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Wie Twitter die Gesellschaft verändert: Die Massenmedien

Als kurze Antwort auf Klaus Ecks inspirierenden Blogbeitrag über 18 Gründe, die gegen die Verwendung (sagen wir einmal: gegen die exzessive Verwendung) des Microbloggingdienstes Twitter sprechen, hier ein kurzer Blick auf das positive Potential von Twitter. Welche Veränderungen können durch das Twittern in den unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilsystemen angestoßen werden? Als erstes sind die Massenmedien dran. Danach folgen Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung.

Am deutlichsten sind die Auswirkungen des Microbloggens für die Welt der Massenmedien. Durch den dialogischen Charakter von Twitter verändert sich das Informationsverhalten. Nachrichten werden nicht mehr bloß rezipiert, sondern diskutiert und weitergegeben. Jeder ist ein Knoten in einem nahezu weltumspannenden Netz von Informationen. Die Zahl der Sender hat sich dadurch stark vervielfältigt und zugleich hat sich der Informationsfluss durch die große Redundanz der Kanäle beschleunigt. Nachrichten in Echtzeit statt Nachrichten von Gestern.

Ein kurzes Beispiel: Gestern stand auf einmal der Begriff “Saddam Hussein” ganz oben in den Trending Topics List von Twitter. Warum? Weil bekannt wurde, dass ein Mitglied von McCains Kompetenzteam ehemaliger Lobbyist für den irakischen Präsidenten gewesen ist. Ich habe darüber getwittert und einige meiner Kontakte aus den USA und aus Kanada haben auf diese Weise davon erfahren. Aus einer deutschen Kleinstadt hat sie die Nachricht schneller erreicht als über die Massenmedien. Das nenne ich Veränderung.

Seit die Redaktion das Twittern begonnen hat, gehört Der Westen zu meinem relevant set. Ich komme mit einer Regionalzeitung aus dem Ruhrgebiet häufiger in Berührung als mit hiesigen Regionalzeitungen wie dem Münchener Merkur oder der tz. Das hätte ich zuvor nie für möglich gehalten. Hinter der Twitter-Kommunikation von Zeitungen und Zeitschriften steht im Idealfall folgende stillschweigende Übereinkunft: Die Redaktion schickt ab und zu Links zu neuen Beiträgen auf ihrem Internetangebot, ist im Gegenzug aber offen für die Reaktionen der Leser. Im Kern geht es darum, den dialogischen Aspekt der Massenmedien zu zeigen, der aus dem Endprodukt so erfolgreich verdrängt wird: Nachrichten sind Gespräche und hängen immer auch davon ab, wer sie erzählt.

Das bleibt nicht ohne Folgen: das generalisierte Systemvertrauen in die Massenmedien wird zunehmend abgelöst durch ein sehr viel konkreteres soziales Vertrauen in bestimmte Netzwerkknoten oder Subnetze, deren Fähigkeit, Informationen zu bewerten und zu selektieren einem in der Vergangenheit positiv aufgefallen ist.

Obwohl die Veränderungen hier am deutlichsten sichtbar sind, geht es nicht nur um die Nachrichten. Auch Unterhaltungsangebote werden auf Twitter kommentiert und verbreitet, wodurch klassische one-way-Medien wie das Fernsehen auf einmal eine interaktive und dialogische Qualität bekommen, durch die die Brechtsche Radiotheorie auf einmal in greifbare Nähe rückt. Twitter hat als zusätzlicher Kanal das Potentiel,

den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen.

Zusammengefasst: Durch Twitter verwandelt sich das System der Massenmedien, in dem sich wenige Sender an eine große, anonyme Masse von Rezipienten wendet, in eine plurale Landschaft aus kleinen und großen Knoten, die Nachrichten, Meinungen und vor allem natürlich Hyperlinks austauschen, kommentieren und diskutieren. Sicherlich verlangt es von den klassischen Massenmedien einiges an Mut, sich in dieses neue Spielfeld zu begeben, dessen Spielregeln, Positionen und Akteure noch weitgehend unklar definiert sind, aber diejenigen, die diesen Schritt wagen, haben die Möglichkeit, an der Konstitution dieses neuen Nachrichtenspiels mitzuwirken. Wer sich verweigert, verliert.



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    Manchmal bekomme ich den Eindruck, dass viele Journalisten sich nicht nur schwer tun mit nutzergenerierten Inhalten, sondern dass sie regelrecht versuchen, diese zu verhindern. Ein Beleg dafür sind die unzählbaren Hinweise auf die mangelnde Qualität von Blogkommentaren und Forendiskussionen (das ist mir erst heute wieder passiert, in einer Reaktion auf meinen Vortrag zu Wissenschaftsblogs auf dem Symposium “Wissenschaft im Dialog” in Bremerhaven), ein anderer Beleg ist die rigide Einschränkung der Kommentarfunktion auf der Webseite der Süddeutschen Zeitung.

    Der Witz ist: Die Gegnerschaft von Journalisten und user generated content ist nicht neu. Nur hieß das früher nicht so, sondern trug die Bezeichnung “Leserbriefe”. Journalisten schreiben Artikel, Nutzer schreiben Briefe. Und damals wie heute genügte bzw. genügt der größte Teil der Rückmeldungen der Nutzer auf einen Artikel auf Focus Online genauso wie auf einen Artikel im gedruckten Politikteil der FAZ wohl kaum den Qualitätsvorstellungen von Journalisten.

    Nur: Die meisten Leserbriefe werden nach wie vor nicht veröffentlicht, während sich einige Onlinepublikationen auf das Experiment eingelassen haben, alle Reaktionen der Leser (sofern sie im Einklang mit der Verfassung sind) zu publizieren bzw. nicht herauszufiltern. Ich bin überzeugt: Eine Vollpublikation von Leserbriefen würde bei den meisten Lesern genau dasselbe gruselige Gefühl hervorrufen wie die 1134. Mac-vs-Windows-Debatte in einem heise-Forum.

    In diesem Sinne bedeutet Journalismus dann unter anderem auch, nutzergenerierte Inhalte zu verhindern.

    Ich meine das nicht einmal negativ, denn es wird wahrscheinlich auch in Zukunft eine Nachfrage nach solchen “sauberen” Textbiotopen geben, in denen suggeriert wird, wir befänden uns in einer Habermas’schen Utopie eines rationalen Diskurses. Das ist aber eben nur eine Scheinwelt, die mit der tatsächlichen Art und Weise, wie Menschen denken, was sie sich wünschen etc. nicht viel zu tun hat. Ein Blick auf die beliebtesten Begriffe in der Google-Suche zerstören diese Illusion sehr schnell. Manchmal möchte man das auch gar nicht alles wissen. So eine Art Traumfabrik. Und Traumfabriken werden wohl auch in Zukunft noch nachgefragt werden.



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    “Das Requiem auf Print ist noch nicht gesungen”, sagte Bascha Mika, Chefredakteurin der taz auf dem media coffee der dpa in Berlin. Ich befürchte fast, dass sie damit Recht hat. Aber nicht deshalb, weil ich den Untergang der Printzeitungen und -zeitschriften herbeisehnen würde – im Gegenteil! Eher sehe ich die Gefahr, dass sich gerade die gedruckten Tageszeitungen in Zombies verwandeln, untote Wesen, die nicht sterben dürfen, weil von Seiten der Zeitungsmacher zu viel Prestige, Tradition, Emotion daran hängt. So werden möglicherweise Veröffentlichungen, die längst nicht mehr relevant, ökonomisch tragfähig oder zukunftsweisend sind, jahrelang mitgeschleift, weil es einem Tabubruch gleich käme, sie zu hinterfragen.

    Gerade mit Entwicklungen wie der Selbstisolation der Associated Press, die seit kurzem horrende Worthonorare dafür verlangt, dass ihre Informationen in Blogs wiedergegeben werden, spitzt sich die Situation merklich zu. Klar zu erkennen ist, dass es hierbei überhaupt nicht mehr um die Funktion der gesellschaftlichen Verbreitung von Nachrichten geht. Nachrichtenagenturen, die auf einmal mit der wachsenden Konkurrenz aus user generated news in Blogs, auf Twitter oder Friendfeed konfrontiert sind, versuchen dennoch, ihre alte Funktion als gate-keeper zu bewahren. Nur wirken gate-keeper schnell lächerlich, wenn die Mauern längst geschleift worden sind.

    What has me most upset about the AP Affair is that I fear we are seeing the beginnings of its death throes. I value the AP and don’t want it to die. I want it to morph to a new model and a new future. But I am afraid that in its fights, we are seeing its inability to adapt,

    schreibt Jeff Jarvis und das gilt nicht nur für Nachrichtenagenturen, sondern eigentlich die gesamte Printwelt. Nur leider lassen sich diese neuen Modelle und neuen Zukünfte zumindestens in der Welt der Zeitungsverlage noch nicht erkennen. Die Zeitungen werden zwar auf ihren Onlinepräsenzen immer “bloggiger“, binden Bewegtbilder ein, geotaggen ihre Informationen oder beginnen sogar mit dem Twittern. Aber das überzeugt als langfristiger Zukunftsentwurf noch lange nicht.



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    Doc Searls, Mitauthor des Cluetrain-Manifests (“Märkte sind Gespräche“), hat auf seinem Blog in prägnanter Form zehn Empfehlungen für die Zeitung der Zukunft formuliert (bzw. aus dem Archiv hervorgeholt). Da diese Punkte sehr gut zu meinem letzten Blogeintrag zum Tod der Tageszeitungen und dem Überleben der Zeitschriften passt, möchte ich die Thesen hier kurz kommentieren:

    1. Die Archive öffnen. Wenn die alten Beiträge hinter einer kostenpflichtigen Anmeldemaske versteckt sind, können sie von Suchmaschinen nicht gefunden werden. Was im Suchmaschinenzeitalter schlicht heißt: sie existieren nicht. Hier hat sich einiges getan. Das Zeit-Archiv reicht trotz einiger Mängel bis ins Jahr 1946 zurück. Das taz-Archiv ist zwar kostenpflichtig, Google darf aber umsonst hinein, so dass die älteren Beiträge in den Suchmaschinenindices zu finden sind. FAZ und SZ sind dagegen größtenteils kostenpflichtig.
    2. Archiviertes auf die Titelseite bringen. Doc Searls empfielt, Links zu alten Artikeln aus den Archiven auf die Titelseite zu bringen, um die Suchmaschinen und Nutzer in die Archive einzuladen. Zwar haben die Onlineausgaben mittlerweile durch die Bank Verweise auf thematisch ähnliche Beiträge (“related items”) auf den Artikelseiten. Aber der Weg von der Titelseite ins Archiv ist meistens so versteckt, dass man nicht ernsthaft davon ausgehen darf, dass man die Leser dort haben will. Hier als Beispiel der gut getarnte Archivlink ganz unten auf der Tagesspiegel-Seite:
      Gut getarnter Archivlink auf Tagesspiegel.de
      Einige Archive sind zudem nur durchsuchbar und nicht Artikel für Artikel, Ressort für Ressort durchblätterbar.

    3. Nach außen verlinken. Wie ich hier schon erwähnt habe: bei deutschen Zeitungswebseits Fehlanzeige. Verlinkt wird nur auf das eigene Blatt. Links nach außen sind nahezu immer Werbelinks. Von Tageszeitungstrackbacks in die Blogosphäre können wir im Augenblick nur träumen.
    4. Blogs und andere Zeitungen verfolgen und verlinken. Auch hier nicht viel neues. Immerhin leisten sich viele Tageszeitungen nun Blogger, die anscheinend diese Arbeit für die Zeitungsredaktion übernehmen sollen.
    5. Blogger als potentielle Berichterstatter einbeziehen. Bislang ist die Kluft zwischen Zeitungen und Blogs nur in eine Seite durchlässig: Journalisten können Blogger werden. Bewegungen in die andere Richtung, also dass ein wichtiger Blogger oder eine Bloggerin in eine Redaktion geholt wurde, sind mir nicht bekannt. Robert Basics Techniktipps auf der Computerseite der Süddeutschen? Schwenzels Woche in der Taz? Aber das geht natürlich nur, wenn der Scheingegensatz zwischen Journalisten und Bloggern aufgegeben wird.
    6. Bürgerjournalisten für lokale Themen einsetzen. Auch hierfür fallen mir auf Anhieb keine prägnanten Beispiele ein.
    7. Weg mit dem Begriff “Content”. Es geht um Texte, Bilder, Meinungen, nicht um Inhalt, der nur dazu da ist, einen Leerraum zu füllen. Eine Onlineredaktion sollte mehr sein als ein Content-Management-System.
    8. Einfache Webseiten bauen. Klare Strukturen und Navigationspfade, kurz: Benutzerfreundlichkeit.
    9. Ins “Live Web” einsteigen. Statt Site, Content, Box und Container sollte im Idealfall der Eindruck entstehen, dass hier lebendige Menschen recherchieren, fotografieren, schreiben, verlinken, beobachten, kommentieren. Das neue Netz ist dynamisch.
    10. Für mobile Endgeräte “Nachrichtenströme” veröffentlichen. Auf einem Mobiltelefon will man die Essenz der Seite lesen. Mehr nicht. Das kann dann in etwa so aussehen.

    Mir fallen da noch zwei Ergänzungen ein:

    1. Zugänge in die Nachrichtenmaschine anlegen. RSS-Feeds haben mittlerweile die meisten Tageszeitungen im Netz. Aber das sind meistens One-Size-Fits-Them-All-Lösungen. Die Personalisierung geht in der Regel nur so weit, dass man Feeds für einzelne Ressorts abrufen kann. Mit Nachrichten-APIs könnte man sehr viel spezifischere Zugänge zu den Datenbanken ermöglichen und so das dort gespeicherte Wissen besser nutzen. Die amtliche Statistik hat damit auch schon angefangen, so dass man die offiziellen Daten in Mashups weiter umwandeln kann. Warum sollten die Zeitungen das nicht auch können?
    2. Die Nachrichten verschlagworten und geocodieren. Wenn es hoch kommt, sind in den Metatags gerade einmal die ersten zehn Worte der Meldung als Stichworte abgespeichert. Was fehlt ist eine aussagekräftige Verschlagwortung der Beiträge sowie die Geocodierung. In Verbindung mit dem vorangegangenen Punkt entstünde auf diese Weise eine umfassende und dynamische Datenbank mit Begriffen und ihren Orten, auf die man dann z.B. für eigene Blogbeiträge oder Mashups (vgl. dazu meinen geolokalisierten Wein-Nachrichtenfluss mivino) zurückgreifen könnte.


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    Ganz gleich, wie oft man ihn wiederholt: Der Satz “Print ist tot” wird dadurch einfach nicht wahrer. Manche Printerzeugnisse werden fortbestehen und zum Teil noch an Bedeutung zulegen während andere zum Fall für die Geschichtsbücher werden (siehe zum Beispiel diese Meldung). Das Zeitalter der Tageszeitung ist vorbei – Hochglanzzeitschriften werden auch noch in 30 Jahren gelesen werden.

    Doch es scheinen unterschiedliche Gründe hinter dem Untergang der Tageszeitungen bzw. ihrer Verwandlung in ein Luxusgut für ältere Menschen mit viel Zeit und dem Fortbestehen der Zeitschriften zu stecken.

    Das Ende der Tageszeitungen

    Das Ende der Tageszeitungen, also des Prinzips neueste Nachrichten in gedruckter Form diskursiv zu verbreiten, liegt ganz wesentlich daran, dass die Gatekeeperfunktion des Journalismus ad absurdum geführt wird. Früher bedeutete Gatekeeper, dass hier jemand (ein Journalist) ist, der komplexe Informationen und Hintergründe allgemeinverständlich aufbereitet und dadurch einen Informationskanal öffnet. Heute blockieren und verstopfen Journalisten diesen Kanal. Jeder hat potentiell über das Internet Zugang zu den aktuellen Nachrichten, in den ersten Fällen ist die Twitter-Öffentlichkeit sogar schneller informiert als die Presseagenturen. Die Funktion des Journalismus als Verwalter eines knappen Gutes Information wird überflüssig.

    Aber nicht nur der Zugang zu den Informationen hat sich strukturell verändert, sondern mittlerweile hat jeder die Möglichkeit, per Blog Nachrichten zu publizieren. Früher brauchte man dazu eine Druckerpresse, heute genügt eine Blogsoftware oder ein kostenloser Account bei einem der vielen Bloganbieter (siehe dazu auch das dritte Kapitel in Clay Shirkys “Here Comes Everybody“). Wie bezeichnend, dass sich zwei Webloginstallationen mit ihrem Namen in die Tradition des Buchdrucks einordnen: WordPress (“Wörterpresse”) und Movable Type (“bewegliche Lettern”).

    Wie ernst die Lage tatsächlich ist, wird schnell deutlich, wenn man sich etwa die aktuell “Nationale Initiative Printmedien” ansieht. Jetzt muss die Bedeutung des Gedruckten schon offiziell beschworen werden. Das war schon immer ein sicheres Zeichen einer bevorstehenden Pleite.

    Das Überleben der Zeitschriften

    Sucht man nach Gründen für das Überleben der Hochglanzzeitschriften, so wird man einmal mehr bei dem Medienphilosophen Vilém Flusser (“Lob der Oberflächlichkeit“) fündig. Zeitschriften sind weniger im alphanumerischen Code verfasst, der sequentiell – Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Aussage für Aussage – aufgenommen werden muss, sondern wirken im Wesentlichen als farbige, ahistorische Oberflächen, die man eher mit dem Auge kreisend aufnimmt. Nach Flusser “deutet die gegenwärtige Farbenexplosion auf ein Ansteigen der Wichtigkeit zweidimensionaler Codes. Oder umgekehrt: Eindimensionale Codes wie das Alphabet neigen gegenwärtig dazu, an Wichtigkeit zu verlieren” (“Die kodifizierte Welt”, 1978).

    Während jeder einen Zugang zu den neuesten Nachrichten hat und als Nachrichtensender agieren kann, kann nicht jeder hochwertige Oberflächen produzieren. Die Produktionsmittel sind hier ungleich verteilt. Das Internet hilft in diesem Fall nicht weiter, da Farbtreue und Farbtiefe noch zu weit weg von den gedruckten Zeitschriften entfernt sind, ganz zu schweigen von dem Fehlen der haptischen Dimension. Webseiten lassen sich nicht mit den Fingerspitzen lesen. Bisherige Versuche, digitale Hochglanzseiten zu entwerfen, überzeugen noch nicht. Wir bleiben hier also auch in Zukunft noch angewiesen auf professionelle Oberflächenproduzenten und auf das Papier als Medium für Glanz und Farbe. Die Lücke zwischen Flüssigkristallen und Hochglanzpapier ist zumindest für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte die Überlebensgarantie der Zeitschriften.

    (Abbildung “Zeitschriften” von cld, CC-Lizenz)



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    Der gerade eben veröffentlichte Medien-Trendmonitor liefert wieder einmal spannende Einblicke in die Überzeugungen der Journalisten und Redakteure. Eine Frage ist besonders schön, da sie einen tiefen Glaubensinhalt des Printjournalismus betrifft: Die Frage nach dem Leitmedium.

    Man muss sich das in etwa so vorstellen: Unabhängig von kleineren Veränderungen und Verschiebungen gibt es große gesellschaftliche Trends, was den öffentlichen (oder: veröffentlichten) Diskurs betrifft. Luthers Zeitgenossen haben sich noch Flugschriften bedient, wenn sie eine relevante Öffentlichkeit erreichen wollten, 100 Jahre später konnte man sich mit gelehrten Büchern an die Öffentlichkeit wenden. Im 19. Jahrhundert begann dann die Ära der Zeitung, genauer: der Massenpresse, die durch neue Drucktechnologien möglich wurde. Und danach? Nichts mehr. Der Medien-Trendmonitor formuliert es wie folgt:

    Das Ergebnis ist eindeutig: Die gedruckte Zeitung bleibt weiterhin das maßgebliche Leitmedium. Diese Meinung zieht sich durch alle Berufsgruppen sowie Medienbereiche.

    Kein Radio, kein TV, kein World Wide Web, ja nicht einmal die Onlineausgaben der Tageszeitungen und Zeitschriften spielen hier eine Rolle. Nur 3,8 Prozent der 3093 online-befragten Redakteure und freien Journalisten sind der Meinung, dass das Internet die Zeitung als Leitmedium bereits abgelöst hat. Noch weniger sind es in den Redaktionen der Tageszeitungen. Verständlich. Da überrascht es auch nicht, dass das Web 2.0 (was auch immer darunter verstanden wird) für zwei Drittel der Befragten nur eine geringe oder gar keine Relevanz für die journalistische Arbeit hat. Zum Glück ist es nur von untergeordneter Wichtigkeit, was die Zeitungsmacher selbst für relevant halten oder als Leitmedium empfinden. Viel wichtiger ist die gesellschaftliche Relevanz, die allerdings mangels zuverlässiger Zahlen und Forschung noch nicht hinreichend belegt werden kann.

    Einschränkend muss man dazu sagen, dass die gedruckte Zeitung hier nur mit dem Internet verglichen wurde und nicht mit den Leitmedien des 20. Jahrhundert Radio und TV, die was Glaubwürdigkeit und Verbreitung betrifft, gerade bei den jüngeren Mediennutzern die Zeitung schon seit längerem abgelöst haben. Aktuelle Studien zeigen, dass dort mittlerweile auch das Internet schon vor den Zeitungen liegt. (via Martin Welker)



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    Schon des öfteren habe ich die These vertreten, dass Print nicht tot ist, genauso wenig wie Nachrichten tot sind. Aber die enge Verbindung von Print und News, wie sie sich beispielhaft in den großen Tageszeitungen beobachten lässt, verliert angesichts der in nahezu jedem Fall größeren Aktualität von Onlinenews oder der ungefilterten Nachrichtenkanälen wie Twitter oder Blogs stetig an Bedeutung (mittlerweile experimentieren auch Tageszeitungen wie Welt-Kompakt oder die Hamburger Morgenpost mit dem Instantmedium Twitter).

    Das sollte aber nicht verwechselt werden mit einer Demokratisierung der Nachrichtenproduktion und -distribution. Auf der einen Seite bestehen tatsächlich neue Möglichkeiten einer Nachrichtenproduktion und -distribution im Long Tail des WWW, die im Übrigen noch deutlich zu wenig genutzt werden. Auf der anderen Seite gibt es Anhaltspunkte dafür, dass die Onlinenachrichtenquellen sehr viel stärker konzentriert sind als es in der Printwelt der Fall gewesen ist. Zu diesem Ergebnis kommt auch der “State of the News Media“-Bericht des Project for Excellence in Journalism:

    Online, for instance, the top 10 news Web sites, drawing mostly from old brands, are more of an oligarchy, commanding a larger share of audience than they did in the legacy media. The verdict on citizen media for now suggests limitations. And research shows blogs and public affairs Web sites attract a smaller audience than expected and are produced by people with even more elite backgrounds than journalists.

    Der Bericht skizziert sechs Trends in der Entwicklung der Nachrichtenmedien, die sich 2008 zumindest in den USA schon deutlich abgezeichnet haben:

    • Nachrichten verwandeln sich von einem Produkt in eine Dienstleistung. Dazu gehört auch der Trend zu einer Art perpetual beta-Nachrichten: immer wieder kleine Updates anstelle der klassischen (Morgen- und Abend-)Ausgaben. Das heißt aber auch, dass der aktuelle Nachrichten-Release nur ein Zwischenstand ist, der später ergänzt oder korrigiert werden muss. Das ist freilich nicht neu, wurde aber durch das Erscheinungsbild einer Zeitung als fertiges Produkt überdeckt.
    • Nachrichtenseiten sind nicht mehr Endpunkte, sondern Zwischenstationen. Nachrichtenportale sind keine walled gardens mehr. Die dort publizierten Meldungen können syndiziert, kommentiert, geokodiert, auf Facebook gepostet, gediggt oder geyiggt werden. Sie werden zu einem unter vielen Rohstoffen in digitalen Mashups. Anders ausgedrückt: news is a river.
    • Nutzergenerierter Content spielt (noch) keine große Rolle. Obwohl die Nutzer im Web 2.0 Nachrichten remixen können, spielt die eigene Produktion von Nachrichten wie es die Bürgerjournalismus-Idee will nur eine untergeordnete Rolle. Hier formuliert der Bericht eine interessante Pointe: die Graswurzelnachrichten in Blogs sind sehr viel geschlossener und altmodischer als die großen Nachrichtenportale: “In short, rather than rejecting the ‘gatekeeper’ role of traditional journalism, for now citizen journalists and bloggers appear for now to be recreating it in other places.”
    • Die Rückkehr des Newsroom. Verkündete man vor 10 Jahren noch das Ende des Newsroom, so ist das Nachrichtenressort mittlerweile sehr viel weniger umstritten als z.B. die Verlagsseite (fehlende Monetarisierungsmodelle für Online) oder die Meinungsseite (Blogger machen das, gerade in den USA, häufig besser).
    • Einengung der Agenda. Trotz der Pluralisierung von Nachrichtenquellen und -kanälen ist in jüngster Zeit die Nachrichtenagenda weiter geschrumpft. Irakkrieg und Präsidentenwahl sind die Themen, die ein Viertel der Nachrichtenmeldungen in den USA bestimmten.
    • Die Werbeagenturen sind ratlos. Hier halten sich die alten Formen, so dass der Leidensdruck für die alten Medien dadurch noch eine Weile niedrig gehalten wird. Aber auch hier sieht das Project for Excellency in Journalismus früher oder später eine drastische Veränderung: “But the losses could begin to accelerate when answers come. The question of whether, and how, advertising and news will remain partners is unresolved.”

    Zugespitzt formuliert: Die Nachrichtenindustrie ist ein Zombie, der sich im Halbschlaf befindet und nur deshalb nicht bemerkt, dass das Suchmaschinenzeitalter längst begonnen hat. Deshalb wird in Zukunft von großer Bedeutung sein, nach welchen Kriterien die großen Player Google und Yahoo den Zugang zu Nachrichtenmeldungen herstellen. Schon jetzt zeigen sich unterschiedliche Gewichtungen von Quellen und Themen – ein Problem sehe ich aber darin, dass diese Gewichtung nicht mehr auf Menschen und ihre politische Agenda zurechenbar ist, sondern von Algorithmen abhängt, die von außen nicht durchschaubar sind.



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    Gibt es eine allgemein menschliche Gier nach Informationen? Lee Gomes kommt im Wall Street Journal zu diesem Ergebnis: “We’re powerless to resist grazing on endless web data”. Er beruft sich dabei auf die Forschungsergebnisse von Irving Biederman, einen Neurowissenschaftler an der University of Southern California:

    In other words, coming across what Dr. Biederman calls new and richly interpretable information triggers a chemical reaction that makes us feel good, which in turn causes us to seek out even more of it. The reverse is true as well: We want to avoid not getting those hits because, for one, we are so averse to boredom.

    Biederman hat sogar einen neuen Begriff für die zutiefst menschliche Sucht nach neuen Informationen geprägt: infovores (dt.: Infofresser). Das Problem liegt seiner Ansicht darin, dass die Menge der jederzeit verfügbaren und vor allem leicht zugänglichen Informationen durch das Internet gewaltig angestiegen ist: “We are programmed for scarcity and can’t dial back when something is abundant.”

    Das Ergebnis könnte man auch als “Infovöllerei” bezeichnen. Und gerade die unerschöpfliche Informationsproduktion der Blogosphäre wird für manche Beobachter zum Problem – ich erinnere nur an Fichtners Angstzustände angesichts der vielen für ihn nutzlosen Informationen: Wer soll das alles lesen? Es sind also Filter gefragt, um diesem information overload zu begegnen.

    Das Neue daran: Es gibt keine institutionell legitimierten Lösungen dafür. Statt einem für alle gültigen “Filter des Journalismus” (one size fits them all) zu vertrauen ist nun jeder Informationsjäger aufgefordert, sich einen eigenen Filter zu basteln – den eigenen Vorlieben, Bedürfnissen und Fähigkeiten gemäß. Gefragt sind also Infogourmets.



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  • Print-News sind ein Zombie: IDG-Studie zur Mediennutzung von Entscheidern

    Das Medienhaus IDG (u.a. PC Welt, Mac Welt, Computerwoche) hat in seiner aktuellen Mediennutzungsstudie “Wie Entscheider heute Medien nutzen: Neue Formen und Möglichkeiten vernetzter Medienmarken” (hier als pdf) dreitägige Mediennutzungstagebücher von Führungskräften der Medienbranche untersucht. Dabei zeigte sich eine hohe Affinität zu “aus der Print-Tradition heraus entstandenen Medienmarken”. Ganz gleich, in welchem medialen Kontext diese genutzt wurden – ob Print oder Online -, sie wurden als besonders seriöse Informationsquelle wahrgenommen.

    Die Medientagebücher zeigten, dass der Tagesablauf von IT-Entscheidern sich in zwei unterterschiedliche Hälften aufteilt: Während die erste Tageshälfte von Routinen geprägt ist, finden die Führungskräfte in der zweiten, offeneren Tageshälfte Zeit für Aktivitäten, die nicht der unmittelbaren Problemlösung dienen. Dementsprechend werden am Vormittag Onlinemedien lösungsorientiert angewandt, während am Nachmittag verstärkt Printmedien genutzt werden um einen allgemeinen Marktüberblick zu bekommen.

    Die eigentlich viel spannendere Frage danach, ob man im digitalen Zeitalter überhaupt noch trennscharf zwischen Print und Online unterscheiden kann, gehen die Autoren leider nicht an. Stattdessen interpretieren die Autoren die Daten in Richtung einer fortbestehenden Dominanz von Print:

    Im Umfeld der sich wandelnden Mediennutzung ist das Internet vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie zum Leitmedium avanciert. Doch auch nach der Etablierung der neuen Informationskultur im Netz bleibt der Qualitätsjournalismus Kern allen Handels.

    Gemeint ist freilich: Print-Qualitätsjournalismus. Genau an dieser Stelle liegt der grundlegende Fehler von Studien dieser Art. Die Gegenüberstellung von qualitativ-hochwertigen “Fachzeitschriften” und “Online-Medien”, die für die (armen) Entscheider als information overload erlebt werden, war spätestens an dem Moment überholt, als die ersten Fachzeitschriften ihre Inhalte ins Internet transferierten und per RSS zugänglich gemacht haben (obwohl: in den Medientagebüchern der Entscheider sind Newsletter wichtiger als Feeds).

    Überhaupt wimmelt es in dieser Studie von Formulierungen, die eine Überlegenheit von Printzeitschriften suggerieren: So ist etwa die Rede von Webseiten, “die die Lösung des anstehenden Problems scheinbar am schnellsten” versprechen (eigene Hervorhebung). Ebenso kurios wie bezeichnend ist auch die Wahrnehmung der Entscheider, dass Online-Medien teilweise zur Überforderung werden, während sich Print-Medien auf wundersame Weise dem “individuellen Lese-Rhythmus” anpassen können.

    Ein Punkt ist aber plausibel: Printzeitschriften spielen als Nachrichtenquelle nur noch eine Untergeordnete Rolle. Das Internet – trotz aller Diffusität, Unübersichtlichkeit und Flüchtigkeit – liefert die aktuelleren Informationen. Also: Print ist nicht tot, aber Print-News sind ein Zombie. Und Marken, welche eine Überraschung, spielen sowohl in der Print- wie Onlinewelt eine große Rolle. Das passt zu den aktuellen Überlegungen zu “Media-Tribes“.

    Diese qualitative Studie wurde August bis Oktober 2007 von IFCom in Hamburg durchgeführt und basiert auf der Auswertung von 20 ausgefüllten Mediennutzungstagebüchern und 20 ergänzenden explorativen Interviews. Für eine explorative qualitative Studie ist die Stichprobengröße durchaus in Ordnung, um die These der unterschiedlichen “Medientageszeiten” weiter zu erhärte, wäre allerdings eine Nacherhebung größeren Umfangs notwendig. Ist so etwas geplant?



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    375779781_44482dc707_m.jpgWieder einmal spricht die Blogosphäre über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem klassischen Zeitungsjournalismus und Weblogs. Tyler Brûlé, Herausgeber einer der schönsten Zeitschriften zur Zeit, lobt auf der einen Seite den demokratisierenden Charakter der Blogs, stellt aber auch fest, dass viele Blogger keine eigenen Stories im Sinne des investigativen Journalismus produzieren und in Zweifelsfällen nicht so viel riskieren können, weil ihnen ein starkes Verlagshaus fehlt, das sie finanziell und juristisch unterstützen kann (Stichwort: Abmahnwellen).

    Ich denke, Brûlés “Kritik”, die eigentlich gar keine ist, trifft zu, allerdings nicht nur für Weblogs, sondern jegliche Art von Bürgerjournalismus oder Amateur-Publizistik. Wobei es auch Ausnahmen gibt, wie zum Beispiel den Fall des US-Bloggers Joshua Marshall, der sich mit der Entlassung von Bundesstaatsanwälten auseinandersetzte und dort auf UnRegelmäßigkeiten gestoßen ist, oder den “Journalisten 2.0″ Matt Drudge. Dieses (seltene) Beispiel für investigativen Blogjournalismus wurde mit dem George-Polk-Preis für Berichterstattung im Justizbereich ausgezeichnet. Es klappt also doch, wobei es in Deutschland auf Grund der Rechtslage noch schwieriger sein dürfte, derart brisantes Material in einem Blog zu veröffentlichen.

    Weblogs und Tageszeitungen unterscheiden sich also gar nicht so sehr in den Themen oder der Selbstreferentialität. Genauso wie Zeitungen selbstreferentiellen Klatsch über die Zeitungswelt veröffentlichen können, sind Blogger in der Lage, spannende Stories zu recherchieren und zu schreiben. Voraussetzung dafür sind jedoch die entsprechenden Rahmenbedingungen. Dazu gehören dann vielleicht die folgenden Punkte:

    • Finanzielle Anerkennung des Bloggens. Denn aufwändige Recherchearbeit muss erst einmal finanziert werden. Dasselbe gilt allerdings auch für den Zeitungsjournalismus, denn auch hier sieht man, wie die Qualität der Recherche im Fall unterbezahlter Freier ohne “festangestellte Rolls-Royce-Gesichter” leidet. Womöglich wäre auch für Blog-Artikel ein Recherche-Stiftungsmodell à la Robert Rosenthal praktikabel?
    • Juristische Unterstützung. Also so eine Art Blogger-Rechtsschutzversicherung oder -fonds, um auch dann noch investigativ recherchieren zu können, wenn große und finanzstarke Konzerne davon betroffen sind. Die Stärke des Formats “Weblog” liegt in der Publikation von Meinungen und Analysen, im Idealfall auch unbequemen Meinungen. Das geht aber nur, wenn die Möglichkeiten, Blogger unter Druck zu setzen nicht allzu groß sind
    • Vielleicht auch Blogger-Presseausweise? Damit könnten sich auch Blogger bei offiziellen Veranstaltungen akkreditieren lassen. Diesen Punkt sehe ich allerdings als unproblematisch, da immer mehr Veranstalter auch Blogger akkreditieren und zudem der Presseausweis immer mehr zu einer Rabattkarte für schreibende Schnäppchenjäger wird.

    Wenn man sich das steigende Vertrauen gerade der “Meinungsführer” in soziale Medien wie Weblogs betrachtet – nach einer aktuellen Umfrage ist in den USA das “Internet damit erstmals zum klar dominierenden News-Medium geworden” -, wird die Frage immer wichtiger, wie die Blogger mit diesem Vertrauensvorschuss umgehen. Beziehungsweise nach den strukturellen Grundlagen dafür, diesem Vertrauen gerecht zu werden.



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