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Print-News sind ein Zombie: IDG-Studie zur Mediennutzung von Entscheidern

Das Medienhaus IDG (u.a. PC Welt, Mac Welt, Computerwoche) hat in seiner aktuellen Mediennutzungsstudie “Wie Entscheider heute Medien nutzen: Neue Formen und Möglichkeiten vernetzter Medienmarken” (hier als pdf) dreitägige Mediennutzungstagebücher von Führungskräften der Medienbranche untersucht. Dabei zeigte sich eine hohe Affinität zu “aus der Print-Tradition heraus entstandenen Medienmarken”. Ganz gleich, in welchem medialen Kontext diese genutzt wurden – ob Print oder Online -, sie wurden als besonders seriöse Informationsquelle wahrgenommen.

Die Medientagebücher zeigten, dass der Tagesablauf von IT-Entscheidern sich in zwei unterterschiedliche Hälften aufteilt: Während die erste Tageshälfte von Routinen geprägt ist, finden die Führungskräfte in der zweiten, offeneren Tageshälfte Zeit für Aktivitäten, die nicht der unmittelbaren Problemlösung dienen. Dementsprechend werden am Vormittag Onlinemedien lösungsorientiert angewandt, während am Nachmittag verstärkt Printmedien genutzt werden um einen allgemeinen Marktüberblick zu bekommen.

Die eigentlich viel spannendere Frage danach, ob man im digitalen Zeitalter überhaupt noch trennscharf zwischen Print und Online unterscheiden kann, gehen die Autoren leider nicht an. Stattdessen interpretieren die Autoren die Daten in Richtung einer fortbestehenden Dominanz von Print:

Im Umfeld der sich wandelnden Mediennutzung ist das Internet vor allem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie zum Leitmedium avanciert. Doch auch nach der Etablierung der neuen Informationskultur im Netz bleibt der Qualitätsjournalismus Kern allen Handels.

Gemeint ist freilich: Print-Qualitätsjournalismus. Genau an dieser Stelle liegt der grundlegende Fehler von Studien dieser Art. Die Gegenüberstellung von qualitativ-hochwertigen “Fachzeitschriften” und “Online-Medien”, die für die (armen) Entscheider als information overload erlebt werden, war spätestens an dem Moment überholt, als die ersten Fachzeitschriften ihre Inhalte ins Internet transferierten und per RSS zugänglich gemacht haben (obwohl: in den Medientagebüchern der Entscheider sind Newsletter wichtiger als Feeds).

Überhaupt wimmelt es in dieser Studie von Formulierungen, die eine Überlegenheit von Printzeitschriften suggerieren: So ist etwa die Rede von Webseiten, “die die Lösung des anstehenden Problems scheinbar am schnellsten” versprechen (eigene Hervorhebung). Ebenso kurios wie bezeichnend ist auch die Wahrnehmung der Entscheider, dass Online-Medien teilweise zur Überforderung werden, während sich Print-Medien auf wundersame Weise dem “individuellen Lese-Rhythmus” anpassen können.

Ein Punkt ist aber plausibel: Printzeitschriften spielen als Nachrichtenquelle nur noch eine Untergeordnete Rolle. Das Internet – trotz aller Diffusität, Unübersichtlichkeit und Flüchtigkeit – liefert die aktuelleren Informationen. Also: Print ist nicht tot, aber Print-News sind ein Zombie. Und Marken, welche eine Überraschung, spielen sowohl in der Print- wie Onlinewelt eine große Rolle. Das passt zu den aktuellen Überlegungen zu “Media-Tribes“.

Diese qualitative Studie wurde August bis Oktober 2007 von IFCom in Hamburg durchgeführt und basiert auf der Auswertung von 20 ausgefüllten Mediennutzungstagebüchern und 20 ergänzenden explorativen Interviews. Für eine explorative qualitative Studie ist die Stichprobengröße durchaus in Ordnung, um die These der unterschiedlichen “Medientageszeiten” weiter zu erhärte, wäre allerdings eine Nacherhebung größeren Umfangs notwendig. Ist so etwas geplant?



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    375779781_44482dc707_m.jpgWieder einmal spricht die Blogosphäre über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem klassischen Zeitungsjournalismus und Weblogs. Tyler Brûlé, Herausgeber einer der schönsten Zeitschriften zur Zeit, lobt auf der einen Seite den demokratisierenden Charakter der Blogs, stellt aber auch fest, dass viele Blogger keine eigenen Stories im Sinne des investigativen Journalismus produzieren und in Zweifelsfällen nicht so viel riskieren können, weil ihnen ein starkes Verlagshaus fehlt, das sie finanziell und juristisch unterstützen kann (Stichwort: Abmahnwellen).

    Ich denke, Brûlés “Kritik”, die eigentlich gar keine ist, trifft zu, allerdings nicht nur für Weblogs, sondern jegliche Art von Bürgerjournalismus oder Amateur-Publizistik. Wobei es auch Ausnahmen gibt, wie zum Beispiel den Fall des US-Bloggers Joshua Marshall, der sich mit der Entlassung von Bundesstaatsanwälten auseinandersetzte und dort auf UnRegelmäßigkeiten gestoßen ist, oder den “Journalisten 2.0″ Matt Drudge. Dieses (seltene) Beispiel für investigativen Blogjournalismus wurde mit dem George-Polk-Preis für Berichterstattung im Justizbereich ausgezeichnet. Es klappt also doch, wobei es in Deutschland auf Grund der Rechtslage noch schwieriger sein dürfte, derart brisantes Material in einem Blog zu veröffentlichen.

    Weblogs und Tageszeitungen unterscheiden sich also gar nicht so sehr in den Themen oder der Selbstreferentialität. Genauso wie Zeitungen selbstreferentiellen Klatsch über die Zeitungswelt veröffentlichen können, sind Blogger in der Lage, spannende Stories zu recherchieren und zu schreiben. Voraussetzung dafür sind jedoch die entsprechenden Rahmenbedingungen. Dazu gehören dann vielleicht die folgenden Punkte:

    • Finanzielle Anerkennung des Bloggens. Denn aufwändige Recherchearbeit muss erst einmal finanziert werden. Dasselbe gilt allerdings auch für den Zeitungsjournalismus, denn auch hier sieht man, wie die Qualität der Recherche im Fall unterbezahlter Freier ohne “festangestellte Rolls-Royce-Gesichter” leidet. Womöglich wäre auch für Blog-Artikel ein Recherche-Stiftungsmodell à la Robert Rosenthal praktikabel?
    • Juristische Unterstützung. Also so eine Art Blogger-Rechtsschutzversicherung oder -fonds, um auch dann noch investigativ recherchieren zu können, wenn große und finanzstarke Konzerne davon betroffen sind. Die Stärke des Formats “Weblog” liegt in der Publikation von Meinungen und Analysen, im Idealfall auch unbequemen Meinungen. Das geht aber nur, wenn die Möglichkeiten, Blogger unter Druck zu setzen nicht allzu groß sind
    • Vielleicht auch Blogger-Presseausweise? Damit könnten sich auch Blogger bei offiziellen Veranstaltungen akkreditieren lassen. Diesen Punkt sehe ich allerdings als unproblematisch, da immer mehr Veranstalter auch Blogger akkreditieren und zudem der Presseausweis immer mehr zu einer Rabattkarte für schreibende Schnäppchenjäger wird.

    Wenn man sich das steigende Vertrauen gerade der “Meinungsführer” in soziale Medien wie Weblogs betrachtet – nach einer aktuellen Umfrage ist in den USA das “Internet damit erstmals zum klar dominierenden News-Medium geworden” -, wird die Frage immer wichtiger, wie die Blogger mit diesem Vertrauensvorschuss umgehen. Beziehungsweise nach den strukturellen Grundlagen dafür, diesem Vertrauen gerecht zu werden.



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  • Social Networking im Jahr 1976 – das Pew-Projekt über die Onlineavantgarde

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    Obwohl sie sich am längsten in der Onlinewelt tummelten, wusste man bisher erstaunlich wenig über diese frühen Kolonisten des Internet: die early adopters. Die Kolonisierungsmetapher trägt freilich nicht so besonders gut, kamen in dieser Bildwelt doch die Eingeborenen (web natives), also die Generation, die wie selbstverständlich mit Computer und Internet aufgewachsen sind, erst nach den Kolonisten, die sich diese Fähigkeiten erst aneignen mussten.

    Jetzt hat ein Bericht des Pew Internet and American Life Project mit dem Titel „A Portrait of Early Adopters: Why People First Went Online – and Why They Stayed“ (Autorin: Amy Tracy Wells) festgestellt, dass sich zumindest für diese Gruppe von Internetnutzern, was ihre Motivation betrifft, gar nicht so viel geändert hat:

    Our canvassing of longtime internet users shows that the things that first brought them online are still going strong on the internet today. Then, it was bulletin boards; now, it’s social networking sites. Then, it was the adventure of exploring the new cyberworld; now, it’s upgrading to broadband and wireless connections to explore even more aggressively.

    Aber ein wichtiger Umschwung lässt sich dennoch an dieser Gruppe beobachten: Während sie in der Anfangszeit dem Internet vor allem in einer passiv-konsumierenden Haltung entgegengetreten sind, sind sie nun zu aktiven Produzenten von Internetinhalten geworden. Hier zeigt sich also deutlich ein Wandel zum Read-Write-Web (oder wie es in der Studie heißt: vom taker zum giver). Dabei geht es vor allem um eine gewandelte Wahrnehmung des WWW, das sich von einem Nachrichten- und Informationsspeicher (also eine Art BTX mit höherer Auflösung) in ein Kommunikationsmedium verwandelt hat, das heute fast jeder diesseits der digital divide als Sender benutzen kann. Viele spezialisierte Kommunikationsfunktionen des Internet – Newsgroups, Email, Instant Messaging – wurden mittlerweile ans WWW assimiliert.

    Das Pew-Projekt stellt fest, dass die early adopters das Internet zunächst als Individuen und Konsumenten benutzten (daran sieht man, dass es gar nicht um die ersten Jahre des Internet gehen kann, in denen es noch gar nicht für die Privatwirtschaft geöffnet war):

    [T]hey used search engines; got news; played games; conducted research; downloaded software and emailed friends, family and colleagues. Many of these activities consisted of serial connections — people querying systems, communicating privately with other individuals or with highly-defined communities.

    Erst nach Jahren kamen laut Aussagen der alten Surfer dann zwei weitere Verwendungsformen des Internet hinzu: der kreative Ausdruck sowie die Nutzung neuer Online-Vergemeinschaftungsformen. An dieser Stelle müsste man allerdings besser von der breiten Durchsetzung des Prinzips surfing for community sprechen, da Geselligkeit und Austausch in virtuellen Gemeinschaften entgegen der Selbstbeschreibung der Pew-Panelteilnehmer eine der frühesten Motivationen für die Internetnutzung gewesen ist. Man muss nur ein bisschen in Howard Rheingolds Beschreibung der Well-Community blättern oder dieses schöne Zitat aus der Studie lesen:

    I started my online life on a state-wide time-shared mainframe computer in the 5th grade in 1972, and we were “social
    networking” on it by 1976.

    Besonderes Interesse verdient diese Studie deshalb, weil sie es erlaubt einen Blick auf die silver surfer von Morgen zu richten; auf diejenigen älteren Surfer, die den Umgang mit dem Internet nicht erst im Alter gelernt haben, sondern noch vergleichsweise früh. Dies wird dann auch die Generation sein, mit der die Internetdurchdringung auch in den älteren Bevölkerungsteilen rapide ansteigen wird.

    (Abbildung: “Btx ist da!” von fukami)



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    Manchmal erwecken praktisch angewandte Onlinewerbeformen schon den Eindruck, als wolle man es jedem Recht machen. In einem Artikel über eine BMW M5-Testfahrt taucht dann schon einmal rechts daneben eine Audiwerbung auf und unten links eine Werbung für ein Bluetoothset für den Ford Fiesta:

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    Lässt sich das noch toppen? Na klar. Ganz oben wird auch noch der VW Polo beworben. Irgendeine Marke wird der Leser schon mögen.

    fg2.png

    Hatte ich nicht auf dem DLD etwas von den Platzierungsprobleme von Onlinewerbung gehört?



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    Noch ein kleiner Nachschlag zur Print-versus-Online-Debatte: Kalle Jungkvist, Chefredakteur der schwedischen Tageszeitung Aftonbladet, sieht nicht in anderen Printprodukten die scharfsten Konkurrenten der eigenen Onlineausgabe, sondern erstaunlicherweise in Facebook:

    When Aftonbladet.se recently did a focus group with twentysomethings, the main competitor in terms of time to Aftonbladet.se was said to be Facebook. The choice for young Internet users was to, more or less, aimlessly surf Aftonbladet or Facebook for a while.

    Jeff Jarvis ist da etwas zurückhaltender und sieht Facebook nicht als Konkurrenz für Tageszeitungen, sondern vielmehr als zusätzlichen Vertriebskanal für Nachrichten:

    If I were making Facebook applications for news organizations now, I wouldn’t be making quizzes and such fripperies. I’d be figuring out how to get news that matters to you in your news feed. I’d be finding ways to tie you with other people who share your interest and know what you want to know. I’d find ways to enable you to recommend more news to your friends.

    Seen this way, Facebook isn’t a competitor for a newspaper. It’s just another place to help your community.

    Irgendwie haben beide Recht. Natürlich ist Facebook (oder auch Google) kein direkter Konkurrent für eine Tageszeitung, wenn es um den Abruf von Nachrichten geht – wie edenstrom es so schön sagt: “Googling for ‘news’ gets you nowhere.” Aber wenn man allgemeiner auf die aufmerksamkeitsökonomische Zeitkonkurrenz sieht (Stichwort: “Umverteilung von Medienzeitbudgets”), dann könnte ein Social Network tatsächlich als Alternative zu einer Tageszeitung wahrgenommen werden. Je ähnlicher die Aktivitäten wahrgenommen werden, die sich auf die unterschiedlichen Medienzeitbudgets beziehen, desto realistischer ist die Substitutionsthese. Wenn es also wirklich nur um das “aimlessly surfing” geht, kann es tatsächlich egal sein, ob man in einem sozialen Netzwerk oder einer Onlinezeitung unterwegs ist.



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    Interessante Zahlen gab es heute aus Wiesbaden. Dort stellte das Statistische Bundesamt die aktuellen Daten der amtlichen Befragung privater Haushalte zur Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien vor. Im Mittelpunkt steht die Beobachtung, dass mittlerweile (also im ersten Quartal 2007) 68 Prozent der über 10-Jährigen in der BRD das Internet nutzen (vor einem Jahr lag dieser Wert noch bei 65 Prozent). Da der Abstand zwischen der Internet- und der Computernutzung (74 Prozent) nicht allzu groß ist, kann man hier die Vermutung bestätigt finden, dass das Internet zur absoluten “Killeranwendung” für den PC geworden ist.

    internetnutzung.png

    Besonders spannend ist natürlich mal wieder die Altersaufteilung. Denn, betrachtet man nur die 10- bis 24-Jährigen, so kommt man auf unglaubliche 94 Prozent Internetnutzer in dieser Altersgruppe. Ebenfalls erstaunlich ist der hohe Anteil der täglichen Internetnutzer: insgesamt sind 61 Prozent der Internetnutzer jeden Tag oder fast jeden Tag im Netz – in der Altersgruppe 10-24 sind es sogar 65 Prozent. Auch die “silver surfer” sind, obwohl insgesamt noch deutlich weniger Internet-affin (nur ein Drittel der über 54-Jährigen sind online), wenn sie das Internet nutzen, ziemlich regelmäßig dabei: 53 Prozent täglich oder fast täglich.

    Das Geschlechterverhältnis zeigt sich in den Destatis-Zahlen nicht ausgeglichen: 73 Prozent der Männer sind online, aber nur 63 Prozent der Frauen. Spannend daran ist, dass dieser Geschlechterunterschied vor allem durch die älteren Internetnutzer hervorgerufen wird: bei den 10- bis 24-Jährigen überwiegen sogar die Surferinnen, bei den 25- bis 54-Jährigen sind es etwas mehr Männer, während der Unterschied bei den über 54-Jährigen gravierend ist: 25 Prozent der Frauen stehen hier 42 Prozent der Männer gegenüber. Ich denke, dass es sich bei der Geschlechterungleichheit bezüglich der Internetnutzung tatsächlich um eine “Kinderkrankheit” des Internet handelt. Die Zahlen werden sich mit dem Älterwerden der early adopter- und digital native-Generationen noch weiter angleichen. Nicht auszuschließen ist, jedoch, dass zugleich andere Ungleichheiten wichtiger werden – Ungleichheiten, die sich aber nicht mehr an dem “Ob” der Internetnutzung festmachen lassen, sondern an dem “Wie”, “Wo” und “Wozu”. Das deutet sich bereits bei den jungen Internetnutzern an, wo das Merkmal “nutzt das Internet” eigentlich keine Aussagekraft mehr besitzt, so dass man hier gar nicht mehr sinnvoll von den “Onlinern” sprechen kann (ebenso wie der Begriff “TV-Nutzer” nur wenig aussagt).

    Aber das schönste an der Pressemitteilung war ihr erster Satz: “Das Internet ist hierzulande Bestandteil des Lebensalltags von immer mehr Menschen.”

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    error-cover-med.jpgIm September hatte sich schon Brand eins diesem Thema gewidmet, jetzt gibt es dazu die passende wissenschaftliche Aufarbeitung in dem australischen Journal of Media and Culture: die Fehler. Beide Ausgaben bemühen sich vor allem, das negative Image von Fehlern, seien es Fehlentscheidungen oder Fehler in Kommunikationssystemen, aufzupolieren und ihre wichtige Funktion für die Ermöglichung von Innovationen etwas in den Vordergrund zu rücken.

    Wolf Lotter formulierte das in Brand eins wie folgt:

    Der noch bei Weitem größere Teil hingegen verschanzt sich hinter dem Wahn, dass Fehler und Irrtümer erst gar nicht entstehen dürfen und dass sie demnach selbst keine Fehler machen können. Diese Anmaßung ist nur mit dem 1870 unter der Bezeichnung “Pastor Aeternus” – der Ewige Hirte – erlassenen Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes vergleichbar. In den profanen Werkstätten des Managements trägt die Unfehlbarkeit den Namen Null-Toleranz.

    Auf ganz ähnliche Weise kritisiert Mark Nunes in seiner Einführung zum JMC-Heft das von ihm als augustinisch bezeichnete Fehlerverständnis (Fehler als Abfall von einer perfekten Ordnung im Gegensatz zu der manichäischen Idee des intentionalen Provozierens von Fehlern):

    In each of these essays, error, noise, deviation, and failure provide a context for analysis. In suggesting the potential for alternate, unintended outcomes, error marks a systematic misgiving of sorts—a creative potential with unpredictable consequences. As such, error—when given its space—provides an opening for artistic and critical interventions.

    Dieses Motiv wird in den zehn Aufsätzen durchgespielt:

    Benjamin Mako Hill betont zum Beispiel den erkenntnistheoretischen Wert von Fehlern bzw. technischem Versagen, die einen technologisch-aufklärerischen Wert dadurch erhalten, dass sie eigentlich unsichtbare technologische Hintergründe (man denke etwa an Internet- oder Emailprotokolle) sichtbar machen.

    In dem Beitrag von Su Ballard geht es um den künstlerischen Einsatz von Fehlern bzw. provozierten Misreadings, um einem Publikum neue Sichtweisen nahezulegen. Auch Tim Barkers Essay dreht sich um Fehler in der Kunst, genauer: um das Phänomen des “glitch” in der digitalen Kunst, denn diese Ästhetik des Versagens (vgl. dazu den klassischen Aufsatz von Kim Cascone, hier als pdf) verweist auf das Element des Unkontrollierbaren, dass in den meisten Kunstwerken eine wichtige Rolle spielt.

    Mit Mehrdeutigkeiten, Potentialen und Rauschen im Zusammenhang mit Agenturbildern und Platzhalterinhalten befasst sich der Aufsatz von Christopher Grant Ward. Die dahintersteckende Industrie erscheint aus dieser von Derrida inspirierten Perspektive als Lieferant von kultureller Uneindeutigkeit und bekommt dadurch schon fast eine aufklärerisch-kritische Rolle. Adi Kunstman berichtet in seinem Beitrag von Lücken in Archiven, auf die sie während ihrer Internetethnographie in queeren russisch-israelischen Migrantencommunities gestoßen ist. Ihr Fokus richtet sich darauf, aus diesen Fehlern und “hauntings” auf die Spur der Funktionsweise von onlinebasierten kollektiven Gedächtnissen zu kommen.

    Computerspiele und Avatare sind dann das Thema von Kimberly Gregsons Aufsatz. Sie versucht, eine Typologie von abweichendem Verhalten in Onlinespielen zu entwickeln, um auf diese Weise – ganz ähnlich wie Harold Garfinkels “Krisenexperimente” – auf die Funktionsweisen und Basisselbstverständlichkeiten dieser Spiele zu kommen. Sehr spannend auch das Thema von Michael Dieter, der sich mit dem Hacken von Internetangeboten wie Amazons Search Inside-Feature befasst und auf das kreative Potential dieser “tactical media performances” hinweist.

    Mit der erkenntnisfördernden Kraft von Missverständnissen und Misreadings setzt sich Elizabeth Losh auseinander und demonstriert an dem Beispiel der Battlefield 2-Fehlinterpretation im US-Kongress (“SonicJihad“) die Möglichkeiten, solche Fehlleistungen für die Medienkritik fruchtbar zu machen. Sehr schön zur aktuellen Call-In-TV-Diskussion in Deutschland passt der Aufsatz von Yasmin Ibrahim, der die Fehler in interaktiven Fernsehformaten ebenfalls als aufklärerisches Projekt umschreibt, das in der Lage ist, das blinde Vertrauen der Zuschauer in die “Realität der Massenmedien” zu erschüttern. Zum Abschluss widmet sich Martin Mantle noch dem merkwürdigen Verhältnis von genetischen Mutationsängsten und den Fähigkeiten von Comic-Superhelden.

    Insgesamt also sehr spannendes und anregendes Heft, das trotz der Vielfalt der behandelten Themen (vielleicht bis auf den letzten Essay) sehr integriert und schlüssig wirkt. Etwas skeptisch bin ich jedoch, was die Basisannahmen angeht, die sich durch das Heft ziehen: die Netzwerk-Gesellschaft wird dort überzeichnet als informationelle Massengesellschaft, die dem Prinzip der Nullfehlertoleranz unterliegt, wenn nicht sogar in Anlehnung an Theoretiker wie Deleuze und Guattari als “informationelles Terrorregime”, das um jeden Preis den Abbruch von Kommunikationen vermeiden muss. Das erscheint mir doch etwas zu überzeichnet, während im Gegenzug die Kommerzialisierung von (scheinbaren) Fehlleistungen fehlt, die jedoch vielen viralen Kampagnen zu Grunde liegt.



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    Ich sitze gedankenversunken an meinem Schreibtisch und verfasse einen Artikel für Spreeblick. Plötzlich stehen drei maskierte Männer im Raum. Noch bevor ich die Gefahr realisieren kann, werfen mich die Fremden zu Boden. „Widerstand ist zwecklos!“, nuschelt einer energisch durch seine schwarze Skimaske und binnen weniger Sekunden liege ich wie ein verschnürtes Paket auf dem Parkett. „Was wollt…“, beginne ich, doch der Satz endet abrupt mit einer geballten Faust auf meiner Nase und ich fliege zu den Sternen. Blackout.

    So fängt das interaktive Blogabenteuer an, das gerade auf Spreeblick läuft (“Geschätzte Spieldauer: 12 Jahre). Wer “Zork” geliebt hat, von “Hitchhiker’s Guide to the Galaxy” abhängig gewesen ist und auch heute noch ab und zu von “The Hobbit” träumt, sollte sich den Spaß nicht entgehen lassen. Zumal der Parser so genial programmiert ist, dass man fast meinen möchte, es steckte ein Mensch dahinter. Turing Test bestanden. Im Unterschied zu der alten interactive fiction lässt sich hier nach Lust und Laune cheaten, denn mittels Trackback kann man dem Charakter alle möglichen Dinge schicken. Auch ein Hund mit Origami-Lehrbuch im Maul ist im Bereich des Möglichen.



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    Täusche ich mich, oder höre ich aus Sätzen wie dem folgenden, der den “Printgipfel” der Medientage München beschreiben soll, ein klein wenig Orientierungslosigkeit heraus?

    Dass Zeitungen auch in der Welt des Web 2.0 gute Zukunftschancen haben, darüber waren sich auch die diskutierenden Experten auf den Medientagen München [...] einig. Weniger klar scheint derzeit jedoch, welche Strategien den besten Weg aus der Krise bedeuten. Ein einheitliches Patentrezept könne es nicht geben, soweit verständigten sich die Branchenvertreter jedenfalls.

    Man hat sich darauf geeinigt, dass es kein Patentrezept gibt. Naja, viel ist das nicht.

    Aber zugleich wird immer kräftiger an dem Untergangsszenario des demographischen Übergangs vom Zeitungs- zum Onlineleser gepinselt, während gleichzeitig die schöne neue Welt des Internet als heiliger Gral der medialen Zukunft angepriesen wird: “Deutschland hat in punkto Internetnutzung noch 200 Prozent Wachstumspotenzial” heißt es zum Beispiel bei Harald Summa, dem Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Internetwirtschaft. Okay, es ist nur ein Zitatfragment, aber wie genau soll das funktionieren? Hierzulande gibt es nach Nielsen 50.426.117 Internetnutzer. Steigert man das um 200% kommt man zu einer Zahl von gut 151 Mio Internetnutzern in Deutschland. Das klingt verlockend, die Frage ist nur, wo man die fehlenden 69 Mio Bundesbürger herbekommen soll. Geburtensteigerung? Einwanderung? Einbürgerung von Second Life-Bewöhnern?



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    welt.pngEine der Möglichkeiten, die physische Welt mit der Online-Realität in Verbindung zu bringen, sind die sogenannten QR-Codes (QR steht hier für “Quick Response”). Seit heute verwendet die Welt Kompakt diesen Code, um in ihre Texte Hyperlinks zu Onlinedokumenten einzubetten. Wie funktioniert das? Zum Beispiel mit einem fotofähigen Handy mit installierter QR-Lesesoftware. Dann kann der Leser den Code fotografieren und der Web- oder Wapbrowser des Mobiltelefons wird von der Software direkt auf die referenzierte URL gelenkt.

    Wer will, kann es ja einmal mit dem folgenden Code ausprobieren (hiermit generiert):
    qrcode

    Mehr zum Thema:

    • Etwas mehr theoretischen Hintergrund liefert die Spex, die den QR-Code sogar auf die Titelseite ihrer aktuellen Ausgabe verfrachtet hat. Max Dax schreibt dazu: “Alleine, dass der Code als Verzierung, als Schmuck durchgeht, hat bereits etwas ebenso Subversives wie Beunruhigendes. So schön und streng und elegant hat die Digitalisierung des öffentlichen Raums bisher noch nicht ausgesehen.”
    • Max könnte Recht haben, schließlich wissen auch die Pet Shop Boys diese digitale Eleganz schon zu schätzen.
    • Eher technisch wird das Thema bei Polypensees behandelt.
    • Der Elektrische Reporter hat schon im Mai ein Interview mit dem Kaywa-Geschäftsführer Roger Fischer veröffentlicht.
    • Auf Zweinull.cc gibt’s das ganze auch noch mit grafischer Unterstützung.


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