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The Twitter is the Message – Willkommen in der Reload-Gesellschaft

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In dem Moment, in dem ich die neue Echtzeit-Bildersuche PicFog das erste Mal gesehen habe, wurde mir klar: das ist genau das, was Marshall McLuhan hier gemeint hat:

Electric circuitry profoundly involves men with one another. Information pours upon us, instantaneously and continuously. As soon as information is acquired, it is very rapidly replaced by still newer information.

Bereits im Jahr 1967 schrieb er über das Internet (“electric circuitry”), Microblogging (“information pours upon us”) und die automatischen Reloadmechanismen (“very rapidly replaced”). Durch diese schnellen Informationen – wir sprechen hier von Echtzeit (“gedacht – getippt”, “gesehen – gepostet”) – sind wir nicht mehr in der Lage, Botschaften oder Bilder logisch zu klassifizieren, sondern können nur noch entweder grobe Muster erkennen.

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PicFog aggregiert alle möglichen Bilder, die Microblogger auf die verschiedenen Plattformen von Twitpic bis yfrog hochladen und stellt sie als visuellen Strom dar. Jemand fotografiert die S-Bahnstation, durch die er gerade fährt. Im nächsten Augenblick taucht sie neben vielen anderen Bildern auf der PicFog-Startseite auf. Beim nächsten automatischen Reload der Seite ist das Bild nach unten gerückt und wurde durch zahlreiche aktuellere Bilder ersetzt. Bilder aus Indien, USA, Österreich oder Japan.

Wenn Google Insights for Search abbildet, was die Menschen suchen oder sich wünschen (eine globale Datenbank der Wünsche), zeigen Dienste wie PicFog, was die Menschen sehen. “All media are extensions of some human faculty”. Noch so ein McLuhanspruch, der hier wahr wird.

Mit PicFog kann ich nicht nur meine Augen sehen, sondern auch mit den Augen vieler anderer Menschen weltweit. Mit den Augen von Fremden und Freunden. Von Frauen und Männern. Von Rentnern und Schülern. Obwohl es zunächst ganz ähnlich klingt, sind das nicht die Tausend Augen des Dr. Mabuse, denn Dr. Mabuse konnte nur auf die anderen Menschen herabsehen, nicht aber durch die anderen Menschen sehen. Being John Malkovich ist vielleicht die passendere filmische Assoziation, nur dass man nicht nur in den Kopf eines Schauspielers schlüpft, sondern in den Kopf vieler Menschen zugleich. Der Begriff “Überwachung” trifft hier nicht zu, aber einen treffenden Begriff für dieses Eintauchen in die Welt habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht Empathie? Oder ethnologischer Blick?

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Teilhard de Chardin sprach in den 1950er Jahren immer wieder von der “Noosphäre” als einem Stadium der menschlichen Entwicklung, in dem die Einzelbewusstseine zu einem globalen Bewusstsein zusammenwachsen würden. Als jesuitischer Theologe nannte er diesen Bezugspunkt auch Omegapunkt, also den Augenblick der Vereinigung in Christi. McLuhan hat diesen Gedanken elektrifiziert und aus der fernen Zukunft (Ende der Geschichte) in die Gegenwart geholt. Seine Feststellung: Dieses technische Weltbewusstsein gibt es schon.

Dabei verändert sich die Art, wie wir die Welt wahrnehmen. Nicht mehr analytisch zergliedernd, sondern synthetisch als Gesamtbild. Als waberndes, sich immer wieder veränderndes Muster, in dem man immer wieder Bekanntes, Vertrautes sieht. Leisa Reichelt hat zur Beschreibung des Microbloggens oder Twitterns den schönen Begriff der “ambient intimacy” geprägt. Genau das ist es, was wir auf PicFog wahrnehmen. Intime Einblicke (eigentlich eher “Durchblicke” oder “Mitblicke”, s.o.) in das Leben der Anderen. Aber diese Blicke sind nicht fixiert oder fokussiert, sondern unscharf. Innerhalb weniger Sekunden befindet man sich bereits an einem ganz anderen Ort, in einer ganz anderen Person. Dennoch: Diese frei fluktuierende Intimität, die in diesem “Bildernebel” entsteht, kommt tatsächlich den Vorstellungen McLuhans von der Rückkehr präliterarischer “tribal emotions” sehr nahe.

Dazu passt auch die Feststellung, dass die auf dem Microblogging basierenden Echtzeitbildersuche ersten Eindrücken nach im Vergleich mit der klassischen Google-Bildersuche nicht nur aktuellere Ergebnisse zu Tage fördert, sondern in vielen Fällen auch relevantere Ergebnisse. Kein Wunder, dass Google fieberhaft überlegt, wie sich dieses Echtzeitmoment auf ihre Suchverfahren übertragen lässt. Schon mit Erscheinen des Buches “What Would Google Do?” von Jeff Jarvis, sind wir schon wieder einen Schritt weiter. Die entscheidende Frage lautet nun: “What Would Twitter Do?” Nicht unbedingt, was das Geschäftsmodell betrifft, aber was die kognitiven Möglichkeiten betrifft.

Willkommen in der Reload-Gesellschaft!



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    Wieder ein paar subjektive Lesenotizen zu den jüngsten Äußerungen aus meinem Feedreader. Eine Verneigung vor einem der beiden Ursprüngen des Bloggens.

    • Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers hat sich in einer Studie dem Thema Social Networks gewidmet. Die Ergebnisse in Kurzform: 85 Prozent der Internetintensivnutzer sind Mitglied in sozialen Netzwerken. 70 Prozent der Befragten sehen ihre Mitgliedschaft als langfristiges Commitment und wollen ihrem wichtigsten Netzwerk “für immer” bleiben. Mitgliedsbeiträge werden dabei weniger akzeptiert als Werbeeinblendungen. Das Durchschnittsalter der Communities liegt zwischen 23 und 47 Jahren. Etwas verwunderlich: Die Forscher kommen auf ein SchülerVZ-Durchschnittsalter von 23 Jahren – handelt es sich in Wirklichkeit um ein Abendschüler-Verzeichnis?
    • Small News – Big News. Schon einen Tag später gibt es die erste Antwort auf Jeff Jarvis’ “Pressesphärenmodell” (siehe gestern). Steve Boriss ist wenig überzeugt davon, dass wir uns nun alle in “Nachrichtenathleten” verwandeln, die aktiv nach Nachrichten suchen und dabei “a taste for the work of amateurs – amateurs in their topic areas and in their writing skills” ausbilden. Seiner Meinung nach bleibt der Einfluss von Social Software auf “small news” begrenzt, also auf Nachrichten aus Familie oder Freundeskreis, wie sie z.B. per Facebookstatusmeldungen verbreitet werden. “Big news” werden sich nur insofern verändern, als die Aufgabe und Verantwortung der “middlemen” komplexer wird: Nachrichten verbreiten kann jeder – in der Schaffung von Mehrwert liegt die Herausforderung. Das ist richtig, aber die Konvergenz von Tageszeitungen und Blogs geht weiter und schafft neue “dialogische Inseln” in der Nachrichtenwelt.
    • Die Antwort auf die Relevanzfrage lautet: Acht. Zumindest für SevenOne Media, die Relevanz als Antwort auf die Frage, “Wie viele Internet-Seiten gibt es, die sie regelmäßig besuchen?”, operationalisieren. Das Ergebnis: “Deutsche besuchen acht Seiten regelmäßig”. Männer sind etwas experimentierfreudiger: fast ein Viertel besucht regelmäßig 11 und mehr Seiten im Internet. Ebenfalls interessant: mit steigendem Alter wächst der Anteil derjenigen, die über Zeitung und Zeitschriften auf neue Internetseiten aufmerksam werden. Zugleich sinkt der Anteil der Empfehlungen durch Bekannte, Freunde und Kollegen. Das Internet der Jugendlichen ist sozial eingebettet.
    • Wieder eine Twitter-ist-das-neue-Email-Meldung: Diesmal von Marcus Bösch (Deutsche Welle), der mit extensivem Namedropping seine subkulturelle Kompetenz demonstriert. Aber wenn immer wieder von dem “weltweite[n] vielstimmige[n] Gezwitscher und Geschnatter” die Rede ist, merkt man, dass hier das wesentliche nicht begriffen wurde: bei Twitter geht es nicht um die weltweite Reichweite, sondern darum, seine Stammesgenossen zu erreichen. Twitter ist digitaler Neotribalismus.
    • Und noch etwas zum Thema Twitter: Cem Basman hat acht Interviews mit leidenschaftlichen Twitterern geführt, um hinter das Geheimnis dieser neuen Kommunikationsform zu kommen. Sein Vorschlag: “Twitter findet in den Köpfen statt. Nicht in der Software.” Als Neal Stephenson-Fan könnte man natürlich auch formulieren: “Twitter ist die Kommandozeile für die Schwarmintelligenz”.
    • Löschversuch: Jan Schmidt weist im Berliner Journalisten darauf hin, dass sich nur ein geringer Teil der Blogger als Konkurrenz zum professionellen Journalisten sieht. Der größte Teil begnügt sich damit, “persönlich Öffentlichkeiten” zu erreichen, beschränkt sich also auf die oben erwähnten “small news”. Sein Fazit: “Eine Überhöhung von Weblogs zur gesellschaftlichen Gegenöffentlichkeit wie umgekehrt die Banalisierung ihre Inhalte als ‘Laienjournalismus’ hilft deswegen nicht weiter, sondern erschwert den Blick auf die tatsächlichen Veränderungen in den vernetzten und individualisierten Öffentlichkeiten des Internets.” Dieses “Bürgerbloggen” ist aber nur eine Seite Medaille. Daneben kann man auch die allmähliche Verbloggung des Journalismus betrachten. Dann werden genau die semi-professionellen Blogs interessant, die Jan ausklammert.
    • Zum Schluss noch eine kurze Meldung in eigener Sache: In der Arbeitsgemeinschaft Social Media (Facebook-Gruppe) arbeiten nun etwa 40 Personen aus Wissenschaft, Marktforschung, Werbeagenturen, werbetreibenden Unternehmen und BloggerInnen in einem Wiki gemeinsam an einer Satzung für eine “Arbeitsgemeinschaft Social Media e.V.” Nach der Gründung wird eine technische Arbeitsgruppe das schon in Grundzügen bereitstehende Basisvokabular Social Media für eine technische Erfassung operationalisieren. Anfragen bitte per Email an kontakt (at) ag-sm.de.


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