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New York Times: Freier Zugang zahlt sich aus

nyt.pngDas Experiment der New York Times scheint aufzugehen. Im September hatte der Verlag beschlossen, sowohl die aktuellen Ausgaben als auch Teile des Archivs freizugeben. Die Abogebühr für den Online-Content (“Times Select”) ist damit weggefallen. Jetzt gibt es die ersten Zahlen, die belegen, dass sich dieser Schritt gelohnt hat – auch wenn man zunächst nicht ganz ausschließen kann, dass ein Teil des Traffic-Anstiegs auf die generierte Aufmerksamkeit zurückzuführen ist und sich womöglich nicht in Online-Stammleser überführen lässt. Jedenfalls liegt die Online-New York Times den aktuellen Nielsen-Zahlen zufolge nun weit, weit vor der zweitplatzierten USATODAY.com.

In reaching 17.5 million uniques, the paper had its best month ever, a Times spokeswoman told me. The numbers are up from 14.6 million in September (Quelle: beet.tv, dort gibt es außerdem noch ein Interview mit Vivian Schiller, Managerin von NYTimes.com)

Ziemlich euphorisch sieht sich die Zeitung jetzt nicht mehr allein im Wettbewerb mit anderen überregionalen Zeitungen, sondern auch mit Nachrichtenportalen und -sendern. Man darf allerdings nicht vergessen, dass sich dieser September-Sprung von immerhin 20% im Kontext des massiven Abwärtstrends gemessen an der prozentualen WWW-Reichweite, der im Februar 2006 begonnen hatte, doch etwas bescheiden ausnimmt (siehe rote Markierung):
nyt_alexa.png
Ziemlich deutlich wird das zum Beispiel im Vergleich mit Facebook:
fb_alexa.png
Immerhin haben sie das erkannt und versuchen nun, mit einer Facebook-Microsite dort auch etwas Aufmerksamkeit abzubekommen. Olaf hat diese Variante vor kurzem so kommentiert: “Erinnert alles irgendwie an die Glaskästen in denen [...] die aufgeblätterten Zeitungen ausgestellt werden.”



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    Sehr schön, was der “Medienhacker” Dave Winer auf dieser Seite mit dem NY-Times-Newsfeed anstellt: er filtert aus allen neuen Nachrichtenartikel die Keywords heraus und erstellt eine Rangfolge. Beziehungsweise: nicht er macht das alles, sondern ein Script. Möglich wird das dadurch, dass alle (jedenfalls die meisten) Artikel der NY Times auf vorbildliche Weise mit Metadaten versehen sind. So findet man zum Beispiel im Quelltext der Nachricht “In Iran, Putin Warns Against Military Action” folgende Metadaten, die sich alle per Computer auslesen und weiterverarbeiten lassen:

    • Kurzbeschreibung
    • Schlagworte
    • Datum
    • Titel
    • Autor
    • Themengebiete
    • Personen
    • Geographischer Kontext
    • Ressort

    Ein Computer könnte diesen Metadaten entnehmen, dass sich das berichtete Ereignis auf Russland und den Iran bezieht, dass es mit Vladimir Putin und Mahmoud Ahmadinejad zu tun hat sowie dass es dabei um Internationale Beziehungen und Atomenergie geht. Damit lässt sich schon eine Menge anfangen und ohne großen Aufwand Verknüpfungen zu anderen Nachrichten herstellen. Fehlt nur eine geeignete Darstellungsform, um der Leser könnte durch diese Angaben “Pivot-Browsen“, also immer wieder einen neuen Ausgangspunkt auswählen, sei es ein Ort, eine Person oder ein Thema, und von dort aus neue Beiträge entdecken. Vielleicht sogar in anderen Nachrichtenquellen oder gar Medienformen (GoogleEarth, Youtube, Facebook).

    Sieht man sich dagegen die deutschen überregionalen Tageszeitungen an, so kann man nur einen gewaltigen Aufholbedarf feststellen. Der Artikel zum selben Thema in der Süddeutschen Zeitung wartet zwar mit einigen Keywords auf, doch diese wollen mir doch tatsächlich weißmachen, es gehe in dem Artikel um “Bush”, “Cofi Annan”, “Saddam”, den “Bundestag” oder um “Steuer”. Davon, dass “Saddam” und “Cofi Annan” schon etwas länger Geschichte sind, will ich gar nicht reden.

    Weiter zur FAZ, die ebenfalls einen Artikel zu Putins Solidaritätserklärung parat hat. Aber auch hier ist das semantische Netz zerrissen, denn ein Computer würde zu dem Ergebnis kommen, der Artikel thematisiere “Merkel”, die “EU”, “Steuern” und irgendeine “Wahl”.

    Die Welt hat keinen Artikel direkt zu dem Thema, also habe ich mir einen Beitrag über die Terrorrisiken der Putinreise ausgesucht. Auch hier führen die Metadaten zunächst ins Leere, denn mit “Urlaub”, “Sport” und “Satire” hat das nichts zu tun. Aber halt! Ganz am Ende der Keywords doch noch ein paar sinnvolle Hinweise: Iran, Russland, Wladimir Putin, Staatsbesuch, Atomenergie, Anschlag. Gar nicht übel, aber schlecht auszuwerten.

    Zum Schluss noch zur taz, wo mich wieder nur Standardkeywords erwarten, außer hinter der Wahl von Schlagworten wie “politische Karikatur”, “Cartoons” und “Comic” steckt eine tiefere Absicht? Klar ist: ein Computer würde beim Versuch, diesen Humor zu entschlüsseln, versagen.



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    bibel.pngAls die Zeitungsverlage ihre Webpräsenzen immer weiter ausbauten, bis schließlich ihr gesamter Content auch im Internet abgerufen konnte, wurde die Frage nach dem Geschäftsmodell dringlich. Zahlreiche Verlage haben sich dazu entschlossen, in alter Web 1.0-Manier die Nutzer für die Inhalte zahlen zu lassen. Sie haben also nach einer mehr oder weniger langen Open Content-Episode das bewährte Geschäftsmodell der Pornoanbieter im Netz übernommen: pay for your fun.

    Momentan lässt sich jedoch aus einigen Meldungen herauslesen, dass die Verlage in dieser Beziehung wieder einmal den Kurs ändern. So stellt zum Beispiel die New York Times fest, dass mittlerweile so viele Besucher über Suchmaschinen auf die digitalen Seiten der Zeitung kommen, dass es finanziell unklug wäre, diesen potentiellen Lesern (und AdClicks) die Artikel vorzuenthalten. Die Einbuße durch den Wegfall der Online-Abogebühr, so das Kalkül des Verlags, würden durch die zusätzlichen Page Views und AdClicks mehr als ausgeglichen werden. John Battelle freut sich darüber, dass die Verlage nun endlich das Modell der suchmaschinenorientierten Point-to-Economy verstanden haben “and now they will be getting all the search juice they richly deserve.” Duncan Riley geht noch darüber hinaus und sieht das Ende des Pay-for-Content-Geschäftsmodell nahen und kommentiert den Schritt der New York Times wie folgt:

    Most importantly: this is a win for all of us. The notion of paying to access content is flawed in a connected online world where virtually everything is free, particularly content. Companies such as the NY Times can make money from providing content for free.

    Dabei geht es nicht nur um die aktuellen Ausgaben, sondern auch das Archiv von einer Zeittiefe von immerhin 91 Jahren ist jetzt für jeden interessierten Leser erreichbar. Die Zeit ist diesen Schritt schon vor ein paar Wochen gegangen und hat ihr Archiv mit sämtlichen Print- und Onlineausgaben geöffnet.

    Aber auch das Medienunternehmen News Corp. beschäftigt sich, wie gerade bekanntgeworden ist, mit Gedankenspielen dieser Art. Es geht darum, ob auch die Onlineausgabe des Wall Street Journal kostenfrei erhältlich sein wird, aber eine definitive Entscheidung liegt noch nicht vor. Schätzungen für ein paar andere wichtige Printprodukte stellt Kathrin Passig an:

    Es kann jetzt nur noch ungefähr weitere 245 Jahre dauern, bis FAZ/FAS, Süddeutsche, taz, Frankfurter Rundschau, Spiegel, Focus, Standard und NZZ durch Nachdenken zu derselben Einsicht gelangen.

    (Abbildung aus Wikipedia)



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