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Off The Grid – Wie man die digitalen Erstwähler (nicht) erreicht

Einen Begriff aus dem US-Wahlkampf 2012 werden wir uns auch in Deutschland merken müssen: Off the Grid. So bezeichnet Zac Moffatt, der Chefwissenschaftler von Mitt Romney, diejenigen Wähler, die man nicht mehr über die klassische Kommunikation – in erster Linie TV – erreichen kann. Seine These: Gerade bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen kann die Mobilisierung dieser Wählergruppe wahlentscheidend werden.

Das wichtigste Rezept von Moffatt: Onlinewerbung, insbesondere auf Grundlage eines thematisch ausgerichteten Targetings. Das heißt: Den Wählern wird nicht wie im Fernsehen immer dieselbe Botschaft vorgesetzt, die eine möglichst große Schnittmenge der individuellen Interessen darstellt, also bei möglichst vielen Wählern funktioniert,
sondern jede Wählergruppe bekommt auf sie zugeschnittene Botschaften. Wie das funktioniert, erklärt dieses PBS-Video sehr gut:

Menschen, die sich besonders stark für Außenpolitik interessieren – was zum Beispiel daran festgemacht werden kann, dass sie bestimmte außenpolitische Webseiten häufig besuchen – erhalten Informationen darüber, was der Kandidat in diesem Politikfeld vorhat. Familien erfahren, wie der Kandidat sich für Kinder und Jugendliche einsetzt. Und reichen WählerInnen wird die Angst vor Steuererhöhungen genommen.

Welche Bedeutung hat das Phänomen in Deutschland? Gibt es in Deutschland ein vergleichbares Phänomen von Wählern, die durch das klassische Medienraster fallen? Oder klappt Politik hier nach wie vor mit “Bild, Bams und Glotze”? Wenn man sich zum Beispiel die Internetdurchdringung des Bayerischen Landtags ansieht und einfach durchzählt, wie viele der Abgeordneten der dort vertretenen Fraktionen eine Webseite haben (ich spreche gar nicht von Facebook oder Twitter), dann bekommt man den Eindruck, digitale Kommunikation ist für viele Parteien nach wie vor ein Fremdwort. So hat jeder vierte Landtagsabgeordnete der Freien Wähler und immerhin 20% der FDP- und CSU-Abgeordneten keine eigene Webseite. Warum auch. Es gibt ja die Presse und Fernsehen.

Meiner Prognose nach wird es nicht lange dauern, bis die Analog-Politiker das schwer bereuen werden. Das Zauberwort heißt: Erstwähler. In der nächsten Bundestagswahl 2013 werden ca. 4 Mio Menschen das erste Mal an die Wahlurnen treten, die dann zwischen 18 und 22 Jahre alt sein werden. Wenn man auf das Mediennutzungsverhalten dieser jungen Erwachsenen blickt, wird schnell klar: Ein großer Teil dieser Menschen sind Off-the-Grid. Nur noch 48% von ihnen geben eine mittlere bzw. hohe TV-Nutzung an, während 80% von ihnen für eine mittlere bzw. hohe Online-Nutzung stehen (Quelle: TdW 2012).

Das heißt: knapp über die Hälfte der Erstwähler sind über TV-Wahlwerbung und -Talkshowauftritte nur noch schwer erreichbar. Tendenz steigend. Die politische Mobilisierungsaufgabe für die Parteien lautet also: Wie schafft man es, diese 3,5 Prozent der Wähler zu mobilisieren, die man nur noch über das Internet erreicht.



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    Dieses Wochenende fand in Rosenheim die Landesdelegiertenkonferenz der Bayerischen Grünen statt. Aber natürlich wurde nicht nur in Rosenheim vor Ort gewählt und diskutiert, sondern auch auf Twitter. Ich habe mir alle Posts auf Twitter, die zu dem Hashtag #ldkby12 geschrieben wurden, heruntergeladen und ausgewertet.

    In der folgenden Grafik sieht man, welche Twitter-Accounts am häufigsten zitiert, erwähnt oder retweetet wurden:

    LDKBY12 Netzwerk

    Man sieht sehr deutlich, dass wie zu erwarten der Account @gruene_bayern sehr häufig genannt wurde, aber auch der alte und neue Landesvorsitzende Dieter Janecek (@DJanecek) gehört zu den am häufigsten erwähnten Twitter-Nutzern. Sehr häufig genannt wurden auch Ekin Deligöz (@ekindeligoez), die am zweiten Tag eine Rede hielt, Katharina Schulze (@KathaSchulze), die in den Parteirat gewählt wurde und Theresa Schopper, die Landesvorsitzende. Fritz Kuhn, der an diesem Wochenende als Oberbürgermeisterkandidat in Stuttgart angetreten ist, schaffte es aus der Ferne auch in das Twitter-Netzwerk der LDK. Eine wichtige Rolle spielte auch die Netzbegrünung, die für die technische Infrastruktur von WLAN bis Livestream zuständig war.

    Der Blick auf die am häufigsten verwendeten Begriffe (ohne Twitter-Accounts und Links) zeigt folgendes Bild:

    LPTBY12 Themen

    Hier spielen dann auf einmal Margarete Bause, die frisch gekürte Spitzenkandidatin, und Sylvia Löhrmann eine große Rolle. Da beide keine aktiven Twitter-Nutzerinnen sind, tauchen sie trotz ihrer inhaltlichen Bedeutung in dem oben abgebildeten Netzwerk nicht auf. In der Tagcloud erkennt man auch einige Begriffe, die auf zentrale Themen der LDK verweisen: Europa (das klare Bekenntnis zu Europa und dem Euro), CSU (das Ziel der Ablösung der bayerischen Regierungspartei), Sozialpolitik und allen voran Bayern. Aber die große Bedeutung der Begriffe “Parteirat”, “Landesvorsitzender”, “Spitzenkandidatin” legt nahe, das zumindest auf Twitter die organisatorischen die inhaltlichen Themen dominiert haben. Nach “Bildung”, “Verbraucherschutz” und “Tierschutz” muss man hier mit der Lupe suchen.

    Auch die Analyse der semantischen Netzwerke, die nicht nur die Worthäufigkeiten, sondern auch die Verbindungen zwischen den Wörtern berücksichtigt, bestätigt dieses Bild:
    LPTBY12 Semantisches Netz

    Hier findet man dann immerhin auch die diskutierten Inhalte wieder: eine “andere Bildungspolitik”, die “Startbahnheldinnen”, die “Beschneidungs-Debatte”, “Tierschutz” und “Verbraucherschutz”, eine “moderne Sozialpolitik” und schließlich auch die Eisbären von Günther Oettinger.



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    Vor Jahren hatte ich an dieser Stelle schon über die große Bedeutung der gespeicherten Google-Suchanfragen als “Datenbank der Wünsche” geschrieben. Die Begriffe, die Menschen in das Google-Eingabefeld schreiben, spiegeln sehr genau ihre Wünsche wider – sowohl die offen kommunizierten als auch die geheimen.

    Als Nebenbemerkung: Man könnte vermuten, dass Menschen mittlerweile ehrlicher zu ihrer Suchmaschine sind als zu ihren engsten Verwandten. Insofern sollte man intensiv über eine besondere Sorgfaltspflicht und einen besonderen Schutz dieser Daten nachdenken. Vielleicht gibt es bald neben der ärztlichen und der anwaltlichen Schweigepflicht auch so eine Art “Suchmaschinengeheimnis”, das garantiert, dass, was wir in einer Websuche über uns offenbaren, nicht in falsche Hände gerät.

    Neben dieser besonderen Vertrauensstellung dieser Datenbanken, beeindruckt vor allem das hier sekündlich anfallende Wissen. Dadurch, welche Begriffe gemeinsam eingegeben werden, und welche überhaupt nicht, oder dadurch, welche Treffer dann tatsächlich angeklickt werden, und welche überlesen werden, entsteht eine Wissensdatenbank, die vielleicht sogar größer als die Wikipedia ist, da sie sich viel schneller ändert. Die Assoziation von “Bundespräsident” und “Anrufbeantworter” dürfte zum Beispiel ein sehr junges Phänomen sein. Ja, wenn es um diese aktuellsten Phänomene geht, scheinen die Algorithmen von Google sogar die Rolle eines politischen Beraters einzunehmen, der dem amtierenden Staatsoberhaupt Handlungsempfehlungen gibt:

    Der Algorithmus schlägt den Rücktritt des Präsidenten vor

    Der Algorithmus schlägt den Rücktritt des Präsidenten vor

    Diese scheinbare Empfehlung entsteht schlicht daraus, dass diese beiden Begriffe in den letzten Tagen, Stunden besonders häufig gemeinsam in Suchabfragen verwendet wurden bzw. besonders häufig gemeinsam in Webseiten auftauchen. Diese überdurchschnittliche gemeinsamen Vorkommen (oder: Kollokationen) verwandeln die Suchmaschine aber gleichzeitig in eine neue Art von Wissensspeicher. Anhand der Struktur der sekündlich eingehenden Suchabfragen (bei Google waren es laut ComScore allein in den USA im November 13 Milliarden Abfragen) können Maschinen sehr viel darüber lernen, wie wir Menschen Begriffe und Wissen organisieren.

    Eine praktische Anwendung dieses Wissensspeichers habe ich in einem schon etwas älteren, aber einflussreichen Paper (Google Scholar zählt 246 Zitationen) der beiden Google-Mitarbeiter Mehran Sahami und Timothy D. Heilman “A Web­based Kernel Function for Measuring the Similarity
    of Short Text Snippets
    “. Darin geht es um das Problem, die inhaltliche Ähnlichkeit von sehr kurzen Textschnippseln zu erkennen. Da es sich hierbei nur um wenige Wörter handelt, versagen klassische Methoden des Textminings wie zum Beispiel das Kosinus-Ähnlichkeitsmaß. Die Anzahl der Datenpunkte ist schlicht zu klein, um Aussagen über die Ähnlichkeit zu treffen.

    Die Google-Wissenschaftler verwenden die Suchtreffer, die eine Suchmaschine wie Google auswirft, wenn man sie mit den Textschnippseln füttert, als Kontext-Vektor, mit dem sie dann die Übereinstimmung berechnen können, da er nun nicht mehr wenige Worte umfasst, sondern ein großer Corpus aus hunderten Dokumenten bzw. 1000-Zeichen langen Ausschnitten daraus darstellt. Das von ihnen beschriebene Verfahren stellt z.B. zwischen “Steve Ballmer” und “Microsoft CEO” eine Übereinstimmung von 0.838 fest, während das Kosinusmaß hier auf einen Wert von 0 gekommen wäre. Auch zwischen dem früheren CEO “Bill Gates” und “Microsoft CEO” gibt es eine Ähnlichkeit von immerhin 0.317 – aber auch seine korrekte Beziehung zu Microsoft findet dieses Maß heraus: “Bill Gates” und “Microsoft Founder” erzielt 0.677.

    Abb. aus Sahami/Heilman (2006), S. 4

    Abb. aus Sahami/Heilman (2006), S. 4

    Der erste Anwendungsfall dieses Verfahrens, der hier in den Sinn kommt, sind natürlich die automatischen Vorschläge bei Suchabfragen. Insofern ist das oben beschriebene Wulff-Beispiel also nicht unbedingt eine politische Handlungsempfehlung, sondern das Ergebnis des Vergleichs von Kontextvektoren.



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  • No taxation without microblogging oder: Karriereplanung für Politiker

    Auch wenn ich eher kritisch oder besorgt bin, was die Möglichkeiten der digitalen Demokratie betrifft und normalerweise auch nicht dazu neige, pauschal bestimmte Social-Media-Plattformen zu empfehlen: Ich bin der Meinung, dass jeder Politiker twittern sollte.

    Politiker werden wie Wissenschaftler oder öffentlich-rechtliche Moderatoren von uns, den Steuerzahlern bezahlt, die im Gegenzug dafür das Recht haben, zu erfahren, was ihre Mandatsträger für ihr Wohl leisten. Man könnte es auch so formulieren: “No taxation without microblogging.” Das gilt genauso natürlich auch für das System der Wissenschaft, das sich noch schwerer mit Transparenz und Dialog tut. Aber davon ein anderes Mal. Besonders wichtig finde ich dieses Prinzip auf den politischen Ebenen, die dem Bürger relativ nah sind wie zum Beispiel die Landtage.

    Eventuell sollte es dafür eine Art Staatstwitter geben, das anders als Twitter nicht auf eine globale Skalierbarkeit ausgerichtet ist und sich, viel wichtiger, nicht von den ökonomischen Interessen von Investoren beeinflussen lassen muss.

    Aber das auf 140 Zeichen zugespitzte Berichten über die eigene Arbeit sollte nicht nur ein Anspruch der Öffentlichkeit sein, sondern liegt auch im Interesse der Politiker. Kein Amt wird auf Lebenszeit vergeben. Jede Legislaturperiode ist irgendwann einmal zu Ende und auch Politiker müssen sich von Zeit zu Zeit ihrer eigenen Karriereplanung widmen. Social Media, zu denen auch Twitter gehört, sind ein hervorragend geeignetes Instrument, um Spuren zu hinterlassen, die auch dann noch sichtbar sind, wenn die Mandate ausgelaufen sind. Bislang ist der Fokus bei Social Media viel zu sehr auf dem Echtzeit-Aspekt gelegen. Klar, Social Media sind die schnellsten Medien. Aber gleichzeitig sind Social Media auch die nachhaltigsten Medien. Hier versendet sich kaum etwas.

    Wenn man sich einmal ansieht, wie diese Möglichkeiten von den Politikern genutzt werden, dann erkennt man schnell, welches Potential in diesen Kurzmitteilungen steckt, aber auch, wie viel Luft hier noch nach oben ist. Im Bayerischen Landtag zum Beispiel mit seinen 187 Abgeordneten twittern gerade einmal 22 Abgeordnete mehr oder weniger regelmäßig. Bemerkenswert ist hier, dass die größte Microbloggingquote nicht bei den großen Volksparteien bzw. der großen Volkspartei CSU zu finden ist, sondern bei den kleinen, allen voran die FDP.


    Verteilung der twitternden MdL

    Thomas Hacker tanzt beschwingt mit Miriam GruÃ? beim Sommerfe... on TwitpicWas die Abgeordneten auf Twitter über ihre Arbeit publizieren, liefert in vielen Fällen einen guten Überblick über ihre Arbeit in Ausschüssen, öffentlichen Einrichtungen und Abendveranstaltungen. Die Bundesversammlung hat begonnen!Einige Landtagsmitglieder machen sich sogar die Mühe, ihren politischen Alltag mit Bildern zu dokumentieren. So findet man zum Beispiel dieses interessante zeitgeschichtliche Dokument aus der Bundesversammlung bei der Wahl des Bundespräsidenten Wulff. Oder ein Bild der politischen Führungsriege Bayerns.

    Ein Herz und eine Seele, CSU aus einem Guß. So sieht die Realität aus!Was mich stark überrascht hat: Auch Landespolitiker in Ministerrang finden momentan auf Twitter nur eine sehr kleines Publikum. Jeder nebenberufliche Social-Media-Berater hat nach einem Monat Retweeten von Mashable- oder Techcrunch-Meldungen mehr Follower als beispielsweise die bayerische Justiz- und Verbraucherschutzministerin.

    Dafür gibt es eigentlich nur eine Erklärung: Die regionalen Medien, deren Aufmerksamkeit eigentlich vor allem den Ereignissen in der Landespolitik gelten sollte, haben noch nichts von dem Wandel mitbekommen. In den Redaktionen von Abendzeitung, SZ, Münchener Merkur oder tz scheint man viel mehr damit beschäftigt, die eigenen Meldungen per Twitter in die Welt zu broadcasten als sich auf die Entdeckungsreise zu begeben, was die Objekte (eigentlich: Subjekte) ihrer Berichterstattung oder gar ihre Leser zu sagen haben, wenn sie auf einer halb-offiziellen Bühne stehen. Schade, denn gerade hier gäbe es journalistisch noch viel zu erforschen.

    Für den Einstieg in diese Welt habe ich hier schon einmal eine Liste der twitternden bayerischen MdL angelegt. Ergänzungen bitte in die Kommentare.



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    Hier gehts direkt zu den Ergebnissen – und hier zur Stimmabgabe

    Wahrscheinlich wissen die meisten Menschen gar nicht, was sich hinter dem seltsamen Begriff “Exit-Poll” verbirgt. Es geht dabei nicht um eine Abstimmung, wann man am besten das Zeitliche segnen sollte, sondern um die Befragung von Wählern beim Verlassen (= Exit) des Wahllokals. Die dabei erhobenen Daten werden verwendet, um Hochrechnungen zu erstellen, die dann in den ersten Betaversionen bereits in der Mittagszeit den Parteien zur Verfügung gestellt werden. Damit sie bei einem unerwarteten Wahldebakel schnell noch den Champagner abbestellen und stattdessen Mineralwasser ordern können.

    Durch Social Media-Anwendungen wie Twitter oder Facebook, auf denen man in Echtzeit Nachrichten verbreiten kann, befürchten die Politiker, dass diese Vorabergebnisse nicht mehr unter Verschluss gehalten werden können, sondern von übereifrigen Kommunikatoren ausgeplaudert werden könnten (die Erinnerungen an die Wahl des Bundespräsidenten sind noch zu frisch). Das bedeutet zum einen, dass ein Informationsmonopol verschwindet und zum anderen, dass diese Zahlen verwendet werden könnten, um am Wahlabend noch verstärkt zu mobilisieren.

    Beides – Transparenz und eine höhere Wahlbeteiligung – scheint nicht besonders im Interesse der Parteien zu liegen, und deshalb werden jetzt die ersten Pläne geschmiedet, wie man diese Twitterer stoppen könnte. Der Bundeswahlleiter lässt sich zitieren mit den Worten: “Es wäre der GAU, wenn die Wählerbefragungen vor Schließung der Wahllokale öffentlich bekannt würden”. Darüber, anstelle des Twitterns darüber kurzerhand die Exit-Polls abzuschaffen und mit der Bekanntgabe der ersten Zahlen einfach zu warten, bis diese aus den Wahllokalen vorliegen, scheint niemand nachzudenken. Schließlich sind diese Daten die einzigen verfügbaren Daten darüber, welche soziodemographischen Gruppen wie gewählt haben und welche Wählerwanderungen es gegeben hat.

    Vielleicht wäre es aber sinnvoll, beides zusammenzubringen: Twitter und Wählerbefragungen. Nach einer kurzen Diskussion auf Twitter entstand die Idee, ein auf Twitter basierendes “Enter-Poll-System” ins Leben zu rufen. Ich stelle mir das so vor: Jeder Twitterer hat genau eine Stimme, die er vor dem Wahltag einer Partei seiner Wahl geben kann. Die Authentifizierung bei Twitter (über OAuth, d.h. es werden keine Passwörter übertragen) stellt sicher, dass jeder Twitternick nur einmal abstimmen kann. Dadurch, dass die bereits abgestimmten Twitternicks und die eigentlichen Wahldaten in unterschiedlichen Datenbanktabellen abgespeichert werden, können beide Informationen nicht miteinander verknüpft werden. Die virtuelle Stimmabgabe ist also anonym.

    Da mit der Wahlentscheidung auch die Wahlentscheidung der letzten Bundestagswahl abgefragt wird, können anschließend Auswertungen über die Wählerwanderungen getroffen werden. Und die soziodemographischen Merkmale erlauben zudem eine Segmentierung nach Alter und Geschlecht.

    Der Betatest beginnt genau … jetzt.

    [UPDATE, 17:33] Das Tool darf natürlich am Wahltag selbst bis 18:00 keine Ergebnisse veröffentlichen, da dies laut BWahlG eine Ordnungswidrigkeit darstellen würde, die mit bis zu 50.000 EUR Geldbuße geahndet werden kann.



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    Es zeugt schon von einem besonderen historischen Bewusstsein, am Jubiläumstag des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland eine Abmahndrohung an einen Studenten zu schicken, der sich auf einer Webseite sehr originell mit einer Werbekampagne auseinandersetzt. Alexander Lehmann hat in seiner Abschlussarbeit unter dem Titel “Du bist ein Terrorist” ein Video erstellt, das den zunehmenden Überwachungswahn und die Einschneidung der Grundrechte – die wir eigentlich heute feiern sollten – thematisiert. Jetzt hat er, so berichtet netzpolitik.org, von der KemperTrautmann, einer der Agenturen der Kampagne “Du bist Deutschland” eine Abmahndrohung bekommen, die ihn auffordert,

    jegliche Bezüge zur “du bist deutschland” – Kampagne zu entfernen und die Adresse dubistterrorist.de nicht mehr zu verwenden. Er hat drei Tage Zeit, alles wie gewünscht zu entfernen. Als Begründung wird das Markenrecht an “Du bist Deutschland” genannt.

    Die Kampagne Du bist Deutschland startete 2005 mit einem ebenso wirren wie blumigen Manifest, in dem unter anderem zu lesen war:

    Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen. Der Windstoß, der durch seinen Flügelschlag verdrängt wird, entwurzelt vielleicht ein paar Kilometer weiter Bäume. Genauso, wie sich ein Lufthauch zu einem Sturm entwickelt, kann deine Tat wirken.

    Das war natürlich alles nicht so gemeint. Denn Deutschland ist natürlich kein Land der Bäume-Entwurzler, der Mauern-Einreißer, der Runter-von-der-Bremse-Geher, sondern ein Land, dem Abmahnungsdrohungen mehr Wert sind als Kreativität. Du bist peinlich.

    UPDATE: Eine weitere Pointe, auf die mich Fischer in den Kommentaren hingewiesen hat: Historisches Bewusstsein kann man auch darin zu erkennen, eine wissenschaftliche Forschungsarbeit am Grundgesetzfeiertag zerstören zu wollen. Soviel zum Thema “Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.

    UPDATE: Aus der Angelegenheit ist zum Glück keine neue Causa Streisand geworden. Michael Trautmann und Alexander Lehmann haben, wie hier zu lesen ist, miteinander telefoniert und sich darauf geeinigt, dass die Kinderbilder von der Seite dubistterrorist.de entfernt werden. “Du bist Deutschland” wird nicht weiter gegen “Du Bist Terrorist” vorgehen. Das Telefon. Ein längst vergessen geglaubtes Kommunikationsmittel. Manchmal aber sehr sinnvoll. Das nächste Mal vielleicht sogar vor der Abmahndrohung?



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    PetitionNur zu oft habe ich gelesen, dass die deutschsprachige Blogosphäre unpolitisch ist. Dass die winzige Menge von geschätzten 27.000 Twitter-Nutzern in Deutschland keine relevante Größe darstellen oder auch, dass sich in 140 Zeichen keine Politik machen lässt.

    Spätestens seit dem 8. Mai 2009 0:59 gelten diese Social-Media-Gesetze für Deutschland nicht mehr. Innerhalb von vier Tagen haben es Aktivisten auf unterschiedlichen Social-Media-Plattformen geschafft, mehr als 50.000 Mitzeichner für die PetitionInternet – Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten” von Franziska Heine zu motivieren. So schnell hat bislang noch keine Petition in Deutschland die notwendige Zahl von Zeichnern erreicht.

    Auch wenn diese Unterschriften noch lange nicht das Aus für die internetfeindliche Symbolpolitik der Bundesregierung bedeutet, sind sie ein deutliches Zeichen, dass sich in diesem noch weitgehend unverstandenen Medium ein Protestpotential verbirgt, dass früher oder später zu einer Größe von Gewicht werden wird.

    In Relation (zum Beispiel mit der Zahl der ca. 60 Mio. Wahlberechtigten in Deutschland) gebracht ist die Zahl 50.000 selbstverständlich nur eine winzige Zahl. Die spannende Frage ist deshalb, wie dieser Netz-Aktivismus weitergehen wird. Entsteht daraus eine liberale Strömung, die auch von den etablierten Parteien aufgenommen wird? Entwickelt sich diese Bewegung in eine neue außerparlamentarische Opposition?



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    Ich bin kein Freund dieser ewigen Deutschland-USA-Vergleiche. Aber ein Unterschied ist doch bemerkenswert: Während in Deutschland über Politiker, die versuchen, mit Medien wie Twitter in einen direkten Kontakt zu ihren Wählern zu treten, immer wieder Hohn und Spott ausgegossen werden, scheint diese Art zu kommunizieren in den USA auf allen Ebenen zunehmend akzeptiert zu sein.

    Vor kurzem habe ich ein faszinierendes Beispiel für diese neue politische Kommunikationsform entdeckt: Den Twitterstream von Sean McCormack, Sprecher des US-Außenministeriums. In dieser Funktion war er beispielsweise bis gestern in New York an den Sitzungen des UN-Sicherheitsrats zum Gaza-Konflikt beteiligt und hat über Twitter und Twitpic eine äußerst spannende Innensicht der internationalen Krisendiplomatie gegeben.

    Die Handyfotos unterscheiden sich dabei deutlich von der sonst üblichen Presseperspektive auf derartige Veranstaltungen. Anders als der sorgfältig arrangierte und in den immergleichen Pressekonferenzräumen und Pressebereichen aufgenommene Bildjournalismus, sieht man hier das ganze aus einer fast schon ethnologischen teilnehmenden Beobachterperspektive.

    Besonders eindrucksvoll finde ich das folgende Bild, das die scheidende US-Außenministerin Condoleeza Rice in einem Konferenzraum direkt neben dem Raum des UN-Sicherheitsrates zeigt:

    UN

    Ein weiteres eindrucksvolles Bild ist dieses hier: Die Abstimmung zur UN-Resolution. Während das Bildmaterial über den Sicherheitsrat in der Regel von schräg oben fotografiert ist, sieht man hier die “Bodenperspektive”.

    Dabei wird der Twitter-Stream hier nicht als kommunikative Einbahnstraße genutzt (was gerade in Krisensituationen wie den Mumbai-Anschlägen durchaus sinnvoll sein kann), sondern Sean McCormack beantwortet Fragen zu seiner Tätigkeit, zu den Plänen des US-Außenministeriums, aber auch zu Social Media- und Kommunikationsthemen. Wer noch einmal behauptet, dass Social Media zwangsläufig bedeutet, dass hier die journalistischen Inhalte der “echten” Massenmedien kopiert werden, sollte sich diesen Twitter-Stream unbedingt einmal ansehen. Ich bin gespannt, ob dieser neue Kommunikationsstil auch unter der künftigen Außenministerin Hillary Clinton weitergeführt oder -entwickelt wird.

    Die spannende Frage ist: Wenn die politischen und diplomatischen Akteure mit Medien wie Twitter sehr viel schneller und flexibler von Ereignissen wie einer UN-Sicherheitsratssitzung berichten können, wozu brauchen wir überhaupt noch die Dopplung durch die journalistische Berichterstattung? In Zukunft wird die Rolle der Journalisten noch viel mehr darin liegen, die unterschiedlichen Informationsquellen zu sammeln, vergleichen, bewerten und kommentieren. Die Vorort-Berichterstattung wird nicht mehr zu den journalistischen Kernaufgaben gehören. Nachrichtenportale binden in Zukunft zum Beispiel die Twitter-Streams von den wichtigsten politischen und diplomatischen Akteuren vor Ort in aggregierter Form auf ihrer Seite ein und beschränken sich auf das Kommentieren und Bewerten.

    Die Zeit der Pressekonferenzen ist endlich vorbei.

    Weitere Links zum Thema:

    (Foto mit freundlicher Genehmigung von Sean McCormack)



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    Im Zusammenhang mit dem furiosen Social-Media-Wahlkampf von Barack Obama wurde immer wieder versucht, das ganze auf Deutschland zu übertragen. Oder zumindest Anregungen dafür zu bekommen, wie man erfolgreiche Wahlkämpfe im sozialen Netz führt.

    Ebenso häufig wurde angemerkt, dass sich die Erfahrungen der Obama-Kampagne nicht übertragen lassen, schon gar nicht eins-zu-eins. Zu einmalig war der Kontext 2008 und zu unterschiedlich sind die Parteien- und Mediensysteme der USA und Deutschland.

    Ich bin jedoch überzeugt, dass man nur nur ein wenig abstrahieren muss, um auch für den deutschen Kontext Anregungen für den “Wahlkampf 2.0″ gewinnen zu können. Angeregt durch Josh Bernoff’s Beobachtungen von Obamas Übergangsseite change.gov hier nun drei zentrale Punkte, die dazu beitragen können, den Rahmen für eine Art politische “Brand Community” zu schaffen:

    1. Informationen nicht nur verbreiten, sondern auch einsammeln. Weg von der Einbahnstraßenkommunikation (Pressemitteilungen, News, Videocasts) und hin zum aktiven Zuhören, Anregen und Einholen von Kommunikationen – nicht nur der Befürworter, sondern auch der Kritiker. Ganz gleich, ob das per Forum, Twitter, Social Network, Blog oder Widgets geschieht. Je niedriger die Partizipationsschwelle, desto besser. Social-Networks für Parteien wie myFDP, CDUnet oder meineSPD sind wichtig, aber nicht für die Kommunikation mit der breiten Öffentlichkeit, dem Souverän, geeignet.
    2. Die eingesammelten Informationen dürfen nicht verschwinden. Das Ergebnis eines klassischen Kontaktformulars lautet “Vielen Dank für Ihre Nachricht!” Für den Nutzer, der hier bereits den Schritt vom Rezipienten zum Produzenten geschafft hat, bleibt völlig unklar, was mit seinem Beitrag passiert. Noch schlimmer: andere (potentielle) Nutzer bekommen davon gar nichts mit. Deshalb: Den Input am besten gleich für alle sichtbar anzeigen.
    3. Die Organisation schweigt nicht, sondern reagiert auf die von den Nutzern geposteten Anregungen. So wichtig die Diskussionen der Nutzer untereinander auch sind – die Organisation (egal ob Partei, Verband oder Verein) oder die Kandidatin sollte nicht schweigen, sondern durch ihre Reaktionen zeigen, dass die Beiträge der Nutzer nicht nur zur Kenntnis, sondern Ernst genommen werden.

    Diese drei Punkte stellen für mich so eine Art Minimalprogram von Politik 2.0 dar. Eine Kampagne, die diese drei Handlungsleitlinien nicht ernst nimmt, sollte man nicht als Social-Media-Kampagne bezeichnen. Und in Feldern, in denen man sich diese kommunikative Offenheit nicht leisten kann oder will, sollte man vielleicht auch gar nicht erst versuchen, “zwonullig” zu wirken. Aber ich bin sehr optimistisch, dass es genügend Felder gibt, auf denen diese Dialoge möglich sind. Auch in Deutschland.



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    Die heutige Wahl des 44. Präsidenten der USA ist eine Internet-Wahl. Wer Twitter, Friendfeed und natürlich auch die amerikanische Blogosphäre aufmerksam beobachtet hat, wusste es schon etwas länger, aber jetzt dürfte es auch dem durchschnittlichen 61jährigen ZDF-Gucker auffallen: drei von fünf der Interviewpartner, die sich in der langen ZDF-Wahlnacht mit Anchor Claus Kleber die Zeit vertreiben, sind Blogger. Felix Schwenzel, Marcus Skelton und Christoph Bieber dürfen die Reaktionen im Netz deuten. Sogar externe Links hat das ZDF dafür angelegt.

    Besonders spannend sind jedoch Echtzeitmedien wie Twitter, die es ermöglichen, gleichzeitig aus unterschiedlichen Teilen der USA Meldungen zur Wahl zu sammeln und zu publizieren. Das Fernsehen ist nur in Ausnahmefällen wie einer solchen Wahlnacht live dabei und gehorcht zudem einer sequentiellen Logik. Wenn mich ein Lagebericht aus Ohio interessiert, im Fernsehen aber gerade ein Korrespondent aus Florida berichtet, muss ich warten. Ich will aber nicht warten.

    Auf TwitterVoteReport kann man zum Beispiel sehen, wie lange die Wartezeiten in den Wahllokalen gewesen sind und ob den Wählern dort irgendetwas aufgefallen ist:

    Twitter VoteReport

    Auf Twitpic gibt es im Minutentakt Fotos von leeren oder ausgefüllten Stimmzetteln wie zum Beispiel hier oder von den Schlangen vor den Wahllokalen. Das ist eine neue Art von Authentizität. Keine Fernsehkameras, die ein möglichst eindrucksvolles Bild zusammenstellen, sondern ein Twitternutzer, der gerade zur Wahl geht, in der Schlange steht und mit seinem Handy ein Foto macht. Ein unmittelbarer Eindruck.

    Am schnellsten ist aber natürlich der Twitter-Wahlfeed, auf dem alle Tweets zur Wahl aggregiert werden. Auf den ersten Blick sieht das wie ein gewöhnlicher Ticker aus. Aber es ist nicht eine Nachrichtenredaktion, die bestimmt, welche Nachrichten in welchen Abständen gepostet werden, sondern es sind Twitternutzer auf der ganzen Welt, die zu einem gewaltigen Massengespräch beitragen – ganz gleich, ob sie einfach nur Neuigkeiten posten, kommentieren oder sich mit anderen darüber austauschen. Was der Ticker für die alte hierarchische Nachrichtenwelt war, ist dieser Dialogstream für den Schwarm oder die Noosphäre:

    Election Twitter

    Sogar Wahlumfragen werden per Twitter durchgeführt. Auf TwitVote liegt beispielsweise Barack Obama mit 15.370 Stimmen zu 2.719 Stimmen für John McCain weit in Führung:

    Oder man zählt die Tweets, die sich für Obama oder McCain aussprechen, sortiert sie nach Staaten und kommt dann zu folgendem Ergebnis (blau = Obama, rot = McCain):

    Dialup-Internetnutzer scheinen dagegen sehr viel konservativer zu sein. Eine entsprechende – ebenso wenig repräsentative – Umfrage unter AOL-Nutzern zeigt eine ebenso klare Mehrheit für McCain:

    Durch all diese digitalen netzförmigen Kommunikationsmedien ist es möglich, den Wahlabend – bei uns eher: die Wahlnacht – gemeinsam mit Hunderttausenden zu verbringen. Und anders als in der berühmten Redewendung von den “Millionen vor den Fernsehgeräten” gibt es hier tatsächlich die Möglichkeit, zu interagieren, Fragen zu stellen und die Vorgänge zu kommentieren. Warum also nicht zum Beispiel in diesem Thread die Wahlnacht über mit Bruce Schneier über die Sicherheit von Wahlautomaten diskutieren? Oder mit Dave Winer im Election-Day-Chat? Oder auf Twitter?



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