Nebenan bei im hübschen Datenblog habe ich mir einmal die Twitter-Diskussionen zur diesjährigen DLD-Konferenz vom Kongressvorabend bis zum heutigen Montag angesehen. Man sieht sehr schön, wie sich die Aufmerksamkeit von Tag zu Tag im Netzwerk verschiebt. Ich bin gespannt, wie sich das zum letzten Tag noch einmal ändert. Außerdem werde ich abschließend auch noch einmal die Twitternachrichten selbst betrachten, um Muster herauszufinden. Das zum Beispiel war der Montag:
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Der Vorteil einer abstrakten Methode wie der Social Network Analysis ist es, dass sich fast alle Daten, die irgendwie zusammenhängen, als Netzwerk betrachten und analysieren lassen. Das Paradebeispiel sind natürlich die Empfehlungsalgorithmen, die Nutzern von Google, Youtube oder Amazon erzählen, was sie sonst noch interessieren könnte. Überall dort, wo es empfohlene Produkte oder Produkte, die andere Kunden auch gekauft haben, gibt, kann man sehr einfach mit den Methoden der Netzwerkanalyse angreifen. Auf diese Weise wird aus den isolierten Paaren oder Mengen verwandter Produkte eine große Verwandtschaftskarte, auf der nicht nur Beziehungen, sondern auch Muster und Schwerpunkte erkennbar sind.
Ich habe mir einmal den iTunes-Appstore vorgenommen. Auf jeder (bzw. fast jeder) Downloadseite einer App sind weitere fünf Apps verzeichnet, die überdurchschnittlich häufig gemeinsam mit dieser App heruntergeladen oder gekauft werden. Das Netzwerk springt einem hier förmlich entgegen. Wenn man die 240 beliebtesten Apps der Kategorie Nachrichten auf diese Beziehungen hin erfasst, erhält man folgendes Netzwerk der Nachrichten-Applandschaft (Klick zum Vergrößern):
Die Größe der Knoten steht für die Anzahl der Bewertungen der Apps – solange es keinen Zugriff auf die Downloadzahlen der Apps gibt, könnte das eine Annäherung an die Bedeutung oder Verbreitung einer App sein. Die Farbe zeigt die unterschiedlichen Cluster von Apps, die besonders eng miteinander verbunden sind: Links in Hellblau und rechts in Dunkelblau sind zwei Cluster von Nachrichtenapps. Rechts findet man die Zeitungsapps von FAZ, Bild, Süddeutsche, Abendzeitung, Weserkurier etc., während links eher die iPad-Varianten von Onlineportalen wie Spiegel, Focus Online, Süddeutsche.de zu finden sind. Oben in Violett ist ein kleines Cluster von redaktionsunabhängigen Newsaggregatoren wie Pulse, Flipboard oder Reeder. Ganz rechts liegt Österreich, während im Süden die Türkei zu finden ist. Dazwischen ein Applecluster mit Apfeltech und Macwelt. Ganz im Norden ist das Review-stärkste Cluster von Nachrichtenaggregatoren und App-Nachrichten-Apps, das von MeinProspekt dominiert wird.
Die Apps mit den meisten Reviews in dieser Karte sind:
- Mein Prospekt XL – 39.382 Reviews
- n-tv iPhone edition – 16.140 Reviews
- DER SPIEGEL eReader – 12.759 Reviews
- FOCUS Online – 10.300 Reviews
- DIE WELT – 9.312 Reviews
- Flipboard – 6.394 Reviews
- BILD HD – 5.722 Reviews
- Tagesschau – 5.705 Reviews
- NYTimes – 5.533 Reviews
- AppTicker Push – 5.524 Reviews
In dieser Aufzählung fehlt die normale Version von BILD mit 24.146 Reviews, die ein isolierter Knoten ist, da für diese App keine verwandten Apps angegeben sind und auch keine der anderen Apps auf sie verweist – eine echte Anomalie, die ich mir im Moment nicht erklären kann.
Interessant ist auch der Blick auf die Anzahl der eingehenden Links, d.h. welche Apps besonders häufig als verwandte Apps genannt werden. Der Durchschnitt liegt bei 2,3. Hier sieht die Liste ganz anders aus:
- The Wall Street Journal – 51 Nennungen
- AppAdvice – 45 Nennungen
- Blastr – 40 Nennungen
- NPR for iPad – 39 Nennungen
- Flo’s Weblog – 27 Nennungen
- eGazety Reader – 27 Nennungen
- ??-??? ????? a – 25 Nennungen
- SAPO News – 23 Nennungen
- DVICE – 20 Nennungen
- DER SPIEGEL – 18 Nennungen
Dieselben Apps erhält man bei der Berechnung des PageRank, d.h. der Wahrscheinlichkeit, beim Abwandern des Netzwerks zufällig auf die verschiedenen Apps zu stoßen. Die Anzahl der Verbindungen zwischen den Apps, also der Vernetzungsgrad ist relativ niedrig, da für jede App nur jeweils 5 verwandte Produkte angezeigt werden – insgesamt sind die 451 Knoten durch 1.055 Kanten verbunden.
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Eines der wichtigsten Buzzwords im Marktforschungs- und Wissenschaftsjahr 2012 ist mit Sicherheit “Big Data”. Sogar die Zukunft eines Intenretriesen wie Yahoo! wird auf diese Frage zugespitzt: Wie hältst du es mit den großen Daten (dazu auch lesenswert das AdAge-Interview mit dem neuen CEO Scott Thompson)?
Auf den ersten Blick ist das Phänomen, das sich dahinter verbirgt, nichts neues: es gibt riesige Mengen an Daten, die darauf warten, analysiert und interpretiert zu werden. Diese Datenberge gab es früher auch schon – man denke nur an die gewaltigen Kundentransaktionsdaten, die klassischen Webzugriffslogs oder die Himmelsdaten aus den Observatorien.
Besonders spannend sind folgende Entwicklungen und Dimensionen des Big-Data-Phänomens:
Demokratisierung der Technik: Zum einen sind die Werkzeuge, um Datensätze in Terabytegröße zu analysieren, mittlerweile demokratisiert. Jeder, der ein paar alte Rechner im Keller stehen hat, kann daraus ein leistungsfähiges Hadoop-Cluster aufbauen und damit in die Analyse großer Daten einsteigen. Die Software, die man für Datenerfassung, Speicherung, Analyse und Visualisierung benötigt, ist größtenteils frei verfügbare Open-Source-Software. Wer zu Hause keine Rechner herumstehen hat, kann sich die Rechenzeit bei Amazon kaufen.
Ein neues Ökosystem: Mittlerweile hat sich hier eine lebendige Bastlerszene der Big-Data-Hacker entwickelt, die an den verschiedenen Big-Data-Technologien arbeitet und in Präsentationen und Aufsätzen die unterschiedlichen Anwendungsszenarien demonstrieren. Wenn man sich die Biographien der Big-Data-Community ansieht, fällt aber auch, dass man es sehr viel weniger mit Forschergruppen an Universitäten zu tun hat, sondern um Wissenschaftler (“data scientists”), die in den großen Internetunternehmen wie Google, Yahoo, Twitter oder Facebook arbeiten. Das ist zum Beispiel bei der Python-Entwicklergemeinde oder der R-Statistikercommunity anders. Im Augenblick sieht es sogar so aus, als verliefe der typische Karrierepfad an der US-Westküste weg von den Internetgiganten und hin zu neuen Big-Data-Startups.
Visualisierung von Netzwerken: Die visuelle Darstellung der Daten ist mittlerweile fast wichtiger geworden als klassische statistische Methoden, die nach Kausalitäten suchen. In diesem Zusammenhang hat auch die Netzwerkanalyse wieder stark an Bedeutung gewonnen. Fast alle soziale Phänomene und großen Datensätze von Venture Capitalists bis Katzenbildern können als Netzwerke visualisiert und exploriert werden. Auch hier spielen Open-Source-Software und offene Datenschnittstellen eine große Rolle. Programme wie die Netzwerkvisualisierungssoftware Gephi können sich in naher Zukunft direkt mit den Schnittstellen (APIs) der Plattformen Facebook, Twitter, Wikipedia oder Google verbinden und die abgerufenen Daten gleich weiterverarbeiten.
Neue Fähigkeiten und Stellenbeschreibungen: Eines der heißesten Buzzwords in der Big-Data-Szene ist der “Data Scientist”, der jetzt in klassischen Unternehmen genauso wie in Internetunternehmen für die Erhebung und Auswertung der anfallenden Daten sorgen soll. Auf Smart Planet habe ich eine gute Beschreibung der Fertigkeiten dieser “Datenjobs” gefunden: 1) Die Systemadministratoren, die sich mit Aufsetzen und Wartung der Hadoop-Cluster befassen und sicherstellen, dass der Datenfluss nicht gebremst wird. 2) Die Entwickler (oder “Map-Reducer”), die Anwendungen entwickeln, mit denen die Daten aus den Datenbanken abgerufen und verarbeitet werden. 3) Die eigentlichen Datenwissenschaftler oder Analysten, deren Aufgabe es ist, mit den Daten Geschichten zu erzählen und aus ihnen Produkte und Lösungen zu entwickeln. 4) Die Datenkuratoren, die für die Qualitätssicherung und Verknüpfung der Daten zuständig sind.
Um einen besseren Eindruck davon zu gewinnen, wie sich die Big-Data-Community selbst sieht, habe ich die Twitter-Kurzbiographien der 200 wichtigsten Big-Data-Analysten, -Entwickler, -kaufleute einer Netzwerkanalyse unterzogen: Ich habe die Kurztexte in ein Netzwerk transformiert, in dem die Begriffe die Knoten darstellen und gemeinsame Erwähnungen in einer Twitter-Bio die Kanten. Das heißt, jedes mal, wenn jemand in seiner Bio “Hadoop Committer” stehen hat, gibt es in dem Netzwerk eine neue Kante zwischen “Hadoop” und “Committer”. Insgesamt besteht dieses Netzwerk aus knapp 800 Begriffen und 3200 Verbindungen zwischen den Begriffen. Das Netzwerk habe ich dann auf ca. 15% des Umfangs reduziert, indem ich mich auf die am häufigsten verwendeten Begriffe konzentriert habe (z.B. Big Data, Founder, Analytics, Cloudera, Apache, Committer, Hadoop, Computer). Das mit Gephi visualisierte Ergebnis ist oben zu sehen.
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Vor Jahren hatte ich an dieser Stelle schon über die große Bedeutung der gespeicherten Google-Suchanfragen als “Datenbank der Wünsche” geschrieben. Die Begriffe, die Menschen in das Google-Eingabefeld schreiben, spiegeln sehr genau ihre Wünsche wider – sowohl die offen kommunizierten als auch die geheimen.
Als Nebenbemerkung: Man könnte vermuten, dass Menschen mittlerweile ehrlicher zu ihrer Suchmaschine sind als zu ihren engsten Verwandten. Insofern sollte man intensiv über eine besondere Sorgfaltspflicht und einen besonderen Schutz dieser Daten nachdenken. Vielleicht gibt es bald neben der ärztlichen und der anwaltlichen Schweigepflicht auch so eine Art “Suchmaschinengeheimnis”, das garantiert, dass, was wir in einer Websuche über uns offenbaren, nicht in falsche Hände gerät.
Neben dieser besonderen Vertrauensstellung dieser Datenbanken, beeindruckt vor allem das hier sekündlich anfallende Wissen. Dadurch, welche Begriffe gemeinsam eingegeben werden, und welche überhaupt nicht, oder dadurch, welche Treffer dann tatsächlich angeklickt werden, und welche überlesen werden, entsteht eine Wissensdatenbank, die vielleicht sogar größer als die Wikipedia ist, da sie sich viel schneller ändert. Die Assoziation von “Bundespräsident” und “Anrufbeantworter” dürfte zum Beispiel ein sehr junges Phänomen sein. Ja, wenn es um diese aktuellsten Phänomene geht, scheinen die Algorithmen von Google sogar die Rolle eines politischen Beraters einzunehmen, der dem amtierenden Staatsoberhaupt Handlungsempfehlungen gibt:
Diese scheinbare Empfehlung entsteht schlicht daraus, dass diese beiden Begriffe in den letzten Tagen, Stunden besonders häufig gemeinsam in Suchabfragen verwendet wurden bzw. besonders häufig gemeinsam in Webseiten auftauchen. Diese überdurchschnittliche gemeinsamen Vorkommen (oder: Kollokationen) verwandeln die Suchmaschine aber gleichzeitig in eine neue Art von Wissensspeicher. Anhand der Struktur der sekündlich eingehenden Suchabfragen (bei Google waren es laut ComScore allein in den USA im November 13 Milliarden Abfragen) können Maschinen sehr viel darüber lernen, wie wir Menschen Begriffe und Wissen organisieren.
Eine praktische Anwendung dieses Wissensspeichers habe ich in einem schon etwas älteren, aber einflussreichen Paper (Google Scholar zählt 246 Zitationen) der beiden Google-Mitarbeiter Mehran Sahami und Timothy D. Heilman “A Webbased Kernel Function for Measuring the Similarity
of Short Text Snippets“. Darin geht es um das Problem, die inhaltliche Ähnlichkeit von sehr kurzen Textschnippseln zu erkennen. Da es sich hierbei nur um wenige Wörter handelt, versagen klassische Methoden des Textminings wie zum Beispiel das Kosinus-Ähnlichkeitsmaß. Die Anzahl der Datenpunkte ist schlicht zu klein, um Aussagen über die Ähnlichkeit zu treffen.
Die Google-Wissenschaftler verwenden die Suchtreffer, die eine Suchmaschine wie Google auswirft, wenn man sie mit den Textschnippseln füttert, als Kontext-Vektor, mit dem sie dann die Übereinstimmung berechnen können, da er nun nicht mehr wenige Worte umfasst, sondern ein großer Corpus aus hunderten Dokumenten bzw. 1000-Zeichen langen Ausschnitten daraus darstellt. Das von ihnen beschriebene Verfahren stellt z.B. zwischen “Steve Ballmer” und “Microsoft CEO” eine Übereinstimmung von 0.838 fest, während das Kosinusmaß hier auf einen Wert von 0 gekommen wäre. Auch zwischen dem früheren CEO “Bill Gates” und “Microsoft CEO” gibt es eine Ähnlichkeit von immerhin 0.317 – aber auch seine korrekte Beziehung zu Microsoft findet dieses Maß heraus: “Bill Gates” und “Microsoft Founder” erzielt 0.677.
Der erste Anwendungsfall dieses Verfahrens, der hier in den Sinn kommt, sind natürlich die automatischen Vorschläge bei Suchabfragen. Insofern ist das oben beschriebene Wulff-Beispiel also nicht unbedingt eine politische Handlungsempfehlung, sondern das Ergebnis des Vergleichs von Kontextvektoren.
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Fragt man nach den Auswirkungen des Internets auf die Qualität, dann erhält man, je nachdem, wem man diese Frage stellt, unterschiedliche Antworten:
In der ersten Variante hat das Internet zu einem unglaublichen Abfall der Qualität geführt. In diese Argumentation passt die Polemik gegen die Klowände genauso wie die etwas ruhiger verlaufende Debatte über das Kuratieren als neue Aufgabe der Redaktionen. Als Beispiel für den massiven Qualitätsverlust durch das Internet wird üblicherweise die Wikipedia zitiert, in der es sehr viele miserabel recherchierte, tendenziös geschriebene und immer wieder von Vandalismus heimgesuchte Artikel gibt.
Früher sorgten in den Massenmedien Redakteure oder im Wissenschaftssystem langwierige Peer-Review-Prozesse dafür, dass am Ende nur geprüfte Qualität gedruckt bzw. publiziert wurde. Wenn diese Instanzen wegfallen – und im Internet kann man an ihnen vorbei publizieren – gibt es keinen Garant mehr für die Qualität der Veröffentlichungen. “Da kann ja jeder herkommen und etwas veröffentlichen!”
In der zweiten Variante ist durch das Internet ein bisher nicht dagewesener Anstieg der Qualität möglich geworden. Jeder kann im Web ein Blog eröffnen und über seine Erfahrungen in Beruf, Leben, Politik, Familie … publizieren. Wissenschaftler, die über Randgebiete von Orchideenfächer forschen, erreichen im Internet mit ihren Forschungsergebnissen genau diejenigen fünf über die Welt verteilten Kolleginnen, die sich für genau dieselben Phänomene interessieren. Jeder kann schreiben, filmen, fotografieren, komponieren … und seine Werke dann auf Plattformen wie Tumblr, Instagram, Vimeo oder Soundcloud hochladen und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Als Beispiel für die unglaubliche Qualitätssteigerung durch das Internet wird üblicherweise die Wikipedia zitiert, in der es sehr viele umfassend recherchierte, objektiv geschriebene und immer wieder verbessert, ergänzt und kommentierte Artikel gibt.
Zu den Aufgaben der Redakteure und Peer-Reviewer gehörte nicht nur die Qualitätssicherung nach unten, sondern auch nach oben. Die wirklich brillanten Forscher und Künstler hatten zu Lebzeiten große Schwierigkeiten, in das offizielle gesellschaftliche Publikationssystem zu gelangen, da ihre Gedanken und Werke damals von den Gatekeepern nicht verstanden oder gefürchtet wurden. Qualitätssicherung heißt immer auch Bewahrung, Innovationsfeindlichkeit und dadurch letztlich Förderung des Mittelmaßes.
Das kommt auch schon daher, dass die Gatekeeper die Aufgabe haben, auf den Bedarf und die Möglichkeiten eines bestimmten Publikums zu achten – eines Publikums mit bestimmten Voraussetzungen und Beschränkungen. Im Fall der Redakteure ist dies häufig eine “allgemein-gebildete Öffentlichkeit”, im Fall der Wissenschaftler die “scientific community”. Um die Arbeit der Gatekeeper zu erleichtern, nimmt man bei beiden Öffentlichkeiten zum Beispiel einen bestimmten Bildungsgrad an. Die französische Revolution kann hier als bekannt vorausgesetzt werden, während die Oberbayerische Postbauschule erklärt werden muss. Ganz ähnlich funktioniert das in der Wissenschaft, da hier zwar viel mehr Fachwissen vorhanden ist, aber jeder Wissenschaftler in fast allen Disziplinen und Subdisziplinen außer der eigenen ein Laie ist.
Im Internet ist niemand dafür zuständig, für Rücksicht auf die Bedürfnisse und Voraussetzungen der unterschiedlichen Öffentlichkeiten zu sorgen. Jeder kann (und dies geschieht natürlich auch) so schreiben, dass es nur eine einzige Person – nämlich sie oder er selbst – verstehen kann. Aber noch häufiger richtet sich der Autor an eine mehr oder weniger esoterische Deutungs- oder Erlebnis-Gemeinschaft. Das Schreiben ins Internet zerstört die klaren Vorstellungen von Massen- und Durchschnittsöffentlichkeiten und ähnelt damit eher den hoch-metaphorischen hermetischen Texten der Alchemisten als den Fernsehnachrichten um 20 Uhr.
Insofern ist die Frage nach der Qualität eine überflüssige oder falsch gestellte Frage: Das Internet hat die Qualität stark vermindert, und das Internet hat die Qualität stark gesteigert. Aber vor allem ist es dabei, unsere Vorstellungen einer einheitlichen Zuschauer-, Hörer- und Leserschaft aufzulösen. Mit allen positiven und negativen Folgen.
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In formalen Organisationen passiert so etwas regelmäßig. Jemand legt sich mit den Strukturen und Prozessen der Organisation an und bekommt dafür die Rechnung. Dazu muss man keine Funktionen und Folgen formaler Organisationen gelesen zu haben, um vorhersehen zu können, dass ein Blogger, der seit kurzem bei einer großen Tageszeitung als CTRL-Verlustblogger engagiert wurde, im Ernstfall eines Streits mit der Organisation keine allzu guten Karten besitzt. Das hat dann auch nichts mit unterschiedlichen Publikationskulturen oder Dezentralität versus Zentralismus zu tun, sondern schlicht damit, wie kreativ man die Regeln, unter den man eingestellt wurde, auslegen kann, bevor es knallt.
Einigermaßen bemerkenswert ist allerdings doch, wie dieses Ereignis nun in anderen Blogs als “eklatanter Widerspruch zur Pressefreiheit” oder besonders daneben als “Bücherverbrennung” deklariert wird. Mit Pressefreiheit hat das nämlich überhaupt nichts zu tun. Pressefreiheit beschreibt nicht das Recht eines Bloggers, für seine Blogposts und nicht einmal selbstgeschossenen Fotos, eine reichweitenstarke Präsenz wie die FAZ als Bühne verwenden zu können. Pressefreiheit ist kein Recht darauf, gehört zu werden, sondern ein Abwehrrecht dagegen, zum Schweigen gebracht zu werden.
Ist es nicht eine herrliche Ironie, dass der Gründungsherausgeber der FAZ, Paul Sethe, 1965 folgende bitterbösen Sätze geschrieben hat, die heute in keiner Journalistikvorlesung fehlen:
Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten… Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher.
Der Witz an der Sache ist, dass genau dieser Zusammenhang 45 Jahre später nicht mehr zwangsläufig ist. Das Herstellen von Zeitungen und Zeitschriften mag immer noch einen zu großen Kapitalaufwand bedeuten, um das als Individuum stemmen zu können. Aber das Verbreiten der eigenen Meinung ist nicht mehr nur eine Frage des ökonomischen Kapitals. Jeder kann sich mit Hilfe von freien und kostenlosen Programmen wie der WordPress-Blogsoftware eine eigene Publikationsplattform schaffen und seine Meinung publizieren – “aus einer gemütlichen Stube heraus“. Das ist dann freilich noch keine Garantie dafür, dass die eigene Meinung dann auch gelesen wird, aber genau das ist auch Pressefreiheit. Im Web haben ein großer Verlag und ein einzelner Blogger wenigstens prinzipiell die gleichen Startbedingungen, ein gutes, lesenswertes Medium zu schaffen und dafür dann auch ein Publikum zu finden.
Genau an diesem Punkt wird es dann aber höchst politisch, denn dazu gehört z.B. auch, dass die Inhalte nicht aufgrund ökonomischer Erwägungen aus den wichtigen Distributions- und Informationskanälen wie Suchmaschinen, Videoplattformen, Wikis etc. herausgelöscht werden wie z.B. im Fall des Wikileaks-Videos “Collateral Damage” von Youtube geschehen. Dazu meine Slow-Media-Kollege Jörg Blumtritt, der einen “Virtuellen Rundfunk” fordert:
Eine Website, die auf Google nicht gelistet wird, existiert de facto nicht; ein Buch, dass Amazon nicht anbietet, kann man gleich wieder einstampfen; Musik, die i-tunes nicht listet, wird kaum gehört werden. Es ist höchste Zeit, dass wir – als Gesellschaft– aktiv werden, Initiative ergreifen, die Stimme erheben. Und zwar nicht, indem wir versuchen, über Regelungen und Gesetze alles in den alten Bahnen festzuzementierten (das wird ohnehin nichts bewirken). Nein, es ist vielmehr wichtig, eine aktive Rolle einzunehmen und nicht nur zu reagieren.
Das Problem ist nicht der Kontrollverlust eines Bloggers gegenüber einem Unternehmen, mit dem er ein für ihn wie auch immer missverständliches Vertragsverhältnis eingegangen ist, sondern der drohende Kontrollverlust gegenüber einer immer mächtigeren Informationsinfrastruktur, deren wesentliche Bausteine nicht in öffentlicher, sondern privater Hand sind. Da hat der alte Sethe dann doch noch seine Relevanz.
Ergänzung: Die Blogosphäre wäre eine viel interessantere Welt, wenn alle Blogger ihre Fotos selbst machen würden.
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Vielleicht ist es gar nicht so sinnvoll, immer in die Tiefe zu bohren. Insbesondere, wenn sich dort Dinge verbergen, die man gar nicht wissen möchte. Eine Art Schlusswort zu dem Reichstagsmärchen habe ich auf dem Slow Media-Blog geschrieben. Mögen die Hunde süß weiterschlafen.
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Ohne das Internet hätte es wahrscheinlich kaum jemand gemerkt. In der Halbzeitpause sprechen die ZDF-Moderatorin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn über das Tor von Miroslav Klose im ersten Spiel der WM mit deutscher Beteiligung. Dabei rutscht Müller-Hohenstein die zweifelhafte Formulierung “Das war für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag” heraus. Zu diesem Zeitpunkt ist das Publikum normalerweise auf dem Weg in den Keller um noch ein Bier zu holen oder geht kurz auf die Toilette. Heute sitzt man nebenbei am Computer und kommentiert das Spiel auf Facebook oder Twitter:
Noch in derselben Sekunde werden die ersten Twitter-Nachrichten verschickt, die mit der Wortwahl der Moderatorin, vorsichtig ausgedrückt, überhaupt nicht zufrieden sind. Nahezu ebenso schnell schlagen die ersten Nutzer im Wiktionary nach und verharmlosen die seltsame Wortwahl als gängige umgangssprachliche Redewendung (kurzer Hinweis: darum geht es gar nicht, sondern darum, dass eine Formel, die im Dritten Reich üblich war in der Primetime auf dem ZDF gesendet wird – ohne jede Distanz). Es folgen dann zum Teil sehr seltsame Begründungen, warum so eine Redewendung unproblematisch sei:
Aber nicht nur das Publikum sitzt an den Rechnern, sondern auch der Sender. Und auch hier wird per Twitter das Gesagte kommentiert:
Diese Twitter-Nachricht hat das Potential für mich zu meinem bisherigen Twitter-Tiefpunkt zu werden. So kommuniziert der offizielle Kanal einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt? Redewendungen, die im Dritten Reich gängig waren und heute noch in der Umgangssprache weiterleben finden nicht nur über eines der reichweitenstärkste Fernsehformat einen Weg in den öffentlichen Sprachgebrauch, sondern werden auch noch als einfache Redewendung entschuldigt – Reichsparteitag steht hier auch für eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt für Stolz und Befriedigung. That’s it? Ich hoffe nicht.
UPDATE: Auch die Welt und die taz haben das Thema schon aufgegriffen. F!XMBR widmen dem Thema zwei Blogposts und auch auf Wortreich und dem medium-Blog finden sich Posts dazu.
UPDATE 2: In der taz hat der WDR-”Kultreporter” 2005 in einem Interview von einem ähnlichen Fehlgriff erzählt: “Es gab ein Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Nürnberg. Der Spieler Detlef Szymanek, zuvor von Düsseldorf nach Nürnberg gewechselt, erzielte ein Tor und ich benutzte ausgerechnet die Formulierung “das war für ihn ein innerer Reichsparteitag”. In dem Moment als ich den Satz gesprochen hatte war mir klar, dass gibt Ärger. Und so war es auch.”
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Was Douglas Adams vor gut 10 Jahren über die Internetkritiker
geschrieben hat, gilt heute … ähm … immer noch für die
Internetkritiker, aber auch für die Kritiker der Internetkritiker (und
wahrscheinlich auch für die Slow-Media-Kritiker):
“I suppose earlier generations had to sit through all this huffing and
puffing with the invention of television, the phone, cinema, radio,
the car, the bicycle, printing, the wheel and so on, but you would
think we would learn the way these things work, which is this:
1) everything that’s already in the world when you’re born is just normal;
2) anything that gets invented between then and before you turn thirty
is incredibly exciting and creative and with any luck you can make a
career out of it;
3) anything that gets invented after you’re thirty is against the
natural order of things and the beginning of the end of civilisation
as we know it until it’s been around for about ten years when it
gradually turns out to be alright really.
Apply this list to movies, rock music, word processors and mobile
phones to work out how old you are.”
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Über den Begriff “Communitas” bin ich in meinen Ethnologieseminaren immer wieder gestolpert. Der große Symboldeuter Victor Turner hatte diesen Begriff verwendet, um eine Erfahrung zu beschreiben, die häufig in Zusammenhang mit einem Übergang auftritt. In vielen Ritualen tauchen solche Schwellenzustände auf, in denen auf einmal die gewöhnlichen Strukturen des Alltags aufgehoben werden und alle auf derselben Stufe stehen (wobei es eigentlich gar keine Stufen mehr gibt). Wenn die Schwelle dann überschritten wird, festigt sich die Struktur wieder und die Teilnehmer des Rituals haben sich auf einmal verändert und besitzen z.B. einen neuen sozialen Status.

Ich glaube, dass die Faszination der Early Adopters diesem Communitas-Zustand, also einem ganz intensiven Gefühl, gerade etwas bedeutendes gemeinsam zu erleben, ähnelt. Gerade Social-Media-Plattformen wie Twitter, Pownce (“egak”), Second Life, Facebook oder Foursquare hatten für mich in der Anfangszeit deutliche Ansätze einer liminalen Communitas-Erfahrung. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten, wie man auf diese Plattformen kommt. Entweder man gehört zu den Spätzündern, die von einem größeren Freundes- oder Bekanntenkreis dorthin gezogen werden (man gehört also zur kritischen Masse, im Gegensatz zur unkritischen Communitas). Die anderen haben sich dort schon eingerichtet, wissen über die Möglichkeiten und Grenzen der Plattformen Bescheid und können den Nachzüglern jederzeit eine Kurzeinführung geben. Soziologen würden hier von Sozialisation sprechen. Eine sehr schöne Beschreibung habe ich auf dem Savage-Minds-Blog gefunden:
I am a late adopter of Twitter (r3×0r — feel free to follow me), and one of the nice things about being late to the party is that all of your old friends have already arrived and had a few drinks by the time you find a place to park.
Ganz anders die Early Adopters. Sie warten die ganze Zeit darauf, dass das “next shiny toy” am Horizont auftaucht, und wenn die Türe zum Alpha- oder Betatest geöffnet werden, strömen sie auf die Plattform und beginnen damit gemeinsam herauszufinden, was man mit diesem neuen Spielzeug alles anfangen kann. In den zum Teil nächtelangen Sitzungen entsteht dabei, da es sich oft im Kern um dieselben Personen handelt, die man schon von anderen Plattformen kannte, eine Erfahrung, gerade an einem mehr oder weniger bedeutenden Moment der Geschichte des Internets teilzunehmen – oder besser: sie gerade gemeinsam zu schreiben. Jeder fängt gleichermaßen bei Null an, so dass es ganz im Turnerschen Sinne in diesem Moment kaum feste Strukturen gibt, sondern nur eine undefinierte, aber gemeinsame Erfahrung. Das Spannende und Faszinierende daran (nicht nur für den Early Adopter, sondern auch für den Plattformbetreiber) ist gerade die Möglichkeit, mit anzusehen, wie sich diese Strukturen allmählich entwickeln.
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