Archive for the 'fernsehen' Category

Reichsparteitagsmärchen im ZDF

Ohne das Internet hätte es wahrscheinlich kaum jemand gemerkt. In der Halbzeitpause sprechen die ZDF-Moderatorin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn über das Tor von Miroslav Klose im ersten Spiel der WM mit deutscher Beteiligung. Dabei rutscht Müller-Hohenstein die zweifelhafte Formulierung “Das war für Miroslav Klose ein innerer Reichsparteitag” heraus. Zu diesem Zeitpunkt ist das Publikum normalerweise auf dem Weg in den Keller um noch ein Bier zu holen oder geht kurz auf die Toilette. Heute sitzt man nebenbei am Computer und kommentiert das Spiel auf Facebook oder Twitter:

Noch in derselben Sekunde werden die ersten Twitter-Nachrichten verschickt, die mit der Wortwahl der Moderatorin, vorsichtig ausgedrückt, überhaupt nicht zufrieden sind. Nahezu ebenso schnell schlagen die ersten Nutzer im Wiktionary nach und verharmlosen die seltsame Wortwahl als gängige umgangssprachliche Redewendung (kurzer Hinweis: darum geht es gar nicht, sondern darum, dass eine Formel, die im Dritten Reich üblich war in der Primetime auf dem ZDF gesendet wird – ohne jede Distanz). Es folgen dann zum Teil sehr seltsame Begründungen, warum so eine Redewendung unproblematisch sei:


oder

Aber nicht nur das Publikum sitzt an den Rechnern, sondern auch der Sender. Und auch hier wird per Twitter das Gesagte kommentiert:

Diese Twitter-Nachricht hat das Potential für mich zu meinem bisherigen Twitter-Tiefpunkt zu werden. So kommuniziert der offizielle Kanal einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt? Redewendungen, die im Dritten Reich gängig waren und heute noch in der Umgangssprache weiterleben finden nicht nur über eines der reichweitenstärkste Fernsehformat einen Weg in den öffentlichen Sprachgebrauch, sondern werden auch noch als einfache Redewendung entschuldigt – Reichsparteitag steht hier auch für eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt für Stolz und Befriedigung. That’s it? Ich hoffe nicht.

UPDATE: Auch die Welt und die taz haben das Thema schon aufgegriffen. F!XMBR widmen dem Thema zwei Blogposts und auch auf Wortreich und dem medium-Blog finden sich Posts dazu.

UPDATE 2: In der taz hat der WDR-”Kultreporter” 2005 in einem Interview von einem ähnlichen Fehlgriff erzählt: “Es gab ein Spiel Fortuna Düsseldorf gegen Nürnberg. Der Spieler Detlef Szymanek, zuvor von Düsseldorf nach Nürnberg gewechselt, erzielte ein Tor und ich benutzte ausgerechnet die Formulierung “das war für ihn ein innerer Reichsparteitag”. In dem Moment als ich den Satz gesprochen hatte war mir klar, dass gibt Ärger. Und so war es auch.”



Verwandte Artikel:
  • No related posts
  • Internet ist einflussreichstes Medium

    Das Internet ist mittlerweile das einflussreichste Medium geworden. Dieses Fazit zieht zumindest die gerade veröffentlichte “Digital Influence Index Study” von Fleishman Hillard und Harris Interactive.

    Normalerweise vergleicht man Medien wie Zeitung, TV, Zeitschriften, Radio und Internet Indikator für Indikator. Geht es um die Reichweite, die Nutzungsdauern oder auch die Glaubwürdigkeit liegt das Internet meistens auf dem zweiten oder dritten Platz hinter – es kommt darauf, welchen Indikator man betrachtet – Zeitung und TV.

    Wenn man allerdings mehrere Indikatoren gemeinsam betrachtet und z.B. Nutzungsdauer und Glaubwürdigkeit multiplikativ verknüpft, dann rückt das Internet auf einmal an die erste Stelle. Der Digitale Einflussindex errechnet sich als “the amount of time consumers spent on a given medium combined with the relative importance they attach to that medium.” Das Ergebnis ist ein prozentuales Maß für den Anteil verschiedener Medien am gesamten Einfluss auf die Konsumenten. In Deutschland liegt das Internet mit 40% klar vor den anderen Kanälen TV (22%), Radio (13%), Zeitungen (14%) und Zeitschriften (11%).

    Der Bericht versteht sich als Bestätigung der These, dass zwar auf der einen Seite das Bedürfnis der Konsumenten nach Nachrichten ungebrochen ist, jedoch zunehmend über das Internet befriedigt wird: “In fact, one could argue that the digital form of the written word is more powerful than its ink-on-paper predecessor”. Wenn man sich die ebenfalls in dieser Studie erhobenen Zahlen der Printverweigerer – also der Personen, die in einer typischen Woche keine gedruckten Zeitungen oder Zeitschriften gelesen haben – betrachtet, dann sind die deutschen Zahlen (13% Zeitschriftenverweigerer und 14% Zeitungsverweigerer) im Vergleich mit den britischen und französischen Lesern noch vergleichsweise niedrig. Dort liegen nur die französischen Zeitschriften unter einer Verweigerungsquote von 25%.

    Trotz des deutlichen Einflussvorsprungs von Online sind die Werbeausgaben noch nicht entsprechend umgeschichtet worden. Aber es wäre auch falsch, wie es der Bericht suggeriert, hier einen Automatismus zu vermuten. Denn gerade, wenn es um die neuen Aktivitäten im Internet geht – sowohl um den Ausdruck der eigenen Person in Blogs oder Social Networks als auch um mobile Internetanwendungen auf dem Handy – fehlen zuverlässige Ergebnisse zur Werbewirkungsforschung noch. Für die klassischen Anwendungsfälle des Web 1.0 – die Studie nennt hier das Recherchieren, Kommunizieren und Einkaufen – sieht es dagegen etwas besser aus. Das Forschungsprogramm für die nächsten Jahre dürfte damit klar sein. Wer packt es an?



    Verwandte Artikel:
  • Wasserspiele
  • Das Internet ist keine Modeerscheinung
  • Wikipedia in Cordhosen: Zur Mediennutzung von Jugendlichen
  • Flusser, Twitter, Lobo – für ein dialogisches Fernsehen

    Eine der intelligentesten Analysen des Fernsehens hat der kosmopolitische Medienphilosoph Vilém Flusser 1974 unter dem Titel “Für eine Phänomenologie des Fernsehens” vorgelegt. Darin versucht er sich durch die Ausblendung alles Vorwissens (bei Husserl heißt das Epoché oder Innehalten, Enthaltung) das Wesen des Fernsehens zu beschreiben, wie es sich dem Phänomenologen unmittelbar präsentiert (“Unter den Möbeln eines Wohnraums steht eine Kiste. Sie hat ein fensterähnliches Glas und verschiedene Knöpfe …”).

    Das Fernsehen erscheint aus dieser Betrachtungsweise als “Fenster zum Blicken auf die Welt”, ein Fenster, das in manchen Punkten dem klassischen Fenster überlegen ist (Möglichkeit der Vergrößerung und Verkleinerung von Dingen sowie eine unbeschränkte Aussicht). In anderen Punkten ist der Fernseher dem gewöhnlichen Fenster unterlegen, denn er unterbricht den Dreischritt Orientierung (Ausblick), Engagement (Vorstoß durch die Tür), Einkehr (Rückkehr in die vier Wände). Fernsehen ist passiv.

    Noch spannender sind die politischen Mängel des Fernsehens, also diejenigen, die mit dem Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit zu tun haben. Zunächst einmal ermöglicht das Fernsehen z.B. Politikern, das private Wohnzimmer der Leute zu betreten. Aber diese Beziehung ist minderwertig, denn:

    Erstens erlaubt die Kiste, die den Politiker in den Privatraum projiziert, keinen Dialog mit ihm, und der Dialog ist die Struktur des politischen Lebens. Und zweitens sind die Millionen von Kisten, die in der Gesellschaft verteilt sind, zwar alle mit demselben Sender (dem Politiker), aber nicht untereinander verbunden. Sie erlauben also keinen Dialog zwischen den Empfängern [...] Es führt einerseits zur Vereinsamung, zur Entpolitisierung des Empfängers und andererseits zur allgemeinen Invasion des Privaten, zum Totalitarismus.

    Gestern abend habe ich erlebt, wie dieser Mangel kurzzeitig korrigiert werden konnte. Durch Twitter. In der “Kiste” kam eine Sendung von Menschen bei Maischberger, bei der auch Sascha Lobo, einer der aktivsten Twitterer zu Gast war. Dementsprechend groß war die Aufmerksamkeit auf Twitter. Die vielen maximal 140 Zeichen langen Botschaften lieferten genau den Dialog zwischen den Empfängern, den Flusser im Fall des nackten Fernsehens so vermisst. Und dazu kommt, dass auch einer der im Fernsehen erscheinenden Protagonisten per Twitter direkt ansprechbar war und seinerseits den eigenen Auftritt im Fernsehen zeitversetzt kommentieren konnte.

    Die kurzen Kommentare der Twitter-Zuseher reichten von Politik

    Ach so, Steuern haben nix mit Abgaben zu tun. Politiker sind Fachidioten mit Scheuklappen. Im Realleben laufen solche Leute vor die Wand

    über Ästhetik,

    möglicherweise wurde @saschalobo nur als roter Teppich eingeladen. was fatal wäre. #laufenüberiro

    Wissenschaft

    “Diskontinuierliche Arbeits- und Erwerbsbiographien” wären das Stichwort! #saschalobo #maischberger

    oder Rhetorik

    @saschalobo guter einstieg, angenehmes tempo

    Eine mögliche Nebenfolge des intensiven Begleittwitterns ist, dass die bei solchen Ereignissen übliche Aufarbeitung der Sendung in den Weblogs bisher eher schleppend voran geht.

    Unabhängig von der Frage, ob man in 140 Zeichen tatsächlich einen politischen Dialog führen kann, halte ich dieses Experiment für gelungen. Um die 50 Personen sehen gemeinsam eine Fernsehsendung und verwandeln sie durch ihr Getwitter von einem starren diskursiven Broadcast in einen Dialog. Die zweite Einseitigkeit – also das Fehlen einer Verbindung zwischen Empfängern und Sender – wird dadurch vermutlich nicht beeinflusst. Aber ich hoffe, dass früher oder später vielleicht auch die Rundfunkverantwortlichen dieses dialogische Potential entdecken werden, das unendlich wirkungsvoller und ehrlicher ist als die oft so dämlichen Zuschaueranrufe, die von Redakteuren ausgewählt und ins Studio durchgestellt werden.

    Ein dialogisches Fernsehen wäre ein sinnvoller Auftrag für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Vielleicht sogar der einzige, der geblieben ist.

    Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun.



    Verwandte Artikel:
  • Blogs als Diskurs- und Dialogmedien
  • Soziale Medien als heroisches Projekt
  • Kostenloser Ratgeber für Journalisten 2.0
  • Email als Elitetechnologie

    Einmal mehr stellt eine Studie über die Internetnutzung fest, dass es eine erhebliche digitale Spaltung gibt: Der Branchenverband BITKOM zeigt im aktuellen Webmonitor, dass die Emailnutzung deutlich von dem Bildungsgrad abhängt. Während zwei Drittel der Personen mit Abitur oder Hochschulabschluss dieses Dialogmedium nutzen, sind es bei den Realschulabsolventen nur knapp die Hälfte und unter den Hauptschulabsolventen nur noch ein knappes Drittel. So überrascht es kaum, dass angesichts der großen Wichtigkeit von IT-Kenntnissen und der schlechten Ausstattung der deutschen Schulen eine große Bildungsinitiative gefordert wird.

    Man sollte allerdings, ohne das Phänomen der digitalen Spaltung kleinreden zu wollen, einmal darüber nachdenken, dass auch das Diskursmedium Fernsehen in der Anfangszeit ein Elitenphänomen gewesen ist (vgl. dazu die Dissertation “Fernsehen und sozialstruktureller Wandel” von Rudolf Stumberger). Erst in den 1970er Jahren konnte man in Deutschland von einer Vollversorgung sprechen, in den 1950er und frühen 1960er Jahren kennzeichnete die Besitzer von Fernsehgeräten ein überdurchschnittlicher Bildungsgrad und ein relativ hohes Einkommen. Aber im Falle des Fernsehens kam es sehr schnell zu einer Umkehr: So besaßen die einkommensstärksten 12 Prozent der Bevölkerung Großbritanniens im Jahr 1947 fast die Hälfte der Fernsehgeräte, bereits sechs Jahre später standen über die Hälfte der Geräte in Haushalten der “Lower 68%” der Bevölkerung. In Deutschland fand diese Entwicklung entsprechen später statt: Zwischen 1954 und 1963 ist der Anteil der Selbständigen unter den Gerätebesitzern von 59 auf 14 Prozent gesunken, während gleichzeitig der Arbeiteranteil von 9 auf 53 Prozent gestiegen ist.

    Insofern ist fraglich, ob wir es bei der digital divide im Fall von Email tatsächlich mit einem Phänomen eigener Art zu tun haben. Denkbar wäre auch eine Kombination aus den folgenden Faktoren:

    • schichtspezifische Präferenzen und Fähigkeiten, was das freie Verfassen von Texten betrifft,
    • ein ganz gewöhnlicher lag in der Diffusion von neuen Technologien
    • das “Überspringen” der Technologie Email und eine stärkere Nutzung von Chat, IM oder Direktnachrichten in Social Networks wie SchülerVZ oder Lokalisten


    Verwandte Artikel:
  • Jeder Zweite mit beruflicher Email-Adresse
  • Der Email-Jumbo
  • Creative-Commons-Blogs – ein Erfolgsgeheimnis?
  • Stapelverarbeitung – 14.04.2008

    Wenn ich nur alles ausführlich verbloggen könnte, was mir da tagtäglich durch den Feedreader rutscht … Dann würde ich mich zum Beispiel den folgenden Beiträgen widmen:

    • Robert Scoble stößt einmal mehr eine Diskussion über die Zukunft der Blogosphäre an. Er ist sich nämlich ziemlich sicher, die “era when bloggers could control where the discussion of their stuff took place is totally over.” Dienste wie FriendFeed verteilen die Gespräche nämlich dezentral. Eine wirkliche Beschreibung dieses spannenden Phänomens ist damit aber noch lange nicht erreicht.
    • 1.0, 2.0, 3.0 oder gar 4.0? Diese Frage kann man nicht nur auf das Web beziehen, sondern auch auf die Zukunft der Bibliothek. René Schneider (FH Genf) hat nun die Folien auf Slideshare gestellt, mit denen er die Evolution vom klassischen OPAC über das nutzerorientierte Web 2.0 und das semantischen Netz bis zum künstlich-intelligenten Web 4.0 skizziert. Mich würde interessieren, wie weit man mit Begriffen wie “Bibliothek 4.0” vom bibliothekswissenschaftlichen Mainstream ist? (netbib, Steuereule)
    • Kai-Uwe Hellmann nimmt ausführlich einen klassischen Text (pdf) von Barry Wellman, dem Pionier der Netzwerkanalyse, auseinander und kann der Wellmanschen Idee eines “vernetzten Individualismus” als neue Gemeinschaftsform nicht viel abgewinnen. Zurecht. Hellmanns Fazit sollte man sich im Zeitalter des Social Graph ruhig einmal auf der Zunge zergehen lassen: “Unstrittig ist: Jede ‘Community‘ ist ein ‘social network’, dies gilt umgekehrt
      aber keineswegs.”

    • Mit Amateurvideos gegen den Staat? Das berlin Institute aus, nun, Berlin versucht diesen Trick und hat ein “Video zur fragwürdigen Unabhängigkeit von Tagesschau und NDR-Rundfunkratins Netz gestellt. Das Ziel ist eine möglichst weitläufige virale Ausbreitung des Materials, mit dem nachgewiesen werden soll, dass das gegenwärtige Rundfunkkontrollsystem nicht funktioniert und mehr Transparenz und Expertise verdient hätte. Bis jetzt sieht es ganz gut aus – zumindest was die Viralität betrifft.
    • Weblog-Geringverdiener Jeff Jarvis zeichnet die Zukunft von Medien und Nachrichten in sein Blog. Der alte Filter der Presse – zwischen der Welt und uns – wird ersetzt durch eine heterogene und pluralisierte “Presse-Sphäre”, in der viele Quellen zur individuellen Konstruktion einer Story herangezogen werden können und Feeds dafür sorgen, dass wir auf dem Laufenden bleiben. Der große Unterschied zwischen Print und Online: “In print, the process leads to a product. Online, the process is the product.” Die neuen Nachrichten sind nicht mehr in Ressorts organisiert, sondern um Themen, Tags oder Geschichten, “because the notion of a section is as out of date as the Dewey Decimal System“.
    • Solche Listen werden wir in Zukunft noch häufiger sehen: Josh Bernoff hat neun Gründe gesammelt, warum Menschen Social Media nutzen: Freundschaften pflegen, neue Freunde finden, sozialer Druck, seinen Beitrag leisten, Altruismus, Exhibitionismus, Kreativität, Selbstbestätigung und Affinität. Daraus folgt ein wichtiger Hinweis an die Macher von Social Software: “Respect this diversity.”
    • Auch der Altmeister der Medienkonvergenztheorie, Henry Jenkins, meldet sich wieder zu Wort und erörtert auf dem C3-Blog das Thema: “Why academics should blog…” Er betont insbesondere die Bedeutung von Weblogs für die Sichtbarkeit junger Forscher: “increasingly, younger researchers are using blogs as resources for reputation building, especially in cutting-edge fields that lack established authorities.” Außerdem ermöglichen Wissenschaftlerblogs eine proaktive Haltung gegenüber den Massenmedien: Wir bloggende Wissenschaftler warten nicht mehr, bis wir von Journalisten zu einem Thema befragt werden, sondern reden einfach los. “Just-in-time-Scholarship” nennt Jenkins das.


    Verwandte Artikel:
  • Stapelverarbeitung
  • Stapelverarbeitung – 15.04.2008
  • Stapelverarbeitung – 16.4.2008
  • Deathmatch – das öffentlich-rechtliche Endspiel

    Wofür ich Rundfunkgebühren bezahle? Damit unterstütze ich das öffentlich-rechtliche Qualitätsfernsehen, das sich durch besonders hohe Maßstäbe bezüglich der wahrheitsgemäßen Darstellung auszeichnet. Zum Beispiel wenn es um das Thema “Killerspiele” geht, wie Matthias Dittmayer in diesem Youtube-Video eindrucksvoll darstellt:

    Ich bin mir aber nicht sicher, ob man wirklich wie Stefan Niggemeier so neidisch auf Großbritannien schauen sollte, wo “eine breite Diskussion stattfindet über Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit in den Medien, die sogar dazu führt, dass die „Noddys” in Frage gestellt werden, die Gegenschüsse auf nickende Fragesteller, die nachträglich gedreht und in Fernsehinterviews geschnitten werden”.

    Ist nicht vielmehr dieses Youtube-Video der schlagende Beweis für eine funktionierende Gegenöffentlichkeit? Auch wenn nicht sicher ist, ob die von Dittmayer erhobenen Vorwürfe tatsächlich so oder so den Weg in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk finden; sicher ist: dieses Video wird in den nächsten Tagen von tausenden Internetnutzern gesehen werden (“Comments: 1,285 Favorited: 1,855 times”), wird in den Blogs die Runde machen, von Online-Magazinen aufgegriffen, in Mikrobloggingkanälen diskutiert und immer wieder in social bookmarking-Diensten abgespeichert und bewertet.

    Natürlich ist das noch ein etwas elitärer Kanal, wenn auch elitär im besten Sinne eines Diskurses, der andere Verbreitungskanäle nutzt als die üblichen massenmedialen Sendeformate – also in etwa so, wie Flusser diesen Begriff verwendet: “antipublizistische Publikation” (“Vom Verrat”, Schriften Bd. 1).



    Verwandte Artikel:
  • Failure notice – über die positive Funktion von Fehlern
  • Zahlen zur Veralltäglichung des Internet
  • Haftung für offene Netze
  • Internet beeinflusst Kaufentscheidungen stärker als Print oder Fernsehen

    Das hat schon Sprengkraft, was W&V gestern über die Studie von Booz, Allen, Hamilton unter dem Titel “Studie: Klassische Werbung entscheidet nicht über den Kauf” vermeldete:

    Nur noch zu fünf Prozent beeinflusst Werbung im Fernsehen oder in den Printmedien, ob wir ein Produkt oder eine Dienstleistung kaufen oder nicht. Im Vergleich dazu legt das Internet als Einflussgeber zu: Zehn Prozent lassen sich durch das Web leiten. Das bedeutet, dass nach dieser Studie, das Web doppelt soviel Einfluss hätte wie Print- und TV-Werbung.

    Die besondere Stärke und Glaubwürdigkeit des Internet liegt dabei in der Kombination von Merkmalen, die man gemeinhin unter dem Label Web 2.0 nennt: user generated content wie zum Beispiel Bewertungen, Empfehlungen und redaktionellen Inhalten wie Testberichten. Die Studie basiert auf einer Untersuchung des Konsumentenverhaltens sowie der Präferenzen von 1000 Endnutzern. Wobei: Die Endnutzer sind in dieser Studie schon längst zu “Kunden 2.0″ geworden. Das zeigt sich zum Beispiel auch in der Aufgeschlossenheit für das Preisgeben persönlicher Informationen:

    Je nach Produktsegment sind zwischen 50% und 80% der Kunden bereit, soziodemographische Daten sowie Nutzungsdaten offen zu legen. Als Gegenleistung erwarten sie insbesondere eine bevorzugte Behandlung als Produkttester, spezielle Angebote oder Preisnachlässe.

    Siehe auch:



    Verwandte Artikel:
  • Puntila 2.0 – die neuen Gutsherren des WWW
  • Flusser, Twitter, Lobo – für ein dialogisches Fernsehen
  • Print-News sind ein Zombie: IDG-Studie zur Mediennutzung von Entscheidern
  • Zeitungen springen auf den Web 2.0-Zug auf

    Steffen Büffel, Falk Lüke, Igor Schwarzmann und Alexander Svensson haben ihre Studie zur Verwendung von Web 2.0-Features in den Online-Auftritten von Zeitungen aktualisiert und können mit interessanten Ergebnissen aufwarten. Besonders deutlich hat sich der Anteil der Zeitungen (71%) vergrößert, die Videoinhalte auf ihren Webseiten anbieten (Youtube-Effekt). Die Grenze zwischen Printzeitung und Fernsehnachrichten wird zunehmend unscharf. Auch die Möglichkeiten der Nutzer, sich inhaltlich zu beteiligen (z.B. per Kommentar) haben deutlich zugenommen: gegenüber 11% im Vorjahr sind es nun schon 28%. Auch das bislang etwas selbstgefällig geäußerte Vorurteil, dass Zeitungen nichts von der Blogosphäre verstehen, lässt sich so nicht halten. Denn mittlerweile gibt es auf fast jeder dritten Zeitungshomepage auch ein Weblog.

    Ich denke aber nicht, dass es sich bei diesen Trends um einen zeitungsspezifischen Effekt handelt, denn auch andere Webseiten rüsten, was interaktive Technologien angeht, immer stärker auf. Das hat vor kurzem auch eine Studie von Laura Massoli angedeutet, die die Homepages von Forschungsförderungsinstitutionen analysiert hat. Viel stärker als die Angebotsseite würde mich jedoch die Nachfrageseite interessieren: geht das Konzept auf? Profitieren die Zeitungen durch ihre Schritte ins neue Netz hinsichtlich Glaubwürdigkeit, Reichweite etc.?



    Verwandte Artikel:
  • Kein Besucher bleibt ewig! Zeitungen sollen sich nicht neu erfinden, sondern das Verlinken lernen
  • Wie bloggig sind die Zeitungen mittlerweile geworden?
  • Internet ist einflussreichstes Medium
  • Wikipedia in Cordhosen: Zur Mediennutzung von Jugendlichen

    bravo.pngSeit einiger Zeit ist der Begriff der “digital natives” (vgl. dazu auch Mark Prensky’s Artikel zum Thema sowie diesen aktuellen Beitrag von Klaus Eck) aus dem Sprachgebrauch der Medien- und Internetforscher kaum mehr wegzudenken. Damit soll die Generation derer beschrieben werden, die als Kind in das digitale Zeitalter hineingewachsen sind und die sich nicht (wie noch meine Generation) diese Welt selbst erarbeiten musste wie man eine Fremdsprache lernt. Die aktuelle Bravo-Jugendstudie “Faktor Jugend 9″ (pdf) hat sich auf explorativem Weg der Altersgruppe 12-15 genähert (wenn auch auf etwas geringer Datengrundlage von 20 Einzelinterviews und 2 Gruppendiskussionen).

    Das zentrale Ergebnis der Exploration sind die unterschiedlichen Medienprofile, wie sie sich aus Sicht der Jugendlichen darstellen:

    • Zeitschriften dienen den Jugendlichen als Ratgeber (“im schnelllebigen In & Out der Glamourwelt”), spielen aber auch im Freundeskreis eine wichtige Rolle: zum einen als Themenlieferant, aber auch als Beschäftigung (Tests). Dabei werden Zeitschriften als besonders glaubwürdig erfahren, da sie von Profis gemacht werden.
    • Fernsehen wird dagegen bewusst dazu eingesetzt, auf unkomplizierte Weise die eigene Stimmung zu beeinflussen oder Zeit totzuschlagen, erscheint den Jugendlichen aber auch unentbehrlich um auf dem Schulhof mitreden zu können (der “GZSZ-Effekt”).
    • Das Radio ist, was wäre anderes zu erwarten gewesen, zu einem reinen Ambient-Medium geworden: nur selten wird bewusst die Aufmerksamkeit auf dieses Medium gelenkt; in den meisten Fällen wird es in den Hintergrund verbannt. Eine Ausnahme: wenn es um lokale und regionale Veranstaltungstipps geht, ist das Radion bei den Jugendmedien ganz vorne mit dabei.
    • Im Zusammenhang mit dem Internet rückt dagegen die Interaktivität in den Vordergrund: dieses Medium wird bewusst als Zwei-Wege-Kommunikation genutzt (“ich schreibe schnell zurück”). Darüber hinaus zeichnet sich dieses Medium aber dadurch aus, dass es amorph ist und vielen Zwecken dienen kann bzw. viele Medien ersetzen kann. Die Substitutionsthese erfreut sich also wenigstens in dieser Altersgruppe einer gewissen Beliebtheit! Komplexere Inhalte in Textform (Wikipedia) werden dagegen vor allem für schulische Zwecke genutzt. Das Internet ist interessanterweise das Medium, in dem die Jugendlichen am offensten für Werbebotschaften sind – besonders, wenn die Werbung neue Informationen oder einen gewissen Unterhaltungswert bietet – virale Botschaften sind bei den Jugendlichen besonders gern gesehen – und nicht zu aufdringlich ist.
    • Interessanterweise geht die Studie extra auch auf das Schlagwort Web 2.0 ein, wenn auch nicht klar wird, was die Autoren damit meinen. Wie auch immer: Weblogs, Foren oder Online Communities werden von den Jugendlichen nicht als besonders wichtige Elemente ihrer Onlinenutzung beschrieben – wenn sie überhaupt schon einmal davon gehört haben. Stattdessen wird auf bewährte Ressourcen (Chat, MSN, ICQ oder “regionale Schülerseiten” – was ist damit gemeint?) zurückgegriffen.
    • Das Handy dient den digitalen Eingeborenen vorrangig als permanente Verbindung zu ihrem Freundeskreis (vgl. dazu auch meinen Beitrag über mobiltelefonierende Nomaden), aber auch als Statussymbol und Gadget (“Mein Handy kann bessere Fotos machen als deins”). Insofern wird nicht nur mit Hilfe des Mobiltelefons kommuniziert, sondern das Handy ist selbst ein wichtiges Gesprächsthema.

    Ach ja, ein weiteres Ergebnis: Wäre die Wikipedia ein Mensch, sie wäre Walter, ein Oldtimer-fahrender und Cordhosen-tragender Oldschooler, der informativ und interessant ist, aber bisweilen etwas länger braucht, um zu verstehen, worum es geht.



    Verwandte Artikel:
  • Fünf Irrtümer über Computerspiele
  • Edelman: Wikipedia vertrauenswürdiger als klassische Medien
  • Print-News sind ein Zombie: IDG-Studie zur Mediennutzung von Entscheidern