nischen-Domäne. Obwohl 18% der Befragten Weblogs lesen, sind es nur 2% davon, die dies häufiger tun und 5% nur ab und zu. Die deutsche Weblogöffentlichkeit wird von Seltenlesern beherrscht. Eine recht ähnliche Verteilung zeigt sich auch bei den Blogkommentaren sowie den Bloggern. Ein großer Teil der regelmäßigen Blogleser und -kommentierer bloggt selber (ich sehe das als weiteren Hinweis darauf, Bloggercommunities mit Netzwerkanalysen zu untersuchen, denn diese Netzwerköffentlichkeiten gehorchen möglicherweise nicht denselben Gesetzen wie “klassische” massenmediale Öffentlichkeiten). Anteilsmäßig bedeutendere Web2.0-Anwendungen sind: Fotos hochladen (14%) und Bewertungen abgeben (13%). Aber auch hier sind es weniger als ein Zehntel, die regelmäßig user generated content produzieren.
    • Eine mögliche Erklärung für den Erfolg der ambient communication à la Twitter, Jaiku und Pownce (zum Stichwort Mikrobloggen hier entlang) liefert die Beobachtung einer gesunkenen Aufmerksamkeitsfähigkeit der jüngeren und intensiven Internetnutzer. Nur noch 41% gegenüber 49% 2005 lesen auch längere Artikel konzentriert und 69% der intensiven Internetnutzer erwarten innerhalb eines Tages eine Antwort auf ihre Emails (gegenüber 55% der gesamten Internetnutzer). Wachsende Convenience-Orientierung (vgl. auch diesen Beitrag) als Grundlage für den Trend zur Mikrokommunikation?

    Eine weitere spannende Präsentation (pdf) liefert Zahlen zur crossmedialen Verknüpfung von Medienmarken (mehr dazu auch bei “kein thema”). Was mir allerdings fehlt, sind Daten zur mobilen Mediennutzung (2005 waren es lt. OECD weltweit 930 Mio Mobiltelefonnutzer!). Da die Mobilfunkdurchdringung noch deutlich über der Internetdurchdringung liegt – und das gilt noch viel mehr für Regionen ohne ausgebaute Kabelinfrastruktur mit großen Entfernungen wie z.B. viele afrikanische Länder -, dürfte hier eines der wichtigsten Potentiale der Mediennutzung liegen – von Social Networking über Mikrokommunikation bis hin zu geolokalisierten und -taggenden Anwendungen. Gibt es hierzu aktuelle Zahlen?



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