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Die Welt ist nicht geschrumpft, sondern zerknittert

Begleitend zum Neustart eines weiteren Blogs über Urbanismus und Architektur in Bayern, das ich als Ort für meine zahlreichen Architurbilder eingerichtet habe, hier der Hinweis auf einen wunderbar klaren und verständlichen BBC-Vortrag mit dem Titel “Is the World Really Shrinking?” der britischen Geographin Doreen Massey aus Manchester.

Darin setzt sie sich gegen den vor allem in den 1990ern verbreiteten banalen Globalismus à la Thomas L. Friedman und Kenichi Ohmae zur Wehr, der behauptet hatte, durch die ökonomische Globalisierung und die digitale Ökonomie würden alle nationalen Unterschiede eliminiert und die Erde zu einem einzigen flachen Sozialraum integriert. Zunächst stellt sie fest, dass das “Schrumpfen” des Erdballs stark davon abhängt, welche Gegend man betrachtet und vor allem wer man ist.

Ich würde sagen, dass es sich hier um ein dialektisches Verhältnis handelt – eine Dialektik der Globalisierung. Während zum Beispiel der Interkontinentalverkehr stark zugenommen hat und Distanzen wie München-New York tatsächlich geschrumpft sind, führt die Reorganisation von Fahrplänen und Streckenplänen dazu, dass kleinere Städte in der Provinz teilweise sogar weiter weg liegen als noch vor 20 Jahren – am einen Ort wird der Flughafen erweitert, am anderen ein Bahnhof vom ICE-Netz abgetrennt. Zudem gilt dieses Schrumpfen (Tony Giddens spricht von “time-space compression”) nicht für jeden im selben Maß. Zwar mag es durch die Europäische Integration für uns Europäer leichter geworden sein, von einem Land ins andere zu fahren. Aber wenn man einem Nordafrikaner etwas von der Einebnung der räumlichen Distanz zwischen Afrika und Europa erzählt, wird er wohl nur darüber lachen können.

Statt von einem Zusammenschrumpfen der Distanz und dem Entstehen einer flachen, geographie-losen Erdoberfläche sollte man also besser von Falten und Zerknittern sprechen, wie Massey bemerkt:

“Distance” – in the sense of ease of connection – is not simply shrinking – it’s more like it is crumpling in all kinds of uneven and unequal ways.

Dabei sind es keine unpersönliche Kräfte oder gar Naturgewalten, die hier Regionen, Städte und Räume umherschieben wie damals die Gletscher der Eiszeit, sondern es sind Menschen, die dies tun. Auch neue Kommunikationsformen wie Blogs, Twitter und FriendFeed können dazu beitragen, die Soziogeographie zu “zerknautschen” und soziale Nähen herzustellen, die relativ unabhängig von räumlicher Nähe sind (vielleicht sollte man das als “crumpled cosmopolitanism” bezeichnen).

Die entscheidende Frage ist, welche Kraft diese Vernetzung von unten haben wird gegenüber den neuen globalen Geographien der Corporate Globalisation und des mittelständischen Monocle-Kosmopolitismus (wobei ich, selbst ein großer Fan von Tyler Brûlés Zeitschrift, gar nicht behaupte, dass dieser Kosmopolitismus, der Städte unter anderem danach bewertet, wie lange die Geschäfte geöffnet haben, “falsch” wäre. Es ist nur nicht der einzige).

Auch hier gilt wieder: Es gibt nicht nur eine Geschichte der Globalisierung, sondern viele Geschichten. Das hängt davon ab, welche Gegend man betrachtet und vor allem: wen man fragt. Massey ist hierzu sicher nicht die schlechteste Gesprächspartnerin.

(Abbildung “Crumpled building” von Kamoda, CC-Lizenz)



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    Martin Weigert hat über die Möglichkeit berichtet, mittels der Facebook-Applikation Flyers Pro soziodemographische und Einstellungsdaten der Facebook-Nutzer zu gewinnen. Da konnte ich natürlich nicht widerstehen, auch einmal ein paar soziodemographische Rahmendaten zu extrahieren. Zum Beispiel zur Geschlechterverteilung der Facebook-Nutzer in verschiedenen Ländern.

    • Das deutsche Facebook ist geschlechterneutral: Was das Geschlechterverhältnis angeht, unterscheiden sich die Facebook-Nutzer deutlich von den, sagen wir einmal, Besuchern eines Barcamp: nur 49,4% derjenigen, die zum Geschlecht eine Angabe gemacht haben (74,1% der “Germans”), sind männlich und 50,6% weiblich. Das entspricht ziemlich genau der Verteilung in der Bevölkerung insgesamt.
    • Die Hälfte sind Singles: So sieht es zumindest aus, wenn man die Verteilung auf die Kategorien betrachtet: 14,8% sind verheiratet, 0,3% verlobt, 35,4% in einer Beziehung und 46,6% Singles. Allerdings neigen womöglich Singles stärker dazu, in diesem Punkt eine Angabe zu machen, da sie eventuell auf diesem Weg Kontakte suchen. Insgesamt haben nur 54,4% der “Germans” hier eine Angabe gemacht.
    • Mehr männliche Singles: Obwohl das Geschlechterverhältnis sowie der Beziehungsstatus einigermaßen ausgewogen sind, unterscheiden sich die weiblichen und männlichen Nutzer deutlich in ihrem Beziehungsstatus: 53,5% der Männer geben an, Single zu sein, während 46,5% sich auf irgendeine Weise in einer Beziehung befinden. Bei den Frauen ist es genau umgekehrt: 41,7% sind Single gegenüber 58,3% in Beziehungen. Interessant, dass nur 65,8% der Nutzerinnen zu ihrem Beziehungsstatus eine Angabe machen und 70,0% der Nutzer.
    • Internationales Phänomen: Dass es sich hierbei nicht um ein deutsches Phänomen handelt, zeigt der Blick ins Ausland. Auch in den USA überwiegen die weiblichen Facebook-Nutzer (54,8%), während die Singlequote bei den Männern mit 61,2% deutlich über der weiblichen Singlequote (46,5%) liegt. In Frankreich sieht es ähnlich aus: 52,4% der Nutzer sind weiblich. 52,8% der männlichen Nutzer geben an, Single zu sein, aber nur 41,9% der weiblichen Nutzer. Auch in Kanada, UK, Irland, Niederlande, Schweden, Schweiz, Italien, Spanien, Südafrika, Malaysia, Singapur, Australien, Neuseeland, China, Japan, Kolumbien, Mexiko und der Dominikanischen Republik überwiegen die weiblichen Nutzer. Nur in Ägypten, Israel, Libanon, Saudi-Arabien, VAE, Indien, Pakistan und der Türkei sieht es anders aus: dort überwiegen die männlichen Nutzer – aber nur leicht.

    Das ist natürlich nur eine von mehreren Variablen, die sich mit der Applikation beschreiben und zielgerichtet für die Platzierung von Werbung ansteuern lässt (siehe auch Techcrunch):

    Abbildung oben: Pierre-Auguste Renoir, Der Tanz in Bougival, 1882–1883, Quelle: http://www.zeno.org – Zenodot Verlagsgesellschaft mbH



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