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Internetwerbung legt weiter zu

Der Branchenverband Interactive Advertising Bureau hat zusammen mit PricewaterhouseCoopers die aktuellen Zahlen für die Entwicklung der Internetwerbung in den USA vorgestellt (hier geht’s zum kompletten Bericht). Insgesamt hat dieser Bereich zwischen 2006 und 2007 ein beeindruckendes Wachstum von 17 Mrd. auf 21 Mrd. USD gezeigt. Damit kann die Internetwerbung erneut auf ein Rekordjahr zurückblicken. IAB-LeiterRandall Rothenberg kommentierte die Entwicklung wie folgt:

Explosive innovation in the industry is providing marketers with new and unique ways to reach consumers—it’s a very exciting time.

Die Einnahmen durch Onlinewerbung liegen zwar noch deutlich hinter der Fernsehwerbung (31 Mrd. USD) und der Zeitungswerbung (49 Mrd. USD), hat aber mittlerweile Radio (21 Mrd. USD) und Kabelfernsehen (20 Mrd. USD) hinter sich gelassen.

Deutlich expandiert konnten der Bereich rich media. Wurden 2006 erst 7 Prozent der Werbeeinnahmen im Internet über Videos, Animationen und Audioclips erzielt, waren es 2007 bereits 10 Prozent. Auch die Werbung über Suchmaschinen, die 2006 bereits den größten Umsatz erzielte, konnte von 40 auf 41 Prozent leicht zulegen. Zum Thema Blogs und Social Media findet man in dem Bericht allerdings nichts. In absoluten Zahlen dürfte es sich um eine kleine Nische handeln, aber die Entwicklung wäre interessant zu beobachten.

Unter den Pricing-Modellen lässt sich ein leichter Trend in Richtung Leistungsorientierung feststellen: 51 Prozent der Einnahmen werden mittlerweile auf diese Weise erzielt (2006: 47 Prozent) und nur noch 45 Prozent über CPM- oder Abrufmodelle (2006: 48 Prozent). Allmählich scheint sich in der Industrie also herumzusprechen, dass Leistungsmodelle den großen Vorteil haben, eine unmittelbare Aussage über den Erfolg einer Werbemaßnahme zu treffen und relativ robust gegenüber künstlich generierten Trafficströmen sind. Zudem sind das die Modelle, die einer entwickelten digitalen Konsumgesellschaft momentan am besten entsprechen. (via Media Bullseye)



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  • Die Datenbank der Wünsche, Folksonomies und Trampelpfade

    [Der Wildbach] wühlt sich sein Bette selbst und bricht sich Bahn,
    nicht des gemessnen Pfades achtet er.
    Schiller

    Clay Shirkys aktuelles Buch “Here Comes Everybody: The Power of Organizing Without Organizations” ist nicht nur ein gut lesbarer Einstieg in die Organisationsforschung – oder besser: Un-Organisationsforschung -, sondern macht insbesondere einen Punkt immer wieder deutlich: Das neue Netz (oder Web 2.0) stellt technische Hilfsmittel bereit, mit denen neue Formen des kollektiven Handelns möglich werden, die weder durch spontane Zusammenschlüsse von Personen möglich waren (zu großer Maßstab bzw. zu hoher Koordinierungsaufwand) noch durch Organisationen bereitgestellt werden konnten (zu hohe Overheadkosten).

    Anschauliche Beispiele sind die Wikipedia als größte Enzyklopädie in der Geschichte der Menschheit, aber auch die “Datenbank der Wünsche” (Battelle), die mit jeder Google-Suchanfrage erweitert und aktualisiert wird – im Übrigen: Ist es nicht langsam es an der Zeit, dass wir einen API-Zugang zu diesem neuen Weltwissen bekommen? Auch die visuell-semantischen Bedeutungsnetzwerke, die durch das Vergeben von Flickr-Tags entstehen, sind eine ähnliche Leistung. Welches Unternehmen könnte in jeder Minute 2.000 mit Tags versehen?

    Etwas anders gelagert ist das Phänomen, das hinter diesen Fotos steckt. Abgebildet sind sogenannte “Wunschpfade”, also Wege, die von Planern nicht vorgesehen waren, sich aber durch das ständige Begehen allmählich in die Landschaft einschreiben. Auch hier sind es weder Organisationen noch irgendwelche Gruppen, die diese rebellischen Trampelpfade schaffen, sondern das Ergebnis ist auch hier eine kumulierte Nebenfolge des individuellen Handelns. Nur: mit moderner Technologie hat das nicht viel zu tun und auch die hohen Organisationskosten waren hier nicht die Ursache dafür, die Pfade nicht von Anfang an einzuplanen.

    Dennoch halte ich diese Bilder für ein anschauliches visuell-räumliches Pendant zu Folksonomies, also den emergenten Wissensordnungen die sich aus der individuellen Vergabe von Schlagwörten (Tags) entwickeln. (via)

    (Abbildung: “Three Mills Green” von LoopZilla, CC-Lizenz)



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  • Wie politisch ist die Blogosphäre?

    SPD und Union dominieren den Diskurs der politischen Blogosphäre. Bei den Jugendorganisationen ist das Bild ausgewogener.

    Vor kurzem konnte man auf Heise Online ein Interview mit Jan Schmidt zum Thema Parteien im Netz lesen. Darin stellt er fest, dass sich das Onlineengagement der deutschen Parteien im Gegensatz zu den USA noch in einer Experimentierphase befindet. Die politische Meinungsbildung bleibe demnach weiterhin stark printzentriert:

    Die überregionale Printpresse bleibt trotz aller Probleme stark. Vielleicht ist das Bedürfnis nach Alternativ-Öffentlichkeiten deshalb niedriger als anderswo.

    Schon vor längerem habe ich mich gefragt: Wie politisch ist die Blogosphäre? Entsprechen die politischen Einstellungen von Bloggern dem Bevölkerungsdurchschnitt? Oder tendiert die digitale Avantgarde zu liberalen, techno-utopistischen politischen Ideen? Spielen politische Parteien in der Blogosphäre überhaupt eine Rolle oder sind es andere, vernetzte Initiativen und Kampagnen, die hier relevant sind? Beispiele dafür wären zum Beispiel abgeordnetenwatch.de, der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung oder trupoli.

    Zumindest die Frage nach den politischen Parteien lässt sich mit Hilfe meines Blogbuzz-Tools beantworten, das zählt, wie oft die einzelnen Parteien in der Blogosphäre an einem bestimmten Zeitpunkt erwähnt werden. Damit ist natürlich noch nichts über die Bewertung der Parteien gesagt – ob es um Lob oder Kritik geht, lässt sich an diesen Zahlen nicht feststellen. Aber man kann erkennen, wie sich die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Parteien verteilt, was in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie eine wichtige Währung darstellt.

    Die folgende Grafik fasst alle Parteierwähnungen des letzten Monats (Februar 2008) zusammen:

    Man erkennt hier verglichen mit der Forsa-Sonntagsfrage vom 27. Februar nahezu identische Werte für die Unionsparteien (36 Prozent Forsa vs. 35 Prozent Blogs), aber das war es auch schon an ähnlichkeiten. Die SPD ist die Partei, die im Februar am häufigsten in der Blogosphäre genannt wird – fast jeder zweite Blogeintrag, in dem eine Partei vorkommt, nennt die Sozialdemokraten. Auch die FDP schneidet mit 15 Prozent sehr stark ab, während die Grünen und die Linke hier nur ein minimales Maß an Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Die großen Volksparteien bestimmen also ganz klar die Aufmerksamkeitsökonomie der Blogosphäre, auch wenn sie in den Wahlen immer seltener die Massenbasis erreichen können. Die politische Blogosphäre ist also keineswegs ein Fünfparteiensystem.

    In der Längsschnittbetrachtung kann man einzelne blogmediale Ereignisse finden, die zu einer Aufmerksamkeitsspitze für einzelne Parteien führen. In dieser Grafik, die die Werte für den letzten Monat darstellen, kann man am 25. deutlich eine Spitze für die CDU und die Grünen finden, die sich mit den Parteiwechsel von Metzger in Verbindung lässt. Zudem erkennt man einen ebensolchen peak für die CSU am 3. und 4. März – hier hat in der Blogosphäre die Aufbereitung der bayerischen Kommunalwahlen stattgefunden:

    Bei den politischen Jugendorganisationen ist das Bild schon etwas ausgeglichener. Hier schneiden insbesondere die Grüne Jugend und die Linksjugend ['solid] im selben Zeitraum deutlich besser ab als entsprechenden Parteien, denen sie nahestehen. Auch die Jungen Liberalen sind etwas stärker vertreten. Dennoch sind auch hier die Jusos mit Abstand am stärksten. Über 40 Prozent der Nennungen von politischen Jugendorganisationen entfallen auf die Jungsozialisten, während die Junge Union nur in gut einem Fünftel der Beiträge genannt wird.

    Insgesamt waren es 365 Nennungen in dem untersuchten Zeitraum, wobei Beiträge, in denen zwei Jugendorganisationen erwähnt werden, auch doppelt gezählt wurden. Dagegen findet man bei der Suche nach den politischen Parteien für den Februar 26.149 Nennungen. Auch wenn die Blogosphärenbevölkerung jünger ist als der Bevölkerungsdurchschnitt, liegt der Fokus eindeutig auf den Parteien, während die Jugendorganisationen nur eine marginale Rolle spielen. In dieser Hinsicht besteht also noch Nachholbedarf. Gerade wenn zutrifft, was Jan Schmidt im Heise-Interview feststellt, nämlich “dass vor allem junge, höher gebildete und internetaffine Menschen für Online-Wahlkämpfe zugänglicher sind” könnten die Jugendorganisationen noch viel präsenter in den Blogosphärenkonversationen sein.

    Auf der re:publica werde ich übrigens zum Thema digitaler politischer Aktivismus zusammen mit Marc Scheloske (Wissenswerkstatt, die heute ihren ersten Geburtstag feiert) noch ein paar Thesen präsentieren, die sich auf die Ergebnisse der Burma-Studie (siehe auch hier) stützen, die wir letzten Herbst durchgeführt hatte.



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    sw-horz-w3c.pngVor wenigen Tagen zitterten Blogosphäre und Web2.0 vor Aufregung: Yahoo, so hieß es, würde große Nachrichten bekanntgeben, die das Netz zu einem besseren Ort machen würde. Also konnte es schon einmal nicht um die Übernahme durch AOL gehen. Tatsächlich gab Yahoo am Freitag bekannt, dass das Unternehmen sich von nun an als Evangelist des Semantic Web betrachten will.

    Worum geht es im Semantic Web? Die grundlegende Idee ist schnell erzählt: Die Informationen, die wir auf unseren Homepages, in unseren Blogs und Social Networks hinterlegen, sollen maschinenlesbar werden. Die nur für Menschen entzifferbare Aussage “X ist ein Kollege von mir” soll nun zusätzlich mit Hilfe von Mikroformaten wie XFN (kurz für “XHTML Friends Network”) oder FOAF (Akronym für “Friend of a Friend”) derart ausgezeichnet werden, dass ein entsprechender Parser sie verstehen kann. Das kann dann zum Beispiel so aussehen (“friend met” verweist hier auf eine befreundete Person, die der Verlinkende schon im wirklichen Leben getroffen hat):


    <a href="http://www.wissenswerkstatt.net/" rel="friend met">Marcs Wissenswerkstatt</a>

    Davon erhofft man sich einen besseren Zugriff auf die im Web 2.0 gespeicherten Informationen. So könnte man zum Beispiel mit Personensuchmaschinen auf diese Weise nicht nur erfahren, auf welchen Internetseiten der Name einer Person auftaucht, sondern zudem auch Dinge wie: die eigene Homepage der Person, die Seiten seiner Freunde und Arbeitskollegen, seine Profile bei Facebook, Twitter, Xing usw. Es geht also um die Übertragung der realen Beziehungsnetzwerke (“everyone’s connected”) in die digitale Sphäre (“social graph”). Das Internet wird dadurch sehr viel enger und aussagekräftiger verlinkt als bisher:

    Linked Data is about using the Web to connect related data that wasn’t previously linked, or using the Web to lower the barriers to linking data currently linked using other methods.

    So praktisch das sein mag, wenn es darum geht, seine Freunde und Bekannte im Netz ausfindig zu machen – ganz abgesehen davon, dass ein derart ausgezeichnetes Netz die wildesten Träume vieler Netzwerkanalytiker übertreffen würde –, so problematisch ist diese Entwicklung, was die Missbrauchmöglichkeiten betrifft.

    Was geschieht, wenn meine Seite (und damit meine virtuelle Identität) mit einer Person aus organisiert-kriminellem oder terroristischem Umfeld per Mikroformat verknüpft werden? Die Stärke eines dezentralen Systems (es gibt keinen “Datenbankadministrator, der Gott spielen kann”) werden hier zur Schwäche. Denn: Wer garantiert, dass die Verbindungen zu meiner Person, die auf anderen Webseiten formuliert werden, auch tatsächlich zutreffen? Denn die meisten dieser Formate sind, anders als LinkedIn-, Xing- oder Facebook-Freundschaften, nicht nur dezentral, sondern auch unidirektional, d.h. sie müssen nicht bestätigt werden.

    Verschärft wird dieses Problem noch durch die Permanenz des Internet: wenn einmal an einer Stelle eine Beziehungsaussage über mich getroffen wurde, kann diese möglicherweise nicht mehr gelöscht werden, da sie über Archive aufgefunden werden kann (so scheint das Google Social Graph API, kurz: SGAPI, Beziehungsdaten zu cachen) oder bereits in zahlreiche FOAF-Datensätze auf anderen Seiten integriert wurde. Denn eine sinnvolle Möglichkeit, Beziehungsclaims zu zitieren (“Ich sage, dass Markus gesagt hat, Anne ist mit Peter befreundet”) gibt es meines Wissens noch nicht.

    Das hat zur Folge, darauf hat danbri in seinem VortragSocial Network Portability” am 1. März in Cork hingewiesen, dass derartige Aussagen nicht als Tatsachenaussagen betrachtet werden dürfen, sondern nur als Behauptungen (“Claims”). Ein Semantic Web-Parser muss also in Betracht ziehen, welche Person hinter einer FOAF-Aussage steckt.

    Einen möglichen Ausweg stellen Systeme wie SPARQL (kurz für “SPARQL Protocol and RDF Query Language”) da, die nicht nur die Aussagen aus dem semantischen Netz ziehen, sondern sich darüber hinaus auch dafür interessieren, an welcher Stelle und von welchem Akteur die Aussagen gemacht wurden. Hier geht es also nicht nur um die Frage: “Wer ist mit Peter befreundet?” sondern um “Wer sagt, dass Anne mit Peter befreundet ist?”

    Momentan laufen erste Versuche, WordPress SPARQL-freundlich zu machen (“SparqlPress”). Damit werden zwei Ziele verfolgt: zum einen über einzelne Blogs Daten bereitzustellen, die mit SPARQL abgerufen werden können. Dadurch kann dann zum anderen das eigene Blog in eine automatisch aktualisierte Kontaktdatenbank verwandelt werden. Auf Grundlage der eigenen Kontaktliste können dann Aktivitätsströme erstellt werden, ähnlich zu den Facebook- und Xing-Statusmeldungen oder zu neuen Lifestream-Diensten wie Friendfeed. Mit dem FOAFnaut gibt es auch schon ein graphisches Interface, um das eigene FOAF-Kontaktnetzwerk zu visualisieren.

    Wahrscheinlich lassen sich die Veränderungen, die sich durch die allmähliche Etablierung des Semantischen Netzes für das digitale Identitäts- und Beziehungsmanagement ergeben werden, überhaupt noch nicht in ihrer ganzen Tragweite erkennen. Zwei Punkte scheinen mir jedoch absehbar:

    • Klar ist, dass die in diesem Ausmaß noch nie da gewesene Archivierung und öffentliche Zugänglichkeit von Beziehungsdaten das digitale Identitäts- und Beziehungsmanagement zu einer sehr viel komplexeren Aufgabe machen wird. Das Prinzip “security through obscurity” wird es für diesen Bereich nur noch rudimentär geben: meine sozialen Beziehungen sind nicht mehr Teil der Privatsphäre, sondern öffentlich einsehbar.
    • Das professionelle Reputationsmanagement wird ein sehr wichtiges Geschäftsfeld werden, da für den Normalbürger die Kanäle gar nicht mehr absehbar sind, über die Informationen über die eigene Person verbreitet werden. Früher konnte man sich schon denken, wer ein Gerücht in die Welt gesetzt hat, heute sind es anonyme Maschinen, die Informationen aus unterschiedlichen Quellen kombinieren und als Ergebnis dann z.B. ein mit Ortskoordinaten versehenes Bild der eigenen Familie ausspucken.
    • Zugleich wird sich dadurch auch das Wesen der Suchmaschinen verändern, die nicht mehr allein zum Abrufen von Textinhalten genutzt werden können, sondern auch zum Abfragen von Beziehungsdaten.

    Frei nach Kisch könnte man also schlussfolgern: Mit den Möglichkeiten des Semantischen Netz wird das Leben schöner, aber unsicherer.



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  • Reputationsmanagement und “Google’s unforgiving memory” – Soloves Buch “The Future of Reputation” als eBook downloadbar

    reputation.pngDie ehrwürdige Yale University Press (vor 100 Jahren gegründet) macht es vor: Das aktuelle Buch von Daniel Solove (Unihomepage, Blog), das sich mit dem Problem des digitalen Reputationsmanagements befasst, wurde unter einer Creative Commons-Lizenz veröffentlich und lässt sich kapitelweise als PDF-Dokumente herunterladen.

    Nachdem Solove in dem Vorgänger “The Digital Person” die Datensammelwut der Unternehmen und des Staats unter die Lupe genommen hat, geht es in “The Future of Reputation” jetzt um die Informationen, die wir – die Internetnutzer – freiwillig über uns verbreiten. Zum Problem wird das Ganze dann, wenn man Informationen über sich selbst veröffentlicht hat, die man später bereut (Star Wars-Kid oder gerade eben erst Nicolas Sarkozy). Oder noch schlimmer: Wenn andere Personen reputationsschädigende Informationen über einen selbst verbreiten, die dann kaum mehr kontrolliert werden können (also digitale Rufmorde oder Hexenjagden wie in dem Fall des koreanischen “dog-poop girl“, den Solove zitiert, oder z.B. die BILD-Leserreporter). Doch gleichzeitig gilt es auch das grundlegende Recht auf freie Meinungsäußerung zu bewahren. Das ist das Spannungsfeld, mit dem sich Solove in dem Buch auseinandersetzt:

    This is a book about how the free flow of information on the Internet can make us less free.

    Es geht also um das Problem der Freiheit im Internet. Auf der einen Seite die ganzen positiven Effekte, die zum Beispiel mit dem Bloggen verbunden sind, wie zum Beispiel die Unabhängigkeit von Redakteuren und Zeilenlimits:

    Blogging brings instant gratification. I can quickly work up my thoughts into a post and publish them to the website for the world to read. People then post comments, and I can have a discussion with them. Blogging has allowed me to explore many an idea that might have languished in a forgotten corner of my mind.

    Auf der anderen Seite gelangen über Blogs auch Informationen in die mittlerweile globalisierte und unvergängliche – Google ist ein “grausamer Historiker” – Internetöffentlichkeit, die die persönliche Freiheit des Bloggers oder anderer Personen einschränken können. Schnell wird dabei deutlich, dass man im Fall der “Generation Google” mit den herkömmlichen Unterscheidungen wie etwa zwischen einer (i.d.R. häuslichen) Privatsphäre und einer öffentlichen Sphäre nicht mehr so richtig weiter kommt. Sind Blogs öffentliche oder private Meinungsäußerungen? Agora oder Tagebuch?

    2227505888_4bd1090c41_m.jpgDazu kommt, dass die Viralität des Internets (endlich einmal kann ich dem Titel dieses Blogs gerecht werden) die für die moderne funktional-differenzierte Gesellschaft grundlegende Unterteilung in verschiedene mehr oder weniger isolierte Sphären hinfällig machen kann. Funktionale Differenzierung (“Teilinklusion”) garantiert, dass das, was ich mit meinen Arbeitskollegen, mit meinem Weinhändler und mit meinen Kindern bespreche, nicht ineinander fließt, sondern mir erlaubt, verschiedene Rollen einzunehmen: wissenschaftlicher Mitarbeiter, Kunde und Vater. Mit MySpace, Facebook und Weblogs gibt es immer mehr Lecks in diesem Differenzierungsgebäude, die mittlerweile das neue Geschäftsfeld des Reputationsmanagements ins Leben gerufen haben:

    Everybody’s googling. People google friends, dates, potential employees, long-lost relatives, and anybody else who happens to arouse their curiosity.

    Mittlerweile gibt es sogar bereits spezialisierte Personensuchmaschinen wie yasni.

    Der erste Teil des Buches versucht sich in einer Bestandaufnahme der digitalen Reputation von den neuen Techniken der Informationsverbreitung über den Wandel von Klatsch im digitalen Zeitalter bis hin zu Praktiken des naming and shaming. Der zweite Teil zieht dann rechtliche Schlussfolgerungen daraus und bearbeitet das Spannungsfeld zwischen freier Meinungsäußerung und Rufschädigung anderer, formuliert einen angemessenen Begriff der Privatsphäre und wirft einen Blick auf die rechtlichen Regulierungsmöglichkeiten.

    Ich habe bis jetzt nur das erste Kapitel ganz gelesen und in den Rest nur kurz hineingesehen, möchte aber auf jeden Fall schon einmal eine Leseempfehlung aussprechen. Und dann am besten das Buch auch noch in der Papierversion kaufen, damit sich das CC-Experiment für den Yale-Verlag lohnt. (via)

    (Abbildung “Spanish Wine Shop 1873″ von souravdas)



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    Google-Suchergebnisse lassen sich seid kurzem nicht mehr nur als schnöde Liste mit kurzen Ausschnitten darstellen (“list view”), sondern auch chronologisch (“timeline view”), räumlich (“map view”) oder als Ansicht, in der Orte, Zeitpunkte, Maße oder Bilder hervorgehoben werden. So kann man zum Beispiel die Treffer eines Suchbegriffs dahingehend einschränken, dass sie zwischen 100m und 1km liegen sollen – wofür auch immer das nützlich sein soll. Oder man erhält eine Zeitleiste, auf der alle in den Texten vorkommende Jahreszahlen markiert sind (hier frage ich mich dann schon, wie 2000 als Jahreszahl von 2000 als einfache quantitative Angabe unterschieden wird).

    google2.png

    Deutlich intuitiver ist natürlich die ortsbezogene Sichtweise, die allerdings zunächst nicht viel mehr ist als Geomashup der Suchergebnisse anhand des Vorkommens bestimmter Schlüsselwörter, die auf Orte hinweisen. Damit lässt sich aber auch der Suchraum geographisch einschränken, zoomt man in dem rechten Kartenausschnitt und klickt auf “Update Results”, dann erhält man auch nur die Treffer, die sich auf die angezeigte Region beziehen.

    google1.png

    Etwas ähnliches hatte ich mit meiner mivino-Anwendung auch schon einmal unternommen: Damit lassen sich die RSS-Feeds der partizipierenden Weinblogs je nach den im Text vorkommenden Winzern, Weinlagen oder Orten in einem GoogleMaps-Mashup darstellen. Das Ziel ist dabei etwas ähnliches, nur auf eine bestimmte Thematik bezogen und dadurch auch etwas feinkörniger (letztlich sollen dann auch einzelne Lagen geokodiert werden).

    riefling.png

    Das Muster dahinter ist dasselbe: Es geht darum, Daten aus dem WWW mit Hilfe von Zuordnungs-Tabellen oder künstlicher Intelligenz auf eine andere Weise als üblich darzustellen. Oder besser: dem Anwender eine Vielzahl an Möglichkeiten anzubieten, durch die Datensätze zu browsen. Als “Personalisierung” würde ich das jedoch noch nicht bezeichnen, erst dann, wenn z.B. sich Google die regionale oder zeitliche Eingrenzung merken würde. Eigentlich ist es ja erstaunlich, wie lange sich die Suchmaschinen-Trefferliste als Darstellungsform gehalten hat und Veränderungen nur behutsam eingeführt wurden, wie Kate Green bemerkt: “Die Web-Suche wird sich wohl verändern, doch nur schrittweise. Schließlich ist es ein schmaler Grad zwischen nützlichen Zusatzinfos und der Überfrachtung des Nutzers mit neuen Funktionen.”

    Dabei gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten: Zum einen die Einführung bestimmter Metadaten, mit denen eine Ressource z.B. nach Datum oder Ort kodiert werden kann. Die Standards hierzu gibt es bereits (z.B. GeoRSS in den Varianten Simple und GML), das Problem ist nur der Aufwand bei der Einfügung dieser Daten. Sehr viel eleganter finde ich daher die zweite Möglichkeit, den Computer diese Zuordnungen selbst machen zu lassen (siehe diese Demoanwendung). Wenn in einem Text der “Eifelturm” erwähnt wird, sollte es möglich sein, einen Pin fünf Kilometer südlich vom Nürburgring in die Karte zu stecken – bzw. aus den weiteren Wörtern im Kontext des Begriffs herauszulesen, ob dies der gemeinte Ort ist. Vielleicht das ganze dann noch durch eine Community “korrekturlesen” lassen oder gleich bei häufig verwendeten Begriffen auf die große Zahl geokodierter Wikipedia-Artikel zugreifen, die mittlerweile schon eine sehr brauchbare semantische Geodatenbank darstellen.



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  • 10+ Gründe für oder gegen Trackbacklinks in der Blogosphäre

    Dafür dass die Technologie “Trackback” erst fünfeinhalb Jahre alt ist, wurde bereits ziemlich oft ihr Tod verkündet. Im August 2002 wurde in der Weblogsoftware Movable Type Version 2.2 die Möglichkeit dieser automatisierbaren Verlinkung eingebaut. In der Praxis sieht das so aus: Angenommen ich verlinke in einem Blogbeitrag einen anderen Blogbeitrag auf einem Trackback-fähigen Weblog, dann sendet mein Weblog eine Benachrichtigung an dieses andere Blog, das dann in dem von mir zitierten Post z.B. einen Kommentar anlegt mit einem kurzen Textauszug aus meinem Blogbeitrag sowie einem Link dazu. Auf den ersten Blick eine geniale Möglichkeit, nicht nur den Vernetzungsgrad im Internet zu steigern, sondern auch eine ganz neue Art der Bezugnahme auf andere Texte. In etwa so als würde, wenn ich in einem wissenschaftlichen Aufsatz einen anderen Aufsatz zitiere, in diesem Aufsatz dann eine kurze Fußnote erscheinen, dass ich diesen zitiert habe. Siehe dazu auch die Abbildungen in dem lesenswerten Artikel “Taking TrackBack Back (from Spam)“.

    Der Nachteil dieser kommunikationstechnologischen Errungenschaft? Es gibt da ein Gesetz in der digitalen Welt: Wenn Kommunikationsfunktionen automatisierbar sind, werden diese früher oder später für den Versand von Spam verwendet. Jeder, der ein Weblog besitzt, hat das sicher schon einmal erfahren: Jede Menge sinnlose Trackbacks von Spamseiten landen Tag für Tag in der Kommentarliste. Das ist ärgerlich und die Bereinigung erfordert einiges an Aufwand. Sollte man deshalb die Trackbackfunktion einfach ausschalten oder lohnt sich die Mühe? Im Folgenden einige Argumente für und gegen das Trackbacken:

    1. PRO Trackbacks sind eine der selten Möglichkeiten, im WWW bidirektionale Links ohne größeren Aufwand anzulegen und erhöhen dadurch den Vernetzungsgrad sowie für den einzelnen Internetsurfer die Wahlmöglichkeit.
    2. PRO Trackbacks machen Kommunikationsstrukturen in der digitalen Welt sichtbar (und sind für Soziologen wie mich darin sehr nützlich). Als Blogger wie auch als Leserin kann ich direkt sehen, wer sich auf einen Artikel bezieht. Man kann sehen auf welchen Wegen sich “Meme” reproduzieren.
    3. PRO Trackbacks sind ein wichtiger Bestandteil des Informationsflusses in der Blogosphäre, was jeder schon einmal beobachten konnte, der neue Besucher über einen Trackbacklink empfangen hat.
    4. PRO Trackbacks sind ein Anreiz zu Verlinkung und Kommunikation (der Verzicht auf Trackbacks gehört zu Christianes 20 Tipps für erfolgloses Bloggen). Trackback schafft Traffic (in beide Richtungen) und ist daher im Eigeninteresse der Bloggerin. Iskwew schreibt dazu: “Trackbacking is the formalised glue of the blogging community”.
    5. PRO Trackbacks fördern die Diskussionskultur. In Seth Godins Blog sind z.B. nur Trackbacks erlaubt und keine Kommentare, um zu erreichen, dass die Nutzer eigene Texte in Anschluß an den Ursprungsbeitrag formulieren und nicht nur “full ack” hinformularisieren.
    6. PRO Trackbacks funktionieren als dezentrales System. Man ist auf keinen anderen Dienst (Google, Technorati) angewiesen, um zu sehen, wer einen Blogbeitrag verlinkt hat. Das meint auch Paul O’Flaherty, der fragt: “Is The Trackback Dead? Only If You’re Selfish?”
    7. PRO Trackbacks erhöhen die beobachtbare Aktivität auf einem Blog. Sowohl Autoren als auch Leser haben das Gefühl, “dass sich etwas tut” und nicht nur ins Leere geschrieben wurde.
    8. PRO Mit Hilfe von Trackbacks kann man häufig Contentdiebe entlarven, die eigene Blogbeiträge Wort für Wort übernehmen, um mit begleitender Werbung Geld zu verdienen.
    9. CONTRA Ein großer Teil der Trackbacks sind Spam. Wobei hier zum einen das Pingback-Protokoll etwas fortschrittlicher ist, da es nur Links akzeptiert, die von einer real existierenden Quelle stammen und zum anderen gibt es Tools wie den Spamfilter Akismet oder das WordPressplugin Simple Trackback Validation, die mittlerweile ziemlich zuverlässig einen großen Teil des Viagra-Spams entfernt.
    10. CONTRA Mittlerweile gibt es andere Möglichkeiten, zu erfahren, wer einen Blogbeitrag verlinkt. Beispiele sind die Technorati-Reaktionen, Memetracker wie Rivva oder die Suche mit dem link:-Präfix in Suchmaschinen wie GoogleBlogsearch oder Blogato.
    11. CONTRA Automaten sind Spam-anfällig, mit manuellen Trackbacks kann man die gleichen Ziele erreichen.

    Ich komme also unter dem Strich zu einem deutlich positiven Fazit. Was meint ihr dazu? Habt ihr auch schon längst die Trackbackfunktion ausgeschaltet oder ist das für euch ein essentielles Feature eures Blogs (bzw. der von euch gelesenen Blogs)?

    Andere zu diesem Thema:

    • Ronald Huereca fragt “Trackbacks: Still Useful?” und bekommt viele Antworten.
    • Anne erklärt Unterschied von Track- und Pingbacks.
    • Horst stellt schon 2005 fest, dass eigentlich niemand mehr Trackbacks verwendet.
    • Ebenso Tom Coates, der den Slogan prägte: “It has been killed by spam and by spammers”
    • Kurz darauf hat auch Jörg Kantel auf seinem Blog Trackbacks und gleich auch noch Kommentare abgeschaltet (mittlerweile gibt es sie aber wieder – doch kein “krankes Protokoll”?)


    Verwandte Artikel:
  • Als der Retweet noch Trackback hieß
  • Scientific American versucht sich am Prinzip Trackback
  • Blogs als Diskurs- und Dialogmedien
  • Die walled gardens öffnen sich ein Stückchen: Google, Facebook und Plaxo engagieren sich für Datenportabilität

    meister_des_frankfurter_paradiesgartleins_001.jpgGerade eben habe ich gelesen, dass sich Google, Plaxo und Facebook der DataPortability-Workgroup angeschlossen haben und somit vielleicht der walled garden-Charakter der digitalen sozialen Netzwerke (Kosmar nennt das ein “Datengrab“) bald der Vergangenheit angehören könnte. Worum geht es dieser Arbeitsgemeinschaft? Mit dem Slogan “Sharing is Caring” soll auf Grundlage bestehender Technologien und Standards wie OpenID, APML, Microformats, RDF, RSS, OPML und OAuth erreicht werden, dass beispielsweise die Daten zwischen sozialen Netzwerken wie Facebook, MySpace und Xing ausgetauscht werden können. Bislang war das nur schwer möglich.

    Für mich ist das nur eine folgerichtige Entwicklung, die bestehende Netzwerktechnologien näher an die immer wieder verwendete Community-Metapher heranführt. So kann man unterscheiden zwischen objektzentrierten und personenzentrierten Netzwerken. Bei objektzentrierten Netzwerken kann die Verbindung zwischen den Mitgliedern einer virtuellen Gemeinschaft auf Grundlage geteilter Objekte bestehen. Das kann das Abspeichern eines Hyperlinks sein oder die Leidenschaft für das Musikhören. Anders bei personenzentrierten Netzwerken, in denen Beziehungen zwischen Personen abgebildet werden, die ganz unterschiedlicher Art und Stärke sein können. Facebook-Mitglieder haben nicht sehr viel mehr gemeinsam als dass sie sich mit Hilfe dieser social software vernetzen. Dasselbe gilt für Xing-Nutzer.

    Da man aber die dort eingegebenen Personendaten und vor allem die dort abgespeicherten Verbindungen bislang nicht transportieren konnte, bestanden diese Verbindungen streng genommen nicht zwischen den Personen, sondern ihren jeweiligen Netzwerk-Avataren. Wenn Facebook-Bob mit Facebook-Anne verbunden ist, bedeutet das noch lange nicht, dass auch Xing-Bob und Xing-Anne eine Verbindung besitzen. De:bug fasst das schön knapp in der Formel zusammen: “Dein Social Graph war nie deiner”. Außerdem ist man in diesem Modell immer an das Wohlwollen des Anbieters gebunden, der jederzeit Personen sperren konnte wie jüngst Blogdampfinallengassen Robert Scoble.

    Genau an dieser Stelle greifen die oben erwähnten Standards ein, die für die Verwirklichung einer grundlegenden “Webdienste-Freiheit 0” sorgen könnten, also dafür, dass Daten portierbar werden und man – im Idealfall – mit wenigen Mausklicks seine soziale Umwelt, in der man sich in einem Netzwerk bewegt auch in anderen nachbauen kann. Hier kann man dann von tatsächlichen sozialen Beziehungen sprechen und in Folge auch von einer echten (plattformunabhängigen) Community. Mal sehen, was in der Praxis daraus wird und vor allem: welche Lösung die Anbieter von social networking für das Problem finden, dass mit der Transportabilität sozialer Beziehungen auch der Wert der von den Nutzern in der Software hinterlassenen Personendaten schwindet. Vielleicht erweist sich ja das targeted advertising als brauchbare alternative Monetarisierungsquelle.

    Andere zu diesem Thema:

    • Robert Basic packt die Problematik in eine Kaffeehausmetapher und stellt fest: “Sobald ich ein Cafe betrete, werde ich aufgefordert, andere User einzuladen. Wenn ich wieder rausgehe, kann ich meine Freunde nicht mitnehmen, die bleiben als Geiseln, damit ich wiederkomme, ja oft und lange wiederkomme.”
    • Thomas Pleil hält für möglich, dass Facebook und Google der Arbeitsgemeinschaft vor allem deshalb beigetreten sind, um sich auf dem Laufenden zu halten, was zu diesem Thema so alles diskutiert wird. Außerdem ist Datenportabilität nur dann sinnvoll, wenn sich die Netzwerke tatsächlich voneinander unterscheiden.
    • Ähnlich sieht das auch Uli Kutting, der einen Wandel von “SNs (Social Networks)” zu “SINs (Special Interest Networks)” sieht.

    (Abbildung: Das Paradiesgärtlein, Maria im beschlossenen Garten mit Heiligen, um 1410)



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  • Was ist Googles Open Social und wozu brauche ich das?
  • MS Facebook
  • Vom Ego-Googeln zum Reputationsmanagement: Vier Fragen an Klaus Eck

    tizian.pngBezeichnungen wie “Ego-Googeln” oder “Vanity-Search” klingen nicht besonders schmeichelhaft, zeichnen sie doch das Bild eines ichbezogenen Surfers, der im Netz ständig auf der Suche danach ist, wer wie was über ihn schreibt.

    Jetzt hat sich das auf Internetphänomene spezialisierte Pew Internet & American Life Project mit diesem Thema wissenschaftlich auseinandergesetzt und in einer Befragung von 2.373 erwachsenen Internetnutzern Zahlen dazu erhoben. In der Studie “Digital Footprints” (hier als pdf) kommen die Forscherinnen zu dem Ergebnis, dass fast die Hälfte der US-amerikanischen Internetsurfer schon einmal ihren eigenen Namen in eine Suchmaschine eingegeben haben. Aber nur ein geringer Teil (3 Prozent) der “Selbst-Sucher” tut dies auch regelmäßig. Die Mehrzahl der Nutzer (60 Prozent) sehen es nicht als Problem, dass Informationen über sie im Internet abrufbar sind und nur 38 Prozent planen, die Preisgabe persönlicher Informationen im Netz zu reduzieren. Was auch interessant ist: Nur 11 Prozent sagen, dass der größte Teil der online gefundenen Informationen über sie nicht der Wahrheit entspricht – 2002 waren es noch 19 Prozent. Möglicherweise führt die zunehmende Selbstdarstellung im Netz über soziale Netzwerke und Weblogs (die bei vielen Suchmaschinen weit oben landen) dazu, dass mehr Informationen zu finden sind, die man selbst ins Netz gestellt hat. Oder aber: die Kritikfähigkeit der “Selbst-Sucher” hat abgenommen.

    Da sich an diese Ergebnisse sehr schnell Überlegungen anschließen, wie man sich denn selbst im Internet präsentiert, habe ich die Gelegenheit genutzt, Klaus Eck (43), Blogger, Buchautor und Kommunikationsberater, der sich auf das Thema Reputation Management spezialisiert hat, ein paar Fragen zu stellen:

    Benedikt Köhler: Die Pew Internet-Forscher haben festgestellt, dass mittlerweile 47 Prozent der US-Internetnutzer ihren eigenen Namen gegoogelt haben (2002 waren es erst 22 Prozent). Überrascht dich dieser Anstieg?

    Klaus Eck: Im Unterschied zu früher setzen sich die Menschen heute viel intensiver mit dem Web auseinander und verhalten sich immer mehr als digitale Eingeborene. Das führt dazu, dass die meisten inzwischen schon einmal Wikipedia genutzt haben. Dennoch lächeln immer noch viele, wenn ich in meinen Veranstaltungen das Wort Ego-Googlen erwähne, weil es dem einen oder anderen peinlich ist, darüber zu sprechen. Aber natürlich lernen die Onliner dazu und entdecken die zahlreichen Möglichkeiten, die eine Online-Recherche bietet. Deshalb wundert es mich nicht, dass inzwischen sehr viel mehr Menschen aus Neugierde ihren Namen online überprüfen.

    Was steckt deiner Ansicht nach dahinter? Eitelkeit oder Angst vor peinlichen Informationen über einen selbst? Oder etwas anderes?

    Aus Angst dürften die wenigsten ihren Namen in den Suchmaschinen eingegeben. Nicht umsonst sprechen wir im Kontext des Web 2.0 von Social Software. Insgesamt ist meiner Ansicht nach zu beobachten, dass das Interesse der Menschen an anderen im Web zugenommen hat. Das Social Networking ist eigentlich ganz am Anfang. Noch vor wenigen Jahren war für die meisten Angestellten das OpenBC – oder jetzt Xing – ein Buch mit sieben (digitalen) Siegeln. Das hat sich geändert. Viele Onliner haben Spass daran, ihre eigene Vergangenheit online wiederzufinden, alte Kontakte anhand von Bildern und Hinweisen neu zu entdecken und sie vielleicht nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Das erklärt auch den derzeitigen Boom von Social Communities (Familiennetzwerke wie FamiliyOne etc.), Personensuchmaschinen sowie den Trend zur Digitalisierung vergangener Ereignisse (EinesTages bei Spiegel Online).

    Nur vier Prozent der Internetnutzer gaben in der Pew-Studie an, auf wirklich problematische (Fehl-)Informationen gestoßen zu sein. Ist die Bedrohung durch die “digitalen Fußabdrücke” also gar nicht so groß?

    Was problematisch für den Einzelnen ist, das hängt von der jeweiligen Definition ab. Wenn ich als Bewerber aufgrund von Jugendsünden am Online-Pranger stehe, von Stalkern oder Trollen gezielt angegriffen und beleidigt werde, wirkt das Ganze über das Web hinaus und kann dazu führen, dass die Karriere gefährdet ist, weil viele Personaler damit Probleme haben. Letztlich sollte sich jeder, der in der Öffentlichkeit steht oder sich in einem Bewerbungsprozess befindet, frühzeitig um seine digitalen Spuren kümmern und gegebenenfalls über Online-Reputation-Management nachdenken. Wenn Sie sich nicht bewusst mit Ihre Online-Repuation auseinandersetzen, sind Sie wie eine torkelnde Marionette auf offener Bühne. Andere ziehen Ihre Fäden und vermitteln darüber einen ersten Eindruck von Ihnen. Deshalb plädiere ich immer dafür, bewusst mit dem eigenen digitalen Erscheinungsbild umzugehen und dieses nicht einfach zu ignorieren. Denn in einem können Sie sicher sein: Ihre Google-Impressionen wirken sich aus. Doch es gibt keinen Grund, sich dem Thema Reputation ängstlich zu nähern. Schließlich bieten gezielt ausgelegte Spuren auch große Chancen.

    Du setzt dich in deinem Blog immer wieder mit dem digitalen Reputationsmanagement auseinander. Was ist der Unterschied zwischen Ego-Googeln und Reputationsmanagement?

    Wer seinen Namen ergoogelt, hat den ersten Schritt im möglichen Reputation Management getan. Als erstes geht es immer um die Erkenntnis um die eigene digitale Identität. Wer bin ich online? Entspricht der erste Eindruck, den wir im Web vermitteln, unseren tatsächlichen Interessen oder schadet es diesen gar? Im Online-Reputation-Management (ORM) geht es nicht darum, alles schön zu reden und sich hinter einem digitalen Makeup zu verstecken, sondern sich bewusst mit seinen Inhalten ansprechbar zu machen und damit für Journalisten, Unternehmen und Freunde interessanter zu werden. Es geht für den Einzeln immer um das Thema Personal Branding (Selbstvermarktung) und für Unternehmen um das Image. Alle gezielten Reputationsmaßnahmen sollten natürlich jeweils in die persönliche Marke und die des Unternehmens einzahlen. Für mich als Kommunikationsberater stellt das ORM die konsequente Fortentwicklung von PR und Marketing dar und löst es in Teilbereichen sogar ab. Deshalb konzentriere ich mich in meinen Leistungen schon seit geraumer Zeit immer mehr auf dieses Thema und freue mich über die positive mediale Resonanz.

    (Abbildung: Tizian, Die Eitelkeit des Irdischen (Vanitas), um 1515)



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    Noch ein kleiner Nachschlag zur Print-versus-Online-Debatte: Kalle Jungkvist, Chefredakteur der schwedischen Tageszeitung Aftonbladet, sieht nicht in anderen Printprodukten die scharfsten Konkurrenten der eigenen Onlineausgabe, sondern erstaunlicherweise in Facebook:

    When Aftonbladet.se recently did a focus group with twentysomethings, the main competitor in terms of time to Aftonbladet.se was said to be Facebook. The choice for young Internet users was to, more or less, aimlessly surf Aftonbladet or Facebook for a while.

    Jeff Jarvis ist da etwas zurückhaltender und sieht Facebook nicht als Konkurrenz für Tageszeitungen, sondern vielmehr als zusätzlichen Vertriebskanal für Nachrichten:

    If I were making Facebook applications for news organizations now, I wouldn’t be making quizzes and such fripperies. I’d be figuring out how to get news that matters to you in your news feed. I’d be finding ways to tie you with other people who share your interest and know what you want to know. I’d find ways to enable you to recommend more news to your friends.

    Seen this way, Facebook isn’t a competitor for a newspaper. It’s just another place to help your community.

    Irgendwie haben beide Recht. Natürlich ist Facebook (oder auch Google) kein direkter Konkurrent für eine Tageszeitung, wenn es um den Abruf von Nachrichten geht – wie edenstrom es so schön sagt: “Googling for ‘news’ gets you nowhere.” Aber wenn man allgemeiner auf die aufmerksamkeitsökonomische Zeitkonkurrenz sieht (Stichwort: “Umverteilung von Medienzeitbudgets”), dann könnte ein Social Network tatsächlich als Alternative zu einer Tageszeitung wahrgenommen werden. Je ähnlicher die Aktivitäten wahrgenommen werden, die sich auf die unterschiedlichen Medienzeitbudgets beziehen, desto realistischer ist die Substitutionsthese. Wenn es also wirklich nur um das “aimlessly surfing” geht, kann es tatsächlich egal sein, ob man in einem sozialen Netzwerk oder einer Onlinezeitung unterwegs ist.



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