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Soziale Medien als heroisches Projekt

Meistens sind es gar nicht die neuen Gedanken, die einen brillianten Denker ausmachen. Oft ist es viel mehr die Fähigkeit, einen Gedanken so zu formulieren, dass seine Bedeutung, seine Folgen deutlich werden. Ein gutes Beispiel dafür ist die Definition von “Kultur” wie auch “Kommunikation” (beide Begriffe gehören hier eng zusammen), wie sie Vilém Flusser vornimmt:

Denn worum geht es in der menschlichen Kommunikation? Es geht darum, erworbene Informationen zu speichern, zu prozessieren und weiterzugeben.

In diesem Satz steckt ein zutiefst antibiologisches Menschenbild. Der kommunizierende oder kulturschaffende Mensch lehnt sich gegen die Natur auf. Warum? Weil er damit bewusst gegen zwei Grundgesetze der Naturwissenschaften verstößt.

Auf der einen Seite gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, der besagt, dass das Universum immer wahrscheinlicher, immer gleichmäßiger verteilt wird, dass also die Unordnung oder Uninformation auf lange Sicht zunimmt. Das Speichern von Informationen ist genau das Gegenteil davon. Das steckt bereits im Begriff der In-Formation, des Einprägen einer Form in einen Gegenstand. Also: Herstellen von Ordnung.

Auf der anderen Seite verstößt dieser Kultur- und Kommunikationsbegriff gegen die Mendelsche Regel, dass erworbene Informationen nicht genetisch weitergeben werden können. Kultur vererbt dagegen auch erworbene Informationen. Flusser bezeichnet dies treffend als Engagement gegen den eigenen Tod, so wie man auch den ersten Punkt als Engagement gegen die Unordnung – Philip K. Dick-Lesern auch als “Kipple” bekannt – lesen kann. Dennoch ist der Mensch beiden Prozessen unausweichlich ausgesetzt. In diesem tragischen Spannungsfeld findet menschliche Kommunikation statt. Kein Wunder, dass Flusser seine Kommunikologie als Forschungsfeld von universeller und grundlegender Bedeutung ansah.

Was mich jetzt besonders interessiert und weshalb ich denke, dass es eine Philosophie der sozialen Medien geben müsste (wenn es sie nicht schon gibt): Welche Schlüsse lassen sich daraus für soziale Medien (social media) ziehen? Sind Blogs, Facebook-Profile, Twitter-Statusmeldungen und Lebensströme (man beachte den Namen!) wie Friendfeed nicht ebenfalls aus dieser Perspektive zu betrachten? Nur sind es nicht mehr außergewöhnliche Individuen (Künstler) oder professionell dafür zuständige Menschen (Journalisten), die sich um diesen anti-entropischen Prozess kümmern, sondern ganz gewöhnliche Leute.

Welche Folgen hat diese Potenzierung der Kommunikationen? Auf der einen Seite könnte man positiv sagen, dass Computer und Internet noch viel mehr Scheinerfolge im Kampf mit der Entropie erlauben. Auf der anderen Seite ist jede derartige Ausweitung immer auch auf inflationäre Effekte zu befragen. Wird dadurch, dass ich immer mehr Handlungen meines Lebens über das Netz vermittle, nicht der Informationswert sinken? Wenn jeder bloggen würde, wäre das negative oder positive Entropie?

Es heißt immer wieder: Das Internet vergisst nichts. Handelt es sich hier vielleicht um das bislang heroischste Projekt des Menschen in der Auseinandersetzung mit seiner eigenen condition humaine?



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    Wenn ich nur alles ausführlich verbloggen könnte, was mir da tagtäglich durch den Feedreader rutscht … Dann würde ich mich zum Beispiel den folgenden Beiträgen widmen:

    • Robert Scoble stößt einmal mehr eine Diskussion über die Zukunft der Blogosphäre an. Er ist sich nämlich ziemlich sicher, die “era when bloggers could control where the discussion of their stuff took place is totally over.” Dienste wie FriendFeed verteilen die Gespräche nämlich dezentral. Eine wirkliche Beschreibung dieses spannenden Phänomens ist damit aber noch lange nicht erreicht.
    • 1.0, 2.0, 3.0 oder gar 4.0? Diese Frage kann man nicht nur auf das Web beziehen, sondern auch auf die Zukunft der Bibliothek. René Schneider (FH Genf) hat nun die Folien auf Slideshare gestellt, mit denen er die Evolution vom klassischen OPAC über das nutzerorientierte Web 2.0 und das semantischen Netz bis zum künstlich-intelligenten Web 4.0 skizziert. Mich würde interessieren, wie weit man mit Begriffen wie “Bibliothek 4.0” vom bibliothekswissenschaftlichen Mainstream ist? (netbib, Steuereule)
    • Kai-Uwe Hellmann nimmt ausführlich einen klassischen Text (pdf) von Barry Wellman, dem Pionier der Netzwerkanalyse, auseinander und kann der Wellmanschen Idee eines “vernetzten Individualismus” als neue Gemeinschaftsform nicht viel abgewinnen. Zurecht. Hellmanns Fazit sollte man sich im Zeitalter des Social Graph ruhig einmal auf der Zunge zergehen lassen: “Unstrittig ist: Jede ‘Community‘ ist ein ‘social network’, dies gilt umgekehrt
      aber keineswegs.”

    • Mit Amateurvideos gegen den Staat? Das berlin Institute aus, nun, Berlin versucht diesen Trick und hat ein “Video zur fragwürdigen Unabhängigkeit von Tagesschau und NDR-Rundfunkratins Netz gestellt. Das Ziel ist eine möglichst weitläufige virale Ausbreitung des Materials, mit dem nachgewiesen werden soll, dass das gegenwärtige Rundfunkkontrollsystem nicht funktioniert und mehr Transparenz und Expertise verdient hätte. Bis jetzt sieht es ganz gut aus – zumindest was die Viralität betrifft.
    • Weblog-Geringverdiener Jeff Jarvis zeichnet die Zukunft von Medien und Nachrichten in sein Blog. Der alte Filter der Presse – zwischen der Welt und uns – wird ersetzt durch eine heterogene und pluralisierte “Presse-Sphäre”, in der viele Quellen zur individuellen Konstruktion einer Story herangezogen werden können und Feeds dafür sorgen, dass wir auf dem Laufenden bleiben. Der große Unterschied zwischen Print und Online: “In print, the process leads to a product. Online, the process is the product.” Die neuen Nachrichten sind nicht mehr in Ressorts organisiert, sondern um Themen, Tags oder Geschichten, “because the notion of a section is as out of date as the Dewey Decimal System“.
    • Solche Listen werden wir in Zukunft noch häufiger sehen: Josh Bernoff hat neun Gründe gesammelt, warum Menschen Social Media nutzen: Freundschaften pflegen, neue Freunde finden, sozialer Druck, seinen Beitrag leisten, Altruismus, Exhibitionismus, Kreativität, Selbstbestätigung und Affinität. Daraus folgt ein wichtiger Hinweis an die Macher von Social Software: “Respect this diversity.”
    • Auch der Altmeister der Medienkonvergenztheorie, Henry Jenkins, meldet sich wieder zu Wort und erörtert auf dem C3-Blog das Thema: “Why academics should blog…” Er betont insbesondere die Bedeutung von Weblogs für die Sichtbarkeit junger Forscher: “increasingly, younger researchers are using blogs as resources for reputation building, especially in cutting-edge fields that lack established authorities.” Außerdem ermöglichen Wissenschaftlerblogs eine proaktive Haltung gegenüber den Massenmedien: Wir bloggende Wissenschaftler warten nicht mehr, bis wir von Journalisten zu einem Thema befragt werden, sondern reden einfach los. “Just-in-time-Scholarship” nennt Jenkins das.


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    180px-juergenhabermas.jpgJürgen Habermas betont in seiner vielbeachteten Rede zur politischen Kommunikation in der Mediengesellschaft, die gerade eben auch in einem Suhrkamp-Bändchen abgedruckt wurde, die Wichtigkeit einer Feedbackschleife zwischen Politik und Zivilgesellschaft. Nur so können die Grundprinzipien der deliberativen Demokratie verwirklicht werden, die anders als die liberale (Freiheit) oder republikanische (Partizipation) auf eine wahrnehmbare öffentliche Meinung als Öffnung der Politik für die Gesellschaft setzt. Die veröffentlichten Meinungen dienen als “networks for wild flows of messages” als Deliberationsarena auf politischer Grassroots-Ebene.

    Natürlich ist die Unabhängigkeit und Selbst-Regulierung des Mediensystems eine wesentliche Bedingung für einen unverzerrten öffentlichen Diskurs — Gegenbeispiel sind Banalisierung (Berlusconi) oder Verfälschung (Irakkrieg) der Medienberichterstattung. Insofern müssten doch eigentlich die vielen Weblogs ein wertvolles deliberatives Element in der Mediengesellschaft darstellen, oder? Habermas sieht das in dem Fall gegeben, wenn es gegen die autoritäre geht: Weblogs können hier einen zusätzlichen, authentischen Nachrichten- und Meinungskanal eröffnen und der öffentlichen Meinung zur Veröffentlichung helfen (das hält auch Jeff Jarvis für ein wichtiges Element einer “Open Source-Demokratie”).

    Dann kommt aber Habermas kritische Einschränkung: In liberalen Regimen mit unabhängigen Mediensystemen ist diese Funktion überflüssig und Grassrootsmedien wie Weblogs sind eher eine bedrohliche Erscheinung, da sie zur Fragmentierung der politischen Öffentlichkeit in zahlreiche Mikroöffentlichkeiten beitragen. Mit Jan Schmidt kann man dieses Phänomen auch als “persönliche Öffentlichkeiten” beschreieben, also winzige Gruppen von zum Teil namentlich bekannten Personen, für die manche Mikropublisher schreiben.

    friendfeed.pngVerstärkt wird dieses Phänomen zudem durch die Syndizierungsmöglichkeiten von Web 2.0-Inhalten. Mittels RSS- und Atom-Feeds können Bloginhalte nicht mehr nur auf der Bloghomepage selber gelesen werden, sondern auch mit Feedreadern online und offline. Dienste wie FriendFeeds ermöglichen darüber hinaus auch noch, die Feeds an anderer Stelle – eben auf dem eigenen FriendFeed – zu kommentieren: “Verlagerung der Diskussionen” lautet mittlerweile die gängige Formel dafür. Die Diskussion über die in einem Blogpost vertretene Meinung wird damit noch weiter fragmentiert, so dass die Autorin teilweise gar nicht mehr mitbekommt, ob und wo über ihren Beitrag diskutiert wird. Habermas würde das nicht gefallen. Denn so wird nicht nur die politische Öffentlichkeit “into a huge number of isolated issue publics” zersplittert, sondern auch der Diskurs in eine große Zahl isolierter Diskursfädchen. Niemand hat mehr einen Überblick über den Stand der Debatte, so dass die Aufmerksamkeit in dieser Mikrokultur zunehmend zerfasert.

    Aber diese Entwicklung lässt sich womöglich auch ins Positive wenden. Ein wesentliches Hindernis für die Entfaltung wirklich freier Konversationen in der Blogosphäre ist die Kommentarhaftung des Betreibers. In Kurzform: Wenn jemand in einem Kommentar auf einen Blogpost das Maß überschreitet, wird nicht diese Person selbst zur Verantwortung gezogen, sondern der Betreiber muss für seine Ausfälle haften. So als müsste für eine Beleidigung im Landtag der Landtagspräsident die Konsequenzen tragen. Viele Blogger werden dadurch unfreiwillig in Blogwarte oder breitschultrige Türsteher verwandelt, was im Gegensatz zu einer medienmündigen “sich-selbst-veröffentlichenden Gesellschaft” steht.

    Ich fürchte, die Rechtslage diesbezüglich ist noch nicht geklärt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich für die Äußerungen anderer Personen in “meinem” FriendFeed, SocialThing oder Noserub oder anderen derartigen Diensten verantwortlich gemacht werden kann. Insofern bietet die Fragmentierung der Kommunikation den Vorteil, auch kontroverse Artikel an einem “sicheren Diskurshafen” diskutieren zu können. Könnten nicht zum Beispiel Niggemeiers CallActive-Beiträge, bei denen aus nachvollziehbaren Gründen die Kommentarfunktion deaktiviert ist, dort einem öffentlichen Diskurs zugänglich gemacht werden?

    Eigentlich müsste es doch möglich sein, ein WordPress-Plugin zu entwickeln, das die verteilten Kommentare aus FriendFeed, del.icio.us oder Digg einsammelt und mit dem Blogeintrag zusammen anzeigt. Oder gibt es das schon?

    (Bild: “Jürgen Habermas”, Quelle: Wikipedia, CC-Lizenz)



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