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“Einen eigenen Computer hat Heinz von Foerster nie besessen …”

“… weil er offenbar glaubt, selber einer zu sein”, heißt es in dem Ausschnitt aus Lutz Dammbecks Film über den Kybernetiker, den Tom Levold auf YouTube entdeckt hat. Da ich mir gerade erst Gedanken darüber gemacht habe, was Heinz von Foerster wohl über den Evolutionismus/Kreationismus-Streit denken würde, verlinke ich einfach einmal den Film zusammen mit meinem Kommentar zu dem Thema:

Natürlich hat kein ID [Intelligent Design]-Verfechter je von Heinz von Foerster gehört und auch die Gegenseite wird sich wohl davor hüten, seine Gedanken ernst zu nehmen. Die Frage nach dem Ursprung der Welt als Phänomen ohne Beobachter gehört für Heinz von Foerster klar in den Bereich der nicht entscheidbaren Fragen – ist also Aufgabe der Metaphysik. Die eine Antwort darauf, die theologische, ist zeitlich vor der anderen, der wissenschaftlichen, entstanden, was jedoch nichts daran ändert, dass hier eine Entscheidung eines Unentscheidbaren vorgenommen wird. Jetzt habe ich dann doch noch einmal in einem seiner Bücher nachgesehen. Und tatsächlich, die letzte Seite von “Wissen und Gewissen” enthält die folgende Passage:

“Ontologisch Unerklärbares kann sich als ontogenetische Notwendigkeit erweisen. Der Nabel ist ein ontologischer Witz, ein Schnörkel, ein barockes Rätsel auf dem eigenen Bauch. Ontogenetisch würden wir jedoch ohne ihn nicht sein. Evolutionisten und Kreationisten suchen gleichermaßen eine ontogenetische Erklärung für ein andernfalls unerklärbares Phänomen: Wir sind da!”

Wahrscheinlich würde diese “Debatte” wirklich davon profitieren, wenn jeder ab und zu einfach einmal dorthin sehen würde: auf seinen/ihren Nabel.



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    Nach dem vielen Programmieren im Zusammenhang mit dem letzten metaroll-Update ist es nun wieder einmal Zeit für einen inhaltlichen Beitrag. Marcel Reichart gibt mit dem Satz “Natürlich ist die Blogkultur in Deutschland anders als in den USA, auch im wissenschaftlichen Bereich” dafür eine passende Anregung. Bislang scheinen derartige kulturvergleichende Blogographien (oder Ethnographien des Bloggens) jedoch Mangelware zu sein (ich freue mich aber darauf, durch Gegenbeispiele in diesem Punkt widerlegt zu werden).

    In meinen Free-Burma-Netzwerkanalysen habe ich u.a. auch die Kommentarpraxis in Frankreich und Italien kennengelernt, die sich von der deutschsprachigen Blogosphäre deutlich unterscheidet. Vor allem die ausgeprägten Einzelkommentare in der italienischen Splinder-Szene waren ziemlich genau das Gegenteil des sehr viel stärker gesprächsorientierten Bloggens z.B. bei Basic Thinking. Ich bin mir aber sicher, dass wir in den nächsten Monaten oder Jahren noch einiges über das Kommentieren in Weblogs erfahren werden: Wie entstehen Communities durch das gegenseitige Kommentieren? Wie homogen sind diese Gemeinschaften? Wie werden Informationen (oder etwas stärker à la mode: Meme) weitergegeben oder verändert? Gerade netzwerkanalytische Verfahren dürften hier eine entscheidende Rolle spielen, da sie von Beziehungen ausgehen (Stichwort: social graph) und nicht von Eigenschaften (wie z.B. die Wie ich blogge-Studie).

    Auf dem Feld der Wissenschaftsblogs werden diese blogkulturellen Unterschiede aber noch von den mindestens ebenso deutlichen (wenn auch besser erforschten) Unterschieden zwischen Wissenschaftskulturen überlagert. Als gravierendste Differenz lässt sich womöglich die anhaltende (oder besser: zunehmende) Brisanz der Gretchenfrage in der US-Wissenschaftsöffentlichkeit betrachten: Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Das wird zum Beispiel deutlich, wenn man sich ansieht, welche Themen in diesem Augenblick auf ScienceBlogs am intensivsten diskutiert werden. Die fünf “aktivsten” Blogeinträge sind:

    1. FFRF recap: heroes of the revolution, Hitchens screws the pooch, and the unbearable stodginess of atheists
    2. Student Report: Why do we still talk about the heart
    3. Student Post: Imagining Tennis
    4. The Washington Post’s war on Gore
    5. Gore Derangement Syndrome

    Betrachtet man diese Artikel näher, dann fällt auf, dass sie das Thema Wissenschaft nur periphär berühren, bzw. sich genau mit dem Spannungsfeld Wissenschaft vs. X befassen – wobei dieses X Politik, Emotionalität oder eben: Religion sein kann. Aber das ist wohl eines der Erfolgsgeheimnisse der ScienceBlogs, denn nur durch diese “Randthemen” lässt sich vermeiden, dass ein geschlossener wissenschaftsinterner Kommunikationskreislauf entsteht, der außerhalb der scientific communities als irrelevant wahrgenommen wird. Nun zu den Themen im einzelnen.

    Der erste Beitrag, mit 109 Kommentaren bisher der aktivste der fünf, berichtet von der “Freedom from Religion Convention”, einer Konferenz auf der unter anderem Christopher Hitchens (“God Is Not Great: How Religion Poisons Everything”) die These des “Clash of Civilization” noch einmal aufgewärmt hat und für Rudy Giuliani als US-Präsidenten geworben hat. Da die Konferenz sich explizit mit der Trennung von Staat und Religion befasst hat, ist es nicht verwunderlich, dass auch in den Kommentaren genau dieses Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Religion immer wieder berührt wurde. Einige eifrige Kommentatoren stellen dieses Thema bereits in das Zentrum ihrer Selbstbeschreibung: “I know Evolution is a fact” betont die eine “About Me”-Spalte, “I’m a liberal atheist with a degree in Computer Science” findet man in einem anderen Profil.

    Der zweite Beitrag befasst sich mit der Frage, warum trotz aller wissenschaftlicher Aufklärung das Denken und Reden in Metaphern wie zum Beispiel “er/sie hat mir mein Herz gebrochen” nach wie vor anzutreffen ist. Auch dies ein Thema, das auf die Grenzen von science in society hinweist und sich insofern auch gut für eine breitenwirksame Debatte eignet. Die 37 Kommentare kritisieren nicht nur den Aberglauben bzw. empfehlen, ein gebrochenes Herz als Kardiomyopathie zu operationalisieren, sondern verweisen teilweise auch auf ein grenzwissenschaftliches Wissen, in dem sogar eine spirituelle Funktion des Herzens nicht von vornherein abgetan werden kann.

    Das dritte Thema ist mit dem Problem der Wachkomadiagnose noch am stärksten innerwissenschaftlich ausgerichtet (bei einer gleichzeitigen starken Anwendungsorientierung). Mit 13 Kommentaren ist es auch das am wenigsten kommentierte. Dafür wurden jedoch die beiden letzten Beiträge 21 bzw. 62 mal kommentiert – es ging um die Verleihung des Friedensnobelpreises an Al Gore. Auch diese beiden Beiträge drehen sich nicht explizit um Wissenschaft. Stattdessen geht es um mediale Berichterstattung, insbesondere der Washington Post, die als neokonservatives Sprachrohr beschrieben wird, sowie die Diskussion des politischen Profil Gores und die Frage, wofür er den Preis eigentlich bekommen hat.

    Diese fragmentarische Momentaufnahme der ScienceBlogs (ich hoffe, die Verzerrung ist in diesem sonntäglichen Minisample nicht zu erheblich) gibt für mich einen Hinweis darauf, dass das US-amerikanische Wissenschaftsbloggen die größte Aufmerksamkeit mit Fragen generiert, die sich mit der (gefährdeten) Rolle der Wissenschaft in der Gesellschaft auseinandersetzt oder gar Anschlüsse an die Evolutionismus-vs.-Intelligent-Design-Debatte aufweist. Dabei zeigt sich zudem, dass es sich (zumindest in den hier betrachteten Themen) um eine weitgehend nationale Debatte handelt: auch der (internationale) Friedensnobelpreis wird schnell in den Rahmen der US-Medienlandschaft sowie der kommenden Präsidentschaftswahl gestellt.

    Die Frage lautet nun: Wenn man diese beiden kulturellen Unterschiede (hinsichtlich der Blog- und Kommentarpraktiken sowie der Wissenschaftskommunikation) ernst nimmt, wie könnte ein Modell des Wissenschaftsbloggens aussehen, dass auch in der deutschsprachigen Blogosphäre funktionieren würde? Ich bin gespannt. Auf der anderen Seite: ist die textbasierte Wissenschaftskommunikation (sei es in Blogs, Magazinen oder Zeitungen) wirklich die einzige denkbare? Oder müsste man nicht gleichzeitig auch den Blick für neue Formen der audiovisuellen Wissenschaftskommunikation schärfen – ich denke zum Beispiel an den großartigen filmischen Web 2.0-Essay des Ethnologieprofessors Mike Wesh?



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    Eine richtig gut gemachte virale Kampagne erkennt man daran, dass die Menschen, die sich daran beteiligen, gar nicht merken, dass sie als Teil eines großen Netzwerkes an exponentiellen Verbreitungseffekten mitwirken. Und das sogar, wenn sie, wie danah boyd in diesem Beispiel (Doves Evolution-Kampagne) ansonsten als reflektierte Beobachter des Web 2.0 gelten. Aus der Sicht der Subjekte sieht so eine Kampagne zumeist wenig spektakulär aus:

    1. Man findet ein tolles Video irgendwo im Internet, vielleicht sogar mit einer aufklärerischen Aussage,
    2. wünscht sich, dass mehr Menschen dieses Video sehen könnten,
    3. erinnert sich an eines der Grundgesetze des Web 2.0: “it needed to be embeddable to be spreadable”,
    4. lädt es auf YouTube, MySpace und andere Videoseiten hoch,
    5. schickt den Link an ein paar Freunde,
    6. schreibt einen Blogbeitrag dazu,
    7. beobachtet die Reaktionen der anderen (eventuell noch: wartet auf eine Abmahnung)

    Mehr ist es nicht. Eine besondere Pointe entsteht dann, wenn man, wie danah boyd passiert, auf eine Konferenz eingeladen ist (Programm als pdf), auf der zuvor Todd Tillemans (Unilever) seine Schlussfolgerungen zu ebendieser Kampagne (Stichwort: Marketing im Web 2.0) präsentiert hat – ohne zu wissen, dass einer der Super-Spreader der Kampagne gerade neben ihm sitzt.



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