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Wie Twitter die Gesellschaft verändert: Die Massenmedien

Als kurze Antwort auf Klaus Ecks inspirierenden Blogbeitrag über 18 Gründe, die gegen die Verwendung (sagen wir einmal: gegen die exzessive Verwendung) des Microbloggingdienstes Twitter sprechen, hier ein kurzer Blick auf das positive Potential von Twitter. Welche Veränderungen können durch das Twittern in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilsystemen angestoßen werden? Als erstes sind die Massenmedien dran. Danach folgen Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung.

Am deutlichsten sind die Auswirkungen des Microbloggens für die Welt der Massenmedien. Durch den dialogischen Charakter von Twitter verändert sich das Informationsverhalten. Nachrichten werden nicht mehr bloß rezipiert, sondern diskutiert und weitergegeben. Jeder ist ein Knoten in einem nahezu weltumspannenden Netz von Informationen. Die Zahl der Sender hat sich dadurch stark vervielfältigt und zugleich hat sich der Informationsfluss durch die große Redundanz der Kanäle beschleunigt. Nachrichten in Echtzeit statt Nachrichten von Gestern.

Ein kurzes Beispiel: Gestern stand auf einmal der Begriff “Saddam Hussein” ganz oben in den Trending Topics List von Twitter. Warum? Weil bekannt wurde, dass ein Mitglied von McCains Kompetenzteam ehemaliger Lobbyist für den irakischen Präsidenten gewesen ist. Ich habe darüber getwittert und einige meiner Kontakte aus den USA und aus Kanada haben auf diese Weise davon erfahren. Aus einer deutschen Kleinstadt hat sie die Nachricht schneller erreicht als über die Massenmedien. Das nenne ich Veränderung.

Seit die Redaktion das Twittern begonnen hat, gehört Der Westen zu meinem relevant set. Ich komme mit einer Regionalzeitung aus dem Ruhrgebiet häufiger in Berührung als mit hiesigen Regionalzeitungen wie dem Münchener Merkur oder der tz. Das hätte ich zuvor nie für möglich gehalten. Hinter der Twitter-Kommunikation von Zeitungen und Zeitschriften steht im Idealfall folgende stillschweigende Übereinkunft: Die Redaktion schickt ab und zu Links zu neuen Beiträgen auf ihrem Internetangebot, ist im Gegenzug aber offen für die Reaktionen der Leser. Im Kern geht es darum, den dialogischen Aspekt der Massenmedien zu zeigen, der aus dem Endprodukt so erfolgreich verdrängt wird: Nachrichten sind Gespräche und hängen immer auch davon ab, wer sie erzählt.

Das bleibt nicht ohne Folgen: das generalisierte Systemvertrauen in die Massenmedien wird zunehmend abgelöst durch ein sehr viel konkreteres soziales Vertrauen in bestimmte Netzwerkknoten oder Subnetze, deren Fähigkeit, Informationen zu bewerten und zu selektieren einem in der Vergangenheit positiv aufgefallen ist.

Obwohl die Veränderungen hier am deutlichsten sichtbar sind, geht es nicht nur um die Nachrichten. Auch Unterhaltungsangebote werden auf Twitter kommentiert und verbreitet, wodurch klassische one-way-Medien wie das Fernsehen auf einmal eine interaktive und dialogische Qualität bekommen, durch die die Brechtsche Radiotheorie auf einmal in greifbare Nähe rückt. Twitter hat als zusätzlicher Kanal das Potentiel,

den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.

Zusammengefasst: Durch Twitter verwandelt sich das System der Massenmedien, in dem sich wenige Sender an eine große, anonyme Masse von Rezipienten wendet, in eine plurale Landschaft aus kleinen und großen Knoten, die Nachrichten, Meinungen und vor allem natürlich Hyperlinks austauschen, kommentieren und diskutieren. Sicherlich verlangt es von den klassischen Massenmedien einiges an Mut, sich in dieses neue Spielfeld zu begeben, dessen Spielregeln, Positionen und Akteure noch weitgehend unklar definiert sind, aber diejenigen, die diesen Schritt wagen, haben die Möglichkeit, an der Konstitution dieses neuen Nachrichtenspiels mitzuwirken. Wer sich verweigert, verliert.



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    Auch das zweite Interview, das ich im Funkhaus des Bayerischen Rundfunks gegeben habe, kann man sich jetzt als Podcast anhören. Darin erzähle ich, sofern ich mich noch richtig erinnere, etwas darüber, warum Blogs keine Massenmedien sein müssen und dass Relevanz nicht immer notwendig dasselbe ist wie Reichweite.

    Insofern geht der Aufmacher des BR in eine völlig falsche Richtung:

    Wenn es im Internet beachtenswerte Beiträge zu Debatten gibt, dann meist als zweitverwertete Stücke aus Radio, Fernsehen oder Zeitung. Derweil dämmern die deutschen Blogs vor sich hin [...]

    Der Fehler liegt darin, dass von vornherein “beachtenswerte Beiträge” nur dann als solche wahrgenommen werden, wenn sie sich auf Debatten beziehen, die a) auch in den Massenmedien rezipiert werden und b) eine große Reichweite haben. Aber für diesen Blogeintrag liegen die Kritiker natürlich richtig. Das hier ist nichts anderes als Zweitverwertung eines Radiobeitrags.



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  • Gespräch über “Deutschland, deine Blogs” im Bayerischen Rundfunk

    Gleich mache ich mich auf zum Rundfunkplatz 1 (wird es irgendwann einmal auch einen Social-Media-Platz geben?), um auf on3radio, der Jugendwelle des Bayerischen Rundfunk, etwas über Politik in Weblogs und die Unterschiede zwischen Deutschland und den USA zu erzählen. Ich bin ja einmal gespannt, wieviel aus dem Fragenkatalog der Vorankündigung sich zweimal sieben Minuten Interview packen lassen:

    In den USA prägen Blogs wie “Huffington Post” die Tagespolitik. In Deutschland übernehmen diese Aufgabe immer noch und fast ausnahmslos die klassischen Medien. Wenn es im Internet beachtenswerte Beiträge zu Debatten gibt, dann meist als zweitverwertete Stücke aus Radio, Fernsehen oder Zeitung. Derweil dämmern die deutschen Blogs vor sich hin, im aktuellen Spiegel werden sie als “unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell” bezeichnet. Wir fragen uns: Stimmt das? Und wenn ja: Woran liegt das?

    Dr. Benedikt Köhler von der Universität der Bundeswehr München ist Soziologe mit Interessensschwerpunkt auf der Soziologie des Internets – und selbst Blogger. Heute ist er bei uns um Studio und wird sich mit Laury über deutsches Internet und deutsche Blogs unterhalten. Sind die deutschen Blogs, die deutschen Blogger wirklich so schlecht? Ist die Tatsache, dass in Deutschland nur wenige etablierte Journalisten ins Internet flüchten, anders beispielsweise als in Frankreich und den USA, nicht eigentlich ein Kompliment für die hiesige Medienlandschaft? Brauchen wir vielleicht gar keine Debatte im Internet, weil wir schon eine haben: in Radio, Fernsehen und Zeitung, mit Meinungen vom rechten bis zum linken Rand der politischen Lager? Wollen es die deutschen Internetnutzer vielleicht gar nicht anders, ist Politik im Internet für sie eher schnelle Information als große Diskussion? Und welche Rolle spielt das deutsche Parteiensystem, das nicht nur Demokraten und Republikaner kennt, sondern auch kleinere Parteien, die immer wieder neue Aspekte in große politische Debatten einbringen?

    Eines dürfte aber klar sein: Der These, die deutschen Blogger seien “unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell” kann ich in dieser Form nicht zustimmen. Zumal es den deutschen Blogger oder die deutsche Bloggerin sowieso nicht gibt. Überhaupt: Je mehr sich das Medium Blog durchsetzt, desto schwieriger wird es, Gemeinsamkeiten zwischen den Nutzern zu finden. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass BloggerInnen früher oder später nicht mehr sehr viel mehr gemeinsam haben als die Briefe-Schreiber früher oder die Handynutzer heute. Was meint ihr?

    Das Gespräch wird zwischen 17 und 18 Uhr hier auch online übertragen.



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  • Internet ist einflussreichstes Medium

    Das Internet ist mittlerweile das einflussreichste Medium geworden. Dieses Fazit zieht zumindest die gerade veröffentlichte “Digital Influence Index Study” von Fleishman Hillard und Harris Interactive.

    Normalerweise vergleicht man Medien wie Zeitung, TV, Zeitschriften, Radio und Internet Indikator für Indikator. Geht es um die Reichweite, die Nutzungsdauern oder auch die Glaubwürdigkeit liegt das Internet meistens auf dem zweiten oder dritten Platz hinter – es kommt darauf, welchen Indikator man betrachtet – Zeitung und TV.

    Wenn man allerdings mehrere Indikatoren gemeinsam betrachtet und z.B. Nutzungsdauer und Glaubwürdigkeit multiplikativ verknüpft, dann rückt das Internet auf einmal an die erste Stelle. Der Digitale Einflussindex errechnet sich als “the amount of time consumers spent on a given medium combined with the relative importance they attach to that medium.” Das Ergebnis ist ein prozentuales Maß für den Anteil verschiedener Medien am gesamten Einfluss auf die Konsumenten. In Deutschland liegt das Internet mit 40% klar vor den anderen Kanälen TV (22%), Radio (13%), Zeitungen (14%) und Zeitschriften (11%).

    Der Bericht versteht sich als Bestätigung der These, dass zwar auf der einen Seite das Bedürfnis der Konsumenten nach Nachrichten ungebrochen ist, jedoch zunehmend über das Internet befriedigt wird: “In fact, one could argue that the digital form of the written word is more powerful than its ink-on-paper predecessor”. Wenn man sich die ebenfalls in dieser Studie erhobenen Zahlen der Printverweigerer – also der Personen, die in einer typischen Woche keine gedruckten Zeitungen oder Zeitschriften gelesen haben – betrachtet, dann sind die deutschen Zahlen (13% Zeitschriftenverweigerer und 14% Zeitungsverweigerer) im Vergleich mit den britischen und französischen Lesern noch vergleichsweise niedrig. Dort liegen nur die französischen Zeitschriften unter einer Verweigerungsquote von 25%.

    Trotz des deutlichen Einflussvorsprungs von Online sind die Werbeausgaben noch nicht entsprechend umgeschichtet worden. Aber es wäre auch falsch, wie es der Bericht suggeriert, hier einen Automatismus zu vermuten. Denn gerade, wenn es um die neuen Aktivitäten im Internet geht – sowohl um den Ausdruck der eigenen Person in Blogs oder Social Networks als auch um mobile Internetanwendungen auf dem Handy – fehlen zuverlässige Ergebnisse zur Werbewirkungsforschung noch. Für die klassischen Anwendungsfälle des Web 1.0 – die Studie nennt hier das Recherchieren, Kommunizieren und Einkaufen – sieht es dagegen etwas besser aus. Das Forschungsprogramm für die nächsten Jahre dürfte damit klar sein. Wer packt es an?



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    bravo.pngSeit einiger Zeit ist der Begriff der “digital natives” (vgl. dazu auch Mark Prensky’s Artikel zum Thema sowie diesen aktuellen Beitrag von Klaus Eck) aus dem Sprachgebrauch der Medien- und Internetforscher kaum mehr wegzudenken. Damit soll die Generation derer beschrieben werden, die als Kind in das digitale Zeitalter hineingewachsen sind und die sich nicht (wie noch meine Generation) diese Welt selbst erarbeiten musste wie man eine Fremdsprache lernt. Die aktuelle Bravo-Jugendstudie “Faktor Jugend 9″ (pdf) hat sich auf explorativem Weg der Altersgruppe 12-15 genähert (wenn auch auf etwas geringer Datengrundlage von 20 Einzelinterviews und 2 Gruppendiskussionen).

    Das zentrale Ergebnis der Exploration sind die unterschiedlichen Medienprofile, wie sie sich aus Sicht der Jugendlichen darstellen:

    • Zeitschriften dienen den Jugendlichen als Ratgeber (“im schnelllebigen In & Out der Glamourwelt”), spielen aber auch im Freundeskreis eine wichtige Rolle: zum einen als Themenlieferant, aber auch als Beschäftigung (Tests). Dabei werden Zeitschriften als besonders glaubwürdig erfahren, da sie von Profis gemacht werden.
    • Fernsehen wird dagegen bewusst dazu eingesetzt, auf unkomplizierte Weise die eigene Stimmung zu beeinflussen oder Zeit totzuschlagen, erscheint den Jugendlichen aber auch unentbehrlich um auf dem Schulhof mitreden zu können (der “GZSZ-Effekt”).
    • Das Radio ist, was wäre anderes zu erwarten gewesen, zu einem reinen Ambient-Medium geworden: nur selten wird bewusst die Aufmerksamkeit auf dieses Medium gelenkt; in den meisten Fällen wird es in den Hintergrund verbannt. Eine Ausnahme: wenn es um lokale und regionale Veranstaltungstipps geht, ist das Radion bei den Jugendmedien ganz vorne mit dabei.
    • Im Zusammenhang mit dem Internet rückt dagegen die Interaktivität in den Vordergrund: dieses Medium wird bewusst als Zwei-Wege-Kommunikation genutzt (“ich schreibe schnell zurück”). Darüber hinaus zeichnet sich dieses Medium aber dadurch aus, dass es amorph ist und vielen Zwecken dienen kann bzw. viele Medien ersetzen kann. Die Substitutionsthese erfreut sich also wenigstens in dieser Altersgruppe einer gewissen Beliebtheit! Komplexere Inhalte in Textform (Wikipedia) werden dagegen vor allem für schulische Zwecke genutzt. Das Internet ist interessanterweise das Medium, in dem die Jugendlichen am offensten für Werbebotschaften sind – besonders, wenn die Werbung neue Informationen oder einen gewissen Unterhaltungswert bietet – virale Botschaften sind bei den Jugendlichen besonders gern gesehen – und nicht zu aufdringlich ist.
    • Interessanterweise geht die Studie extra auch auf das Schlagwort Web 2.0 ein, wenn auch nicht klar wird, was die Autoren damit meinen. Wie auch immer: Weblogs, Foren oder Online Communities werden von den Jugendlichen nicht als besonders wichtige Elemente ihrer Onlinenutzung beschrieben – wenn sie überhaupt schon einmal davon gehört haben. Stattdessen wird auf bewährte Ressourcen (Chat, MSN, ICQ oder “regionale Schülerseiten” – was ist damit gemeint?) zurückgegriffen.
    • Das Handy dient den digitalen Eingeborenen vorrangig als permanente Verbindung zu ihrem Freundeskreis (vgl. dazu auch meinen Beitrag über mobiltelefonierende Nomaden), aber auch als Statussymbol und Gadget (“Mein Handy kann bessere Fotos machen als deins”). Insofern wird nicht nur mit Hilfe des Mobiltelefons kommuniziert, sondern das Handy ist selbst ein wichtiges Gesprächsthema.

    Ach ja, ein weiteres Ergebnis: Wäre die Wikipedia ein Mensch, sie wäre Walter, ein Oldtimer-fahrender und Cordhosen-tragender Oldschooler, der informativ und interessant ist, aber bisweilen etwas länger braucht, um zu verstehen, worum es geht.



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