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Leben mit Reputationsservern

Als Science-Fiction-Autor hat man es heute ziemlich schwer. Früher, da stand man mit allem was man getan hat und insbesondere in kreativen Berufen, auf den Schulter von Riesen. Man ordnete sich mit seinem eigenen Beitrag in eine Lineage ein. Der Markt ließ sich vertikal gliedern nach der klassischen Vorstellung von Schulen.

Heute leben wir immer horizontaler. Eines der geheimen Mantras der Netzwerkgesellschaft (ja überhaupt von Netzwerken) lautet: Alles ist jederzeit verfügbar. Über Google Books kann man Millionen von Buchseiten durchblättern oder durchsuchen, um sich Inspirationen zu verschaffen oder seiner eigenen Originalität zu versichern. “Das hat so noch keiner gesagt,” ist auf einmal nicht nur eine Eigenmarketingtechnik, sondern eine empirisch zu überprüfende These.

Der andere Punkt ist natürlich, dass die Dinge, die vor zehn Jahren nach Science Fiction geklungen haben, mittlerweile zum Alltag gehören. Ausnahmen gibt es freilich: Zum Beispiel hat sich der kreuz und quer auf mehreren Ebenen verlaufende Innenstadtverkehr, der in jedem Science-Fiction-Film zu sehen ist, immer noch nicht durchgesetzt.

Besonders spannend ist es, wenn man es mit Ideen zu tun hat, die gerade von Science Fiction in Everyday Science umkippen. Ich denke, die Idee der “Reputationsserver”, die Bruce Sterling 1998 in seinem furiosen Roman Distraction ausgearbeitet hat, setzt sich in diesem Moment durch. Ich habe einmal den Versuch gemacht, “Reputationsserver” (reputation server) vor dem Erscheinen von Sterlings Roman im Web zu finden. Google spuckt nur einen Treffer aus – und das ist ein PDF aus dem Jahr 2000, das fälschlicherweise in das Jahr 1987 gesteckt wurde.

Nebenbemerkung: Im Moment ist so eine Fehlzuordnung noch nebensächlich, aber wer weiß, welche Entscheidungen in Zukunft an solchen Kleinigkeiten hängen werden. Nebenbemerkung 2: Der Titel dieses Aufsatzes (“An Exception-Handling Architecture for Open Electronic Marketplaces of Contract Net Software Agents”) klingt gar nicht uninteressant. Die Agententheorie ist sowieso eine völlig zu Unrecht aus der Mode geratenen Projekte.

In dem Roman gibt es zahlreiche nomadische High-Tech-Stämme. Diese Stämme verwenden verteilte Infrastrukturen von Reputationsservern, auf denen jedes Stammesmitglied einen Datenbankeintrag hat, der in Echtzeit aufgrund seiner Handlungen bzw. der Bewertungen anderer Stammesmitglieder aktualisiert wird. So kann es sein, dass man von einem Tag auf den nächsten vom Corporal zum Captain befördert werden – oder in die umgekehrte Richtung degradiert. Bei Sterling kommen schon 1998, als noch niemand vom Social Web gesprochen hat, zwei Grundprinzipien zusammen. Zu einem: Menschen vergleichen sich gerne mit anderen Menschen (siehe die große Bloggercounter-Euphorie der späten Nuller Jahre). Zum anderen: Menschen spielen gerne. Ranking und Gamification hat Sterling also schon 1998 zusammengedacht – und zwar beides vermittelt durch das Internet:

Let’s say you’re in the Regulators — they’re a mob that’s very big around here. You show up at a Regulator camp with a trust rep in the high nineties, people will make it their business to look after you. Because they know for a fact that you’re a good guy to have around [...] It’s a network gift economy.

Heute habe ich auf AdWeek eine Illustration gefunden, die im Nachhinein eine wunderbare Bebilderung zu Sterlings Roman darstellt. Und auch die Namen dieser Services – insbesondere in ihrer “k”-Lastigkeit – könnten direkt aus den tribalen Netzwerken der Regulators oder Moderators entnommen sein. Übrigens: Auch die Occupy-Bewegung wird in diesem Roman schon detailliert beschrieben.

Wer das von mir programmierte Reputationsserver-ähnliche Tool “BrandTweet Statistik” einmal ausprobieren möchte: Hier ist der Link.



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