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Twitter, Metcalfe’s Law und die Kommunikation mit verschwommenen Gruppen

Metcalfe’s Law, Reed’s Law oder Geburtstagsparadox – es gibt mehrere Bezeichnungen für das Phänomen, dass Netzwerke exponentiell wachsen. Mit jedem neuen Mitglied erhöht sich die Anzahl der möglichen Kommunikationspartner (ähnlich gilt dies auch für die möglichen Untergruppen) nicht um eins, sondern um die Zahl der bisher vorhandenen Mitglieder.

Genau das scheint auch das Problem zu sein, mit dem der Mikrobloggingdienst Twitter gerade zu kämpfen hat. Seit sich die Anzeichen dafür mehren, dass Twitter allmählich in den Mainstream einsickert, und dementsprechend mehr Menschen sich dort anmelden, hat die Leistung rapide abgenommen. Die vielen Ausfälle der letzten Tage (die SMS-Benachrichtigung scheint schon länger nicht mehr zu funktionieren) haben viele der digitalen Avantgarde zum Lifestreamanbieter Friendfeed getrieben (hier z.B. mein Feed). Robert Scoble ist dort, Loic Le Meur und Michael Arrington auch.

Während die Direktnachrichten bei Twitter keine größeren Probleme darstellen dürften und auch die öffentliche Zeitleiste unproblematisch sein dürfte, liegt die Schwierigkeit darin, dass jede Freundesliste bei Twitter eine ziemlich einzigartige Kombination von Kontakten darstellt (das müsste man einmal genauer untersuchen). Hier ist deutlich erkennbar, was der deutsche Soziologe Georg Simmel Ende des 19. Jahrhunderts gemeint hat, als er die Individualität einer Person als Kreuzung unterschiedlicher sozialer Kreise bezeichnet hat.

Das Problem von Twitter liegt womöglich in der ungleich größeren Herausforderung, Botschaften (“Tweets”) an jeweils ganz unterschiedliche Personengruppen zu senden. Twitter ist eben weder ein reines Kommunikationsmedium (Direktnachrichten), noch ein reines Broadcastmedium (Öffentliche Zeitleiste). Ja, es ist nicht einmal ein Gruppenkommunikationsmedium, als das, wofür Email ursprünglich entwickelt wurde, denn Personen, die auf eine Twitternachricht von mir reagieren, senden ihre Antworten wiederum an eine ganz andere Gruppe. Twitter ist Kommunikation zwischen verschwommenen, unscharfen Gruppen (fuzzy groups). Genau das ist der Reiz des Mediums, aber vermutlich auch die neuartige technische Herausforderung.



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    Wenn man sich die Entwicklung des “neuen Netzes” (Web 2.0) in der jüngsten Zeit näher ansieht, dann kann man derzeit einen neuen Trend beobachten: Neben das klassische Bloggen, also das Veröffentlichen von mehr oder weniger ausführlichen Beiträgen im eigenen Blog, tritt das Mikrobloggen (microblogging). WWW-Dienste wie Twitter, Pownce oder Jaiku ermöglichen das Versenden von Kurzbeiträgen (auf Twitter sind es maximal 140 Zeichen) oder mit Kurzkommentaren versehene Links oder Dateien an die allgemeine Mikroöffentlichkeit oder nur an die eigenen Kontakte (friends).

    Eine (spezialisierte) Variante des Mikrobloggens besteht darin, anderen mitzuteilen, was man gerade tut (status blogging). status.PNGDies ist nicht nur mit den genannten Mikrobloganbietern möglich, sondern findet zunehmend Eingang in andere Applikationen wie etwa Facebook, wo es in jedem Profil ein Feld mit “Status Updates” gibt (siehe Abbildung) sowie eine Übersichtsseite, auf der man sich alle Statusänderungen, also alle angegebenen Aktivitäten seiner “Friends” anzeigen lassen kann.

    Neben diesen Oberflächen, mit denen sich beliebige Informationen verschicken lassen und auch Gespräche geführt werden können (mit vorgeschaltetem @ wie in @Martin), sind aber auch Geoblogging-Dienste wie Plazes beliebt auf denen der Nutzer in erster Linie angibt, wo er oder sie sich gerade befindet oder wohin er gerade unterwegs ist. Die Übergänge zwischen diesen drei Spielarten sind jedoch fließend: auch auf Twitter kann mitgeteilt werden (und wird mitgeteilt), wo man sich gerade aufhält ebenso wie man Plazes für eine kurze Tätigkeitsbeschreibung gebrauchen kann.

    Manche sehen darin bereits den Beginn einer neuen Kommunikationsform, sei es eine Art subliminaler Orientierungssinn virtueller Gemeinschaften oder eine Form von “ambient information“. Um diese sicher ebenfalls spannende Frage, wie sich Mikrobloggen kommunikations- und medientheoretisch fassen lässt, soll es jedoch im Folgenden nicht gehen. Stattdessen stellt sich hier die Frage, wie diese bereitwilligen Auskünfte über das eigene Leben und die eigene Person (also diese veröffentlichte Selbstüberwachung) in einen Kontext passen, in dem Fragen von Anonymität und Datenschutz ein hohes Maß an Aufmerksamkeit beanspruchen können (Stichwort: “Bundestrojaner”).

    Im Folgenden habe ich 10 Thesen versammelt, warum das Mikrobloggen derzeit (und überhaupt) trotz der offensichtlichen oberflächlichen Ähnlichkeit zu Überwachungsszenarien einen so regen Zuspruch erfährt:

    1. Die Bezugsgruppe der “Freunde” (friends) spielt eine große Rolle. Erfahren wird, dass sich andere Personen, die einem selbst zwar nicht unbedingt sozialstrukturell, aber zumindest in ihrer Technikaffinität ähneln, dort ebenfalls “enthüllen”.
    2. Eine weitere Selbstberuhigung dürfte darin liegen, dass an anderen Orten des Internets sehr viel stärker und offensichtlicher Daten gesammelt werden, so dass das Mikrobloggen auch nicht mehr viel ausmacht.
    3. Das Mikrobloggen wird von der Illusion begleitet, dass ich meine Selbstdarstellung kontrolliere und nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Inhalte bewusst herausfiltern kann.
    4. Die Exit-Option ist immer präsent: Wenn es mir zu bunt wird, bzw. wenn sich negative Konsequenzen ergeben könnten, besteht immer noch die Möglichkeit, damit aufzuhören.
    5. Im Zusammenhang mit dem 2. Punkt könnte auch eine Rolle spielen, dass die im Internet insgesamt anfallenden Verhaltensspuren für so umfangreich gehalten werden, dass keine sinnvollen Informationen daraus entnommen werden (signal to noise ratio).
    6. Zudem wird es grundsätzlich für möglich gehalten, bewusst eine falsche Darstellung, eine fiktive Internetidentität anzunehmen und dadurch (scheinbar) unbrauchbare Daten zu produzieren.
    7. Möglicherweise hält sich aber auch die Vorstellung, dass die wirkliche Person hinter den Äußerungen nach wie vor anonym bleiben kann.
    8. Denkbar ist auch die Vorstellung, dass die positiven Wirkungen im Sinne von Werbung für die eigene Person in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie überwiegen.
    9. Auch die “Es-bleibt-unter-uns”-Annahme könnte sich als wichtig erweisen, also die Vorstellung einer grundlegenden Reziprozität: ich nutze die Informationen über die anderen nicht für “böse” Zwecke und kann insofern davon ausgehen, dass die anderen das mit meinen Informationen auch nicht machen werden.
    10. Schließlich ist aber auch denkbar, dass sich der oder die MikrobloggerIn überhaupt nicht vorstellen kann, für welche Zwecke die preisgegebenen Informationen überhaupt genutzt werden könn(t)en.

    Diese Thesen ähneln den Argumenten, die auch in der Surveillance-Debatte immer wieder auftauchen, jedoch mit dem Unterschied, dass es hier nicht nur um die Frage geht, warum gegen die Überwachung der eigenen Person nicht protestiert wird, sondern warum man diese “Überwachung” sogar selbst leistet (und im Falle des ausländischen SMS-Gateways z.T. sogar dafür zahlt).



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    Gerade eben bin ich (durch einen Twitter-Beitrag, wodurch sonst) auf die “Twitter Blocks” gestoßen, eine ziemlich avantgardistische (nach Robert Basic auch “spannende”) Form der Visualisierung seiner Twitter-Nachbarn (oder eben “Freunde”) im Stil von Q*Bert oder Lego.
    blocks.png
    Diese Blocks stellen die letzten Statusmeldungen der Benutzer, der von ihnen beobachteten Nutzer und der von diesen wiederum beobachteten Nutzer dar. Klingt verwirrend? Ist es auch, und der Sinn des Ganzen jenseits von just another eyecandy wird mir nicht ganz klar (aber da bin ich anscheinend nicht der einzige). Was zum Beispiel bedeutet die Höhe oder Tiefe der Blocks? Mitgründer Biz Stones Erklärung dazu: “It’s a crazy, interactive, animated 3D application so it’s easier to understand when you interact with it”. Zwei Punkte finde ich an diesem “Tool” bemerkenswert: erstens die Strategie von Twitter einfach eine neue Anwendung zu veröffentlichen, ohne zu erzählen, wofür das gut sein soll und nur minimale Erklärungen dazu zu liefern. Zweitens sind die Twitter-Blocks aber ein interessanter Versuch, soziale Kommunikations-Netzwerke auf eine andere Weise zu visualisieren wie die bisherigen Connected-Nodes-Modelle.



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