Archive for the 'globalisierung' Category

Die Welt ist nicht geschrumpft, sondern zerknittert

Begleitend zum Neustart eines weiteren Blogs über Urbanismus und Architektur in Bayern, das ich als Ort für meine zahlreichen Architurbilder eingerichtet habe, hier der Hinweis auf einen wunderbar klaren und verständlichen BBC-Vortrag mit dem Titel “Is the World Really Shrinking?” der britischen Geographin Doreen Massey aus Manchester.

Darin setzt sie sich gegen den vor allem in den 1990ern verbreiteten banalen Globalismus à la Thomas L. Friedman und Kenichi Ohmae zur Wehr, der behauptet hatte, durch die ökonomische Globalisierung und die digitale Ökonomie würden alle nationalen Unterschiede eliminiert und die Erde zu einem einzigen flachen Sozialraum integriert. Zunächst stellt sie fest, dass das “Schrumpfen” des Erdballs stark davon abhängt, welche Gegend man betrachtet und vor allem wer man ist.

Ich würde sagen, dass es sich hier um ein dialektisches Verhältnis handelt – eine Dialektik der Globalisierung. Während zum Beispiel der Interkontinentalverkehr stark zugenommen hat und Distanzen wie München-New York tatsächlich geschrumpft sind, führt die Reorganisation von Fahrplänen und Streckenplänen dazu, dass kleinere Städte in der Provinz teilweise sogar weiter weg liegen als noch vor 20 Jahren – am einen Ort wird der Flughafen erweitert, am anderen ein Bahnhof vom ICE-Netz abgetrennt. Zudem gilt dieses Schrumpfen (Tony Giddens spricht von “time-space compression”) nicht für jeden im selben Maß. Zwar mag es durch die Europäische Integration für uns Europäer leichter geworden sein, von einem Land ins andere zu fahren. Aber wenn man einem Nordafrikaner etwas von der Einebnung der räumlichen Distanz zwischen Afrika und Europa erzählt, wird er wohl nur darüber lachen können.

Statt von einem Zusammenschrumpfen der Distanz und dem Entstehen einer flachen, geographie-losen Erdoberfläche sollte man also besser von Falten und Zerknittern sprechen, wie Massey bemerkt:

“Distance” – in the sense of ease of connection – is not simply shrinking – it’s more like it is crumpling in all kinds of uneven and unequal ways.

Dabei sind es keine unpersönliche Kräfte oder gar Naturgewalten, die hier Regionen, Städte und Räume umherschieben wie damals die Gletscher der Eiszeit, sondern es sind Menschen, die dies tun. Auch neue Kommunikationsformen wie Blogs, Twitter und FriendFeed können dazu beitragen, die Soziogeographie zu “zerknautschen” und soziale Nähen herzustellen, die relativ unabhängig von räumlicher Nähe sind (vielleicht sollte man das als “crumpled cosmopolitanism” bezeichnen).

Die entscheidende Frage ist, welche Kraft diese Vernetzung von unten haben wird gegenüber den neuen globalen Geographien der Corporate Globalisation und des mittelständischen Monocle-Kosmopolitismus (wobei ich, selbst ein großer Fan von Tyler Brûlés Zeitschrift, gar nicht behaupte, dass dieser Kosmopolitismus, der Städte unter anderem danach bewertet, wie lange die Geschäfte geöffnet haben, “falsch” wäre. Es ist nur nicht der einzige).

Auch hier gilt wieder: Es gibt nicht nur eine Geschichte der Globalisierung, sondern viele Geschichten. Das hängt davon ab, welche Gegend man betrachtet und vor allem: wen man fragt. Massey ist hierzu sicher nicht die schlechteste Gesprächspartnerin.

(Abbildung “Crumpled building” von Kamoda, CC-Lizenz)



Verwandte Artikel:
  • Das tribale Internet
  • Sechs Beobachtungen zur Zukunft der Nachrichten
  • Wissenschaftsblogs – eine Erfolgsgeschichte
  • Nachrichten 2.0: Hyperlokalität im Internet

    Mark Glase hat in seinem Blog Mediashift bereits vor einiger Zeit einen interessanten Beitrag verfasst, der verschiedene Spielarten hyperlokaler Nachrichtensysteme präsentiert und ihre Vor- und Nachteile gegenüberstellt. Zunächst zu dem Begriff: Was sind hyperlokale Nachrichten? Im Prinzip um Nachrichten, die von so begrenzter Bedeutung sind, dass sie nicht einmal im Regionalteil der Tageszeitungen vorkommen, ganz zu schweigen von überregionalen Medien:

    Hyper-local news is the information relevant to small communities or neighborhoods that has been overlooked by traditional news outlets. Thanks to cheap self-publishing and communication online, independent hyper-local news sites have sprung up to serve these communities, while traditional media has tried their own initiatives to cover what they’ve missed.

    Dabei geht es nicht nur darum, Nachrichten in den öffentlichen Diskurs einzuspeisen, die aufgrund ihrer begrenzten Relevanz keine Zeitung veröffentlichen würde. Zugleich besteht aber auch ein enger Zusammenhang mit der Herausbildung oder Festigung kleinräumlicher Gemeinschaften. Schon Benedict Anderson hat immer wieder auf die Bedeutung der Printpresse für die Herausbildung eines Gemeinschaftsgefühl (“imagined communities”) hingewiesen. Durch hyperlokale Nachrichten, so könnte man das Argument übertragen, entstehen hyperlokale Gemeinschaften, die zwar – im Gegensatz zu Staaten – noch zu einem großen Teil von face-to-face-Begegnungen getragen sind, aber dennoch von ihrer nachrichtlichen Integration profitieren. Eine wichtige Funktion hyperlokaler Nachrichten ist also auch “bringing like-minded people together online”. Oder wie Jan Schaffer es formuliert:

    News organizations need to construct the hub that will enable ordinary people with passions and expertise to commit acts of news and information. You need to be on a constant lookout for the best of these efforts, trawling the blogosphere, hyperlocal news sites, nonprofits, advocacy groups, journalism schools and neighborhood listservs. Your goal is to give a megaphone to those with responsible momentum, recruit them to be part of your network, and even help support them with micro-grants.

    Oftmals wird das Prinzip durch Onlineportale verwirklicht, in die jede Bürgerin “ihre” Nachrichten einstellen kann – ähnlich wie bei Digg oder Yigg, nur eben mit einer starken Lokalisierung der Meldungen. Eine konkrete Vorstellung davon bekommt man, wenn man sich für die USA die Northwest Voice (Bakersfield, California) oder YourHub (Denver) ansieht.

    Interessanterweise sind diese Nachrichtenportale trotz ihrer Fokussierung auf lokale Geschichten beschränkter Relevanz von der
    ganzen Welt aus erreichbar. Ein Bakersfielder, der in eine andere Stadt, in ein anderes Land gezogen ist, kann damit also weiterhin bis in die kleinsten Details über das Leben in seiner Heimatstadt informiert bleiben. Hyperlokalität ist also eine Spielart von
    Glokalität, ein Begriff, mit dessen Hilfe Sozialwissenschaftler die vielfältigen Ausprägungsformen der Dialektik global/lokal beschreiben. Man könnte auch sagen, Hyperlokalität ist die räumliche Manifestation des long tail.

    Mark nennt folgende Grundtypen hyperlokaler Nachrichtenseiten:

    • Selbstmoderierte Bürgermedien (citizen media), die ähnlich wie Digg funktionieren
    • An Zeitungsverlage angeschlossene Bürgermedien, die ausgewählte Beiträge auch in die Printausgaben übernehmen (reverse publishing)
    • Lokalblogs oder “Placeblogs” – auch in der deutschsprachigen Blogosphäre gibt es zahlreiche Städte- oder Regionenblogs
    • Aggregationsportale, die aus zahlreichen anderen Medien von Zeitungen bis Blogs, alle Nachrichten herausfiltern, die sich auf einen bestimmten Ort beziehen
    • Kommentierte Karten – ein prominentes Beispiel ist das Mashup ChicagoCrime, das Verbrechen in Chicago geolokalisiert, aber auch Qype könnte man hier einordnen
    • Mobiler Journalismus, also Journalisten mit Laptop, Fotohandy etc., die von unterwegs Nachrichten sammeln und veröffentlichen
    • Emaillisten und Foren, zum Beispiel von Bürgerinitiativen

    Welche Beispiele gibt es noch für hyperlokale Nachrichtenseiten in Deutschland? Wenn Nico Lummas Prognose, “Hyperlocal News erstaunt Tageszeitungen und bringt den lokalen Anzeigenmarkt durcheinander” für das Jahr 2008 zutreffen sollte, müssten man bereits die ersten Ansätze erkennen können.

    Erfreulicherweise gibt es zu dem Thema auch ein Podium, u.a. mit Steffen Büffel, auf der re:publica: “Von Placeblogging und Stadtwikis: Bürgerjournalismus und -kollaboration auf kommunaler Ebene” (via)



    Verwandte Artikel:
  • Befragung von Hochschulrektoren und -präsidenten
  • Welchem Medium vertrauen die Leser?
  • Gruscheln als Alternative zum Nachrichtenkonsum?
  • Von der Gruppen- zur Netzwerkgesellschaft (und wieder zurück?)

    Wenn man sich mit sozialen Netzwerken beschäftigt, stößt man schnell auf den etwas seltsamen Doppelcharakter des Netzwerkbegriffs: zum einen ist damit die Methode (also Netzwerkanalyse) benannt, mit der man gesellschaftliche Verbindungen (bzw. Verbindungen aller Art) in Gegenwart und Vergangenheit untersuchen kann (vgl. dazu auch die vielzitierte Analyse der Medici-Familie). Zum anderen schwingt aber immer auch die zweite Bedeutung mit, die darauf verweist, dass moderne Gesellschaften sich zunehmend netzförmig organisieren und insofern Netzwerke einen immer wichtigeren Beobachtungsgegenstand für die empirische sozialwissenschaftliche Forschung darstellen (also Netzwerkanalyse).

    Obwohl diese Bedeutungsfelder häufig zusammenfallen, jedoch findet man nur selten explizite Versuche, gesellschaftstheoretische Aussagen aus der Netzwerkforschung abzuleiten (also jenseits des im allgemeinen Sprachgebrauchs verwendeten Netzwerkbegriffs). Eine spannende Ausnahme ist Barry Wellmans Begriff des “networked individualism”, der auf einen fundamentalen Wandel der Vergesellschaftung von gruppenbasierten hin zu netzwerkförmigen Assoziationsmustern beschreibt (pdf hier). Oder anders ausgedrückt: Die Leute leben nicht mehr in Gruppen, sondern in Netzwerken. Merkmale dieser neuen Lebensweise sind:

    1. Glokalisierung von Gemeinschaft: ausgedehnte (z.T. globale) Netzwerke bei weiter bestehender Bedeutung von home bases wie dem Haushalt oder der Arbeit
    2. Netzwerkmanagement: Man ist nicht nur einem/dem direkten Vorgesetzten rechenschaftspflichtig, sondern mehreren Personen z.T. in unterschiedlichen Arbeitsgruppen
    3. Unternehmensnetze: Auch Unternehmen sind nicht mehr autark, sondern in Netzwerke unterschiedlicher Stärke eingebunden
    4. Politiknetzwerke: Etwas argumentationsbedürftig ist die vierte Feststellung, dass auch die internationale Politik zunehmend netzwerkförmig organisiert ist. Das mag plausibel erscheinen, wenn man die gegenwärtigen wechselnden Koalitionen mit der Blockstruktur des Kalten Krieges vergleicht; geht man aber darüber hinaus erscheint diese These schwierig, zumal mir nicht klar ist, was in diesem Netzwerk die Knoten, was die Kanten sind. Länder? Diplomaten? Verträge?

    Interessanterweise liefert Wellman seine Antithese gleich mit: Nach dem 11. September zieht sich das Sozialleben in einem gegenläufigen Trend immer stärker in “little boxes” zurück. Indizien dafür sind: gated communities, Verkehrshindernisse, Wartezeiten und Sicherheitsanforderungen im Luftverkehr, neue Blockbildungen (Nord-Süd).

    Wellman neigt dazu, diese beiden Perspektiven als Entweder-oder-These zu formulieren. Kann man sich diese beiden Pole nicht z.T. auch als Sowohl-als-Auch, wenn nicht gar als Steigerungsverhältnis vorstellen? Was sagt ihr dazu?



    Verwandte Artikel:
  • Rascheln im Spießernetz? Horx sieht Ende der Weblog-Euphorie
  • Twitter, Metcalfe’s Law und die Kommunikation mit verschwommenen Gruppen
  • Shopping the global boutique
  • Globale Nomaden mit Mobiltelefon: 10 Beobachtungen zum Reisen 2.0

    Jedes Mal wenn eine neue Technologie oder Kommunikationsform auftaucht, melden sich die “Kontinuitätstheoretiker” zu Wort und konstatieren, dass man es hier keineswegs mit etwas Neuem zu tun hat, sondern allenfalls mit einer neuen Welle oder einer Wiederentdeckung. Die Globalisierung der 1990er ist nichts im Vergleich mit der Verflechtung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der Computer ist auch nur eine besonders vielseitige elektronische Schreibmaschine und Weblogs sind digitalisierte Tagebücher. Wer jedoch genauer auf die damit verbundenen sozialen Veränderungen blickt, stößt schnell auf eine ganz andere Geschichte. So könnte man auch das Mobiltelefon zunächst recht unspektakulär als “tragbare Telefonzelle” oder “miniaturisiertes Funkgerät” betrachten. Auch dann entgeht einem die Möglichkeit, zu beobachten, wie der Gebrauch von Mobiltelefonen in bestimmten sozialen Gruppen ein neues Verhältnis von home and away schafft.

    Diesem Thema hat sich Giovanna Mascheroni, Sozialwissenschaftlerin an der katholischen Universität zu Mailand, in ihrem Aufsatz “Global Nomads’ Network and Mobile Sociality. Exploring New Media Uses on the Move” gewidmet, der soeben in der Fachzeitschrift Information, Communication & Society erschienen ist. Die zentrale These des Aufsatzes ist: Durch die Konvergenz von Kommunikation und Reisen entsteht in der Gruppe der Backpacker eine neue Form mobiler Sozialität, in der Mobiltelefonie und Internet eine zentrale Rolle spielen. Die Ergebnisse ihrer Feldforschung in italienischen Backpacker-Communities lassen sich in den folgenden 10 Punkten zusammenfassen:

    1. Reisevorbereitung: Das Internet dient ganz praktischen Zwecken von der Reisevorbereitung in Travellerforen bis zur imaginierten Mobilität (“Cybertourismus”) – beides Punkte, die gut zur spontanen Reiseform der Backpacker passen.
    2. Unterwegs arbeiten: Zudem ist es durch das Internet zunehmend möglich, auch unterwegs zu arbeiten und so nicht mehr darauf angewiesen zu sein, auf “immobilen” Zwischenaufenthalten das benötigte Geld für den weiteren Reiseverlauf zu verdienen. Da viele der Backpacker aus Wissensberufen kommen, beginnt sich dadurch das Reisemuster deutlich zu verändern. Ja, ein Reisender beschreibt sogar, wie ihn seine Arbeit im Internet überhaupt erst zum Backpacken gebracht hat: “And I have this image stuck in mind, of myself flying with an open laptop as wings” (531).
    3. Internet Cafés als Traveler Ghettos: Damit eng verbunden sind Internet Cafés mittlerweile zu zentralen Orten der Reiserouten geworden, da dort nicht nur Kontakte zu sozialen Netzwerken zu Hause, sondern auch zu fellow backpackers vor Ort und zum Teil mit Einheimischen geknüpft werden können. Auch Freundschaften mit anderen Backpackern entstehen mittlerweile häufig in Internetcafés. Auf diese Weise durchdringen sich virtuelle und face-to-face Gemeinschaften.
    4. Mikrokoordination: Ein wichtiges Schlagwort in diesem Zusammenhang ist die “Mikrokoordination”, also z.B. das Verabreden von Treffen per Handy und Internet sowie das wechselseitige Abstimmen von Reiserouten. Diese Funktion ist ebenfalls die Grundlage für die von Howard Rheingold beschriebenen Smart Mobs.
    5. Soziales Beziehungsmanagement: Während sich die Mikrokoordination vor allem auf begrenzte Räume bezieht (z.B. eine Stadt), ist es per Email und SMS auch möglich, soziale Beziehungen zu anderen Travellers auf Distanz zu unterhalten: “Inasmuch as it enables regular contact with friends met during the trip, CMC contributes to a deepening of relationships born in contexts of co-presence by providing them with a temporal sediment” (533-534).
    6. Internet als Reiseanreiz: Besonders bemerkenswert ist, dass in einigen Fällen das Internet auch als Anreiz zum Reisen gesehen werden kann. So sagt einer der interviewten Backpacker: “What I like best is to have friends all over the world, and this is always a good reason to make a new trip” (534). Hier zeigt sich sehr deutlich, wie virtuelle und physische Welten sich mittlerweile in diesem “mobilen Medium” durchdringen können und wie Orte und Beziehungen verdoppelt werden.
    7. Online-Offline-Komplementarität: Aber hier kommt es nicht zu einer Substitution, denn die Leute reisen ja immer noch und auch die face-to-face-Kontakte bleiben weiterhin bedeutend. Stattdessen lässt sich eine Komplementarität von online- und offline-Interaktionen beobachten: Über reale Begegnungen unterwegs wird in Blogs berichtet, man verabredet Treffen mit unbekannten Anderen in einem Forum u.s.w.
    8. SMS und Email statt Brief und Festnetz: Was nach Mascheroni tatsächlich kaum eine Rolle mehr spielt sind Briefe und Festnetzgespräche, die früher der einzige Weg gewesen waren, um mit Freunden und Familie in Verbindung zu bleiben. Heute sind SMS und Emails das bevorzugte Material dieser “bridge to home” (wobei interessanterweise Email als das intimere Medium angesehen wird). Dadurch, dass vertraute Personen immer nur eine Email oder eine SMS weit entfernt sind, entsteht zudem ein Sicherheitsgefühl (das allerdings, wie Mascheroni bemerkt, bisweilen auch als Überwachung wahrgenommen werden kann). Vielleicht müsste man heute noch Dienste wie Twitter dazurechnen, durch die ganz ähnliche Formen der ambient communication oder gar intimacy (“Ich bin da – bist du auch da?”) möglich werden.
    9. Interaktive Reise: Letztlich führt dieser mediale Wandel (SMS, Foren, Blogs) zu einer neuen medial vermittelt und kollektiv erfahrbare Form des Reisens: die interaktive Reise, wie Germann Molz das nennt. Für Reisen 2.0 gilt also: “Blogs and personal sites represent a place where these multiple mobile communities are localized, and where sociality and connections within mobility are established” (538-9). Übrigens: Wo sind eigentlich die deutschsprachigen Backpackerforen und -blogs?
    10. Tragbarer Medienraum: Vielleicht kann man aber noch weiter gehen und davon sprechen, dass das Internet selbst zu einer Art Heimat wird, einem “tragbaren Medienraum”, in dem man Freunde und Familie treffen kann. Das bedeutete aber einen tatsächlichen Wandel der Bedeutung des Reisens, denn eines lässt sich damit nicht mehr aufrechterhalten: das Reisen als temporäre Entkopplung von zu Hause.

    Was sind eure Erfahrungen mit Internet und Mobiltelefon auf Reisen? Würdet ihr Mascheroni zustimmen? Ich selbst habe zumindest festgestellt, dass ich auch unterwegs auf die Wikipedia kaum verzichten kann.

    Abbildung aus: Jules Verne, Reise um die Erde in 80 Tagen, 1875, 11. Capitel: Ein Reitthier, S. 66, Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH.



    Verwandte Artikel:
  • Kulturelle Vielfalt oder Einheitsbrei?
  • Mobilisierungsmuster in der Blogosphäre II
  • Wikipedia in Cordhosen: Zur Mediennutzung von Jugendlichen
  • Die Zukunft des WWW (Richard MacManus)

    Sehr lesenswert ist dieser Beitrag, in dem Richard MacManus zehn zukünftige Trends des WWW skizziert, die sich um den Kerngedanken der Konvergenz von physikalischer und digitaler Vernetzung und Objekte drehen (“your online activity will be mixed with your presence, travels, objects you buy or act with”). Hier die Trends:

    1. Trotz der relativ frühen Ankündigung ist das Semantische Netz immer noch nicht so richtig in Gang gekommen. Da nach und nach Metadaten eine immer größere Rolle im Netz spielen (man denke an RDF, OWL und die hier von mir beschriebenen Mikroformate), könnte der nächste Schritt in einer Ausweitung der automatisierten semantischen Operation von Computersystemen liegen.
    2. Damit eng verbunden ist möglicherweise eine starke Intensivierung der künstlichen Intelligenz von Computern. Die ersten “intelligenten” Web2.0-Problemlösungssysteme sind vielleicht gar nicht mehr so weit entfernt, wie man meinen möchte.
    3. Der dritte Trend sind, trotz der Second-Life-Ernüchterung, virtuelle Welten. Sowohl sozial- als auch unterhaltungsorientiert; sowohl zwei- als auch dreidimensional. Für MacManus bedeutet das jedoch nicht nur, dass die digitalen Welten sich immer mehr der physischen Realität annähern, sondern auch umgekehrt: Das “echte Leben” wird digitaler, zum Beispiel durch das (Geo-)Taggen physischer Objekte.
    4. Kaum mehr zu übersehen ist der Trend in Richtung des mobilen Netzes, das nicht nur vom heimischen Computer aus erreichbar ist, sondern auch mithilfe tragbarer Geräte. Man denke zum einen an Twitter, Plazes und die vielen anderen Webseiten, die mit m. beginnen, zum anderen (Stichwort ist hier die “digital divide”) aber auch daran, dass die Verbreitung mobiler Telefone in den “Entwicklungsländern” größer ist als in der “entwickelten Welt”.
    5. Hinter vielen Web2.0-Diensten lassen sich Anzeichen für einen Bedeutungsgewinn der “Aufmerksamkeitsökonomie” feststellen. Web2.0-Dienste werden nicht in der monetären Währung bezahlt, denn bereits die Anwesenheit von Nutzern auf den Seiten ist Teil der Bezahlung. Die Nutzer schaffen nicht nur user generated content, sondern vor allem: das wertvolle Gut Gemeinschaft.
    6. Der nächste Trend taucht in vielen Definitionen des Web2.0 auf: der Wandel von Webseiten zu Webdiensten, die in immer neuen Kombinationen miteinander vermischt und verschränkt werden können (“Mashups”).
    7. Weiter expandieren wird nach MacManus das Angebot von Video und TV im Internet. Die nächsten Veränderungen sind bereits absehbar: “Higher quality pictures, more powerful streaming, personalization, sharing, and much more – it’s all coming over the next decade.” Spannende Frage ist: Wie reagieren die Fernsehsender darauf?
    8. Auch der Trend zu “Rich Internet Applications” (RIA) ist Bestandteil der klassischen Web2.0-Definition.
    9. Eine Entwicklung, die die Internetlandschaft deutlich umstrukturieren könnte, wäre das Aufholen der bisherigen Internetnachzügler und die Abmilderung der bisherigen ungleichmäßigen, US-Europa-zentrierten Entwicklung (also ein neuer Globalisierungsschub). Gerade die Mobilisierung des Webs könnte dazu führen, dass auf einmal ganz andere Regionen für die Entwicklung von Social Software interessant werden.
    10. Doch diese Globalisierungswelle könnte durch den möglicherweise gleichzeitig ablaufenden Personalisierungsschub verdeckt werden und die Internetdienste können derart perfekt auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt angeboten werden, dass man die Entwicklungen hinter den unsichtbaren Mauern des eigenen “walled gardens” gar nicht mehr wahrnimmt.

    In der Diskussion, die sich daraufhin entfaltete, wurden noch weitere Punkte genannt, von denen ich folgende besonders hervorheben möchte:

    • Thomas Huhn weist auf die Bedeutung des Identitätsmanagements im neuen Netz hin, das insbesondere durch die über zahlreiche Netz verteilten Personendaten erschwert wird. Zu diesem Thema ist auch dieser Beitrag von Klaus Eck lesenswert.
    • Weitere Themen, die in der Aufzählung nicht genügend berücksichtigt werden, sind: die Auswirkungen auf die politische Landschaft, die (unsichtbare) Konvergenz verschiedener Datentypen sowie der möglicherweise tiefgreifende Wandel von Kommunikationsformen (zwischen Menschen wie auch zwischen Mensch und Computer).

    Allerdings muss ich sagen, dass mir nicht ganz klar ist, welchen Status die beschriebenen Trends haben. Einiges (wie das “Semantische Web”) sind Utopien, die als Leitbild technische Entwicklungen und möglicherweise auch soziale Bedeutungsverschiebungen nach sich ziehen können, jedoch wahrscheinlich niemals in der skizzierten Form verwirklicht werden können. Andere Trends sind keine Zukunftsprognosen, sondern Entwicklungen, die sich im Hier und Jetzt vollziehen (aber zum Teil nicht als wirkliche Umbrüche wahrgenommen werden). Eine spannende Liste ist es jedoch allemal, an der ich vor allem die sich immer stärker abzeichende Perspektivverschiebung von der Digitalisierung als solcher hin zu den Implikationen der neuen Vernetzungsformen für die “wirkliche Welt”, das “real life” oder die “physische Umwelt” wegweisend finde.



    Verwandte Artikel:
  • Naturalismus versus Religion?
  • Wird Google die Spielregeln für das Social Networking verändern?
  • Vom Meme zum Genom