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Netzwerkanalyse von Hashtaglagern

Twitter-Netzwerkanalysen aus den USA kommen regelmäßig zu dem Ergebnis einer unglaublichen Polarisierung zwischen den Lagern. Demokraten folgen Demokraten. Republikaner folgen Republikanern. Kommunikation zwischen den beiden ist auf das ironische Verwenden der “gegnerischen” Hashtags reduziert.

Ich gehe schon länger der Frage nach, ob sich diese Beobachtungen auch in der digitalen politischen Kommunikation nachvollziehen lässt. Sehr schnell spricht man ja von “politischen Filterblasen”, die dazu führen, dass man nur Botschaften mitbekommt, die zu der eigenen politischen Einstellung passen.

Heute war ein guter Tag für die politische Twitter-Kommunikation. Drei politische Ereignisse liefen gleichzeitig ab, die jeweils ziemlich eindeutige Hashtags hatten:

  • der Netzpolitische Kongress der Grünen in Berlin (Hashtag: #nk12)
  • der Parteitag der CSU in München (Hashtag: #csupt12)
  • der deutschlandweite (bzw. europaweite) Aktionstag gegen das EU-Überwachungsprojekt INDECT (Hashtag: #indect)

Zu diesen drei Hashtags wurden alle relevanten Tweets des 20. Oktober erfasst und ausgewertet. Die folgende Visualisierung zeigt die Twitter-Accounts, die zu einen der drei Hashtags verwendet haben sowie die Follower-Beziehungen zwischen ihnen. Die Einfärbung erfolgt nach den Löwener Modularitätsalgorithmus von Blondel et al. Der Algorithmus analysiert und identifiziert Sub-Communities in großen sozialen Netzwerken.

Follower network for #nk12 #csupt12 and #indect

Zwar lassen sich deutliche Cluster zu den untersuchten Hashtags identifizieren, aber trotzdem sind die Twitterer, die sich zu den drei Themen äußern, durch ihre Follower-Netzwerke sehr eng mit auch mit den Personen aus den anderen “Hashtag-Lagern” verbunden. Interessanterweise scheinen viele dieser “lagerübergreifenden” Kontakte über regionale Netzwerke zu lassen: Zum einen hat die piratisch orientierte Anti-Indect-Szene gerade in Berlin viele Verbindungen zu Grünen Netzpolitikern. Zum anderen sind einige bayerischen Politiker der Grünen sehr gut mit ihren Kollegen der CSU verbunden.



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    Kurze Vorbemerkung: Ich mache mir bereits Gedanken über Textbausteine, mit denen sich die immergleichen Internetschmähreden in Zeit, Süddeutscher Zeitung und Co. automatisiert beantworten lassen. Noch habe ich diese Bausteine nicht, deshalb hier eine manuell getippte Kurzantwort auf das Videostatement von Jens Jessen, der darin Abschaffung der Anonymität im Internet (gähn) fordert. Ein kurzer Ausschnitt daraus:

    Im Internet wird gestohlen – wir meinen die notorischen Urheberrechtsverletzungen. Im Internet wird vergewaltigt – wir meinen die Kinderpornographie. Und es werden mit der unverfrorendsten Unschuldsmiene Menschen diffamiert, diskriminiert und mit Gewaltdrohungen verfolgt. All dies, sagen die Internetverteidiger, gehöre nun einmal zu der großen, einzigartigen und schützenswerten Freiheit des Internets, die nun einmal einige zu tolerierende Nachtseiten hat.

    Jens Jessen hat die Kritik dieser “Internetverteidiger” entweder nicht wahrgenommen oder aber nicht verstanden. Kriminalität ist Kriminalität, egal ob sie auf der Straße, im Schlafzimmer oder im Internet stattfindet. Und die Verteidiger der Netzneutralität fordern auch kein gleicher Recht auf Internetnutzung für gesetzliche wie ungesetzliche Handlungen.

    Nur: Urheberrechtsverletzungen im Internet sollten mit als Urheberrechtsverletzungen verfolgt werden, Kinderpornographie als Kinderpornographie und Verleumdung als Verleumdung. Das sind alles keine spezifischen Internetdelikte, sondern Verstöße oder Verbrechen, die substantiell verfolgt werden müssen. Denn, das hat Jessen immerhin mitbekommen, das Internet ist kein ausgeflipptes Hirngespinst aus Bits und Bytes, sondern ein sozialer Raum, in dem dieselbe Ordnung gilt wie anderswo auch. Meines Wissens kennt weder die deutsche, noch die europäische Rechtsprechung so etwas wie “Paralleluniversen”.

    Übrigens: Ist es ein Zufall, dass für das Internet ganz ähnliche Begriffe verwendet werden wie für die von den Leitkulturfanatikern und Teilzeitspenglerianern der Zeit ebenso wenig verstandene und geliebte ethnische Pluralisierung der Gesellschaft?

    Das heißt aber auch: Recht auf informationelle Selbstbestimmung, Recht auf Unversehrtheit der Wohnung oder Meinungsfreiheit sind Dinge, die (zum Glück) auch im Netz gelten. Artikel 5 des Grundgesetzes ist blind dafür, ob man seine Meinung im eigenen Namen äußert oder anonym.



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    Allmählich werde ich mich hier auf diesem Blog an die Nachbereitung der 2008er re:publica machen. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, mich aus Berlin ab und zu einmal per Blog zu melden, aber die vielen guten Gespräche haben mir keine Zeit dazu gelassen. Außerdem gab es noch ein paar Vorträge vorzubereiten und Interviews zu geben. Dazu aber später noch mehr.

    An dieser Stelle aber wenigstens schon einmal der Foliensatz und ein paar Anmerkungen zu der von Geraldine Bastion moderierten Session zum Thema “Advocacy 2.0: Digitaler Aktivismus” am Donnerstag, 3. April. Wer die Veranstaltung nicht gesehen hat, kann sie sich hier ansehen.

    Ich muss sagen, dass mich insbesondere das “Wir haben ganz viele geile Kampagnen”- bzw. “Und das haben wir so gut gemacht”-Gerede des Greenpeace-PR-Menschen neben mir ziemlich enttäuscht hat. Und wenn dann noch die Kooptation der “A Greener Apple”-Kampagne durch Apple als wichtiger Erfolg gewertet wird, dann sieht man deutlich, wie weit sich diese NGO von ihrer Anfangszeit, in der sie wirklich neue Maßstäbe für politischen Aktivismus gesetzt hatten, entfernt haben. Wenn mitgeholfen wird, Computerschrott als Beitrag zum Umweltschutz umzudefinieren, rückt das für mich gefährlich in die Nähe des Greenwashing. Dann kann man gleich, wie ein Kommentator auf der SMS-Wall anmerkte, auch einmal über “grünen Atomstrom” nachdenken.

    Die vielen Zahlen, die der Vertreter von Aktion Mensch genannt hat, zeigen ziemlich deutlich, dass zwischen Online und Offline im Bereich des sozialen Engagements doch noch eine große Kluft besteht. Immerhin hat die Aktion Sorgenkind relativ früh die mögliche Bedeitung des Web 2.0 erkannt: Im Jahr 2001 haben sie das von Christiane Schulzki-Haddouti entwickelte Projekt Cybertagebuch, das, 1996 gegründet, zu den frühsten “Proto-Blogportalen” in Deutschland gehört, übernommen.

    Hier die Folien der Präsentation von Marc Scheloske und mir, wir werden in den nächsten Tagen auch noch in unseren Blogs darüber berichten, wie hier gewünscht.

    Andere über diese Veranstaltung



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