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Wissenschaftkommunikation und Mediendialog

Nächste Woche geht’s nach Bremerhaven, um dort in einem Workshop des Symposiums der Initiative “Wissenschaft im Dialog” etwas zum Thema Wissenschaftsbloggen zu erzählen. Das Programm für meinen Input sieht in etwa so aus:

Die Zeichen stehen auf Öffnung. Public Understanding of Science, Wissenschaftskommunikation oder Wissenschaftsmündigkeit – mit Schlagworten wie diesen wird gerade in den letzten Jahren immer stärker eine Wissenschaft gefordert, die nicht nur forscht, sondern auch kommuniziert, ja gar in einen Dialog mit der Öffentlichkeit tritt. Die Wissenschaftler sollen also endlich ihre Alchemistenlabors verlassen und der Welt mitteilen, was sie tun und was das für die Gesellschaft bedeutet.

Sind Blogs als typische dialogische Medien der Königsweg zu diesem Ziel? Wie lassen sich Blogs für die interne und externe, formelle und informelle Wissenschaftskommunikation einsetzen? Welche Arten wissenschaftlicher Blogs sind tatsächlich in der freien Wildbahn (in erster Linie der deutschsprachigen Blogosphäre) zu beobachten? Wo liegen die spezifischen Vorteile von Weblogkommunikationen und welche Herausforderungen für Öffentlichkeit und Wissenschaft sind damit verbunden?

In meinem Referat werde ich versuchen, einige Antworten auf diese Fragen vorzustellen – verbunden mit einigen praktischen Anregungen, das Wissenschaftsbloggen selbst einmal auszuprobieren.

Sehr gut gefällt mir, dass es nicht nur um das übliche public understanding of science einer erwachsenen Öffentlichkeit geht, sondern dass die Veranstalter Wissenschaftskommunikation bereits im Kindergarten beginnen lassen. Ich glaube, dass wir mehr derartige ganzheitliche, lebenslange Herangehensweisen benötigen.

Warum sollte man nicht auch schon in der Grundschule anfangen, mit den Schülern über den Umgang mit sozialen Medien zu sprechen? Dabei könnten nicht nur die Schüler einen Eindruck von den Möglichkeiten aber auch Gefahren der digitalen Werkzeuge (SchülerVZ, Wikipedia, ICQ etc.) erlangen, die sie sowieso nahezu täglich verwenden. Auch die Lehrer könnten ein realistisches Bild davon bekommen, wie das Aufwachsen in einer hochmedialisierten Gesellschaft aussieht. Howard Rheingold scheint sich gerade intensiv mit diesen Fragen zu befassen – ich bin gespannt, welche Ideen zu einer Lebenslangen Medienpädagogik oder vielleicht besser: einem Lebenslangen Mediendialog noch alle auftauchen werden.



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  • Stapelverarbeitung – 16.4.2008

    Der Stapel für heute enthält wieder einmal einiges zu Twitter, aber auch ein paar grundsätzliche Gedanken zum Web 2.0 bzw. Social Media.

    Mythen des Web 2.0

    John Dodds hat ein klein wenig Diskursforschung betrieben und die fünf besten erfundenen Wörter des Web 2.0 zusammengestellt: Conversation, Community, Relationship, Content und Authenticity. Diese Begriffe werden jedoch viel zu häufig missverstanden: Web 2.0 bedeutet für ihn eine Rückkehr zur “guten alten” Kundenorientierung auf Grundlage einer gesteigerten Reaktionsfähigkeit. Was sich aber nicht ändert: die Kunden. “It doesn’t mean that your customers want a conversation with you. They generally want a quiet life without unwanted noise from you.” Zu so einem Ergebnis kommt man aber nur, wenn man die empirisch gut belegte Veränderung in der Mediennutzung der Menschen ignoriert.

    Corporate-Twitter

    Allmählich entdecken die Unternehmen die mit Twitter mögliche Instantkommunikation (sowie: die dort Tag für Tag erreichbare Premium-Zielgruppe). Daniel Riveoung hat sich das näher angesehen. Mit dabei sind z.B. schon H&R Block, 10 Downing Street, Zappos, BBC News, Yahoo Marketing, Amazon.com oder der LaGuardia-Flughafen in New York. Warum twittern sie alle? Zum einen ist das eine Gelegenheit, sich auf praktischem Wege Knowhow für die Verwendung von Social Media anzueignen. Zum anderen bekommen sie dort mit, wie die “Linkerati”, also die “bleeding edge of early adopters” ticken. Über Twitter können sich Unternehmen überdies ein menschliches Antlitz geben, zum Beispiel indem sich Corporate Twitterer ab und zu an Nonsense-Gesprächen (“occasional fart-related humour”) beteiligen. Aber auch als Mikro-Presseverteiler und für das Reputationsmonitoring lässt sich Twitter einsetzen. Wann twittern Merkel, Fraport oder die Deutsche Bank?

    Social Media-Experte

    Wenn man einen Blick auf Netzwerke wie Xing wirft, dann gewinnt man den Eindruck, dass dieses Land geradezu vor Expertise strotzt. Social Media-Experten überall. Doch was sollte ein Social Media-Experte eigentlich alles wissen und können, damit diese Bezeichnung gerechtfertigt ist? Chris Brogan hat in seiner Reihe “100 nützliche Blogposts über Social Media” einige Anhaltspunkte für die Beantwortung dieser Frage gegeben. Er unterscheidet zwischen strategischen Fähigkeiten (z.B. integrierte Medienkampagnen durchzuführen, 100 Leute aus dem Bereich kennen oder den Stand einer Community in 2 Minuten zusammenfassen zu können) und technischen Fähigkeiten (z.B. Blogsoftware installieren, Social Networks nutzen können oder Suchmaschinenoptimierung). Mal sehen, wie lange es dauert, bis diese Fähigkeitsliste in die amtlichen Beschreibungen der Bundesagentur für Arbeit Eingang findet.

    Das kuratierte Netz

    Fred Stutzman erkennt: Das Web 2.0, das für ihn das Ende der Ressourcenknappheit darstellt (Speicherplatz, Rechenpower, Zugangsschwellen), benötigt digitale “Kurateure” (oder Redakteure), die mit diesem Überfluss umgehen können. Die Zukunft liegt in kleinen, überschaubaren weil handverlesenen Netzwerken wie Twitter, Tumblr oder Seesmic und nicht in großen überkomplexen monolithischen Plattformen wie Facebook. Die Technologien sind nicht mehr das Problem, sondern der kreative Umgang damit. Dafür verwendet er dann den Lévi-Strauss’schen Begriff der “Bricolage“: “To this extent, the fuel of the next web is bricolage, as opposed to the more inherently techno-capitalist notions of mashup and remix.”

    Twitter als Radiogerät

    Hartmut Wöhlbier sieht durch Aggregatoren wie Friendfeed, Socialthing und demnächst auch Facebook einen “volatilen Kommunikationsraum einer völlig neuen Art” entstehen: “Mit der Authentizität der Lifestreams vergegenwärtigt sich die Person bei anderen und bildet so eine verteilte Präsenz aus: Man wird von verschieden Menschen an verschieden Orten wahrgenommen und tritt mit diesen wiederum in Kontakt.” Anzumerken ist, dass die Möglichkeit, Informationen rundfunkartig beliebigen Personen zur Verfügung zu stellen, nichts neues ist (Stichwort: Fernsehen). Neu ist jedoch, dass dies nun für (fast) jeden möglich ist, und zwar “zeitnah von jedem Ort”. Mit Flusser gesprochen: Es geht also um eine Konvergenz amphitheatralischer Diskursmedien wie dem Fernsehen und ortsungebundenen Dialogmedien wie der SMS.



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  • Stapelverarbeitung – 15.04.2008
  • Stapelverarbeitung – 14.04.2008
  • Blogs als Diskurs- und Dialogmedien

    Eine grundlegende medientheoretische Unterscheidung schlägt Vilém Flusser mit seiner Differenzierung zwischen Diskurs- und Dialogmedien vor. Bei den Dialogmedien geht es um die kollaborative Produktion von neuen Informationen: “Um Informationen zu erzeugen, tauschen Menschen verschiedene bestehende Informationen aus, in der Hoffnund, aus diesem Tausch eine neue Information zu synthetisieren.” Diskursmedien dagegen zielen auf die Speicherung und Verteilung von Informationen: “Um Informationen zu bewahren, verteilen Menschen bestehende Informationen, in der Hoffnung, daß die so verteilten Informationen der entropischen Wirkung der Natur besser widerstehen” (Kommunikologie, 1996).

    Beide Formen bedingen dabei einander: Um Informationen diskursiv verteilen zu können, müssen sie zunächst dialogisch produziert worden sein. Aber der Dialog wiederum setzt als Rohstoff diskursiv verteilte alte Informationen voraus. Das Fernsehen oder die Tageszeitung sind typische Diskursmedien: die Zuschauer oder Leser haben keine Möglichkeit, im selben Medium auf die präsentierten Informationen zu reagieren: man kann bei einem Fernsehsender anrufen oder der Zeitung einen Leserbrief schreiben, aber nicht mit einer anderen Fernsehsendung oder einer alternativen Zeitung antworten. Anders beim Telefon: Hier ist der Austausch möglich. Nur der Austausch, denn das Telefonnetz, das auf Eins-zu-eins-Verbindungen beruht, eignet sich nicht zur gezielten Verbreitung von Informationen in einer großen Menschenmenge.

    Wendet man sich auf Grundlage dieser Unterscheidung zwischen Dialog- und Diskursmedien der Blogosphäre zu, so entdeckt man zunächst zahlreiche dialogische Merkmale: Weblogs charakterisiert, das man auf Beiträge per Kommentarfunktion direkt reagieren kann. Auch die Möglichkeit von Trackbacks oder Pings erleichtern eine kollaborative Produktion neuer Informationen. Zugleich bestehen dennoch deutliche Unterschiede zu typischen Dialogmedien wie dem Telefon oder auch der SMS: obwohl die Möglichkeit des Kommentierens besteht, macht nur ein geringer Teil der Leser davon Gebrauch. Der größte Teil verwendet die Blogosphäre genauso wie man eine Tageszeitung oder ein Fernsehprogramm verwendet: rezipierend. Blogs haben also auch eine diskursive Persona.

    Viele kleine Blogs im Long Tail der Blogosphäre sind im Prinzip nichts anderes als digitale Zusammentreffen befreundeter Personen, bei denen sie sich austauschen. Dagegen gibt es große Blogs wie das Bildblog oder Blogs mit einer klaren Agenda wie z.B. Filmblogs, bei denen es um die Vermittlung von (Fach-)Informationen geht — eine Struktur, die den klassischen Massenmedien sehr ähnlich ist.

    Durch diese dialogisch-diskursive Doppelfunktion von Weblogs ist auch der ewige Streit zwischen Bloggern und Journalisten nicht besonders gewinnbringend. Wollte man Journalisten erklären, was es sich mit Blogs auf sich hat, müsste man ihnen zunächst die dialogischen Bestandteile näherbringen. Blogs sind eben nicht nur — und in einigen Fällen fast überhaupt nicht — Verbreitung von Informationen wie die gedruckte Zeitung, sondern diese Verbreitungsfunktion ist durchmischt mit dialogischen Elementen, wie sie Journalisten z.B. in ihren Redaktionskonferenzen regelmäßig erfahren.



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  • Wie politisch ist die Blogosphäre?

    SPD und Union dominieren den Diskurs der politischen Blogosphäre. Bei den Jugendorganisationen ist das Bild ausgewogener.

    Vor kurzem konnte man auf Heise Online ein Interview mit Jan Schmidt zum Thema Parteien im Netz lesen. Darin stellt er fest, dass sich das Onlineengagement der deutschen Parteien im Gegensatz zu den USA noch in einer Experimentierphase befindet. Die politische Meinungsbildung bleibe demnach weiterhin stark printzentriert:

    Die überregionale Printpresse bleibt trotz aller Probleme stark. Vielleicht ist das Bedürfnis nach Alternativ-Öffentlichkeiten deshalb niedriger als anderswo.

    Schon vor längerem habe ich mich gefragt: Wie politisch ist die Blogosphäre? Entsprechen die politischen Einstellungen von Bloggern dem Bevölkerungsdurchschnitt? Oder tendiert die digitale Avantgarde zu liberalen, techno-utopistischen politischen Ideen? Spielen politische Parteien in der Blogosphäre überhaupt eine Rolle oder sind es andere, vernetzte Initiativen und Kampagnen, die hier relevant sind? Beispiele dafür wären zum Beispiel abgeordnetenwatch.de, der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung oder trupoli.

    Zumindest die Frage nach den politischen Parteien lässt sich mit Hilfe meines Blogbuzz-Tools beantworten, das zählt, wie oft die einzelnen Parteien in der Blogosphäre an einem bestimmten Zeitpunkt erwähnt werden. Damit ist natürlich noch nichts über die Bewertung der Parteien gesagt – ob es um Lob oder Kritik geht, lässt sich an diesen Zahlen nicht feststellen. Aber man kann erkennen, wie sich die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Parteien verteilt, was in der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie eine wichtige Währung darstellt.

    Die folgende Grafik fasst alle Parteierwähnungen des letzten Monats (Februar 2008) zusammen:

    Man erkennt hier verglichen mit der Forsa-Sonntagsfrage vom 27. Februar nahezu identische Werte für die Unionsparteien (36 Prozent Forsa vs. 35 Prozent Blogs), aber das war es auch schon an ähnlichkeiten. Die SPD ist die Partei, die im Februar am häufigsten in der Blogosphäre genannt wird – fast jeder zweite Blogeintrag, in dem eine Partei vorkommt, nennt die Sozialdemokraten. Auch die FDP schneidet mit 15 Prozent sehr stark ab, während die Grünen und die Linke hier nur ein minimales Maß an Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Die großen Volksparteien bestimmen also ganz klar die Aufmerksamkeitsökonomie der Blogosphäre, auch wenn sie in den Wahlen immer seltener die Massenbasis erreichen können. Die politische Blogosphäre ist also keineswegs ein Fünfparteiensystem.

    In der Längsschnittbetrachtung kann man einzelne blogmediale Ereignisse finden, die zu einer Aufmerksamkeitsspitze für einzelne Parteien führen. In dieser Grafik, die die Werte für den letzten Monat darstellen, kann man am 25. deutlich eine Spitze für die CDU und die Grünen finden, die sich mit den Parteiwechsel von Metzger in Verbindung lässt. Zudem erkennt man einen ebensolchen peak für die CSU am 3. und 4. März – hier hat in der Blogosphäre die Aufbereitung der bayerischen Kommunalwahlen stattgefunden:

    Bei den politischen Jugendorganisationen ist das Bild schon etwas ausgeglichener. Hier schneiden insbesondere die Grüne Jugend und die Linksjugend ['solid] im selben Zeitraum deutlich besser ab als entsprechenden Parteien, denen sie nahestehen. Auch die Jungen Liberalen sind etwas stärker vertreten. Dennoch sind auch hier die Jusos mit Abstand am stärksten. Über 40 Prozent der Nennungen von politischen Jugendorganisationen entfallen auf die Jungsozialisten, während die Junge Union nur in gut einem Fünftel der Beiträge genannt wird.

    Insgesamt waren es 365 Nennungen in dem untersuchten Zeitraum, wobei Beiträge, in denen zwei Jugendorganisationen erwähnt werden, auch doppelt gezählt wurden. Dagegen findet man bei der Suche nach den politischen Parteien für den Februar 26.149 Nennungen. Auch wenn die Blogosphärenbevölkerung jünger ist als der Bevölkerungsdurchschnitt, liegt der Fokus eindeutig auf den Parteien, während die Jugendorganisationen nur eine marginale Rolle spielen. In dieser Hinsicht besteht also noch Nachholbedarf. Gerade wenn zutrifft, was Jan Schmidt im Heise-Interview feststellt, nämlich “dass vor allem junge, höher gebildete und internetaffine Menschen für Online-Wahlkämpfe zugänglicher sind” könnten die Jugendorganisationen noch viel präsenter in den Blogosphärenkonversationen sein.

    Auf der re:publica werde ich übrigens zum Thema digitaler politischer Aktivismus zusammen mit Marc Scheloske (Wissenswerkstatt, die heute ihren ersten Geburtstag feiert) noch ein paar Thesen präsentieren, die sich auf die Ergebnisse der Burma-Studie (siehe auch hier) stützen, die wir letzten Herbst durchgeführt hatte.



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