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Das Internet, die Gatekeeper und die Qualität

Fragt man nach den Auswirkungen des Internets auf die Qualität, dann erhält man, je nachdem, wem man diese Frage stellt, unterschiedliche Antworten:

In der ersten Variante hat das Internet zu einem unglaublichen Abfall der Qualität geführt. In diese Argumentation passt die Polemik gegen die Klowände genauso wie die etwas ruhiger verlaufende Debatte über das Kuratieren als neue Aufgabe der Redaktionen. Als Beispiel für den massiven Qualitätsverlust durch das Internet wird üblicherweise die Wikipedia zitiert, in der es sehr viele miserabel recherchierte, tendenziös geschriebene und immer wieder von Vandalismus heimgesuchte Artikel gibt.

Früher sorgten in den Massenmedien Redakteure oder im Wissenschaftssystem langwierige Peer-Review-Prozesse dafür, dass am Ende nur geprüfte Qualität gedruckt bzw. publiziert wurde. Wenn diese Instanzen wegfallen – und im Internet kann man an ihnen vorbei publizieren – gibt es keinen Garant mehr für die Qualität der Veröffentlichungen. “Da kann ja jeder herkommen und etwas veröffentlichen!

In der zweiten Variante ist durch das Internet ein bisher nicht dagewesener Anstieg der Qualität möglich geworden. Jeder kann im Web ein Blog eröffnen und über seine Erfahrungen in Beruf, Leben, Politik, Familie … publizieren. Wissenschaftler, die über Randgebiete von Orchideenfächer forschen, erreichen im Internet mit ihren Forschungsergebnissen genau diejenigen fünf über die Welt verteilten Kolleginnen, die sich für genau dieselben Phänomene interessieren. Jeder kann schreiben, filmen, fotografieren, komponieren … und seine Werke dann auf Plattformen wie Tumblr, Instagram, Vimeo oder Soundcloud hochladen und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Als Beispiel für die unglaubliche Qualitätssteigerung durch das Internet wird üblicherweise die Wikipedia zitiert, in der es sehr viele umfassend recherchierte, objektiv geschriebene und immer wieder verbessert, ergänzt und kommentierte Artikel gibt.

Zu den Aufgaben der Redakteure und Peer-Reviewer gehörte nicht nur die Qualitätssicherung nach unten, sondern auch nach oben. Die wirklich brillanten Forscher und Künstler hatten zu Lebzeiten große Schwierigkeiten, in das offizielle gesellschaftliche Publikationssystem zu gelangen, da ihre Gedanken und Werke damals von den Gatekeepern nicht verstanden oder gefürchtet wurden. Qualitätssicherung heißt immer auch Bewahrung, Innovationsfeindlichkeit und dadurch letztlich Förderung des Mittelmaßes.

Das kommt auch schon daher, dass die Gatekeeper die Aufgabe haben, auf den Bedarf und die Möglichkeiten eines bestimmten Publikums zu achten – eines Publikums mit bestimmten Voraussetzungen und Beschränkungen. Im Fall der Redakteure ist dies häufig eine “allgemein-gebildete Öffentlichkeit”, im Fall der Wissenschaftler die “scientific community”. Um die Arbeit der Gatekeeper zu erleichtern, nimmt man bei beiden Öffentlichkeiten zum Beispiel einen bestimmten Bildungsgrad an. Die französische Revolution kann hier als bekannt vorausgesetzt werden, während die Oberbayerische Postbauschule erklärt werden muss. Ganz ähnlich funktioniert das in der Wissenschaft, da hier zwar viel mehr Fachwissen vorhanden ist, aber jeder Wissenschaftler in fast allen Disziplinen und Subdisziplinen außer der eigenen ein Laie ist.

Im Internet ist niemand dafür zuständig, für Rücksicht auf die Bedürfnisse und Voraussetzungen der unterschiedlichen Öffentlichkeiten zu sorgen. Jeder kann (und dies geschieht natürlich auch) so schreiben, dass es nur eine einzige Person – nämlich sie oder er selbst – verstehen kann. Aber noch häufiger richtet sich der Autor an eine mehr oder weniger esoterische Deutungs- oder Erlebnis-Gemeinschaft. Das Schreiben ins Internet zerstört die klaren Vorstellungen von Massen- und Durchschnittsöffentlichkeiten und ähnelt damit eher den hoch-metaphorischen hermetischen Texten der Alchemisten als den Fernsehnachrichten um 20 Uhr.

Insofern ist die Frage nach der Qualität eine überflüssige oder falsch gestellte Frage: Das Internet hat die Qualität stark vermindert, und das Internet hat die Qualität stark gesteigert. Aber vor allem ist es dabei, unsere Vorstellungen einer einheitlichen Zuschauer-, Hörer- und Leserschaft aufzulösen. Mit allen positiven und negativen Folgen.



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    “Das Requiem auf Print ist noch nicht gesungen”, sagte Bascha Mika, Chefredakteurin der taz auf dem media coffee der dpa in Berlin. Ich befürchte fast, dass sie damit Recht hat. Aber nicht deshalb, weil ich den Untergang der Printzeitungen und -zeitschriften herbeisehnen würde – im Gegenteil! Eher sehe ich die Gefahr, dass sich gerade die gedruckten Tageszeitungen in Zombies verwandeln, untote Wesen, die nicht sterben dürfen, weil von Seiten der Zeitungsmacher zu viel Prestige, Tradition, Emotion daran hängt. So werden möglicherweise Veröffentlichungen, die längst nicht mehr relevant, ökonomisch tragfähig oder zukunftsweisend sind, jahrelang mitgeschleift, weil es einem Tabubruch gleich käme, sie zu hinterfragen.

    Gerade mit Entwicklungen wie der Selbstisolation der Associated Press, die seit kurzem horrende Worthonorare dafür verlangt, dass ihre Informationen in Blogs wiedergegeben werden, spitzt sich die Situation merklich zu. Klar zu erkennen ist, dass es hierbei überhaupt nicht mehr um die Funktion der gesellschaftlichen Verbreitung von Nachrichten geht. Nachrichtenagenturen, die auf einmal mit der wachsenden Konkurrenz aus user generated news in Blogs, auf Twitter oder Friendfeed konfrontiert sind, versuchen dennoch, ihre alte Funktion als gate-keeper zu bewahren. Nur wirken gate-keeper schnell lächerlich, wenn die Mauern längst geschleift worden sind.

    What has me most upset about the AP Affair is that I fear we are seeing the beginnings of its death throes. I value the AP and don’t want it to die. I want it to morph to a new model and a new future. But I am afraid that in its fights, we are seeing its inability to adapt,

    schreibt Jeff Jarvis und das gilt nicht nur für Nachrichtenagenturen, sondern eigentlich die gesamte Printwelt. Nur leider lassen sich diese neuen Modelle und neuen Zukünfte zumindestens in der Welt der Zeitungsverlage noch nicht erkennen. Die Zeitungen werden zwar auf ihren Onlinepräsenzen immer “bloggiger“, binden Bewegtbilder ein, geotaggen ihre Informationen oder beginnen sogar mit dem Twittern. Aber das überzeugt als langfristiger Zukunftsentwurf noch lange nicht.



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