Archive for the 'medien' Category

Katzenbilder sind der Kitt der Gesellschaft – oder: Die drei Arten von Information im Internetzeitalter

Indem der Zeitungsleser beobachtet,
wie exakte Duplikate seiner Zeitung in der U-Bahn,
beim Friseur, in seiner Nachbarschaft konsumiert werden,
erhält er ununterbrochen die Gewißheit,
daß die vorgestellte Welt sichtbar im Alltagsleben verwurzelt ist.

Benedict Anderson

Lagerfeuer

Zwei Sentenzen hört man immer wieder, wenn es um die gesellschaftliche Funktion von Medien geht. Der erste Satz lautet: “Das Fernsehen ist das Lagerfeuer der Nation”. Je nachdem, aus welcher Generation man stammt, mögen die Assoziationen unterschiedlich sein und von Wandervögeln über Pfadfinder bis Indianern reichen. Impliziert sind aber immer die folgenden Dinge: Geselligkeit, Gesang, manchmal: Bohnen aus der Dose.

Immer jedoch geht es um ein Leuchten inmitten einer dunklen Nacht, das von irgendjemandem bewacht werden muss. Die kalte Einheit der Nation wird durch das Lagerfeuer zu einem spürbar warmen Zusammenhalt. So zumindest die Ideologie der Fernsehmacher, die diesen Satz gerne immer wieder aufwärmen.

Klebstoff

Der zweite Satz lautet: “Informationen sind der Kitt der Gesellschaft.” Immerhin, dieser Satz kommt ohne das wärmende Feuer des Fernsehbildes aus und beschränkt sich auf die formale Feststellung, dass Informationen die Gesellschaft zusammenhalten. Geht man von einigermaßen orthodoxen Interpretationen der Systemtheorie aus, ist der Satz eine bloße Tautologie. Wenn Gesellschaft zum Beispiel nach Luhmann das größte soziale System darstellt und soziale Systeme aus Kommunikationen bestehen, versteht sich der Satz von selbst.

Aber meistens ist dieser Satz viel normativer gemeint (Luhmann würde diese normative Deutung nicht mit einer Zange anfassen). Dann geht es nämlich um den normativ guten Zusammenhalt, der bedroht ist, wenn die Information nicht mehr das leistet, was sie tut – integrieren. Das klingt bei Meckel dann so:

Es gäbe keinen kritischen Diskurs mehr, und damit würde unser System auseinanderfallen. Informationen sind der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. In meinem Buch treibe ich diese Idee auf die Spitze: Die Menschheit schafft sich durch die Perfektionierung der Algorithmen selbst ab.

Je mehr die Algorithmen uns in einer Filterblase einlullen, desto geringer die Chance der systemintegrierenden Informationen, uns noch zu erreichen. Irgendwann fällt die Gesellschaft dann auseinander. An dieser Stelle wird es aber spannend. Meckel hat gar nicht einmal Unrecht mit der gesellschaftlichen Funktion der Medien. Medien stützen, ja schaffen sogar Gesellschaften. Die ersten Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts waren Drucksachen. Erst die massenhafte Vervielfältigung immer derselben Informationen schaffte in den Köpfen der Menschen eine homogene Vorstellung von Gesellschaft und Nation.

Aber Meckel verwendet die falsche Zeitform. Informationen waren dieser Kitt, haben diese Funktion aber in der Gegenwart verloren. Nach wie vor sind heute, im Informationszeitalter, Informationen eine Art Kitt. Aber, was dadurch zusammengeklebt wird, ist nicht mehr die eine Gesellschaft, sondern sind viele unterschiedliche, überlappende, große, kleinere, feste, lose Gemeinschaften. Oder wie es der Presseschauer formuliert: Katzenbilder sind der Kitt der Gesellschaft.

Vor allem hat sich die Art der Information verändert. Es geht nicht mehr um die journalistisch recherchierten und nach Maßgabe der Aufmerksamkeitsfaktoren aufbereiteten Nachrichten für ein durchschnittliches allgemein-gebildetes Publikum. Stattdessen spielen für die Gemeinschaften im Internetzeitalter folgende drei Formen der Information die zentrale Rolle:

Die drei Arten von Information der Internetgesellschaft

  • Schwarmähnliche Status- und Positionsmeldungen, mit denen wir den anderen Mitgliedern unserer virtuellen Stämme mitteilen, wo wir uns gerade aufhalten und wie unsere Koordinaten relativ zu den anderen Mitgliedern aussehen. Diese Informationsaufnahme geschieht häufig gar nicht voll bewusst, sondern diese “ambient intimacy” wird reflexartig hergestellt. Wir merken vor allem das Fehlen eines Signals / einer Statusmeldung, zumal uns diese Aufmerksamkeit immer stärker von Technologien abgenommen wird. Wenn die Signale vorhanden sind, ist alles in Ordnung, die Gewissheit der (sozialen) Welt kann weiter bestehen.
  • Hermetische Symbolkommunikation, also Meme, die nur innerhalb einer bestimmten Community verständlich ist, außerhalb aber nur als Rauschen oder “Gibberish” wahrgenommen wird. Katzenbilder fallen in diese Kategorie, obwohl sie zu den exoterischsten Spielarten dieser Form von Informationen gehören. Sie können zumindest im Rahmen von Parametern wie “süß” oder “seltsam” auch außerhalb der Gemeinschaften dekodiert werden.
  • Kommunikative Feedbackschleifen, die sehr schnell zu kreisenden oder sich aufschaukelnden und schließlich eskalierenden Erregungszuständen führen können. Zahlreiche jüngere Beispiele zeigen die systemzersetzende Wirkung dieser Kommunikationsform. Hier ist die Information alles andere als Kitt, sondern gesellschaftlicher Sprengstoff.

Alle drei Arten taugen nicht recht als gesellschaftlicher Kitt, sondern lösen gesellschaftliche Strukturen auf oder stärken tribale Formen der Vergemeinschaftung. Die Statusmeldungen, weil sie reflexartig ablaufen, die Meme, weil sie soziale Substrukturen fördern und die Feedbackschleifen auf Grund der Neigung zur Eskalation.



Verwandte Artikel:
  • Der Aufstieg der Datenwissenschaftler
  • Twittern auf der Kaiserstiege
  • Einmal mehr: Journalisten vs. Blogger
  • Kontrollverlierer

    In formalen Organisationen passiert so etwas regelmäßig. Jemand legt sich mit den Strukturen und Prozessen der Organisation an und bekommt dafür die Rechnung. Dazu muss man keine Funktionen und Folgen formaler Organisationen gelesen zu haben, um vorhersehen zu können, dass ein Blogger, der seit kurzem bei einer großen Tageszeitung als CTRL-Verlustblogger engagiert wurde, im Ernstfall eines Streits mit der Organisation keine allzu guten Karten besitzt. Das hat dann auch nichts mit unterschiedlichen Publikationskulturen oder Dezentralität versus Zentralismus zu tun, sondern schlicht damit, wie kreativ man die Regeln, unter den man eingestellt wurde, auslegen kann, bevor es knallt.

    Einigermaßen bemerkenswert ist allerdings doch, wie dieses Ereignis nun in anderen Blogs als “eklatanter Widerspruch zur Pressefreiheit” oder besonders daneben als “Bücherverbrennung” deklariert wird. Mit Pressefreiheit hat das nämlich überhaupt nichts zu tun. Pressefreiheit beschreibt nicht das Recht eines Bloggers, für seine Blogposts und nicht einmal selbstgeschossenen Fotos, eine reichweitenstarke Präsenz wie die FAZ als Bühne verwenden zu können. Pressefreiheit ist kein Recht darauf, gehört zu werden, sondern ein Abwehrrecht dagegen, zum Schweigen gebracht zu werden.

    Ist es nicht eine herrliche Ironie, dass der Gründungsherausgeber der FAZ, Paul Sethe, 1965 folgende bitterbösen Sätze geschrieben hat, die heute in keiner Journalistikvorlesung fehlen:

    Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten… Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher.

    Der Witz an der Sache ist, dass genau dieser Zusammenhang 45 Jahre später nicht mehr zwangsläufig ist. Das Herstellen von Zeitungen und Zeitschriften mag immer noch einen zu großen Kapitalaufwand bedeuten, um das als Individuum stemmen zu können. Aber das Verbreiten der eigenen Meinung ist nicht mehr nur eine Frage des ökonomischen Kapitals. Jeder kann sich mit Hilfe von freien und kostenlosen Programmen wie der WordPress-Blogsoftware eine eigene Publikationsplattform schaffen und seine Meinung publizieren – “aus einer gemütlichen Stube heraus“. Das ist dann freilich noch keine Garantie dafür, dass die eigene Meinung dann auch gelesen wird, aber genau das ist auch Pressefreiheit. Im Web haben ein großer Verlag und ein einzelner Blogger wenigstens prinzipiell die gleichen Startbedingungen, ein gutes, lesenswertes Medium zu schaffen und dafür dann auch ein Publikum zu finden.

    Genau an diesem Punkt wird es dann aber höchst politisch, denn dazu gehört z.B. auch, dass die Inhalte nicht aufgrund ökonomischer Erwägungen aus den wichtigen Distributions- und Informationskanälen wie Suchmaschinen, Videoplattformen, Wikis etc. herausgelöscht werden wie z.B. im Fall des Wikileaks-Videos “Collateral Damage” von Youtube geschehen. Dazu meine Slow-Media-Kollege Jörg Blumtritt, der einen “Virtuellen Rundfunk” fordert:

    Eine Website, die auf Google nicht gelistet wird, existiert de facto nicht; ein Buch, dass Amazon nicht anbietet, kann man gleich wieder einstampfen; Musik, die i-tunes nicht listet, wird kaum gehört werden. Es ist höchste Zeit, dass wir – als Gesellschaft– aktiv werden, Initiative ergreifen, die Stimme erheben. Und zwar nicht, indem wir versuchen, über Regelungen und Gesetze alles in den alten Bahnen festzuzementierten (das wird ohnehin nichts bewirken). Nein, es ist vielmehr wichtig, eine aktive Rolle einzunehmen und nicht nur zu reagieren.

    Das Problem ist nicht der Kontrollverlust eines Bloggers gegenüber einem Unternehmen, mit dem er ein für ihn wie auch immer missverständliches Vertragsverhältnis eingegangen ist, sondern der drohende Kontrollverlust gegenüber einer immer mächtigeren Informationsinfrastruktur, deren wesentliche Bausteine nicht in öffentlicher, sondern privater Hand sind. Da hat der alte Sethe dann doch noch seine Relevanz.

    Ergänzung: Die Blogosphäre wäre eine viel interessantere Welt, wenn alle Blogger ihre Fotos selbst machen würden.



    Verwandte Artikel:
  • No related posts
  • Reichsparteitagsmärchen im ZDF

    Ohne das Internet hätte es wahrscheinlich kaum jemand gemerkt. In der Halbzeitpause sprechen die ZDF-Moderatorin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn über das Tor von Miroslav Klose im ersten Spiel der WM mit deutscher Beteiligung. Dabei rutscht Müller-Hohenstein die zweifelhafte Formulierung “Das war für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag” heraus. Zu diesem Zeitpunkt ist das Publikum normalerweise auf dem Weg in den Keller um noch ein Bier zu holen oder geht kurz auf die Toilette. Heute sitzt man nebenbei am Computer und kommentiert das Spiel auf Facebook oder Twitter:

    Noch in derselben Sekunde werden die ersten Twitter-Nachrichten verschickt, die mit der Wortwahl der Moderatorin, vorsichtig ausgedrückt, überhaupt nicht zufrieden sind. Nahezu ebenso schnell schlagen die ersten Nutzer im Wiktionary nach und verharmlosen die seltsame Wortwahl als gängige umgangssprachliche Redewendung (kurzer Hinweis: darum geht es gar nicht, sondern darum, dass eine Formel, die im Dritten Reich üblich war in der Primetime auf dem ZDF gesendet wird – ohne jede Distanz). Es folgen dann zum Teil sehr seltsame Begründungen, warum so eine Redewendung unproblematisch sei:


    oder

    Aber nicht nur das Publikum sitzt an den Rechnern, sondern auch der Sender. Und auch hier wird per Twitter das Gesagte kommentiert:

    Diese Twitter-Nachricht hat das Potential für mich zu meinem bisherigen Twitter-Tiefpunkt zu werden. So kommuniziert der offizielle Kanal einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt? Redewendungen, die im Dritten Reich gängig waren und heute noch in der Umgangssprache weiterleben finden nicht nur über eines der reichweitenstärkste Fernsehformat einen Weg in den öffentlichen Sprachgebrauch, sondern werden auch noch als einfache Redewendung entschuldigt – Reichsparteitag steht hier auch für eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt für Stolz und Befriedigung. That’s it? Ich hoffe nicht.

    UPDATE: Auch die Welt und die taz haben das Thema schon aufgegriffen. F!XMBR widmen dem Thema zwei Blogposts und auch auf Wortreich und dem medium-Blog finden sich Posts dazu.

    UPDATE 2: In der taz hat der WDR-”Kultreporter” 2005 in einem Interview von einem ähnlichen Fehlgriff erzählt: “Es gab ein Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Nürnberg. Der Spieler Detlef Szymanek, zuvor von Düsseldorf nach Nürnberg gewechselt, erzielte ein Tor und ich benutzte ausgerechnet die Formulierung “das war für ihn ein innerer Reichsparteitag”. In dem Moment als ich den Satz gesprochen hatte war mir klar, dass gibt Ärger. Und so war es auch.”



    Verwandte Artikel:
  • No related posts
  • Wasserspiele

    Manchmal sind Wasserspiele einfach nur eine willkommene Erfrischung an einem heißen Sommertag. Die Lektüre von Gartenbauliteratur von 17. bis 19.  Jahrhundert zeigt aber, dass man Springbrunnen auch als Medium beobachten kann. Als sehr langsames Medium – deshalb habe ich auf dem Slow Media Blog einen Beitrag über “Springende Strahlen” geschrieben. Am besten lesen, so lange das Sommerwetter anhält.



    Verwandte Artikel:
  • No related posts
  • Mit dem Blackberry im Methusalemkomplott

    InformationsflutIch muss gestehen, dass mich bisher die Debatte um die digitale Überforderung – zum Wortführer dieser Scheinbewegung hat sich Frank Schirrmacher gemacht – wenig berührt hat. Vielleicht ist mit folgender abgewandelter Tocotronic-Textzeile seine Position so weit zusammengefasst, dass man sich alle weitere Lektüre sparen kann:

    Wahrscheinlich hat Schirrmacher gar keine Zeit,
    Twitter ist gut doch die Welt noch nicht bereit.

    Natürlich kommen bei mir mehr Informationen an als ich verarbeiten kann. Das würde ich aber nicht unbedingt auf das Internet oder das Social Web im Besonderen zurückführen. Eine Mailbox, in der sich 2578 ungelesene Emails virtuell stapeln ist hat für mich keinen sehr viel größeren Aufforderungscharakter als der Stapel un- oder halbgelesener Bücher, die sich in meinem Haus physisch stapeln. Warum sollte mein Hirneiweiß durch den einen Informationsstau veranlasst sehen, neue Formen des Verklumpens zu bilden als bei dem anderen Informationsstau?

    Zwar gibt es deutliche Unterschiede zwischen dem gedruckten Informationsüberfluss – jeder, der schon einmal eine Zeitung wie z.B. Schirrmachers FAZ abonniert hatte, weiß wie alte Zeitungsausgaben dazu neigen, den Lebensraum zu verstopfen – und der neuen digitalen Unübersichtlichkeit. Aber begleitend zu den neuen Überforderungsphänomenen gibt es neue Coping-Mechanismen. Zum Beispiel Blackberry: Klar signalisiert mir das blinkende rote Licht immer wieder, dass neue Informationen abgerufen oder aufgenommen werden wollen. Wenn ich das Smartphone umdrehe, so dass die rote Leuchte nach unten zeigt, sehe ich das Blinken nicht mehr. Ein einfacher Trick, millionenfach bewährt.

    Und auch für digitale Informationskanäle wie Twitter gibt es so etwas. Das Geheimrezept lautet “einfach mal ignorieren”. Vielleicht ist es hierbei von Vorteil, wenn man sowieso so vielen Menschen folgt, dass man mit dem Lesen nicht mehr hinterherkommt? Ich folge knapp 2.500 Menschen auf Twitter. Keine Chance, auch nur annähernd up to date zu bleiben mit all ihren Gedanken, Ängsten, Banalitäten, Entdeckungen etc. Das schnelle Tempo führt dazu, dass ich mich ganz bewusst an bestimmten Informationen oder Personen orientiere. Was jemand explizit mir mitteilen möchte (also @furukama-Botschaften), bekomme ich mit. Ebenso alles, was die Handvoll Menschen schreibt, die mir besonders wichtig sind (dafür habe ich eine Twitter-Liste). Für den ganzen Rest entwickelt sich so eine Art Flow-Gefühl, ein Schweben über dem Informationsstrom, von dem ich nur hin und wieder einzelne Gedanken mitbekomme, mehr nicht.

    Der einzige Punkt, der an dieser Debatte wirklich interessant ist: Wie passen die Diagnosen der letzten Schirrmacher-Werke zusammen? Hier wird es wirklich spannend. Auf der einen Seite der Methusalem-Komplott in dem die Älteren die Macht übernehmen und den Staat von oben bis unten umkrempeln. Auf der anderen Seite die immer schwächeren nachwachsenden Generationen, die aber mit Twitter, iPhone und Facebook das, was sie an Masse und Macht verloren haben, durch Geschwindigkeit wieder wettmachen wollen? Droht hier tatsächlich ein Krieg der Alten gegen die Jungen bzw. der jederzeit erreichbaren Echtzeitgehirne gegen die in Offline-Idyllen schwelgenden Altersrassisten? Und vor allem: Wo steht ein Schirrmacher in diesem Tohuwabohu?

    Vielleicht zum Abschluss noch einen theologischen Gedanken. Das passt ganz gut zur Adventszeit, die übrigens ebenfalls zwei Gesichter hat: ein helles, fröhliches Süßer-die-Glocken-nie-klingen-Gesicht, und gleichzeitig aber auch ein kulturgeschichtlich sehr viel älteres düsteres Gesicht einer Endzeit, in der man schwarz getragen hat und gefastet hat und weder heiraten, noch sich in der öffentlichkeit freuen durfte. Die glückselige Informationsarmut des vom Netz genommenen Methusalems ähnelt tatsächlich einem paradiesischen Zustand. Das Paradies ist nämlich sogar etymologisch nichts anderes als ein früher “walled garden” (pairidaeza), in dem es keine Information gibt, da es sich um einen statischen Zustand handelt und Information immer bedeutet: ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Ich finde hier die Theologie der Talking Heads am überzeugendsten, die den Himmel wie folgt beschreiben:

    Heaven, heaven is a place,
    a place where nothing, nothing ever happens
    Heaven, heaven is a place,
    a place where nothing, nothing ever happens

    Das Gegenteil von dieser himmlischen Zeitlosigkeit sind die zutiefst irdischen digitalen Echtzeit-Informationsströme, in denen jeden Tag etwas neues passiert, jeden Tag neue Personen in den Timelines auftauchen, jeden Tag andere Verknüpfungen der potentiell globalen Netzwerkgesellschaft aktualisiert werden.

    Siehe dazu auch:



    Verwandte Artikel:
  • No related posts
  • Das tribale Internet

    Michael Reuter stellt in seinem Blog anlässlich des Todes von Claude Lévi-Strauss die wichtige Frage:

    Ist es denkbar, dass durch die zunehmende Transparenz des Wissens, der Meinungen und der Aktivitäten der Teilnehmer des Netzes gerade die für eine biologische und kulturelle Entwicklung notwendigen Unterschiede individueller, abgekapselter Gruppen verlorengehen?

    Oder anders ausgedrückt: Ist das Internet (bzw. heute das Echtzeitinternet und das soziale Internet) ein großer Gleichmacher? Ich glaube nicht.

    Zum einen hatten wir in der Ethnologie diese Diskussion schon vor längerer Zeit ausführlich am Beispiel des Fernsehens durchgespielt. Klar, eine “Eingeborenenfamilie” im tiefsten Busch, deren jüngster Sohn leidenschaftlicher Rambo-Fan ist und deren Eltern zu Dallas-Experten geworden sind, sprechen auf den ersten Blick für den Erfolg eines neuen universalistischen Mediums, das die gesamte Erde planiert (“a flat earth“) und sämtliche kulturelle Unterschiede zerstört. Das wirkt aber nur auf den ersten oberflächlichen Blick so. Wenn man nämlich damit anfängt, diese Menschen zu verstehen, dann merkt man, dass der Rambo, den sie sehen, ein ganz anderer ist als derjenige, den wir sehen. Auch die immer wieder beschwörte Amerikanisierung unserer Kultur betrifft in erster Linie die Oberflächen (den von Lévi-Strauss zitierten warmen Lackgeruch und den Wintergreen-Tee) und nicht die Rezeption, Umdeutung und Aneignung dieser Stoffe. Katz und Liebes hatten in einer großen empirischen Studie gezeigt, wie ein und dieselbe Fernsehserie (Dallas) in unterschiedlichen kulturellen Gruppen ganz unterschiedlich wahrgenommen werden.

    Aber dennoch: der technologische Unterbau des Internet ist tatsächlich zu einer universellen Geschichte geworden, die weltweit sehr gleichförmig ist. Das indische TCP/IP scheint sich nicht von dem brasilianischen zu unterscheiden. In Deutschland verwendet man HTML ähnlich wie in Japan – bzw. vielleicht fehlen uns noch kulturwissenschaftliche Studien, die hier dann doch Unterschiede finden. Und zum Teil sind auch die politischen Fragen, die sich hieran knüpfen, ähnliche: Soll man den Zugang für alle frei schalten oder auf bestimmte Personenkreise beschränken? Soll man zensieren oder nicht? Die Antworten freilich fallen je nach kulturellem und politischen Kontext höchst unterschiedlich aus.

    Das Internet und auch das Web 2.0 ist keine globale Monokultur. Natürlich ist es potentiell möglich, dass, wie Reuter sagt, “letztlich alle wissen, was irgendwo passiert und was irgendwer macht”. Nur bleibt diese Tatsache immer im Konjunktiv. De facto nutzen wir Plattformen wie Twitter, Facebook oder auch Blogs tendenziell eher tribalistisch als esperantistisch. Die meisten meiner Kontakte, mit denen ich täglich über Twitter kommuniziere, kommen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Schon, wenn ich nach Italienern suche, wird es schwierig. Und dann habe ich noch gar nicht nach dem Bildungsgrad und dem räumlichen Kontext gefragt. Das weltumspannende Kommunikationsnetz funktioniert für Sensationen wie zum Beispiel Erdbeben oder politische Umstürze. Aber auch dort ist es nicht die Masse, die hier kommuniziert, sondern nur eine Elite, die sowieso relativ homogen ist. Also die berühmten “kosmopolitischen Vielflieger”.

    Ich würde noch weiter gehen: Gerade Social Media haben ein großes Potential, die Bildung von stammesähnlichen Gebilden zu unterstützen. Also von sehr traditionalistischen Organisationsformen, die jedoch auf Grundlage einer weltweit standardisierten Technologie nicht mehr an räumliche Nähe gebunden sind (hier darf natürlich auch der wichtige Hinweis auf McLuhan nicht fehlen). Diese Stämme sind aber aufgrund ihrer Ortsunabhängigkeit nicht offen sichtbar wie z.B. die Yanomami der 1960er Jahre, sondern wirken diffus. Erst mit Hilfe von Netzwerkanalysen werden diese Strukturen sichtbar. Erst ein ethnologisches Eindringen in diese Zusammenhänge offenbart dann die Stammes-Partikularismen vor einem universalistischen techno-politischen Hintergrund.

    Auf eine Formel gebracht: Es gibt nicht nur ein Social Web, sondern viele. Aber eigentlich steckt das alles schon im Begriff des Internets.

    Literatur zum Thema:

    • Claude Lévi-Strauss: Traurige Tropen. Frankfurt, 1978.
    • Manuel Castells: The Rise of the Network Society. Oxford, 1996.
    • Marshall McLuhan / Quentin Fiore: War and Peace in the Global Village. New York, 1968.
    • Tamar Liebes / Elihu Katz: The Export of Meaning: Cross-Cultural Readings of Dallas. Oxford, 1990.


    Verwandte Artikel:
  • Kulturelle Vielfalt oder Einheitsbrei?
  • Das Internet ist keine Modeerscheinung
  • Internet ist einflussreichstes Medium
  • Internationale Diplomatie auf Twitter

    Ich bin kein Freund dieser ewigen Deutschland-USA-Vergleiche. Aber ein Unterschied ist doch bemerkenswert: Während in Deutschland über Politiker, die versuchen, mit Medien wie Twitter in einen direkten Kontakt zu ihren Wählern zu treten, immer wieder Hohn und Spott ausgegossen werden, scheint diese Art zu kommunizieren in den USA auf allen Ebenen zunehmend akzeptiert zu sein.

    Vor kurzem habe ich ein faszinierendes Beispiel für diese neue politische Kommunikationsform entdeckt: Den Twitterstream von Sean McCormack, Sprecher des US-Außenministeriums. In dieser Funktion war er beispielsweise bis gestern in New York an den Sitzungen des UN-Sicherheitsrats zum Gaza-Konflikt beteiligt und hat über Twitter und Twitpic eine äußerst spannende Innensicht der internationalen Krisendiplomatie gegeben.

    Die Handyfotos unterscheiden sich dabei deutlich von der sonst üblichen Presseperspektive auf derartige Veranstaltungen. Anders als der sorgfältig arrangierte und in den immergleichen Pressekonferenzräumen und Pressebereichen aufgenommene Bildjournalismus, sieht man hier das ganze aus einer fast schon ethnologischen teilnehmenden Beobachterperspektive.

    Besonders eindrucksvoll finde ich das folgende Bild, das die scheidende US-Außenministerin Condoleeza Rice in einem Konferenzraum direkt neben dem Raum des UN-Sicherheitsrates zeigt:

    UN

    Ein weiteres eindrucksvolles Bild ist dieses hier: Die Abstimmung zur UN-Resolution. Während das Bildmaterial über den Sicherheitsrat in der Regel von schräg oben fotografiert ist, sieht man hier die “Bodenperspektive”.

    Dabei wird der Twitter-Stream hier nicht als kommunikative Einbahnstraße genutzt (was gerade in Krisensituationen wie den Mumbai-Anschlägen durchaus sinnvoll sein kann), sondern Sean McCormack beantwortet Fragen zu seiner Tätigkeit, zu den Plänen des US-Außenministeriums, aber auch zu Social Media- und Kommunikationsthemen. Wer noch einmal behauptet, dass Social Media zwangsläufig bedeutet, dass hier die journalistischen Inhalte der “echten” Massenmedien kopiert werden, sollte sich diesen Twitter-Stream unbedingt einmal ansehen. Ich bin gespannt, ob dieser neue Kommunikationsstil auch unter der künftigen Außenministerin Hillary Clinton weitergeführt oder -entwickelt wird.

    Die spannende Frage ist: Wenn die politischen und diplomatischen Akteure mit Medien wie Twitter sehr viel schneller und flexibler von Ereignissen wie einer UN-Sicherheitsratssitzung berichten können, wozu brauchen wir überhaupt noch die Dopplung durch die journalistische Berichterstattung? In Zukunft wird die Rolle der Journalisten noch viel mehr darin liegen, die unterschiedlichen Informationsquellen zu sammeln, vergleichen, bewerten und kommentieren. Die Vorort-Berichterstattung wird nicht mehr zu den journalistischen Kernaufgaben gehören. Nachrichtenportale binden in Zukunft zum Beispiel die Twitter-Streams von den wichtigsten politischen und diplomatischen Akteuren vor Ort in aggregierter Form auf ihrer Seite ein und beschränken sich auf das Kommentieren und Bewerten.

    Die Zeit der Pressekonferenzen ist endlich vorbei.

    Weitere Links zum Thema:

    (Foto mit freundlicher Genehmigung von Sean McCormack)



    Verwandte Artikel:
  • Twittern auf der Kaiserstiege
  • Free Burma!
  • Von der Gruppen- zur Netzwerkgesellschaft (und wieder zurück?)
  • Wer vertraut wem? Firmenblogs genießen besonders wenig Vertrauen

    Gerade auf dem Groundswellblog gefunden: eine Umfrage von Forrester zum Vertrauen in unterschiedliche Nachrichtenkanäle (nach einer mehr oder weniger kurzen Registrierung – je nachdem wieviele Fehler man im Formular macht – bekommt man auch den gesamten Bericht als pdf). So etwas ähnliches hatte ich vor kurzem ja auch für die StudentInnen. Jetzt geht es um einen repräsentativen Schnitt durch die US-Onlinebevölkerung. Die Ergebnisse in Kurzform:

    • Am stärksten vertrauen die Leute ihren Bekannten und Freunden. Besonders glaubwürdig werden die Informationen dann, wenn sie über das klassische Digitalmedium “Email” übertragen werden. 77% geben an, dieser Quelle völlig zu vertrauen oder zu vertrauen. Merkwürdigerweise wirkt das Social-Network-Profil eines Bekannten nur noch auf 43% der Nutzer vertrauenswürdig. Vielleicht ein Effekt des deutlich sichtbaren Branding der Seiten oder der Werbeeinblendungen? Das Medium spielt in diesem Fall doch eine deutliche Rolle. McLuhan würde sich freuen.
    • Ebenfalls sehr glaubwürdig sind Produktrezensionen. Darin liegt der große Vorteil von Amazon gegenüber seinen Mitbewerbern ohne nutzergenerierte Rezensionen. Nicht nur werden auf diese Weise Millionen von Seiten gefüllt und immer wieder aktualisiert, sondern diese Inhalte werden auch noch als besonders vertrauensvoll wahrgenommen. Auch, wenn sie von Unbekannten geschrieben wurden. Für mich ist das ein deutlicher Hinweis, dass Unternehmen, Organisationen, Parteien etc. sich verstärkt diesen Plattformen zuwenden sollten. Sowohl zuhörend, um zu erfahren, wie sie bewertet werden, als auch aktivierend, also selbst Kritiken und Bewertungen anstoßend.
    • Die Massenmedien liegen im Mittelfeld des Vertrauens und erreichen Werte zwischen 48% (gedruckte Branchenverzeichnisse) oder 46% (gedruckte Zeitungen) und 39% (Radio) oder 38% (TV).
    • Wikis (33%) liegen in den Vertrauenswerten unterhalb von professionellen Nachrichtenangeboten im Web (39%), aber immer noch vor Unternehmensemails (28%) oder Forenbeiträgen (21%).
    • Nun zur schlechten Nachricht: Besonders schlecht schneiden Unternehmensblogs ab, die nur von 16% der Befragten als vertrauensvoll bewertet werden. Das ist sehr wenig, aber private Blogs liegen mit 18% auch nicht sehr viel weiter vorne. Allerdings handelt es sich hier um sehr neue Arten der Unternehmenskommunikation, mit denen sowohl die Produzenten als auch die Nutzer noch längst nicht so souverän umgehen wie zum Beispiel mit den klassischen Massenmedien.
    • Sehr spannend ist die Differenzierung nach der Nutzerkategorie, also die Unterschiede zwischen allen Onlinern, Bloglesern und Blogschreibern. Besonders deutlich sind die Unterschiede, wenn es um das Vertrauen in Blogs geht. Blogschreiber vertrauen Unternehmensblogs (fast 40%) und privaten Blogs (fast 50%) stärker. Aber auch Wikis profitieren von der Vertrautheit mit Social Media. Sie liegen bei ihnen gleich auf mit professionellen Onlinenachrichtenangeboten und Printzeitschriften. Social-Network-Profile von Bekannten liegen bei aktiven Bloggern, was das Vertrauen betrifft, an dritter Stelle hinter Email und Produktbewertungen.
    • Dabei ist besonders interessant, dass auch klassische Massenmedien davon profitieren. Blogger und Blogleser scheinen insgesamt den Medien mehr Vertrauen zu schenken als Nicht-Blogger. Womöglich steckt dahinter eine Art generalisiertes Medienvertrauen oder media literacy, das sowohl dazu führt, dass Menschen sich in Blogs ausdrücken als auch dazu, dass sie anderen Medien stärker vertrauen. Eine Schlussfolgerung: Auch klassische Medien wie Zeitschriften oder Printzeitungen sollten sich demnach verstärkt um diese medienaffinen Nutzer bemühen anstatt in ihnen allein eine Bedrohung zu sehen.
    Ein Kritikpunkt ist, dass nicht danach gefragt wurde, um welche Inhalte es jeweils geht. Ich vermute, dass sich das Medienvertrauen deutlich unterscheidet, je nachdem ob es um Informationen über einen Bombenanschlag in Mumbai geht oder um Erfahrungen mit dem neuen EEE-PC oder um das Leben der Paris Hilton. Ein zweiter Punkt ist, dass nicht zeitlich differenziert wird, um welche Stadien der Informationsgewinnung es sich handelt: ob um die zwanglose Recherche, das Überprüfen von Informationen oder um breaking news. Überhaupt wäre es interessant, auch einmal die wahrgenommenen Geschwindigkeiten zu überprüfen. Das ist schließlich auch ein Faktor, der einen Informationskanal kennzeichnet: der Informationsdurchsatz.


    Verwandte Artikel:
  • Welchem Medium vertrauen die Leser?
  • Edelman: Wikipedia vertrauenswürdiger als klassische Medien
  • Die Probleme von OpenID
  • Alles Avatare?

    Gerade bin ich auf ein Missverständnis, vielleicht auch eher eine Unschärfe gestoßen, die in vielen soziologischen Neue-Medien- bzw. Internettheorien zu finden ist. Tilmann Sutter schreibt in seinem Aufsatz über die Interaktivität neuer Medien folgendes:

    Die Nutzer von Computern interagieren nicht mit Personen, sondern mit Texten bzw. symbolischen Repräsentationen [...] Es geht nicht um Beziehungen zwischen konkreten Personen, die sich als Personen wahrnehmen und identifizieren, sondern um Intertextualität.

    Auf den ersten Blick naheliegend. Ich spreche auf Twitter, Facebook oder in einer Email nicht mit einer anderen Person, sondern tippe Buchstaben, die dann codiert und übertragen werden. Zwischen die Kommunikationspartner tritt also eine Vermittlung. Aber ist das nicht auch im Fall der Interaktion von Angesicht zu Angesicht der Fall? Auch in diesem Fall können keine Beziehungen ohne Codierung hergestellt werden. Schon mal mit jemandem unterhalten, der nur eine fremde Sprache spricht? Auch in diesem Fall wird ein Medium verwendet, denn die Bewusstseine werden nicht aneinandergekoppelt. Hier ist es kein elektronisches Medium, sondern ein akustisches. Die Stimmen werden durch die Luft als Schallwellen übertragen. Auch die Face-to-Face-Interaktion beruht also auf Technik, Codierung und Vermittlung.

    Ich würde sogar sagen, dass es ebenfalls symbolische Repräsentationen geschaffen werden. Das Timbre der Stimme, der Gesichtsausdruck, die Gesten – alles Beobachtungen, die mit Bedeutungen versehen und zu einer Repräsentation der anderen Person verdichtet werden. Wen oder was ich als “konkrete Person” wahrnehme, ist kulturell gerahmt und hängt von der Einübung bestimmter Kulturtechniken ab. Das Sprechen von Angesicht zu Angesicht hat gegenüber Twitternachrichten oder SMS einen unleugbaren historischen Vorteil. Das führt aber bisweilen dafür, dass man das Eingeübte mit dem Natürlichen verwechselt. Wenn ich nur lange genug twittere, komme ich allmählich dazu, den medialen Kontext auszublenden und spreche nicht mehr mit Avataren, sondern mit “konkreten Personen”.

    Dass es Unterschiede zwischen mündlicher und schriftlicher Kommunikation (mit McLuhan vielleicht besser allgemein: visueller Kommunikation) gibt, bestreite ich gar nicht. Nur liegen sie nicht darin, dass die eine Form “konkreter” und im wahrsten Sinne des Wortes “persönlicher” sei als die andere.



    Verwandte Artikel:
  • Typen digitaler sozialer Netzwerke (Robert Peck)
  • Neue Medientheorie
  • Die Geschichte des Zeugs
  • Neue Medientheorie

    Wie ich bereits erwähnt habe, liegt gerade der “Reader Neue Medien” von Karin Bruns und Ramón Reichert auf meinem Schreibtisch (hier gibt’s eine Leseprobe). Sieht auf den ersten Blick sehr interessant aus zumal mir die sehr “Transcriptische” Perspektive, unter der dieser Band zusammengestellt wurde, sehr sympathisch ist:

    “Der Schwerpunkt … liegt auf einem kulturwissenschaftlichen Ansatz, der den Computer als Bedeutung generierendes Medium versteht, mit dem sich Macht erzeugen, Politik betreiben und Kunst hervorbringen lässt.”

    Auf stolzen 540 Seiten werden die Themen Digitalisierung, Virtualität, Hypertext, Cyberfeminismus, Networking, Spiele und Avatare in 38 grundlegenden Texten abgehandelt. Dabei fällt auf, dass es vor allem angelsächsische Autoren sind, die für die Theorie Neuer Medien für einflussreich gehalten werden. Die deutschsprachige Medientheorie ist durch die usual suspects Max Bense, Friedrich Kittler, Claus Pias und Siegfried J. Schmidt sowie noch Marie-Luise Angerer vertreten.

    Bei der Auswahl der Texte, von denen ich viele schon aus anderen Zusammenhängen kenne (Alan Turing, Vannevar Bush, Esther Dyson, John B. Barlow, Donna Haraway, Steven Levy, Howard Rheingold, Sherry Turkle), erkennt man deutlich die Problematik der Zusammenstellung eines solchen Readers: Auf der einen Seite möchte man aktuelles Material bieten, das den state of the art des Nachdenkens über Neue Medien repräsentiert. Auf der anderen Seite müssen die Texte aber schon ein wenig “abgehangen” sein, so dass sich überhaupt beurteilen lässt, welche Entwürfe Bestand haben werden und eine Diskussion hervorgebracht haben. So lässt sich erklären, dass nur ein einziger Beitrag jünger als fünf Jahre ist.

    Nur bedeutet das, dass der hier präsentierte Blick auf digitale Medien das Mainstreaming vieler Webanwendungen, die durch das mobile Netz mögliche Durchdringung von virtuellen und materiellen Welten sowie die Entstehung eines Teilhardschen globalen Bewusstseins (“Noosphäre”) noch nicht im Blick hat.

    Außerdem fehlen Beiträge von ausgerechnet den beiden Theoretikern, in deren Theorien die jüngsten Entwicklungen tatsächlich schon auftauchen: Vilém Flusser und Marshall McLuhan.



    Verwandte Artikel:
  • Neue Maßzahl für die Metaroll
  • Der meinVZ-Buzz ist vorbei
  • Fragebogen zur Free Burma-Blogaktion