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Email als Elitetechnologie

Einmal mehr stellt eine Studie über die Internetnutzung fest, dass es eine erhebliche digitale Spaltung gibt: Der Branchenverband BITKOM zeigt im aktuellen Webmonitor, dass die Emailnutzung deutlich von dem Bildungsgrad abhängt. Während zwei Drittel der Personen mit Abitur oder Hochschulabschluss dieses Dialogmedium nutzen, sind es bei den Realschulabsolventen nur knapp die Hälfte und unter den Hauptschulabsolventen nur noch ein knappes Drittel. So überrascht es kaum, dass angesichts der großen Wichtigkeit von IT-Kenntnissen und der schlechten Ausstattung der deutschen Schulen eine große Bildungsinitiative gefordert wird.

Man sollte allerdings, ohne das Phänomen der digitalen Spaltung kleinreden zu wollen, einmal darüber nachdenken, dass auch das Diskursmedium Fernsehen in der Anfangszeit ein Elitenphänomen gewesen ist (vgl. dazu die Dissertation “Fernsehen und sozialstruktureller Wandel” von Rudolf Stumberger). Erst in den 1970er Jahren konnte man in Deutschland von einer Vollversorgung sprechen, in den 1950er und frühen 1960er Jahren kennzeichnete die Besitzer von Fernsehgeräten ein überdurchschnittlicher Bildungsgrad und ein relativ hohes Einkommen. Aber im Falle des Fernsehens kam es sehr schnell zu einer Umkehr: So besaßen die einkommensstärksten 12 Prozent der Bevölkerung Großbritanniens im Jahr 1947 fast die Hälfte der Fernsehgeräte, bereits sechs Jahre später standen über die Hälfte der Geräte in Haushalten der “Lower 68%” der Bevölkerung. In Deutschland fand diese Entwicklung entsprechen später statt: Zwischen 1954 und 1963 ist der Anteil der Selbständigen unter den Gerätebesitzern von 59 auf 14 Prozent gesunken, während gleichzeitig der Arbeiteranteil von 9 auf 53 Prozent gestiegen ist.

Insofern ist fraglich, ob wir es bei der digital divide im Fall von Email tatsächlich mit einem Phänomen eigener Art zu tun haben. Denkbar wäre auch eine Kombination aus den folgenden Faktoren:

  • schichtspezifische Präferenzen und Fähigkeiten, was das freie Verfassen von Texten betrifft,
  • ein ganz gewöhnlicher lag in der Diffusion von neuen Technologien
  • das “Überspringen” der Technologie Email und eine stärkere Nutzung von Chat, IM oder Direktnachrichten in Social Networks wie SchülerVZ oder Lokalisten


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  • Das lange 19. Jahrhundert der Zeitungsmacher

    Der gerade eben veröffentlichte Medien-Trendmonitor liefert wieder einmal spannende Einblicke in die Überzeugungen der Journalisten und Redakteure. Eine Frage ist besonders schön, da sie einen tiefen Glaubensinhalt des Printjournalismus betrifft: Die Frage nach dem Leitmedium.

    Man muss sich das in etwa so vorstellen: Unabhängig von kleineren Veränderungen und Verschiebungen gibt es große gesellschaftliche Trends, was den öffentlichen (oder: veröffentlichten) Diskurs betrifft. Luthers Zeitgenossen haben sich noch Flugschriften bedient, wenn sie eine relevante Öffentlichkeit erreichen wollten, 100 Jahre später konnte man sich mit gelehrten Büchern an die Öffentlichkeit wenden. Im 19. Jahrhundert begann dann die Ära der Zeitung, genauer: der Massenpresse, die durch neue Drucktechnologien möglich wurde. Und danach? Nichts mehr. Der Medien-Trendmonitor formuliert es wie folgt:

    Das Ergebnis ist eindeutig: Die gedruckte Zeitung bleibt weiterhin das maßgebliche Leitmedium. Diese Meinung zieht sich durch alle Berufsgruppen sowie Medienbereiche.

    Kein Radio, kein TV, kein World Wide Web, ja nicht einmal die Onlineausgaben der Tageszeitungen und Zeitschriften spielen hier eine Rolle. Nur 3,8 Prozent der 3093 online-befragten Redakteure und freien Journalisten sind der Meinung, dass das Internet die Zeitung als Leitmedium bereits abgelöst hat. Noch weniger sind es in den Redaktionen der Tageszeitungen. Verständlich. Da überrascht es auch nicht, dass das Web 2.0 (was auch immer darunter verstanden wird) für zwei Drittel der Befragten nur eine geringe oder gar keine Relevanz für die journalistische Arbeit hat. Zum Glück ist es nur von untergeordneter Wichtigkeit, was die Zeitungsmacher selbst für relevant halten oder als Leitmedium empfinden. Viel wichtiger ist die gesellschaftliche Relevanz, die allerdings mangels zuverlässiger Zahlen und Forschung noch nicht hinreichend belegt werden kann.

    Einschränkend muss man dazu sagen, dass die gedruckte Zeitung hier nur mit dem Internet verglichen wurde und nicht mit den Leitmedien des 20. Jahrhundert Radio und TV, die was Glaubwürdigkeit und Verbreitung betrifft, gerade bei den jüngeren Mediennutzern die Zeitung schon seit längerem abgelöst haben. Aktuelle Studien zeigen, dass dort mittlerweile auch das Internet schon vor den Zeitungen liegt. (via Martin Welker)



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  • Social Networking im Jahr 1976 – das Pew-Projekt über die Onlineavantgarde

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    Obwohl sie sich am längsten in der Onlinewelt tummelten, wusste man bisher erstaunlich wenig über diese frühen Kolonisten des Internet: die early adopters. Die Kolonisierungsmetapher trägt freilich nicht so besonders gut, kamen in dieser Bildwelt doch die Eingeborenen (web natives), also die Generation, die wie selbstverständlich mit Computer und Internet aufgewachsen sind, erst nach den Kolonisten, die sich diese Fähigkeiten erst aneignen mussten.

    Jetzt hat ein Bericht des Pew Internet and American Life Project mit dem Titel „A Portrait of Early Adopters: Why People First Went Online – and Why They Stayed“ (Autorin: Amy Tracy Wells) festgestellt, dass sich zumindest für diese Gruppe von Internetnutzern, was ihre Motivation betrifft, gar nicht so viel geändert hat:

    Our canvassing of longtime internet users shows that the things that first brought them online are still going strong on the internet today. Then, it was bulletin boards; now, it’s social networking sites. Then, it was the adventure of exploring the new cyberworld; now, it’s upgrading to broadband and wireless connections to explore even more aggressively.

    Aber ein wichtiger Umschwung lässt sich dennoch an dieser Gruppe beobachten: Während sie in der Anfangszeit dem Internet vor allem in einer passiv-konsumierenden Haltung entgegengetreten sind, sind sie nun zu aktiven Produzenten von Internetinhalten geworden. Hier zeigt sich also deutlich ein Wandel zum Read-Write-Web (oder wie es in der Studie heißt: vom taker zum giver). Dabei geht es vor allem um eine gewandelte Wahrnehmung des WWW, das sich von einem Nachrichten- und Informationsspeicher (also eine Art BTX mit höherer Auflösung) in ein Kommunikationsmedium verwandelt hat, das heute fast jeder diesseits der digital divide als Sender benutzen kann. Viele spezialisierte Kommunikationsfunktionen des Internet – Newsgroups, Email, Instant Messaging – wurden mittlerweile ans WWW assimiliert.

    Das Pew-Projekt stellt fest, dass die early adopters das Internet zunächst als Individuen und Konsumenten benutzten (daran sieht man, dass es gar nicht um die ersten Jahre des Internet gehen kann, in denen es noch gar nicht für die Privatwirtschaft geöffnet war):

    [T]hey used search engines; got news; played games; conducted research; downloaded software and emailed friends, family and colleagues. Many of these activities consisted of serial connections — people querying systems, communicating privately with other individuals or with highly-defined communities.

    Erst nach Jahren kamen laut Aussagen der alten Surfer dann zwei weitere Verwendungsformen des Internet hinzu: der kreative Ausdruck sowie die Nutzung neuer Online-Vergemeinschaftungsformen. An dieser Stelle müsste man allerdings besser von der breiten Durchsetzung des Prinzips surfing for community sprechen, da Geselligkeit und Austausch in virtuellen Gemeinschaften entgegen der Selbstbeschreibung der Pew-Panelteilnehmer eine der frühesten Motivationen für die Internetnutzung gewesen ist. Man muss nur ein bisschen in Howard Rheingolds Beschreibung der Well-Community blättern oder dieses schöne Zitat aus der Studie lesen:

    I started my online life on a state-wide time-shared mainframe computer in the 5th grade in 1972, and we were “social
    networking” on it by 1976.

    Besonderes Interesse verdient diese Studie deshalb, weil sie es erlaubt einen Blick auf die silver surfer von Morgen zu richten; auf diejenigen älteren Surfer, die den Umgang mit dem Internet nicht erst im Alter gelernt haben, sondern noch vergleichsweise früh. Dies wird dann auch die Generation sein, mit der die Internetdurchdringung auch in den älteren Bevölkerungsteilen rapide ansteigen wird.

    (Abbildung: “Btx ist da!” von fukami)



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  • Weblog ist nicht gleich Weblog: Von den zwei Wurzeln des Bloggens

    Es sieht so aus als gäbe es (mindestens [1]) zwei zentrale Ursprungserzählungen des Bloggens, die bei der Beantwortung der Schlüsselfrage “Wann ist ein Blog ein Blog?” jeweils zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen:

    Version 1: Das Weblog als Linkliste (filterblog)

    In dieser Erzählung gab es in den Urzeiten des WWW zunächst unkommentierte, häufig aktualisierte Linklisten, die dann immer häufiger mit kurzen Anmerkungen versehen wurden (z.B. Tim Berners-Lees Linkliste). Der Kern eines Blogposts ist demnach der Link, wie es auch Jörg Kantel beschreibt:

    Und es war in meinen Augen nahzu folgerichtig, dass Weblogs in ihrer ursrpünglichen Form als kommentierte Linkverzeichnisse angelegt wurden. Und der Link ist kein Anhängsel (in Form einer Fußnote oder eines Literaturverzeichnisses) mehr, sondern integraler Bestandteil des Textes.

    Das Weblog ensteht also aus einer allmählichen textlichen Anreicherung ursprünglich sehr schlichter Linksammlungen. Dies ist auch für die Bloginhalte folgenreich: in Weblogs werden also überwiegend Inhalte abgehandelt, die über einen Link erreichbar sind. Hier liegt also auch der Ursprung der Selbstreferentialitätsthese (“Blogger schreiben nur über sich selbst”).

    Version 2: Das Weblog als Tagebuch (digital diary)

    Einen ganz anderen Ausgangspunkt nimmt die zweite Ursprungserzählung, denn sie sieht das Bloggen als Fortsetzung des Tagebuchschreibens mit anderen Mitteln. Hier geht es also nicht um gefundene Inhalte aus dem Internet, die kommentiert werden, sondern um das Öffentlichmachen eigener (Alltags-)Erlebnisse und Gedanken. Jan Schmidt bemerkt zum Beispiel in seinen drei Thesen zum “Tagebuch-Blogging”:

    Mit der wachsenden Verbreitung im Laufe der vergangenen Jahre haben sich zwar unterschiedliche Prakti­ken des Bloggens herausgebildet, doch empirischen Untersuchungen zu Folge dominieren Elemente des „Tagebuch-Bloggens“.

    Eine Konvergenz der beiden Erzählungen ist natürlich in dem Fall denkbar, in dem eine Person, die tatsächlich fast nur im Netz lebt, über ihren Alltag berichtet. Findet der Alltag jedoch außerhalb des Netzes statt, können diese Blogeinträge auch ganz ohne Links auskommen. Meine bisherige Suche nach den ältesten Blogs in Deutschland hat drei “Ur-Blogs” aus dem Jahr 1996 zu Tage gefördert, die allesamt als digitale Tagebücher beschrieben werden können und dementsprechend auch mit sehr wenig Links ausgekommen sind: Robert Braun, Melody und das Cybertagebuch.

    Koexistenz und Konvergenz

    Meine Vermutung ist, dass beide Arten von Weblogs zunächst (in den 1990er Jahren) nebeneinander existiert haben und erst spät als ein und dasselbe verstanden wurden. Zumindest was den Begriff angeht, kann die erste Variante durchaus als Urform des Bloggens betrachtet werden, sieht man doch auf einen Blick, was im Mittelpunkt von John Bargers Blog steht – nämlich Links, Links und noch einmal Links:

    barger.png

    Allerdings ist zu überlegen, ob man diese Linklisten, die als erstes mit dem Schlagwort “Weblog” versehen wurden, tatsächlich schon als Weblog sehen kann, da Kommentare hier (noch) nicht möglich waren [2] – im Gegensatz z.B. zu den 1996 gestarteten Cybertagebüchern, die sich jedoch nicht als Weblogs bezeichneten. Die Frage ist nun, ob Filterblogs und digitale Tagebücher “nur” als Vorläufer des Weblogs zu sehen sind oder ob nicht der Begriff Weblog auch in der Gegenwart noch so weit offen gehalten werden müsste, so dass er nach wie vor Platz für beide Stränge bietet.

    [1] Ich will natürlich nicht unterschlagen, dass es noch weitere Traditionen des Bloggens gibt, die nicht unter die beiden Stränge fallen, z.B. das digitale Lesejournal (siehe etwa John Baez Blog) oder die Fotologs.

    [2] Auch noch nicht befriedigend geklärt ist die Frage, wie wichtig die Kommentierbarkeit für die Definition des Weblogs ist. Meistens wird die Möglichkeit, Beiträge zu kommentieren als wesentliches Merkmal der Vollform des Bloggens gesehen. Aus meiner Perspektive handelt es sich hier jedoch nur um einen quantitativen Wandel. In vielen Proto-Blogs war die Möglichkeit zu kommentieren von Anfang an gegeben, allerdings per Email oder im Gästebuch. Häufig antworteten die Bloggerinnen auf diese Rückmeldungen dann wiederum in ihren Einträgen. Insofern ist die Kommentierbarkeit nur eine Konvergenz von Filterlog bzw. digitalem Tagebuch und Gästebuch. Keine Frage, durch die Möglichkeit, Kommentar und Beitrag auf einer Seite zu sehen, steigt der Anreiz, sich in Diskussionen einzumischen, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Kommentierbarkeit vor Ort wirklich als zentrales Merkmal herausgestellt werden kann.



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    Gestern wurde der zehnte Geburtstag der Weblogs gefeiert – dabei geht es streng genommen nur um den Geburtstag des Begriffs “Weblog”, der am 17. Dezember 1997, so will es die digitale Überlieferung, von John Barger das erste Mal in den Mund genommen bzw. in die Tastatur gehauen wurde. Sucht man jedoch danach, wann das erste Mal umgekehrt chronologische Posts einigermaßen regelmäßig ins Netz gestellt wurden und kommentiert werden konnten, so lässt sich diese Praxis noch weiter zurückverfolgen. Meine Suche nach den ältesten Blogs hat mich zu Christiane Schulzki-Haddoutis Cybertagebuch-Projekt geführt, das bereits mehr als ein Jahr vor Bargers “Ur-Blog” alle wesentlichen Merkmale eines Weblogs – bzw. einer Weblogcommunity – erfüllte. So sah das Ganze im Jahr 2001 aus (leider fehlen dem Archiv einige Bilder, hier sind digitale Restauratoren gefragt):

    cybertagebuch.png

    Wenn auf dieser Seite tatsächlich die Beiträge kommentiert werden konnten, dürfte folgende Passage in der Wikipedia nicht zutreffen:

    Open Diary launched in October 1998, soon growing to thousands of online diaries. Open Diary innovated the reader comment, becoming the first blog community where readers could add comments to other writers’ blog entries.

    Aber bei den deutschsprachigen Blogs es geht noch älter (und Jan kann den Balken für Weblogs etwas weiter links ansetzen). Denn einige Wochen zuvor, am 21. Juli 1996, hatte auch Carola Heine auf ihrer Seite “Moving Target” angefangen zu bloggen. Freilich ebenfalls ohne für ihre Aktivität diesen Begriff zu verwenden und vermutlich auch ohne die Möglichkeit, die Beiträge zu kommentieren (oder?). Dort hieß es anfangs “Web Diary“, “Webtagebuch” oder “meine handgeschriebene Seite”. Leider gibt das Internet Archive hier nichts her, da aufgrund der robots.txt-Bestimmungen keine Kopien angefertigt wurden. Deshalb kann ich hier nur einen Screenshot des allerersten Beitrags im aktuellen Layout anbieten:

    moving.png

    Jetzt lautet natürlich die spannende Frage: geht es noch früher? Wann ist der Begriff “Weblog” in die deutsche Blogosphäre eingesickert?



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  • Die Geschichte der deutschsprachigen Blogosphäre als Zeitstrahl

    Endlich habe ich einen Grund, einmal das lightweight-datapublishing-API Simile auszuprobieren. Und zwar mit den hier dargestellten Daten der ältesten Blogs in Deutschland (hier geht’s zum Zeitstrahl):

    bloghist.png

    Natürlich noch höchst unvollständig, ich bitte um Hinweise auf weitere Ur-Blogs.



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    Nachdem ich gestern hier ein paar Maßzahlen vorgestellt habe, mit denen man den Erfolg oder Einfluss eines Weblogs bestimmen könnte, habe ich zwei dieser Maßzahlen einmal an den Top 20-Blogs der Deutschen Blogcharts ermittelt: das Alter und den Einfluss (also die Position in den Blogcharts, die auf der Technorati-Authority beruht). Weil es so schön ist, habe ich auch noch gleich die Titel der ersten Blogposts mit dazu geschrieben – erinnert sich vielleicht noch jemand an diese Beiträge?

     BlogErster EintragDatumBlogcharts
    1Spreeblick„Politik Pur“06.04.023
    2Basic Thinking„Mein erster Eintrag“03.02.031
    3law blog„Terminplan“26.03.036
    4Werbeblogger„Deutscher Markenverband: Kampagne umstritten“06.10.039
    5Chilloutzone.de„flash4 treecrashtraining“13.05.0416
    6Blogbar„Open“16.05.0412
    7Bild Blog„Frage zum Anfang“06.06.042
    8MC Winkels weBlog„Fieser Scheitel“28.07.0417
    9netzpolitik.org„FSFE & LinuxTag e.V.“10.08.045
    101x umrühren bitte„Einladung“17.09.0418
    11WordPress Deutschland„Willkommen“01.11.0420
    12Der Shopblogger„Spirituosen in Mehrwegflaschen“24.01.0514
    13Indiskretion Ehrensache„Wie alles beginnt …“28.01.0510
    14Nerdcore„Nerdcore Online!“21.03.058
    15bueltge.de„Allg – Update bueltge.de“24.07.0515
    16Beetlebum.de„my first blog :)12.08.0519
    17software guide„Willkommen auf der neuen Seite“13.09.057
    18GoogleWatchBlog„GoogleWatch“27.10.0513
    19Ehrensenf„Bill Gates & Steve Jobs; schöne U-Bahnhöfe; faule Demonstranten;“01.11.0511
    20Stefan Niggemeier„Turi & Fonsi“27.07.064

    Allerdings sind zwei Zahlen nicht eindeutig: am 24. Juli 2005 ist bueltge.de von einer Eigenbaulösung auf WordPress umgestiegen, wobei ich die älteren Beiträge auch über archive.org nicht finden konnte. (UPDATE: Die alte Seite gibt es hier, sie ist aber kein Blog gewesen, siehe Franks Kommentar) Bei MC Winkel bezieht sich der 28. Juli 2004 auf den Umbau des Tagebuchs (MC Winkel’s Diary) in ein echtes Weblog. Das Tagebuch besteht bereits seit dem 25. Januar 2001!

    kor.pngDer Zusammenhang zwischen dem Einfluss der Weblogs und dem Alter ist schwach positiv, aber nicht signifikant. Zumindest für diese Top 20 gilt also nicht, je älter desto weiter oben. Wie Bernd in den Kommentaren demonstriert, wird dieser Zusammenhang aber deutlicher, wenn man nicht nur den Rang, sondern auch das absolute Alter in Tagen für die Berechnung verwendet. Interessant ist aber, das bis auf ein Blog alle schon länger als zwei Jahre dabei sind. Außerdem (damit renne ich hier sowieso offene Türen ein, aber trotzdem) ist damit der Spruch von der Kurzlebigkeit des Internet zumindest für die Blogs klar widerlegt. Viele der erwähnten ersten Beiträge sind nach wie vor im Archiv des Blogs auffindbar. Und für die Fälle, wo das – meistens aufgrund des Wechsels zu einer anderen Blogsoftware oder einem anderen Bloghoster – nicht möglich ist, gibt es das Internet Archiv.

    Mein persönlicher Favorit: Thomas Knüwers Begründung seines Blogs als Neujahrsvorsatz 2005:

    Jawohl, mein Vorsatz für das Jahr 2005 lautet (mit etwas Verspätung vorgetragen): Ich will ein Blog starten und regelmäßig, möglichst täglich, bestücken.

    UPDATE: So sieht die Tabelle für die Top 30 aus:

     BlogErster EintragDatumBlogcharts
    1wirres.net„kanaldeckelficker mit fettansatz“11.07.0029
    2Spreeblick„Politik Pur“06.04.023
    3Basic Thinking„Mein erster Eintrag“03.02.031
    4law blog„Terminplan“26.03.036
    5fscklog„Weiteres zu X.3“26.03.0323
    6Werbeblogger„Deutscher Markenverband: Kampagne umstritten“06.10.039
    7Fontblog„Sonderzeichen Europa“12.02.0425
    8Dr. Web Weblog„Symbole, Buttons und Icons zum Download“14.03.0421
    8Slanted„Versus nun erhältlich“02.04.0424
    10Chilloutzone.de„flash4 treecrashtraining“13.05.0416
    11Blogbar„Open“16.05.0412
    12Bild Blog„Frage zum Anfang“06.06.042
    13MC Winkels weBlog„Fieser Scheitel“28.07.0417
    14netzpolitik.org„FSFE & LinuxTag e.V.“10.08.045
    151x umrühren bitte„Einladung“17.09.0418
    16WordPress Deutschland„Willkommen“01.11.0420
    17Der Shopblogger„Spirituosen in Mehrwegflaschen“24.01.0514
    18Indiskretion Ehrensache„Wie alles beginnt …“28.01.0510
    19Nerdcore„Nerdcore Online!“21.03.058
    20bueltge.de„Allg – Update bueltge.de“24.07.0515
    21Beetlebum.de„my first blog :)12.08.0519
    22software guide„Willkommen auf der neuen Seite“13.09.057
    23GoogleWatchBlog„GoogleWatch“27.10.0513
    24Ehrensenf„Bill Gates & Steve Jobs; schöne U-Bahnhöfe; faule Demonstranten;“01.11.0511
    25Politically Incorrect 05.01.0630
    26Stefan Niggemeier„Turi & Fonsi“27.07.064
    27Upload„Anstiftung zur Revolution“20.11.0627
    28Der Spiegelfechter„Willkommen beim Spiegelfechter“04.04.0722
    29deutsche startups„Jetzt geht’s los“14.04.0726
    30Bestatterweblog„Rittersporn für Kurt“16.04.0728



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    Auf Basic Thinking macht sich Robert Basic Gedanken darüber, wie alt die Praxis des Bloggens denn über schon ist. Wikipedia ist der Überzeugung, dass “Weblog” als Begriff bis ins Jahr 1997 zurückreicht (und insofern gerade der 10. Geburtstag zu feiern wäre) und die abgekürzte Form “Blog” 1999 entstanden ist. Wie so oft, steckt auch hier eine “traurige” Geschichte dahinter, denn der “Erfinder” des Begriffs John Barger hat nie von dieser Wortschöpfung profitieren können: “Coined the term ‘weblog’, never made a dime.” Die Frage nach den Wurzeln des Bloggens in Deutschland bleibt allerdings offen. Ein sehr frühes Beispiel dürfte jedoch “Moving Target” sein, dessen Beiträge sich sogar bis ins Jahr 1996 zurückverfolgen lassen.



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    Eine der frühesten Erwähnungen des Begriffs “Weblog” oder “Blog” in der deutschen Presse ist der Artikel “Frisch auf den Tisch” (23.1.1999) von Johanna Adorjan über das Ende von Rainald Goetz’ Blog-Experiment “Abfall für alle”. Zu vermuten ist, dass die besonderen Merkmale dieses Blogs (ein prominenter Autor, der kein Journalist ist und eine One-to-many-Kommunikation) die Wahrnehmung des Konzepts “Weblog” noch einige Zeit (bis heute?) geprägt hat. Meine Notiz dazu:

    Eines der ersten öffentlichkeitswirksamen Blogs in Deutschland wurde ein Jahr (bis zum 10.1.1999) unter dem Titel “Abfall für alle” lang von Rainald Goetz geführt. Dort war es möglich, “einem Menschen, noch dazu einem denkenden, anonym so dicht auf den Fersen zu sein”. Das Weblog als technisches Hilfsmittel zur Befriedigung voyeuristischer Impulse? Auf der einen Seite der Blogger, der hier natürlich noch nicht so heißt, der seine Gedanken ins Internet schreibt und auf der anderen Seite der anonym bleibende Beobachter, von dessen mitlesender Präsenz der Schreiber gar nichts mitbekommen kann. Es geht hier nicht um Kommentare (schon gar nicht politischer Art) und gar nicht einmal unbedingt um Gefühle. Stattdessen besteht das Blog aus dem “was Rainald Goetz am Vortag gedacht hatte”. Der große Vorteil der Bloglektüre (“Internet-Tagebuch”) gegenüber der üblichen Buchlektüre (was in diesem Fall das konkurrierende Medium wäre) liegt in der Aktualität: “Weil das Geschriebene stets frisch war” ist das Lesen eines Blogs reizvoll. Dabei kann das Blog-Lesen soziale Nähe stiften: man hat dieselbe Sendung gesehen, so dass es eine “Überschneidung” im eigenen Leben und dem Leben des Bloggers gibt.



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