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Internet ist einflussreichstes Medium

Das Internet ist mittlerweile das einflussreichste Medium geworden. Dieses Fazit zieht zumindest die gerade veröffentlichte “Digital Influence Index Study” von Fleishman Hillard und Harris Interactive.

Normalerweise vergleicht man Medien wie Zeitung, TV, Zeitschriften, Radio und Internet Indikator für Indikator. Geht es um die Reichweite, die Nutzungsdauern oder auch die Glaubwürdigkeit liegt das Internet meistens auf dem zweiten oder dritten Platz hinter – es kommt darauf, welchen Indikator man betrachtet – Zeitung und TV.

Wenn man allerdings mehrere Indikatoren gemeinsam betrachtet und z.B. Nutzungsdauer und Glaubwürdigkeit multiplikativ verknüpft, dann rückt das Internet auf einmal an die erste Stelle. Der Digitale Einflussindex errechnet sich als “the amount of time consumers spent on a given medium combined with the relative importance they attach to that medium.” Das Ergebnis ist ein prozentuales Maß für den Anteil verschiedener Medien am gesamten Einfluss auf die Konsumenten. In Deutschland liegt das Internet mit 40% klar vor den anderen Kanälen TV (22%), Radio (13%), Zeitungen (14%) und Zeitschriften (11%).

Der Bericht versteht sich als Bestätigung der These, dass zwar auf der einen Seite das Bedürfnis der Konsumenten nach Nachrichten ungebrochen ist, jedoch zunehmend über das Internet befriedigt wird: “In fact, one could argue that the digital form of the written word is more powerful than its ink-on-paper predecessor”. Wenn man sich die ebenfalls in dieser Studie erhobenen Zahlen der Printverweigerer – also der Personen, die in einer typischen Woche keine gedruckten Zeitungen oder Zeitschriften gelesen haben – betrachtet, dann sind die deutschen Zahlen (13% Zeitschriftenverweigerer und 14% Zeitungsverweigerer) im Vergleich mit den britischen und französischen Lesern noch vergleichsweise niedrig. Dort liegen nur die französischen Zeitschriften unter einer Verweigerungsquote von 25%.

Trotz des deutlichen Einflussvorsprungs von Online sind die Werbeausgaben noch nicht entsprechend umgeschichtet worden. Aber es wäre auch falsch, wie es der Bericht suggeriert, hier einen Automatismus zu vermuten. Denn gerade, wenn es um die neuen Aktivitäten im Internet geht – sowohl um den Ausdruck der eigenen Person in Blogs oder Social Networks als auch um mobile Internetanwendungen auf dem Handy – fehlen zuverlässige Ergebnisse zur Werbewirkungsforschung noch. Für die klassischen Anwendungsfälle des Web 1.0 – die Studie nennt hier das Recherchieren, Kommunizieren und Einkaufen – sieht es dagegen etwas besser aus. Das Forschungsprogramm für die nächsten Jahre dürfte damit klar sein. Wer packt es an?



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  • Der Neuigkeitswert von RSS-Feeds

    Wir leben noch in einer Ära, in der das Einrichten eines RSS-Feeds auf einer Internetseite eine eigene Pressemitteilung wert ist:

    Pressemitteilung
    MPI für Bildungsforschung bietet RSS-Feed
    Dr. Petra Fox-Kuchenbecker, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
    Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
    13.06.2008

    Die Bibliothek des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung bietet ab sofort einen Informationsdienst an, der es Interessierten weltweit erlaubt, die Anzeige neuer Publikationen aus dem Institut zu abonnieren.
    Alle, die sich für die Forschungsergebnisse des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung interessieren, müssen künftig nicht mehr mühsam die Publikationen-Webseite des Instituts nach Beiträgen durchsuchen. Stattdessen erhalten Sie automatisch eine Nachricht, wenn die Veröffentlichung erscheint. Ein link führt dann zur vollständigen Titelanzeige.
    Dieser Dienst, der technisch als RSS-Feed realisiert ist, kann für alle Publikationen des Instituts oder getrennt nach Forschungsbereichen abonniert werden. Sie erreichen den Dienst unter http://library.mpib-berlin.mpg.de/iv/iv.php?year=2008-

    Weitere Informationen:

    http://www.mpib-berlin.mpg.de

    (via)



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    Ich habe es schon über Twitter gepostet, aber der Vollständigkeit halber füge ich diese Abbildung auch noch in mein Blog ein. Gesucht war eine möglichst verständliche Antwort auf die ewige Frage “Was ist ein Blog?” Wenn ich das Prinzip “Blog” auf vier Punkte reduzieren müsste, wären es die folgenden (Klick zum Vergrößern):

    Für mich ist insbesondere der zweite Punkt wichtig: Im Grunde genommen sind Blogs so etwas wie geronnene Datenströme, die jederzeit wieder “aufgetaut” werden können und in ganz andere Formen gebracht werden können (Stichwort: Data Portability). Dieser Punkt wird vor allem in der “The Conversation has left the Blogosphere”-Diskussion deutlich, als auf einmal klar wurde, dass man gar nicht mehr überblicken, geschweige denn kontrollieren kann, wo die eigenen Bloginhalte (als Ströme) auftauchen und von anderen kommentiert werden.



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  • Wissenschaftsblogs – eine Erfolgsgeschichte

    Eine weitere interessante Maßzahl kann nun über die metaroll-Channels abgerufen werden: die quantitative Entwicklung der Technorati-Authority eines Channels bzw. einer Subblogosphäre. Was bedeutet das? Während über die Sparklines der einzelnen Blogs abgelesen werden kann, ob ein Blog in den letzten 30 Tagen Links dazugewonnen oder verloren hat, kann man mit der neuen Maßzahl Aussagen über eine gesamte Subblogosphäre treffen, z.B. über die Wissenschafts-, Medien-, Karriere- oder Foodblogs. Diese Angaben findet man ganz unten auf den Channelseiten, direkt über der dynamischen Blogcloud:

    Die 282 in der metaroll verzeichneten Wissenschaftsblogs haben im Beobachtungszeitraum 637 neue Links dazugewinnen können. Wobei es sich hier um den Nettozugewinn handelt, denn im selben Zeitraum gab es selbstverständlich auch Verluste, die jedoch in der Zahl schon berücksichtigt sind. Die Wissenschaftsblogosphäre hat damit um fast 16 Prozent zugelegt. Ein ziemlich beachtliches Ergebnis, insbesonders wenn man es im Vergleich mit den anderen Subblogosphären betrachtet.

    Denn die 79 verzeichneten Medienblogs haben im selben Zeitraum sogar 176 Links verloren. Ihre Technorati-Authority ist damit um fast 2 Prozent geschrumpft. Zumindest hier scheint der Spruch vom ausgebrannten Bloggerland einigermaßen zuzutreffen. Noch stärker hat es die 76 Foodblogs getroffen. Sie mussten 158 Links abgeben, was einen Rückgang um über 3 Prozent bedeutet. Die 90 Jobblogs der metaroll konnten dagegen 98 Links dazugewinnen, was ein Wachstum von knapp 3 Prozent bedeutet. Wenn man sich die Zahlen nur für die letzten sieben Tage betrachtet, bleibt der Trend ähnlich, wenn auch deutlich schwächer: Wissenschaftsblogs +2%, Medienblogs -0%, Jobblogs +2%, Foodblogs +0%.

    Kurz: Während die Jobblogs nur leicht zugelegt haben und die Food- und Medienblogs sogar an Technorati-Authority verloren haben, haben die Wissenschaftsblogs in der letzten Zeit einen regelrechten Boom erlebt. Das hat sich dann unter anderem auch darin ausgedrückt, dass endlich wieder ein Wissenschaftsblog unter den Top 100 Blogs in Deutschland vertreten ist.



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  • Kein Besucher bleibt ewig! Zeitungen sollen sich nicht neu erfinden, sondern das Verlinken lernen

    Steffen Büffels Antwort auf die von mir kürzlich vorgestellten und erweiterten Thesen von Doc Searls zur Rettung der Zeitung hat mir wieder einmal die Bedeutung der “Kultur der Verlinkung” gezeigt, die sich gerade in den Weblogs so eindrucksvoll zeigt. Steffen rät den Zeitungsmachern nämlich:

    Wedelt mit guten Content-Teasern lieber an den Boulevards der großen Onlinenetzwerke. Dann schaue ich gerne mal rein und klicke durch eure PI-gierigen Seiten. Und wenn ihr mich dann wieder an viele tolle Stellen wegschickt, komme ich umso lieber zurück.

    Das ist meiner Ansicht nach der große Graben zwischen ins Internet gedruckten Zeitungen und echten Digitalformaten wie Blogs. Süddeutsche, Spiegel etc. geizen mit Links nach draußen aus Angst, dadurch den Leserstrom von den eigenen Inhalten wegzuleiten. Sie haben nicht begriffen, dass Links Informationen sind, die einen Mehrwert bieten. Das Denkmodell ist immer noch die klassische “Ausgabe”. Also ein Inhaltsbündel, das man von vorn bis hinten durchliest bzw. durchklickt. Ein Inhaltsbündel, dass man auch nur als Bündel erwerben kann.

    Im Internet wird jedoch kreuz und quer gelesen – Inhalte gibt es hier nicht im Bündel oder auf der Rolle, sondern in einem Netzwerk. Ich komme über einen Link auf einen interessanten Beitrag, lese ihn und sehe mir die Links an, die von dort auf andere Seiten verweisen. Eine Wahrheit, die unsere Onlinezeitungsmacher anscheinend noch nicht begriffen haben: Kein Besucher bleibt ewig. Die Frage lautet nur: Ist deine Seite eine Sackgasse oder ein Knotenpunkt in einem dicht gewobenen Netzwerk? Verlassen die Besucher die Seite per “Tab schließen” oder über den Link zu einer anderen Seite, die ihnen genau die Informationen bietet, nach denen sie suchen? Und von der sie dann vielleicht früher oder später wieder zurückkommen, weil diese Seite ebenfalls auf Verlinkung setzt?

    Ich muss wohl nicht eigens betonen, dass ich die zweite Option für die zukunftssichere halte. Wenn die Zeitungen wirklich auf irgendeine Weise in den neuen digitalen Dialogen mitreden wollen, müssen sie lernen, zu verlinken. In einem Netzwerk liegen Punkte, von denen kaum eigene Verbindungen ausgehen, am Rand.



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    Ganz gleich, wie oft man ihn wiederholt: Der Satz “Print ist tot” wird dadurch einfach nicht wahrer. Manche Printerzeugnisse werden fortbestehen und zum Teil noch an Bedeutung zulegen während andere zum Fall für die Geschichtsbücher werden (siehe zum Beispiel diese Meldung). Das Zeitalter der Tageszeitung ist vorbei – Hochglanzzeitschriften werden auch noch in 30 Jahren gelesen werden.

    Doch es scheinen unterschiedliche Gründe hinter dem Untergang der Tageszeitungen bzw. ihrer Verwandlung in ein Luxusgut für ältere Menschen mit viel Zeit und dem Fortbestehen der Zeitschriften zu stecken.

    Das Ende der Tageszeitungen

    Das Ende der Tageszeitungen, also des Prinzips neueste Nachrichten in gedruckter Form diskursiv zu verbreiten, liegt ganz wesentlich daran, dass die Gatekeeperfunktion des Journalismus ad absurdum geführt wird. Früher bedeutete Gatekeeper, dass hier jemand (ein Journalist) ist, der komplexe Informationen und Hintergründe allgemeinverständlich aufbereitet und dadurch einen Informationskanal öffnet. Heute blockieren und verstopfen Journalisten diesen Kanal. Jeder hat potentiell über das Internet Zugang zu den aktuellen Nachrichten, in den ersten Fällen ist die Twitter-Öffentlichkeit sogar schneller informiert als die Presseagenturen. Die Funktion des Journalismus als Verwalter eines knappen Gutes Information wird überflüssig.

    Aber nicht nur der Zugang zu den Informationen hat sich strukturell verändert, sondern mittlerweile hat jeder die Möglichkeit, per Blog Nachrichten zu publizieren. Früher brauchte man dazu eine Druckerpresse, heute genügt eine Blogsoftware oder ein kostenloser Account bei einem der vielen Bloganbieter (siehe dazu auch das dritte Kapitel in Clay Shirkys “Here Comes Everybody“). Wie bezeichnend, dass sich zwei Webloginstallationen mit ihrem Namen in die Tradition des Buchdrucks einordnen: WordPress (“Wörterpresse”) und Movable Type (“bewegliche Lettern”).

    Wie ernst die Lage tatsächlich ist, wird schnell deutlich, wenn man sich etwa die aktuell “Nationale Initiative Printmedien” ansieht. Jetzt muss die Bedeutung des Gedruckten schon offiziell beschworen werden. Das war schon immer ein sicheres Zeichen einer bevorstehenden Pleite.

    Das Überleben der Zeitschriften

    Sucht man nach Gründen für das Überleben der Hochglanzzeitschriften, so wird man einmal mehr bei dem Medienphilosophen Vilém Flusser (“Lob der Oberflächlichkeit“) fündig. Zeitschriften sind weniger im alphanumerischen Code verfasst, der sequentiell – Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Aussage für Aussage – aufgenommen werden muss, sondern wirken im Wesentlichen als farbige, ahistorische Oberflächen, die man eher mit dem Auge kreisend aufnimmt. Nach Flusser “deutet die gegenwärtige Farbenexplosion auf ein Ansteigen der Wichtigkeit zweidimensionaler Codes. Oder umgekehrt: Eindimensionale Codes wie das Alphabet neigen gegenwärtig dazu, an Wichtigkeit zu verlieren” (“Die kodifizierte Welt”, 1978).

    Während jeder einen Zugang zu den neuesten Nachrichten hat und als Nachrichtensender agieren kann, kann nicht jeder hochwertige Oberflächen produzieren. Die Produktionsmittel sind hier ungleich verteilt. Das Internet hilft in diesem Fall nicht weiter, da Farbtreue und Farbtiefe noch zu weit weg von den gedruckten Zeitschriften entfernt sind, ganz zu schweigen von dem Fehlen der haptischen Dimension. Webseiten lassen sich nicht mit den Fingerspitzen lesen. Bisherige Versuche, digitale Hochglanzseiten zu entwerfen, überzeugen noch nicht. Wir bleiben hier also auch in Zukunft noch angewiesen auf professionelle Oberflächenproduzenten und auf das Papier als Medium für Glanz und Farbe. Die Lücke zwischen Flüssigkristallen und Hochglanzpapier ist zumindest für die nächsten Jahre oder Jahrzehnte die Überlebensgarantie der Zeitschriften.

    (Abbildung “Zeitschriften” von cld, CC-Lizenz)



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    Die üblichen Medienblogcharts, die sich an der Technorati-Authority (also der Anzahl der eingehenden Verlinkungen in den letzten sechs Monaten) liefern nur selten überraschende Ergebnisse. Mal kommt ein neues Blog hinzu, mal fällt ein anderes aus der Liste. Aber vorne stehen immer dieselben. Bildblog, Niggemeier, Indiskretion Ehrensache, Blogbar und die Medienlese.

    Sehr viel spannender erscheint mir die Frage, welches Blog gerade im Aufwind ist; welches Blog gerade in den letzten 30 Tagen besonders viele neue Links gewonnen hat. In den metaroll-Channels für Medien-, Wissenschafts-, Karriere- und Genussblogs kann man sich schon seit einiger Zeit an den Sparklines (also diesen Minidiagrammen vor dem Blognamen: ) orientieren.

    Man kann diese Daten jedoch auch automatisch auswerten, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie stark sich ein Blog in einem bestimmten Zeitabschnitt verbessert oder verschlechtert hat. Für die Medienblogs ergibt sich dann folgendes Bild – als Visualisierung habe ich die Form der Tagcloud gewählt, also: je größer der Eintrag, desto stärker das Wachstum in den letzten 30 Tagen.

    Die 25 dynamischsten Medienblogs

    Hier geht’s weiter mit den Wissenschaftsblogs.



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    Einmal mehr stellt eine Studie über die Internetnutzung fest, dass es eine erhebliche digitale Spaltung gibt: Der Branchenverband BITKOM zeigt im aktuellen Webmonitor, dass die Emailnutzung deutlich von dem Bildungsgrad abhängt. Während zwei Drittel der Personen mit Abitur oder Hochschulabschluss dieses Dialogmedium nutzen, sind es bei den Realschulabsolventen nur knapp die Hälfte und unter den Hauptschulabsolventen nur noch ein knappes Drittel. So überrascht es kaum, dass angesichts der großen Wichtigkeit von IT-Kenntnissen und der schlechten Ausstattung der deutschen Schulen eine große Bildungsinitiative gefordert wird.

    Man sollte allerdings, ohne das Phänomen der digitalen Spaltung kleinreden zu wollen, einmal darüber nachdenken, dass auch das Diskursmedium Fernsehen in der Anfangszeit ein Elitenphänomen gewesen ist (vgl. dazu die Dissertation “Fernsehen und sozialstruktureller Wandel” von Rudolf Stumberger). Erst in den 1970er Jahren konnte man in Deutschland von einer Vollversorgung sprechen, in den 1950er und frühen 1960er Jahren kennzeichnete die Besitzer von Fernsehgeräten ein überdurchschnittlicher Bildungsgrad und ein relativ hohes Einkommen. Aber im Falle des Fernsehens kam es sehr schnell zu einer Umkehr: So besaßen die einkommensstärksten 12 Prozent der Bevölkerung Großbritanniens im Jahr 1947 fast die Hälfte der Fernsehgeräte, bereits sechs Jahre später standen über die Hälfte der Geräte in Haushalten der “Lower 68%” der Bevölkerung. In Deutschland fand diese Entwicklung entsprechen später statt: Zwischen 1954 und 1963 ist der Anteil der Selbständigen unter den Gerätebesitzern von 59 auf 14 Prozent gesunken, während gleichzeitig der Arbeiteranteil von 9 auf 53 Prozent gestiegen ist.

    Insofern ist fraglich, ob wir es bei der digital divide im Fall von Email tatsächlich mit einem Phänomen eigener Art zu tun haben. Denkbar wäre auch eine Kombination aus den folgenden Faktoren:

    • schichtspezifische Präferenzen und Fähigkeiten, was das freie Verfassen von Texten betrifft,
    • ein ganz gewöhnlicher lag in der Diffusion von neuen Technologien
    • das “Überspringen” der Technologie Email und eine stärkere Nutzung von Chat, IM oder Direktnachrichten in Social Networks wie SchülerVZ oder Lokalisten


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    Der Stapel für heute enthält wieder einmal einiges zu Twitter, aber auch ein paar grundsätzliche Gedanken zum Web 2.0 bzw. Social Media.

    Mythen des Web 2.0

    John Dodds hat ein klein wenig Diskursforschung betrieben und die fünf besten erfundenen Wörter des Web 2.0 zusammengestellt: Conversation, Community, Relationship, Content und Authenticity. Diese Begriffe werden jedoch viel zu häufig missverstanden: Web 2.0 bedeutet für ihn eine Rückkehr zur “guten alten” Kundenorientierung auf Grundlage einer gesteigerten Reaktionsfähigkeit. Was sich aber nicht ändert: die Kunden. “It doesn’t mean that your customers want a conversation with you. They generally want a quiet life without unwanted noise from you.” Zu so einem Ergebnis kommt man aber nur, wenn man die empirisch gut belegte Veränderung in der Mediennutzung der Menschen ignoriert.

    Corporate-Twitter

    Allmählich entdecken die Unternehmen die mit Twitter mögliche Instantkommunikation (sowie: die dort Tag für Tag erreichbare Premium-Zielgruppe). Daniel Riveoung hat sich das näher angesehen. Mit dabei sind z.B. schon H&R Block, 10 Downing Street, Zappos, BBC News, Yahoo Marketing, Amazon.com oder der LaGuardia-Flughafen in New York. Warum twittern sie alle? Zum einen ist das eine Gelegenheit, sich auf praktischem Wege Knowhow für die Verwendung von Social Media anzueignen. Zum anderen bekommen sie dort mit, wie die “Linkerati”, also die “bleeding edge of early adopters” ticken. Über Twitter können sich Unternehmen überdies ein menschliches Antlitz geben, zum Beispiel indem sich Corporate Twitterer ab und zu an Nonsense-Gesprächen (“occasional fart-related humour”) beteiligen. Aber auch als Mikro-Presseverteiler und für das Reputationsmonitoring lässt sich Twitter einsetzen. Wann twittern Merkel, Fraport oder die Deutsche Bank?

    Social Media-Experte

    Wenn man einen Blick auf Netzwerke wie Xing wirft, dann gewinnt man den Eindruck, dass dieses Land geradezu vor Expertise strotzt. Social Media-Experten überall. Doch was sollte ein Social Media-Experte eigentlich alles wissen und können, damit diese Bezeichnung gerechtfertigt ist? Chris Brogan hat in seiner Reihe “100 nützliche Blogposts über Social Media” einige Anhaltspunkte für die Beantwortung dieser Frage gegeben. Er unterscheidet zwischen strategischen Fähigkeiten (z.B. integrierte Medienkampagnen durchzuführen, 100 Leute aus dem Bereich kennen oder den Stand einer Community in 2 Minuten zusammenfassen zu können) und technischen Fähigkeiten (z.B. Blogsoftware installieren, Social Networks nutzen können oder Suchmaschinenoptimierung). Mal sehen, wie lange es dauert, bis diese Fähigkeitsliste in die amtlichen Beschreibungen der Bundesagentur für Arbeit Eingang findet.

    Das kuratierte Netz

    Fred Stutzman erkennt: Das Web 2.0, das für ihn das Ende der Ressourcenknappheit darstellt (Speicherplatz, Rechenpower, Zugangsschwellen), benötigt digitale “Kurateure” (oder Redakteure), die mit diesem Überfluss umgehen können. Die Zukunft liegt in kleinen, überschaubaren weil handverlesenen Netzwerken wie Twitter, Tumblr oder Seesmic und nicht in großen überkomplexen monolithischen Plattformen wie Facebook. Die Technologien sind nicht mehr das Problem, sondern der kreative Umgang damit. Dafür verwendet er dann den Lévi-Strauss’schen Begriff der “Bricolage“: “To this extent, the fuel of the next web is bricolage, as opposed to the more inherently techno-capitalist notions of mashup and remix.”

    Twitter als Radiogerät

    Hartmut Wöhlbier sieht durch Aggregatoren wie Friendfeed, Socialthing und demnächst auch Facebook einen “volatilen Kommunikationsraum einer völlig neuen Art” entstehen: “Mit der Authentizität der Lifestreams vergegenwärtigt sich die Person bei anderen und bildet so eine verteilte Präsenz aus: Man wird von verschieden Menschen an verschieden Orten wahrgenommen und tritt mit diesen wiederum in Kontakt.” Anzumerken ist, dass die Möglichkeit, Informationen rundfunkartig beliebigen Personen zur Verfügung zu stellen, nichts neues ist (Stichwort: Fernsehen). Neu ist jedoch, dass dies nun für (fast) jeden möglich ist, und zwar “zeitnah von jedem Ort”. Mit Flusser gesprochen: Es geht also um eine Konvergenz amphitheatralischer Diskursmedien wie dem Fernsehen und ortsungebundenen Dialogmedien wie der SMS.



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    Wenn ich nur alles ausführlich verbloggen könnte, was mir da tagtäglich durch den Feedreader rutscht … Dann würde ich mich zum Beispiel den folgenden Beiträgen widmen:

    • Robert Scoble stößt einmal mehr eine Diskussion über die Zukunft der Blogosphäre an. Er ist sich nämlich ziemlich sicher, die “era when bloggers could control where the discussion of their stuff took place is totally over.” Dienste wie FriendFeed verteilen die Gespräche nämlich dezentral. Eine wirkliche Beschreibung dieses spannenden Phänomens ist damit aber noch lange nicht erreicht.
    • 1.0, 2.0, 3.0 oder gar 4.0? Diese Frage kann man nicht nur auf das Web beziehen, sondern auch auf die Zukunft der Bibliothek. René Schneider (FH Genf) hat nun die Folien auf Slideshare gestellt, mit denen er die Evolution vom klassischen OPAC über das nutzerorientierte Web 2.0 und das semantischen Netz bis zum künstlich-intelligenten Web 4.0 skizziert. Mich würde interessieren, wie weit man mit Begriffen wie “Bibliothek 4.0” vom bibliothekswissenschaftlichen Mainstream ist? (netbib, Steuereule)
    • Kai-Uwe Hellmann nimmt ausführlich einen klassischen Text (pdf) von Barry Wellman, dem Pionier der Netzwerkanalyse, auseinander und kann der Wellmanschen Idee eines “vernetzten Individualismus” als neue Gemeinschaftsform nicht viel abgewinnen. Zurecht. Hellmanns Fazit sollte man sich im Zeitalter des Social Graph ruhig einmal auf der Zunge zergehen lassen: “Unstrittig ist: Jede ‘Community‘ ist ein ‘social network’, dies gilt umgekehrt
      aber keineswegs.”

    • Mit Amateurvideos gegen den Staat? Das berlin Institute aus, nun, Berlin versucht diesen Trick und hat ein “Video zur fragwürdigen Unabhängigkeit von Tagesschau und NDR-Rundfunkratins Netz gestellt. Das Ziel ist eine möglichst weitläufige virale Ausbreitung des Materials, mit dem nachgewiesen werden soll, dass das gegenwärtige Rundfunkkontrollsystem nicht funktioniert und mehr Transparenz und Expertise verdient hätte. Bis jetzt sieht es ganz gut aus – zumindest was die Viralität betrifft.
    • Weblog-Geringverdiener Jeff Jarvis zeichnet die Zukunft von Medien und Nachrichten in sein Blog. Der alte Filter der Presse – zwischen der Welt und uns – wird ersetzt durch eine heterogene und pluralisierte “Presse-Sphäre”, in der viele Quellen zur individuellen Konstruktion einer Story herangezogen werden können und Feeds dafür sorgen, dass wir auf dem Laufenden bleiben. Der große Unterschied zwischen Print und Online: “In print, the process leads to a product. Online, the process is the product.” Die neuen Nachrichten sind nicht mehr in Ressorts organisiert, sondern um Themen, Tags oder Geschichten, “because the notion of a section is as out of date as the Dewey Decimal System“.
    • Solche Listen werden wir in Zukunft noch häufiger sehen: Josh Bernoff hat neun Gründe gesammelt, warum Menschen Social Media nutzen: Freundschaften pflegen, neue Freunde finden, sozialer Druck, seinen Beitrag leisten, Altruismus, Exhibitionismus, Kreativität, Selbstbestätigung und Affinität. Daraus folgt ein wichtiger Hinweis an die Macher von Social Software: “Respect this diversity.”
    • Auch der Altmeister der Medienkonvergenztheorie, Henry Jenkins, meldet sich wieder zu Wort und erörtert auf dem C3-Blog das Thema: “Why academics should blog…” Er betont insbesondere die Bedeutung von Weblogs für die Sichtbarkeit junger Forscher: “increasingly, younger researchers are using blogs as resources for reputation building, especially in cutting-edge fields that lack established authorities.” Außerdem ermöglichen Wissenschaftlerblogs eine proaktive Haltung gegenüber den Massenmedien: Wir bloggende Wissenschaftler warten nicht mehr, bis wir von Journalisten zu einem Thema befragt werden, sondern reden einfach los. “Just-in-time-Scholarship” nennt Jenkins das.


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