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Die Datenbank der Wünsche, Folksonomies und Trampelpfade

[Der Wildbach] wühlt sich sein Bette selbst und bricht sich Bahn,
nicht des gemessnen Pfades achtet er.
Schiller

Clay Shirkys aktuelles Buch “Here Comes Everybody: The Power of Organizing Without Organizations” ist nicht nur ein gut lesbarer Einstieg in die Organisationsforschung – oder besser: Un-Organisationsforschung -, sondern macht insbesondere einen Punkt immer wieder deutlich: Das neue Netz (oder Web 2.0) stellt technische Hilfsmittel bereit, mit denen neue Formen des kollektiven Handelns möglich werden, die weder durch spontane Zusammenschlüsse von Personen möglich waren (zu großer Maßstab bzw. zu hoher Koordinierungsaufwand) noch durch Organisationen bereitgestellt werden konnten (zu hohe Overheadkosten).

Anschauliche Beispiele sind die Wikipedia als größte Enzyklopädie in der Geschichte der Menschheit, aber auch die “Datenbank der Wünsche” (Battelle), die mit jeder Google-Suchanfrage erweitert und aktualisiert wird – im Übrigen: Ist es nicht langsam es an der Zeit, dass wir einen API-Zugang zu diesem neuen Weltwissen bekommen? Auch die visuell-semantischen Bedeutungsnetzwerke, die durch das Vergeben von Flickr-Tags entstehen, sind eine ähnliche Leistung. Welches Unternehmen könnte in jeder Minute 2.000 mit Tags versehen?

Etwas anders gelagert ist das Phänomen, das hinter diesen Fotos steckt. Abgebildet sind sogenannte “Wunschpfade”, also Wege, die von Planern nicht vorgesehen waren, sich aber durch das ständige Begehen allmählich in die Landschaft einschreiben. Auch hier sind es weder Organisationen noch irgendwelche Gruppen, die diese rebellischen Trampelpfade schaffen, sondern das Ergebnis ist auch hier eine kumulierte Nebenfolge des individuellen Handelns. Nur: mit moderner Technologie hat das nicht viel zu tun und auch die hohen Organisationskosten waren hier nicht die Ursache dafür, die Pfade nicht von Anfang an einzuplanen.

Dennoch halte ich diese Bilder für ein anschauliches visuell-räumliches Pendant zu Folksonomies, also den emergenten Wissensordnungen die sich aus der individuellen Vergabe von Schlagwörten (Tags) entwickeln. (via)

(Abbildung: “Three Mills Green” von LoopZilla, CC-Lizenz)



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  • Typen digitaler sozialer Netzwerke (Robert Peck)

    Einen interessanten Versuch der Klassifikation (digitaler) sozialer Netzwerke hat Robert Peck, Internetanalyst bei Bear Sterns unternommen. Er unterscheidet vier verschiedene Typen:

    1. Freizeitorientierte Seiten (“leasure-oriented sites”)
    2. Berufsorientierte Seiten (“professional networking sites”)
    3. Medienorientierte Seiten (“media sharing sites”)
    4. Begegnungsorientierte Seiten (“virtual meeting place sites”)

    Zu der ersten Form, den freizeit- oder unterhaltungsorientierten Seiten rechnet er zum Beispiel MySpace, Facebook, Orkut oder Friendster. Also alles Seiten, auf denen sich die Benutzer mit anderen in Kontakt setzen, um sich über bestimmte Bands, Hobbies etc. auszutauschen oder Spiele miteinander spielen (z.B. Roshambull auf Facebook). Die Berufsorientierten Seiten wie LinkedIn (oder Xing, wäre hier zu ergänzen) dienen vor allem Karrierezwecken, also dem Ziel der Vernetzung mit Personen, die für die eigene berufliche Tätigkeit relevant sind. Medienorientierte Netzwerke wie YouTube oder Flickr benutzt man, um Videos oder Bilder miteinander auszutauschen. Schließlich sind noch virtuelle Räume wie Second Life aufzuführen, in denen man sich, vermittelt über Avatare und simulierte Architekturen, in einem virtuellen dreidimensionalen Raum begegnen kann. Seiner Ansicht nach werden diese Netzwerke früher oder später die Rolle der klassischen Internetportale wie Yahoo! übernehmen, vor allem, weil sie mittels Widgets andere Informationen (Wetter, Musik, Horoskope etc.) integrieren können.

    Den kommenden Trend sieht er in der Ausweitung von digitalen sozialen Netzwerken auf mobile Clients, die es ermöglichen, dass der Benutzer praktisch ununterbrochen (auch unterwegs) in seinem Netzwerk präsent ist. Dabei spielen GPS-Geräte eine große Rolle, die durch die Positionsangabe dem Netzwerken eine neue “real world dimension” hinzufügen können. Allerdings verwendet nur ein geringer Teil der Mobiltelefonienutzer (17%) auch das mobile Internet.

    In Anschluss an die Präsentation, die Yahoo nahe legt, (digitale) soziale Netzwerke ernst zu nehmen (und zum Beispiel Facebook zu kaufen) wird zum Beispiel hier darüber diskutiert, inwiefern es sich bei diesen Netzwerken nicht um ein Phänomen handelt, das von Anfang an die Entwicklung des Internets begleitet hat (also vom Usenet über BBS, AOL, Geocities bis hin zu Friendster, Myspace, LinkedIn, Facebook und Twitter. Außerdem wird daran erinnert, dass Yahoo! 1999 mit der Übernahme von Geocities (für 3,5 Mrd. USD) schon einmal versucht hat, in das Social-Networkingbusiness einzusteigen. Andere bemerken, dass sich Yahoo! mit seinen eigenen Netzwerken (360°, del.icio.us, Yahoo Answers, Geocities, Flickr und dem Yahoo Messenger nicht hinter Facebook zu verstecken braucht, sondern versuchen sollte, diese Dienste einfacher zugänglicher zu machen und vor allem in eine einheitliche Oberfläche zu integrieren. (via)



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