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Nachrichten 2.0: Hyperlokalität im Internet

Mark Glase hat in seinem Blog Mediashift bereits vor einiger Zeit einen interessanten Beitrag verfasst, der verschiedene Spielarten hyperlokaler Nachrichtensysteme präsentiert und ihre Vor- und Nachteile gegenüberstellt. Zunächst zu dem Begriff: Was sind hyperlokale Nachrichten? Im Prinzip um Nachrichten, die von so begrenzter Bedeutung sind, dass sie nicht einmal im Regionalteil der Tageszeitungen vorkommen, ganz zu schweigen von überregionalen Medien:

Hyper-local news is the information relevant to small communities or neighborhoods that has been overlooked by traditional news outlets. Thanks to cheap self-publishing and communication online, independent hyper-local news sites have sprung up to serve these communities, while traditional media has tried their own initiatives to cover what they’ve missed.

Dabei geht es nicht nur darum, Nachrichten in den öffentlichen Diskurs einzuspeisen, die aufgrund ihrer begrenzten Relevanz keine Zeitung veröffentlichen würde. Zugleich besteht aber auch ein enger Zusammenhang mit der Herausbildung oder Festigung kleinräumlicher Gemeinschaften. Schon Benedict Anderson hat immer wieder auf die Bedeutung der Printpresse für die Herausbildung eines Gemeinschaftsgefühl (“imagined communities”) hingewiesen. Durch hyperlokale Nachrichten, so könnte man das Argument übertragen, entstehen hyperlokale Gemeinschaften, die zwar – im Gegensatz zu Staaten – noch zu einem großen Teil von face-to-face-Begegnungen getragen sind, aber dennoch von ihrer nachrichtlichen Integration profitieren. Eine wichtige Funktion hyperlokaler Nachrichten ist also auch “bringing like-minded people together online”. Oder wie Jan Schaffer es formuliert:

News organizations need to construct the hub that will enable ordinary people with passions and expertise to commit acts of news and information. You need to be on a constant lookout for the best of these efforts, trawling the blogosphere, hyperlocal news sites, nonprofits, advocacy groups, journalism schools and neighborhood listservs. Your goal is to give a megaphone to those with responsible momentum, recruit them to be part of your network, and even help support them with micro-grants.

Oftmals wird das Prinzip durch Onlineportale verwirklicht, in die jede Bürgerin “ihre” Nachrichten einstellen kann – ähnlich wie bei Digg oder Yigg, nur eben mit einer starken Lokalisierung der Meldungen. Eine konkrete Vorstellung davon bekommt man, wenn man sich für die USA die Northwest Voice (Bakersfield, California) oder YourHub (Denver) ansieht.

Interessanterweise sind diese Nachrichtenportale trotz ihrer Fokussierung auf lokale Geschichten beschränkter Relevanz von der
ganzen Welt aus erreichbar. Ein Bakersfielder, der in eine andere Stadt, in ein anderes Land gezogen ist, kann damit also weiterhin bis in die kleinsten Details über das Leben in seiner Heimatstadt informiert bleiben. Hyperlokalität ist also eine Spielart von
Glokalität, ein Begriff, mit dessen Hilfe Sozialwissenschaftler die vielfältigen Ausprägungsformen der Dialektik global/lokal beschreiben. Man könnte auch sagen, Hyperlokalität ist die räumliche Manifestation des long tail.

Mark nennt folgende Grundtypen hyperlokaler Nachrichtenseiten:

  • Selbstmoderierte Bürgermedien (citizen media), die ähnlich wie Digg funktionieren
  • An Zeitungsverlage angeschlossene Bürgermedien, die ausgewählte Beiträge auch in die Printausgaben übernehmen (reverse publishing)
  • Lokalblogs oder “Placeblogs” – auch in der deutschsprachigen Blogosphäre gibt es zahlreiche Städte- oder Regionenblogs
  • Aggregationsportale, die aus zahlreichen anderen Medien von Zeitungen bis Blogs, alle Nachrichten herausfiltern, die sich auf einen bestimmten Ort beziehen
  • Kommentierte Karten – ein prominentes Beispiel ist das Mashup ChicagoCrime, das Verbrechen in Chicago geolokalisiert, aber auch Qype könnte man hier einordnen
  • Mobiler Journalismus, also Journalisten mit Laptop, Fotohandy etc., die von unterwegs Nachrichten sammeln und veröffentlichen
  • Emaillisten und Foren, zum Beispiel von Bürgerinitiativen

Welche Beispiele gibt es noch für hyperlokale Nachrichtenseiten in Deutschland? Wenn Nico Lummas Prognose, “Hyperlocal News erstaunt Tageszeitungen und bringt den lokalen Anzeigenmarkt durcheinander” für das Jahr 2008 zutreffen sollte, müssten man bereits die ersten Ansätze erkennen können.

Erfreulicherweise gibt es zu dem Thema auch ein Podium, u.a. mit Steffen Büffel, auf der re:publica: “Von Placeblogging und Stadtwikis: Bürgerjournalismus und -kollaboration auf kommunaler Ebene” (via)



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    Der Spiegel und die Wikipedia. Eine endlose Geschichte. Auf der einen Seite kann man ohne die Community-Enzyklopädie nicht leben. Auf der anderen Seite traut man der Weisheit der Massen doch nicht so ganz. Oder wird dazu angehalten. Das sieht man zum Beispiel an einem aktuellen Bericht über das “Horrorheim auf Jersey“, in dem es am Ende heißt:

    Jersey gilt als die größte und mit etwa 90.000 Einwohnern bevölkerungsreichste der britischen Kanalinseln und ist berühmt für ihre weiten Strände und die vielen Sonnenstunden.

    Zum Vergleich die Wikipedia:

    Jersey [...] ist die größte und mit etwa 90.000 Einwohnern zugleich bevölkerungsreichste der Kanalinseln. [...] Jersey gilt als die sonnenreichste aller britischen Inseln und ist berühmt für ihre ausgedehnten Strände.

    Ganz davon abgesehen, ob diese Informationen für das Verständnis des Artikels unbedingt notwendig sind – hat Kindermissbrauch etwas mit den Sonnenstunden und Stränden zu tun? -, die merkwürdige Formulierung “Jersey gilt als die größte … der britischen Kanalinseln” zeigt sehr schön das Misstrauen dem wisdom of the crowd gegenüber: Wikipedia ist kein sicheres Wissen, deshalb schreiben wir lieber einmal “gilt”. Auch die Wikipedia-Information über die Größe der Kanalinseln (Jersey hat über 100 km2, alle anderen unter 1 km2) könnte ja falsch sein. Von wegen digitaler Maoismus und so …



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    433101_79ced6499f_m.jpgVorhin bin ich auf eine Diskussion in einem Blog gestoßen, in dem einmal mehr klassischer Journalismus und Blogger aufeinanderstoßen – wobei der Journalismus dabei nicht allzu gut weg kommt. Dieses Mal geht es allerdings nicht um die anonymen Schlägertrupps der Blogger, sondern um ein sehr viel angenehmeres Thema: Wein, konkret: Wein aus Bordeaux.

    Im Mittelpunkt des Streits ist der Artikel “Bordeaux-Winzer kämpfen um ihr Überleben“, der am Wochenende in der Onlineausgabe der Welt erschienen ist und in dem die Autorin Dr. Andrea Exler im Prinzip ihre Diagnose wiederholt, die sie bereits 2005 in der Zeit unter dem Titel “Château misère” vorgestellt hat. Hier sieht man sehr deutlich, was sich in der Zwischenzeit getan hat: der 2005er Artikel wurde ebenfalls kontrovers diskutiert und zwar in einem ausgedehnten Diskussionsfaden in dem Forum talk about wine. Heute wird so etwas nicht mehr in Foren abgehandelt, sondern in einem Weblog. Autor Mario Scheuermann hat in seinem Bordeaux-Weblog “Planet Bordeaux” den Angaben (insbesondere die Zahlen) aus Exlers Artikel eigene Zahlen gegenübergestellt und kommt zum entgegengesetzten Ergebnis: Dem Bordeaux-Wein geht es so gut wie selten zuvor.

    Während an der Forendiskussion vor drei Jahren Mario Scheuermann auch schon mit dabei war, meldete sich die Autorin des Ursprungsartikels damals nicht, sondern nur ihr Redakteur Gero von Randow (“super, dass der text hier so kraftvoll diskutiert wird”). Heute ist die Autorin ebenfalls mit dabei, schafft es leider nicht, auf Scheuermanns Argumente einzugehen und als ein anderer Kommentator feststellt, sie habe ihre Fakten einem L’Express-Artikel entnommen (“was mich aber mehr erstaunt, ist die frappierende Übereinstimmung der von Ihnen aus dem Weltartikel zitierten Passagen mit dieser Quelle, einem Artikel aus dem französischen Express von Mitte vorigen Jahres”), geht es gar nicht mehr um die Wahrheit der angegebenen Zahlen, sondern nur noch darum, das Blog von Mario Scheuermann zu diskreditieren: “Der Fachbegriff für Ihr Vorgehen ist simpel und allgemein geläufig: Schleichwerbung.”

    Popcornfaktor: hoch

    (Abbildung “Chateau Latour” von John Caves)



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    Noch ein Indiz dafür, wie weit sich Wikipedia als Wissensquelle im öffentlichen Diskurs durchgesetzt hat. In der Spiegel Online-Meldung über die Parkinsonerkrankung eines bekannten Schauspielers liest man über die Krankheit folgendes:

    Morbus-Parkinson ist eine sich langsam entwickelnde neurologische Erkrankung. Sie beginnt schleichend und schreitet zeitlebens fort. Laut Wikipedia gibt es heute noch keine Möglichkeit die Krankheit aufzuhalten oder zu Verhindern.

    Auf der einen Seite löblich, dass der Autor die aus der Wikipedia übernommenen Passagen (“Die Erkrankung beginnt schleichend und schreitet danach zeitlebens fort.”) Nur hätte er dann beim Umformulieren des zweiten Satzes darauf achten sollen, aus dem großgeschriebenen Hauptwort “Verhindern” (auf Wikipedia: “Es gibt heute noch keine Möglichkeit einer ursächlichen Behandlung des Parkinson-Syndroms, die in einem Verhindern oder zumindest einem Aufhalten der fortschreitenden Degeneration der Nerven des nigrostriatalen Systems bestünde.”) ein kleingeschriebenes Verb zu machen.

    Aber geschenkt. Bemerkenswert finde ich, dass sich auch im Qualitätsjournalismus die für ihre mangelhafte Qualität immer wieder angegriffene Wikipedia mittlerweile als Auskunftsquelle für den Stand der wissenschaftlichen Forschung zu etablieren scheint. Kein Journalist 1.0 hätte wohl für so eine Aussage den Brockhaus oder die Encyclopedia Britannica herangezogen. Zu schnell veraltet und vielleicht auch zu wenig Kontrolle durch die Peers auf dem entsprechenden Fachgebiet.



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    “Alle Staatsgewalt geht vom Leser aus”, so könnte man den jüngsten Beitrag von Robert Basic auch übertiteln, in dem er die textbezogene “Nahrungskette” von den Politikern über Journalisten (“DJV? Deutscher Journalistenverband, kicher…”) über Blogger bis hin zu den Lesern skizziert. Sein Fazit:

    Also? Blogs sind eine großartigte Erfindung, geben sie doch dem Individuum eine Stimme, die lauter nachhallt als Stammtischgespräche. Ich finde virtuelle Stammtische exzellent und für eine Demokratie immens wichtig. Für sowas alleine sollten alle Journalisten Blogs die Füße küssen. Und Leuten wie John Barger ein Denkmal bauen. Er und viele andere hätten es wahrlich verdient.

    Ach ja, der Anlass? Eine verquaste These des DJV-Bundesvorsitzenden Michael Konken zur Qualität von Weblogs, die sich natürlich in der Blogosphäre einer großen Anschlussfähigkeit erwiesen hat (vgl. die vielen Reaktionen hier):

    Blogs sind meines Erachtens nur in ganz wenigen Ausnahmefällen journalistische Erzeugnisse. Sie sind eher der Tummelplatz für Menschen, die zu feige sind, ihre Meinung frei und unter ihrem Namen zu veröffentlichen.

    Aber was mich am meisten freut: Robert hat seinen Flow wieder gefunden.



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    In einem wunderbaren Beitrag nimmt Marc (Wissenswerkstatt) die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung zum Thema Web 2.0 auseinander, das nicht gerade zur Kernkompetenz der Zeitung gehört. Worum geht es? Die SZ hat anlässlich einer TNS-Infratest-Studie (vgl. dazu auch den Eintrag im Wortgefecht) zum Thema Web 2.0 – zu interpretativen Schwierigkeiten einer älteren TNS-Studie zu einem ähnlichen Thema hatte ich mich bereits an dieser Stelle geäußert – in ihrem “Jugendlexikon” wieder einmal die Lieblingsthese der Qualitätsjournalisten von der Blogosphäre als digitalem Kindergarten aufgewärmt:

    “Schon 81 Prozent der Kinder zwischen sechs und dreizehn Jahren hocken heute vorm Computer. Folglich werden es immer seltener Oma und Opa sein, die den goldenen Schlüssel zu ihren Erfahrungsschätzen aushändigen, so ihnen nur aufmerksam zugehört wird. Vielmehr wird Wissen heute fix aus dem Internet gefischt. Genauer, aus dem Web 2.0, dem Mitmach- und Partizipativnetz. Für dessen Inhalte sorgen, wie sich denken lässt, viele Jugendliche.”

    Marc empfiehlt den zuständigen Redakteuren und Journalisten, es doch hin und wieder einmal mit sorgfältiger Recherche und einem Blick auf die Repräsentativität derartiger Aussagen zu versuchen, was dann mitunter überraschende Ergebnisse hervorgebracht hätte: dass zum Beispiel das Durchschnittsalter der Wikipedia-Produzenten bei 35 Jahren liegt oder dass der “Wie ich Blogge”-Studie (Zusammenfassung als pdf) zu entnehmen ist, dass “82,3% aller Blogger 20 Jahre und älter sind”.

    Vielleicht hätte aber auch ein kleiner Blick auf unsere lieben A-Blogger genügt. Normalerweise schauen Qualitätsjournalisten doch auch immer als erstes auf die Herren Niggemeier, Schultheis, Vetter, Basic, Haeusler, René, Schwenzel, Alphonso und Winkel? Warum nicht dieses Mal? Vielleicht weil sie dann sofort auf das kleine Geheimnis der A-Blogger gestoßen wären, dass keiner von ihnen unter dreißig ist und einige sogar bereits die 40 hinter sich gelassen haben.

    Disclaimer: Der Autor dieser Zeilen ist in dieser Angelegenheit persönlich nicht unbeteiligt, da er ebenfalls der Altersgruppe Ü30 angehörig ist.



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    journalism.pngVielleicht sollten sich die QualitätsPrintjournalisten einmal dieses Buch von Mark Briggs (kostenlos als pdf verfügbar) durchlesen? Darin wird so ziemlich alles erklärt und mit zahlreichen Übungen veranschaulicht, was mit dem neuen Netz zusammenhängt: RSS, Digg, Tagging, Folksonomies, Weblogging oder Podcasting. Wer mindestens mit zwei dieser Begriffe nichts anfangen kann, sollte sich den Ratgeber einmal ansehen.



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