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Weblog ist nicht gleich Weblog: Von den zwei Wurzeln des Bloggens

Es sieht so aus als gäbe es (mindestens [1]) zwei zentrale Ursprungserzählungen des Bloggens, die bei der Beantwortung der Schlüsselfrage “Wann ist ein Blog ein Blog?” jeweils zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen:

Version 1: Das Weblog als Linkliste (filterblog)

In dieser Erzählung gab es in den Urzeiten des WWW zunächst unkommentierte, häufig aktualisierte Linklisten, die dann immer häufiger mit kurzen Anmerkungen versehen wurden (z.B. Tim Berners-Lees Linkliste). Der Kern eines Blogposts ist demnach der Link, wie es auch Jörg Kantel beschreibt:

Und es war in meinen Augen nahzu folgerichtig, dass Weblogs in ihrer ursrpünglichen Form als kommentierte Linkverzeichnisse angelegt wurden. Und der Link ist kein Anhängsel (in Form einer Fußnote oder eines Literaturverzeichnisses) mehr, sondern integraler Bestandteil des Textes.

Das Weblog ensteht also aus einer allmählichen textlichen Anreicherung ursprünglich sehr schlichter Linksammlungen. Dies ist auch für die Bloginhalte folgenreich: in Weblogs werden also überwiegend Inhalte abgehandelt, die über einen Link erreichbar sind. Hier liegt also auch der Ursprung der Selbstreferentialitätsthese (“Blogger schreiben nur über sich selbst”).

Version 2: Das Weblog als Tagebuch (digital diary)

Einen ganz anderen Ausgangspunkt nimmt die zweite Ursprungserzählung, denn sie sieht das Bloggen als Fortsetzung des Tagebuchschreibens mit anderen Mitteln. Hier geht es also nicht um gefundene Inhalte aus dem Internet, die kommentiert werden, sondern um das Öffentlichmachen eigener (Alltags-)Erlebnisse und Gedanken. Jan Schmidt bemerkt zum Beispiel in seinen drei Thesen zum “Tagebuch-Blogging”:

Mit der wachsenden Verbreitung im Laufe der vergangenen Jahre haben sich zwar unterschiedliche Prakti­ken des Bloggens herausgebildet, doch empirischen Untersuchungen zu Folge dominieren Elemente des „Tagebuch-Bloggens“.

Eine Konvergenz der beiden Erzählungen ist natürlich in dem Fall denkbar, in dem eine Person, die tatsächlich fast nur im Netz lebt, über ihren Alltag berichtet. Findet der Alltag jedoch außerhalb des Netzes statt, können diese Blogeinträge auch ganz ohne Links auskommen. Meine bisherige Suche nach den ältesten Blogs in Deutschland hat drei “Ur-Blogs” aus dem Jahr 1996 zu Tage gefördert, die allesamt als digitale Tagebücher beschrieben werden können und dementsprechend auch mit sehr wenig Links ausgekommen sind: Robert Braun, Melody und das Cybertagebuch.

Koexistenz und Konvergenz

Meine Vermutung ist, dass beide Arten von Weblogs zunächst (in den 1990er Jahren) nebeneinander existiert haben und erst spät als ein und dasselbe verstanden wurden. Zumindest was den Begriff angeht, kann die erste Variante durchaus als Urform des Bloggens betrachtet werden, sieht man doch auf einen Blick, was im Mittelpunkt von John Bargers Blog steht – nämlich Links, Links und noch einmal Links:

barger.png

Allerdings ist zu überlegen, ob man diese Linklisten, die als erstes mit dem Schlagwort “Weblog” versehen wurden, tatsächlich schon als Weblog sehen kann, da Kommentare hier (noch) nicht möglich waren [2] – im Gegensatz z.B. zu den 1996 gestarteten Cybertagebüchern, die sich jedoch nicht als Weblogs bezeichneten. Die Frage ist nun, ob Filterblogs und digitale Tagebücher “nur” als Vorläufer des Weblogs zu sehen sind oder ob nicht der Begriff Weblog auch in der Gegenwart noch so weit offen gehalten werden müsste, so dass er nach wie vor Platz für beide Stränge bietet.

[1] Ich will natürlich nicht unterschlagen, dass es noch weitere Traditionen des Bloggens gibt, die nicht unter die beiden Stränge fallen, z.B. das digitale Lesejournal (siehe etwa John Baez Blog) oder die Fotologs.

[2] Auch noch nicht befriedigend geklärt ist die Frage, wie wichtig die Kommentierbarkeit für die Definition des Weblogs ist. Meistens wird die Möglichkeit, Beiträge zu kommentieren als wesentliches Merkmal der Vollform des Bloggens gesehen. Aus meiner Perspektive handelt es sich hier jedoch nur um einen quantitativen Wandel. In vielen Proto-Blogs war die Möglichkeit zu kommentieren von Anfang an gegeben, allerdings per Email oder im Gästebuch. Häufig antworteten die Bloggerinnen auf diese Rückmeldungen dann wiederum in ihren Einträgen. Insofern ist die Kommentierbarkeit nur eine Konvergenz von Filterlog bzw. digitalem Tagebuch und Gästebuch. Keine Frage, durch die Möglichkeit, Kommentar und Beitrag auf einer Seite zu sehen, steigt der Anreiz, sich in Diskussionen einzumischen, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Kommentierbarkeit vor Ort wirklich als zentrales Merkmal herausgestellt werden kann.



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