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Kein Besucher bleibt ewig! Zeitungen sollen sich nicht neu erfinden, sondern das Verlinken lernen

Steffen Büffels Antwort auf die von mir kürzlich vorgestellten und erweiterten Thesen von Doc Searls zur Rettung der Zeitung hat mir wieder einmal die Bedeutung der “Kultur der Verlinkung” gezeigt, die sich gerade in den Weblogs so eindrucksvoll zeigt. Steffen rät den Zeitungsmachern nämlich:

Wedelt mit guten Content-Teasern lieber an den Boulevards der großen Onlinenetzwerke. Dann schaue ich gerne mal rein und klicke durch eure PI-gierigen Seiten. Und wenn ihr mich dann wieder an viele tolle Stellen wegschickt, komme ich umso lieber zurück.

Das ist meiner Ansicht nach der große Graben zwischen ins Internet gedruckten Zeitungen und echten Digitalformaten wie Blogs. Süddeutsche, Spiegel etc. geizen mit Links nach draußen aus Angst, dadurch den Leserstrom von den eigenen Inhalten wegzuleiten. Sie haben nicht begriffen, dass Links Informationen sind, die einen Mehrwert bieten. Das Denkmodell ist immer noch die klassische “Ausgabe”. Also ein Inhaltsbündel, das man von vorn bis hinten durchliest bzw. durchklickt. Ein Inhaltsbündel, dass man auch nur als Bündel erwerben kann.

Im Internet wird jedoch kreuz und quer gelesen – Inhalte gibt es hier nicht im Bündel oder auf der Rolle, sondern in einem Netzwerk. Ich komme über einen Link auf einen interessanten Beitrag, lese ihn und sehe mir die Links an, die von dort auf andere Seiten verweisen. Eine Wahrheit, die unsere Onlinezeitungsmacher anscheinend noch nicht begriffen haben: Kein Besucher bleibt ewig. Die Frage lautet nur: Ist deine Seite eine Sackgasse oder ein Knotenpunkt in einem dicht gewobenen Netzwerk? Verlassen die Besucher die Seite per “Tab schließen” oder über den Link zu einer anderen Seite, die ihnen genau die Informationen bietet, nach denen sie suchen? Und von der sie dann vielleicht früher oder später wieder zurückkommen, weil diese Seite ebenfalls auf Verlinkung setzt?

Ich muss wohl nicht eigens betonen, dass ich die zweite Option für die zukunftssichere halte. Wenn die Zeitungen wirklich auf irgendeine Weise in den neuen digitalen Dialogen mitreden wollen, müssen sie lernen, zu verlinken. In einem Netzwerk liegen Punkte, von denen kaum eigene Verbindungen ausgehen, am Rand.



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    Wenn ich nur alles ausführlich verbloggen könnte, was mir da tagtäglich durch den Feedreader rutscht … Dann würde ich mich zum Beispiel den folgenden Beiträgen widmen:

    • Robert Scoble stößt einmal mehr eine Diskussion über die Zukunft der Blogosphäre an. Er ist sich nämlich ziemlich sicher, die “era when bloggers could control where the discussion of their stuff took place is totally over.” Dienste wie FriendFeed verteilen die Gespräche nämlich dezentral. Eine wirkliche Beschreibung dieses spannenden Phänomens ist damit aber noch lange nicht erreicht.
    • 1.0, 2.0, 3.0 oder gar 4.0? Diese Frage kann man nicht nur auf das Web beziehen, sondern auch auf die Zukunft der Bibliothek. René Schneider (FH Genf) hat nun die Folien auf Slideshare gestellt, mit denen er die Evolution vom klassischen OPAC über das nutzerorientierte Web 2.0 und das semantischen Netz bis zum künstlich-intelligenten Web 4.0 skizziert. Mich würde interessieren, wie weit man mit Begriffen wie “Bibliothek 4.0” vom bibliothekswissenschaftlichen Mainstream ist? (netbib, Steuereule)
    • Kai-Uwe Hellmann nimmt ausführlich einen klassischen Text (pdf) von Barry Wellman, dem Pionier der Netzwerkanalyse, auseinander und kann der Wellmanschen Idee eines “vernetzten Individualismus” als neue Gemeinschaftsform nicht viel abgewinnen. Zurecht. Hellmanns Fazit sollte man sich im Zeitalter des Social Graph ruhig einmal auf der Zunge zergehen lassen: “Unstrittig ist: Jede ‘Community‘ ist ein ‘social network’, dies gilt umgekehrt
      aber keineswegs.”

    • Mit Amateurvideos gegen den Staat? Das berlin Institute aus, nun, Berlin versucht diesen Trick und hat ein “Video zur fragwürdigen Unabhängigkeit von Tagesschau und NDR-Rundfunkratins Netz gestellt. Das Ziel ist eine möglichst weitläufige virale Ausbreitung des Materials, mit dem nachgewiesen werden soll, dass das gegenwärtige Rundfunkkontrollsystem nicht funktioniert und mehr Transparenz und Expertise verdient hätte. Bis jetzt sieht es ganz gut aus – zumindest was die Viralität betrifft.
    • Weblog-Geringverdiener Jeff Jarvis zeichnet die Zukunft von Medien und Nachrichten in sein Blog. Der alte Filter der Presse – zwischen der Welt und uns – wird ersetzt durch eine heterogene und pluralisierte “Presse-Sphäre”, in der viele Quellen zur individuellen Konstruktion einer Story herangezogen werden können und Feeds dafür sorgen, dass wir auf dem Laufenden bleiben. Der große Unterschied zwischen Print und Online: “In print, the process leads to a product. Online, the process is the product.” Die neuen Nachrichten sind nicht mehr in Ressorts organisiert, sondern um Themen, Tags oder Geschichten, “because the notion of a section is as out of date as the Dewey Decimal System“.
    • Solche Listen werden wir in Zukunft noch häufiger sehen: Josh Bernoff hat neun Gründe gesammelt, warum Menschen Social Media nutzen: Freundschaften pflegen, neue Freunde finden, sozialer Druck, seinen Beitrag leisten, Altruismus, Exhibitionismus, Kreativität, Selbstbestätigung und Affinität. Daraus folgt ein wichtiger Hinweis an die Macher von Social Software: “Respect this diversity.”
    • Auch der Altmeister der Medienkonvergenztheorie, Henry Jenkins, meldet sich wieder zu Wort und erörtert auf dem C3-Blog das Thema: “Why academics should blog…” Er betont insbesondere die Bedeutung von Weblogs für die Sichtbarkeit junger Forscher: “increasingly, younger researchers are using blogs as resources for reputation building, especially in cutting-edge fields that lack established authorities.” Außerdem ermöglichen Wissenschaftlerblogs eine proaktive Haltung gegenüber den Massenmedien: Wir bloggende Wissenschaftler warten nicht mehr, bis wir von Journalisten zu einem Thema befragt werden, sondern reden einfach los. “Just-in-time-Scholarship” nennt Jenkins das.


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    Ist es mir bisher nur nicht aufgefallen, oder ist es tatsächlich eine Neuentwicklung, dass Perlentaucher in seinem täglichen Newsletter auch “aus den Blogs” berichtet und zitiert?

    perlen.png



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  • Journalisten haben herausgefunden: Bloggen ist Kinderkram

    In einem wunderbaren Beitrag nimmt Marc (Wissenswerkstatt) die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung zum Thema Web 2.0 auseinander, das nicht gerade zur Kernkompetenz der Zeitung gehört. Worum geht es? Die SZ hat anlässlich einer TNS-Infratest-Studie (vgl. dazu auch den Eintrag im Wortgefecht) zum Thema Web 2.0 – zu interpretativen Schwierigkeiten einer älteren TNS-Studie zu einem ähnlichen Thema hatte ich mich bereits an dieser Stelle geäußert – in ihrem “Jugendlexikon” wieder einmal die Lieblingsthese der Qualitätsjournalisten von der Blogosphäre als digitalem Kindergarten aufgewärmt:

    “Schon 81 Prozent der Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren hocken heute vorm Computer. Folglich werden es immer seltener Oma und Opa sein, die den goldenen Schlüssel zu ihren Erfahrungsschätzen aushändigen, so ihnen nur aufmerksam zugehört wird. Vielmehr wird Wissen heute fix aus dem Internet gefischt. Genauer, aus dem Web 2.0, dem Mitmach- und Partizipativnetz. Für dessen Inhalte sorgen, wie sich denken lässt, viele Jugendliche.”

    Marc empfiehlt den zuständigen Redakteuren und Journalisten, es doch hin und wieder einmal mit sorgfältiger Recherche und einem Blick auf die Repräsentativität derartiger Aussagen zu versuchen, was dann mitunter überraschende Ergebnisse hervorgebracht hätte: dass zum Beispiel das Durchschnittsalter der Wikipedia-Produzenten bei 35 Jahren liegt oder dass der “Wie ich Blogge”-Studie (Zusammenfassung als pdf) zu entnehmen ist, dass “82,3% aller Blogger 20 Jahre und älter sind”.

    Vielleicht hätte aber auch ein kleiner Blick auf unsere lieben A-Blogger genügt. Normalerweise schauen Qualitätsjournalisten doch auch immer als erstes auf die Herren Niggemeier, Schultheis, Vetter, Basic, Haeusler, René, Schwenzel, Alphonso und Winkel? Warum nicht dieses Mal? Vielleicht weil sie dann sofort auf das kleine Geheimnis der A-Blogger gestoßen wären, dass keiner von ihnen unter dreißig ist und einige sogar bereits die 40 hinter sich gelassen haben.

    Disclaimer: Der Autor dieser Zeilen ist in dieser Angelegenheit persönlich nicht unbeteiligt, da er ebenfalls der Altersgruppe Ü30 angehörig ist.



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    In der aktuellen Ausgabe des Berliner Journals für Soziologie schreibt Ann C. Zimmermann in einem Beitrag über “Online-Öffentlichkeiten als Gegenstand empirischer Forschung“. Zugespitzt geht es darin um die Frage, inwiefern sich internetspezifische Öffentlichkeiten von massenmedialen Öffentlichkeiten (hier: Printpresse) unterscheiden. Einleitend wird zunächst der verwendete Begriff der Öffentlichkeit (und die Differenzierung in Begegnungs-, Versammlungs- und massenmediale Öffentlichkeiten) sowie bisherige Forschungsergebnisse zu den Implikationen von Online-Öffentlichkeiten vorgestellt. Zimmermann kritisiert an der Forschung, dass zum einen normative Betrachtnungsweisen vorherrschen und zum anderen das Internet (gemeint ist wohl das WWW) vor allem als Diskussionsforum wahrgenommen wird und internetspezifische Formen von Öffentlichkeit zuwenig beachtet werden.

    Anschließend wird zwischen zwei möglichen Folgen von Internetöffentlichkeiten unterschieden:

    1. Ein indirekter Einfluss des Internets auf die herkömmlichen Öffentlichkeiten (z.B. Journalisten, die im Netz recherchieren), sowie
    2. ein direkter Einfluss des Internets auf Strukturen medialer Öffentlichkeit (z.B. durch direkte Kommunikationswege unter Ausschaltung der üblichen Gatekeeper).

    Dabei wird besonders die Rolle der Suchmaschinen als neue Gatekeeper (“vertikale hierarchische Selektion”) sowie die Möglichkeit der horizontalen Netzwerkselektion durch die Verlinkung der Webseiten untereinander hervorgehoben. Die Aussage, “dass Suchmaschinen im Vergleich zu herkömmlichen Medien deutlich demokratischere Kriterien anlegen” würde ich jedoch vor dem Hintergrund des neu entstandenen Geschäftsfeldes der Suchmaschinenoptimierung noch einmal überdenken. Auch die Feststellung, es sei “letztlich irrelevant, wie sich dieser Rankingprozess [der Suchmaschinen, BK] genau gestaltet” halte ich für problematisch, da doch gerade dieser Rankingprozess einen großen Einfluss auf die Sichtbarkeit der politischen Äußerungen ausübt (und insofern eine Selektionsmacht besitzt, die für Offline-Öffentlichkeiten kein Pendant kennt). Die Schwierigkeiten, Webseiten und Zeitungen zu vergleichen, zeigen sich auch darin, dass es für die übliche Abdeckung des Links-Rechts-Spektrums im Internet keine Entsprechungen zu geben scheint: Sind Google, Live.com oder Digg links oder rechts?

    Als Ergebnis zeigt sich eine überraschend starke Dominanz der Medienakteure auch in den Online-Öffentlichkeiten. Unter den analysierten deutschen Informationsangeboten (weit oben gerankte Webseiten zu sieben ausgewählten Politikfeldern) sind nur 2% private Inhalte neben 47% medialen, 21% staatlichen, 17% zivilgesellschaftlichen und 12% auf sozioökonomische Interessengruppen bezogenen. In den UK sind es sogar 75% mediale Inhalte, während in Frankreich die staatlichen (und parteiendemokratischen) Inhalte mit 42% dominieren.

    Die Erhebung stammt aus dem Jahr 2002, sodass sich die spannende Frage stellt, inwiefern sich diese Struktur durch das Aufkommen von Weblogs und vor allem der Wikipedia verändert haben könnte. Darüber hinaus ist fraglich, ob die getroffene Unterscheidung zwischen Medienanbietern und Medienakteuren in dieser Form noch aufrechterhalten werden kann: Zu welcher Akteursgruppe würde man die Wikipedia bzw. die Wikipedia-Autoren zählen? Oder: würde man ein auf twoday oder wordpress gehostetes Blog als “abhängige Online-Präsenz” werten? Zimmermann kommt außerdem zu dem Ergebnis:

    Das vergleichsweise junge Medium Internet hat folglich auf der hier untersuchten Ebene bereits relativ stabile Muster herausgebildet, die sich in allen Untersuchungsländern finden lassen und sich zudem in den meisten Fällen kaum von den Mustern unterscheiden, die in herkömmlichen Medien zu finden sind.

    Zu einem Zeitpunkt, an dem die Internetdurchdringung in Deutschland noch deutlich unter 50% gelegen ist und zudem viele Verlage erst damit begonnen haben, eine eigenständige Onlinestrategie zu entwickeln, von “relativ stabilen Mustern” zu sprechen, erscheint mir dann doch etwas zu gewagt. Dennoch hat Zimmermann mit ihrem Aufsatz ein wichtiges Themenfeld umrissen, wenn auch vermutlich der Begriff “Online-Öffentlichkeiten” zu allgemein ist und hier eine weitergehende Differenzierung geboten scheint. Womöglich funktioniert Öffentlichkeit in MUDs, Blogs, Foren, Mailinglisten, Onlinejournalen gar nicht auf dieselbe Weise?

    (Abbildung: “Die Schauspieler der Gesellschaft: Endlich hat die Zeitung mein ‘Sehr gut’ ausführlich gebracht…”, Honoré Daumier, 1844, Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)



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    Dave Winer hat hier skizziert, wie er sich ein “HyperCamp” – die Pressekonferenz der Zukunft – vorstellt:

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    Vorne, auf einem Podium steht der Vortragende und hat 20 Minuten Zeit, seine Ideen vorzutragen. “Totally commercial”, versteht sich: für die Aufmerksamkeit der bloggenden Öffentlichkeit wird bezahlt. In der Mitte des Saales steht eine riesige Tafel, an der mindestens 100 BloggerInnen Platz haben. Am anderen Ende des Saales ist dann noch ein Podium, auf dem ebenfalls präsentiert wird. Gleichzeitig. Links und rechts des Tisches hat das Buffet – “Great Food + Drink” – und eine Tratschecke (“Schmoozing Area”) Platz. Natürlich ist es in dem Raum laut, es wird geplaudert und getippt, so dass die Vortragenden (“They might be boring”) sich bemühen müssen, für ihre Ideen Gehör zu finden.
    Sowenig mir der Gedanke des pay-for-attention in diesem Kontext behagt, desto lustiger finde ich die Idee des Stereovortragens. So mancher Konferenz-Langeweiler würde dadurch vielleicht erträglicher oder von vornherein abgeschreckt.



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    trust.pngIn einer aktuellen Umfrage hat TNS Emnid nach dem Vertrauen in unterschiedliche Informationsquellen gefragt (Pressemitteilung als pdf). Und welche Quelle genießt in der Umfrage bei den 1048 Befragten mit nur 20% das geringste Vertrauen? Richtig: das Internet. Nur haben die Meinungsforscher anscheinend noch etwas Schwierigkeiten mit diesem neuen Ding. Sie sprechen in der Pressemitteilung von “Mediengattungen wie Internet, Lokalzeitung, Zeitschriften, öffentlich-rechtliches Fernsehen, Privatfernsehen, öffentlich-rechtlicher Rundfunk und privater Rundfunk.”
    Irgendwie bekomme ich die Begriffe aber nicht nebeneinander. Denn das Internet – wahrscheinlich ist damit gemeint: das WWW – kann alles und noch mehr sein: Lokalzeitung, Zeitschrift, Fernsehen und Rundfunk.
    ebersberger.png Man braucht sich nur das Beispiel der Ebersberger Nachrichten ansehen, einer Lokalzeitung, die ausschließlich im WWW veröffentlicht wird. Und welche Gründe werden für das schlechte Abschneiden des Internet genannt? Nach Michael Voß

    tragen Software-Sicherheitslücken oder eine allgemeine Verunsicherung durch Meldungen über bzw. eigenen Erfahrungen mit Trojanern, Viren oder Spysoftware mutmaßlich zu diesem Vertrauensdefizit bei.

    Genau das ist das Problem mit vielschichtigen Konzepten wie Vertrauen: es kann sowohl das Vertrauen in die Wahrheit einer Meldung gemeint sein, das Vertrauen in die Authentizität eines Autors oder aber in das Funktionieren einer Technik. Wenn sich auf einmal Konzepte wie Kompetenz (Lokalzeitung) und Spyware (Internet) gegenüberstehen, sollte man doch noch einmal überlegen, ob man wirklich das gemessen hat, was man messen will. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch Thomas Pleil, der die Befragung für “etwas unglücklich formuliert” hält.

    Interessanterweise ist gerade eben eine Studie von McKinsey erschienen, die danach fragt, welche Eigenschaften eine Nachrichtenquelle im Internet haben muss. Das Ergebnis: es geht nicht um Qualität, sondern vor allem um Bequemlichkeit und die Breite der Berichterstattung als um Aktualität oder gar Richtigkeit, Informationstiefe, Exklusivität. (via sowie). Möglicherweise muss der von Emnid beobachtete Vertrauensmangel gar nicht als Defizit formuliert werden, sondern ist nur Ausdruck dafür, dass man es hier mit völlig unterschiedlichen Informationsstrategien und -nachfragen zu tun hat?

    (Abbildung: Francisco de Goya y Lucientes: “Vertrauen”, 1796–1797, Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH)



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    bibel.pngAls die Zeitungsverlage ihre Webpräsenzen immer weiter ausbauten, bis schließlich ihr gesamter Content auch im Internet abgerufen konnte, wurde die Frage nach dem Geschäftsmodell dringlich. Zahlreiche Verlage haben sich dazu entschlossen, in alter Web 1.0-Manier die Nutzer für die Inhalte zahlen zu lassen. Sie haben also nach einer mehr oder weniger langen Open Content-Episode das bewährte Geschäftsmodell der Pornoanbieter im Netz übernommen: pay for your fun.

    Momentan lässt sich jedoch aus einigen Meldungen herauslesen, dass die Verlage in dieser Beziehung wieder einmal den Kurs ändern. So stellt zum Beispiel die New York Times fest, dass mittlerweile so viele Besucher über Suchmaschinen auf die digitalen Seiten der Zeitung kommen, dass es finanziell unklug wäre, diesen potentiellen Lesern (und AdClicks) die Artikel vorzuenthalten. Die Einbuße durch den Wegfall der Online-Abogebühr, so das Kalkül des Verlags, würden durch die zusätzlichen Page Views und AdClicks mehr als ausgeglichen werden. John Battelle freut sich darüber, dass die Verlage nun endlich das Modell der suchmaschinenorientierten Point-to-Economy verstanden haben “and now they will be getting all the search juice they richly deserve.” Duncan Riley geht noch darüber hinaus und sieht das Ende des Pay-for-Content-Geschäftsmodell nahen und kommentiert den Schritt der New York Times wie folgt:

    Most importantly: this is a win for all of us. The notion of paying to access content is flawed in a connected online world where virtually everything is free, particularly content. Companies such as the NY Times can make money from providing content for free.

    Dabei geht es nicht nur um die aktuellen Ausgaben, sondern auch das Archiv von einer Zeittiefe von immerhin 91 Jahren ist jetzt für jeden interessierten Leser erreichbar. Die Zeit ist diesen Schritt schon vor ein paar Wochen gegangen und hat ihr Archiv mit sämtlichen Print- und Onlineausgaben geöffnet.

    Aber auch das Medienunternehmen News Corp. beschäftigt sich, wie gerade bekanntgeworden ist, mit Gedankenspielen dieser Art. Es geht darum, ob auch die Onlineausgabe des Wall Street Journal kostenfrei erhältlich sein wird, aber eine definitive Entscheidung liegt noch nicht vor. Schätzungen für ein paar andere wichtige Printprodukte stellt Kathrin Passig an:

    Es kann jetzt nur noch ungefähr weitere 245 Jahre dauern, bis FAZ/FAS, Süddeutsche, taz, Frankfurter Rundschau, Spiegel, Focus, Standard und NZZ durch Nachdenken zu derselben Einsicht gelangen.

    (Abbildung aus Wikipedia)



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    Ich habe mir nach den mittlerweile sehr interessanten Diskussionen hier und hier das, was ich in diesem Beitrag geschrieben habe, noch einmal durch den Kopf gehen lassen:

    Dabei halte ich die These für sehr plausibel, dass »each academic knows only a few areas as an academic; most of the rest he knows mainly as a consumer of popular media«. Insofern ist die Trennung zwischen fachlichen und massenmedialen Wissenskommunikationen eine künstliche.

    Per Zufall bin ich dann heute bei der Lektüre von Jürgen Habermas’ Text “Verwissenschaftlichte Politik und öffentliche Meinung” aus dem Jahr 1963 auf eine ganz ähnliche Formulierung gestoßen:

    Physiker informieren sich etwa aus dem Time Magazine über neue Entwicklungen in Technik und Chemie (141).

    Insbesondere der Wissenschaftsjournalismus wird hier als notwendiger Übersetzungsapparat in hochgradig ausdifferenzierten Wissenschaftssystemen angesehen, zum Beispiel, wenn es gilt, Inter- oder Transdiziplinarität herzustellen. Dabei ist es notwendig, auch den “weiten Weg über die Umgangssprache und das Alltagsverständnis des Laien” (141) zu nehmen, wie Habermas weiter feststellt. Hinter dem ganzen steht freilich das Ideal einer “kollektiven Nutzung der Informationen auf der Grundlage einer freizügigen Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit” (142-3).

    Um das Thema Transdisziplinarität noch einmal aufzugreifen: Vielleicht wäre es lohnenswert, einmal zu untersuchen, ob sich Weblogs in diesem Bereich (also bloggende Professoren sowie Wissenschaftsblogs) nicht als Merkmal der Mode-2-Wissensproduktion sehen lassen. Denn diese zeichnet sich gerade dadurch aus, transdisziplinäre Herangehensweisen zu fördern, nicht-wissenschaftliches Wissen einzubeziehen, selbstreflexiv vorzugehen, gesellschaftliche Desiderate ernst zu nehmen sowie auf netzförmigen, vorübergehenden Kooperationen zu beruhen. Allesamt Merkmale, die gar nicht so weit von der Praxis des Bloggens entfernt sind.



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