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Was ist Google FriendConnect?

Ich habe gerade testweise einmal zwei FriendConnect-Widgets von Google in die Seitenleiste des Blogs eingebaut. Das erste verwandelt dieses Blog in eine Social Community, der man mit seinem Google-Profil beitreten kann. Wenn man die entsprechende Aktion in seinem Profil ankreuzt, wird auch ein Aktivitätsstream erzeugt.




Welche Aktivitäten werden in den FC Google-Widgets angezeigt? Die kommen aus dem zweiten Widget, dem Kommentarfeld (oder wahlweise auch Shoutbox oder Wall). Dort kann man entweder angemeldet oder nicht angemeldet Kommentare hinterlassen, auf andere Kommentare reagieren oder sich die Profile der (angemeldeten) Kommentierenden ansehen:


Was bedeutet das?

  • Dezentralisierung: Im Prinzip ähneln die Widgets dem, was man auch schon von Disqus oder Friendfeed kennt – siehe dazu auch die lange Diskussion “The Conversation has left the Blogosphere“, die Anfang des Jahres vor allem in den USA geführt wurde. Mit FriendConnect wird diese Debatte wieder neu aufflammen: Welche Folgen hat es, wenn die Kommentare der eigenen Blogeinträge nun auf Google und nicht mehr auf dem eigenen Server gespeichert werden?
  • Dialogifizierung: Allerdings ermöglicht FriendConnect das Einbauen dialogischer Web 2.0-Elemente auch auf klassische Web 1.0-Seiten. Einfach das Widget einfügen und schon hat man eine statistische Webseite in eine Community oder einen Dialog verwandelt. Dieser Eindruck wird auf jeden Fall vermittelt.
  • Expansion: Noch besitzen nur wenige meiner Kontakte ein öffentliches Google-Profil, aber über Googles Social Graph findet man schon zahlreiche personenrelevante Daten (zum Testen einfach einmal hier die URL des eigenen Blogs oder Friendfeedaccounts eingeben). Vielleicht gelingt Google damit besser, was auch Yahoo und Microsoft versuchen: ihre Emailnutzer in Adressen sozialer Netzwerke verwandeln. Die Frage ist, ob hier nicht Facebook – Googles größter Konkurrent auf dem Gebiet Social Graph derzeit – die besseren Karten hat, denn hier bestehen bereits Netzwerke, die sich in der Tat sinnvoll auf andere Netzwerke übertragen ließen.
Die große Frage lautet auch hier: Erfüllt dieser Dienst ein tatsächliches Bedürfnis der Internetnutzer? Das Interaktiv-Machen von Webseiten? Geht mit einem Blog besser. Die anderen Wohltaten, die FriendConnect verspricht (zum Beispiel das Sammeln von Kontakten im eigenen Social Graph), erscheinen mir hier viel zu umständlich realisiert, um eine breite Benutzergruppe anzusprechen.
Das nächste große Ding wird Google Friend Connect wohl nicht werden. Was hingegen wirklich gebraucht wird, ist ein Protokoll oder Dienst, das es ermöglicht, sich mit seinen Bekannten, Freunden und Kollegen zu vernetzen, ohne dass die Technik dazwischensteht. Ein Netzwerkmedium, das die sozialen Beziehungen in den Vordergrund rückt und selbst als Medium gar nicht mehr wahrnehmbar ist. Social Networking-Plattformen, aber auch der Microbloggingdienst Twitter oder Blogs allgemein, gehören immer stärker in das Repertoire von Alltagspraktiken, die es uns ermöglichen, mit Menschen in Kontakt zu treten. Langsam wird es Zeit, die dafür benötigten Technologien unsichtbar zu machen.
Ein Freund ist ein Freund. Egal, ob auf Facebook, Twitter oder StudiVZ. Eine Anwendung, die dazu in der Lage ist, dieses Grundgesetz sozialer Medien in eine Praxis zu verwandeln, hat das Zeug, zum next big thing zu werden.

Siehe dazu auch:



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  • Wie ernst meint es die Wissenschaft mit dem Dialog?

    Im September habe ich auf dem Symposium für Wissenschaftskommunikation einen Vortrag zum Thema Blogs als Instrumente der Wissenschaftskommunikation gehalten. Jetzt ist die ausführliche Tagungsdokumentation erschienen. Dort findet man auch eine gute Zusammenfassung meines Vortrags.

    Ein zentraler Punkt ist für mich die Möglichkeit, mit Wissenschaftsblogs Dialoge mit der Öffentlichkeit zu führen. Oft wird dieser Begriff gerade im Bereich der Wissenschaftskommunikation falsch verstanden, so dass schon das allgemeinverständliche Umformulieren wissenschaftlicher Forschungsergebnisse als Dialog bezeichnet wird. Ist es aber noch lange nicht.

    Dialog bedeutet nämlich nicht nur die Ansprache eines Publikums, sondern auch

    • diesem Publikum zuzuhören, also zum Beispiel Blogs und Foren zu lesen, in denen über mein wissenschaftliches Fachgebiet oder meine wissenschaftliche Organisation, ganz gleich ob Forschungsinstitut, Universität oder Fördereinrichtung, gesprochen wird,
    • dieses Publikum und seine Kommunikationen zu verstehen, also nicht nur zu registrieren, dass ein Thema in den sozialen Medien eine Rolle spielt, sondern dahinter blicken, welche Bedeutungen damit assoziiert werden und auch welche Personen es sind, die sich darüber austauschen und dann vor allem
    • mit dem Publikum zu sprechen. Nicht an das Publikum, sondern mit dem Publikum. Das heißt: Fragen auf Twitter beantworten, bei Bedarf Links zu vertiefendem Material zu schicken. Noch schwieriger, aber ebenso wichtig:
    • als authentische Person auftreten. Wissenschaft ist kein anonymer Prozess, sondern wird von Menschen gemacht. Gerade im Fall von social media ist es möglich und wichtig eine eigene Stimme zu entwickeln, die sich nicht wie eine Pressemitteilung liest und auch nicht wie eine Vorlesung, sondern wie ein nettes Gespräch in der Kaffeepause einer Tagung.

    Dann zeigt sich, wie ernst es die wissenschaftlichen Organisationen mit dem Dialog meinen. Geht es nur darum, sich und der eigenen Organisation durch ein möglichst breites kommunikatives Sperrfeuer einen Platz im Diskurs zu besetzen? Oder besteht ein echtes Interesse daran, mit der Außenwelt in ein Gespräch einzusteigen? Ich sehe social media wie Blogs, Foren, Twitter und Social Networks hier als eine Art Lackmustest für die Dialogfähigkeit der Wissenschaft.



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  • Von Obama lernen: Die drei Grundsätze der Politik 2.0

    Im Zusammenhang mit dem furiosen Social-Media-Wahlkampf von Barack Obama wurde immer wieder versucht, das ganze auf Deutschland zu übertragen. Oder zumindest Anregungen dafür zu bekommen, wie man erfolgreiche Wahlkämpfe im sozialen Netz führt.

    Ebenso häufig wurde angemerkt, dass sich die Erfahrungen der Obama-Kampagne nicht übertragen lassen, schon gar nicht eins-zu-eins. Zu einmalig war der Kontext 2008 und zu unterschiedlich sind die Parteien- und Mediensysteme der USA und Deutschland.

    Ich bin jedoch überzeugt, dass man nur nur ein wenig abstrahieren muss, um auch für den deutschen Kontext Anregungen für den “Wahlkampf 2.0″ gewinnen zu können. Angeregt durch Josh Bernoff’s Beobachtungen von Obamas Übergangsseite change.gov hier nun drei zentrale Punkte, die dazu beitragen können, den Rahmen für eine Art politische “Brand Community” zu schaffen:

    1. Informationen nicht nur verbreiten, sondern auch einsammeln. Weg von der Einbahnstraßenkommunikation (Pressemitteilungen, News, Videocasts) und hin zum aktiven Zuhören, Anregen und Einholen von Kommunikationen – nicht nur der Befürworter, sondern auch der Kritiker. Ganz gleich, ob das per Forum, Twitter, Social Network, Blog oder Widgets geschieht. Je niedriger die Partizipationsschwelle, desto besser. Social-Networks für Parteien wie myFDP, CDUnet oder meineSPD sind wichtig, aber nicht für die Kommunikation mit der breiten Öffentlichkeit, dem Souverän, geeignet.
    2. Die eingesammelten Informationen dürfen nicht verschwinden. Das Ergebnis eines klassischen Kontaktformulars lautet “Vielen Dank für Ihre Nachricht!” Für den Nutzer, der hier bereits den Schritt vom Rezipienten zum Produzenten geschafft hat, bleibt völlig unklar, was mit seinem Beitrag passiert. Noch schlimmer: andere (potentielle) Nutzer bekommen davon gar nichts mit. Deshalb: Den Input am besten gleich für alle sichtbar anzeigen.
    3. Die Organisation schweigt nicht, sondern reagiert auf die von den Nutzern geposteten Anregungen. So wichtig die Diskussionen der Nutzer untereinander auch sind – die Organisation (egal ob Partei, Verband oder Verein) oder die Kandidatin sollte nicht schweigen, sondern durch ihre Reaktionen zeigen, dass die Beiträge der Nutzer nicht nur zur Kenntnis, sondern Ernst genommen werden.

    Diese drei Punkte stellen für mich so eine Art Minimalprogram von Politik 2.0 dar. Eine Kampagne, die diese drei Handlungsleitlinien nicht ernst nimmt, sollte man nicht als Social-Media-Kampagne bezeichnen. Und in Feldern, in denen man sich diese kommunikative Offenheit nicht leisten kann oder will, sollte man vielleicht auch gar nicht erst versuchen, “zwonullig” zu wirken. Aber ich bin sehr optimistisch, dass es genügend Felder gibt, auf denen diese Dialoge möglich sind. Auch in Deutschland.



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  • Amerikaner wünschen sich mehr Social Media im Kundendialog

    In Deutschland kann es einem schon einmal passieren, dass man nach einem Vortrag zum Thema Social Media oder Web 2.0 die Frage gestellt bekommt, was man denn genau in die Adresszeile eingeben müsse, um ins Web 2.0 zu gelangen. Oder sogar, wo es die Web 2.0-Software zum downloaden oder kaufen gäbe. Aber gut, es ist gar nicht so lange her, da lag bei den meisten Leuten das “Internet” als CD mit Aufdruck “AOL” im Briefkasten.

    Amerika, du hast es besser. Zumindest, wenn man den Ergebnissen dieser Studie glauben möchte, die Cone gerade veröffentlicht hat. In dieser Studie, für die gut 1.000 erwachsene Amerikaner befragt wurden, geht es darum, welche Rolle soziale Medien (definiert als “Technology facilitated dialogue among individuals or groups, such as blogs/microblogs, forums, wikis, content sharing, social networking, social bookmarking and social gaming”) in der Kommunikation zwischen Kunden und Unternehmen spielen.

    Besonders spannend ist dabei der Blick auf die Erwartungen der Kunden. 93% der befragten Onliner geben an, Unternehmen sollten auch das social web für ihre Außendarstellung nutzen. 85% sagen, Unternehmen, sollten soziale Medien nutzen, um mit ihren Kunden zu interagieren. Die Leute erwarten also mittlerweile mehr als nur eine statische Außendarstellung in Blogs, Social Networks etc., sondern wünschen sich Unternehmen, die mit ihnen in einen Dialog treten.

    Aber es geht noch weiter. 60% der Onliner geben an, schon einmal soziale Medien in der Interaktion mit Unternehmen verwendet zu haben – 25% sogar mehr als einmal in der Woche. Und jetzt wird es für PR und Marketing besonders spannend: 56% verspüren durch die Interaktion mit sozialen Medien eine stärkere Verbindung zu den Unternehmen und fühlen sich besser von ihnen versorgt. Ein gutes Drittel wünschen sich mehr Möglichkeiten, mit Marken in Social Networks in Kontakt zu treten, zum Beispiel über Widgets oder Applikationen.

    Das Bedürfnis, als Kunde ernst genommen zu werden, lässt sich also diesen Beobachtungen nach durch soziale Medien besonders gut erfüllen. Das kann von direkten Kundendialogen bis hin zur indirekten Analyse von Kommunikationen über Unternehmen, Marken und Produkten, zum Beispiel mit der Methode der Netnography, gehen.

    Dieser Wunsch nach Dialogen über soziale Medien ist besonders stark bei

    • Männern
    • jungen Leuten (18-34)
    • wohlhabenden Haushalten (mehr als 75.000 USD)
    • großen Haushalten

    Mike Hollywood fasst die Studienergebnisse euphorisch zusammen:

    All of this is great news for marketers. Men and younger consumers are traditionally the most challenging to reach, while the highest-income households are typically very desirable; here they are saying ‘come market to us and interact with us online.’ This is really a license to put more energy and resources into this medium and do it effectively.

    Jetzt würde mich natürlich interessieren, wie es in Deutschland aussieht. Welche Erwartungen stellen die Onliner hierzulande an die Social Media-Strategien der Unternehmen? Gibt es dazu aktuelle Zahlen?

    (via)



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    Nächste Woche geht’s nach Bremerhaven, um dort in einem Workshop des Symposiums der Initiative “Wissenschaft im Dialog” etwas zum Thema Wissenschaftsbloggen zu erzählen. Das Programm für meinen Input sieht in etwa so aus:

    Die Zeichen stehen auf Öffnung. Public Understanding of Science, Wissenschaftskommunikation oder Wissenschaftsmündigkeit – mit Schlagworten wie diesen wird gerade in den letzten Jahren immer stärker eine Wissenschaft gefordert, die nicht nur forscht, sondern auch kommuniziert, ja gar in einen Dialog mit der Öffentlichkeit tritt. Die Wissenschaftler sollen also endlich ihre Alchemistenlabors verlassen und der Welt mitteilen, was sie tun und was das für die Gesellschaft bedeutet.

    Sind Blogs als typische dialogische Medien der Königsweg zu diesem Ziel? Wie lassen sich Blogs für die interne und externe, formelle und informelle Wissenschaftskommunikation einsetzen? Welche Arten wissenschaftlicher Blogs sind tatsächlich in der freien Wildbahn (in erster Linie der deutschsprachigen Blogosphäre) zu beobachten? Wo liegen die spezifischen Vorteile von Weblogkommunikationen und welche Herausforderungen für Öffentlichkeit und Wissenschaft sind damit verbunden?

    In meinem Referat werde ich versuchen, einige Antworten auf diese Fragen vorzustellen – verbunden mit einigen praktischen Anregungen, das Wissenschaftsbloggen selbst einmal auszuprobieren.

    Sehr gut gefällt mir, dass es nicht nur um das übliche public understanding of science einer erwachsenen Öffentlichkeit geht, sondern dass die Veranstalter Wissenschaftskommunikation bereits im Kindergarten beginnen lassen. Ich glaube, dass wir mehr derartige ganzheitliche, lebenslange Herangehensweisen benötigen.

    Warum sollte man nicht auch schon in der Grundschule anfangen, mit den Schülern über den Umgang mit sozialen Medien zu sprechen? Dabei könnten nicht nur die Schüler einen Eindruck von den Möglichkeiten aber auch Gefahren der digitalen Werkzeuge (SchülerVZ, Wikipedia, ICQ etc.) erlangen, die sie sowieso nahezu täglich verwenden. Auch die Lehrer könnten ein realistisches Bild davon bekommen, wie das Aufwachsen in einer hochmedialisierten Gesellschaft aussieht. Howard Rheingold scheint sich gerade intensiv mit diesen Fragen zu befassen – ich bin gespannt, welche Ideen zu einer Lebenslangen Medienpädagogik oder vielleicht besser: einem Lebenslangen Mediendialog noch alle auftauchen werden.



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  • Was ist ein Blog?

    Ich habe es schon über Twitter gepostet, aber der Vollständigkeit halber füge ich diese Abbildung auch noch in mein Blog ein. Gesucht war eine möglichst verständliche Antwort auf die ewige Frage “Was ist ein Blog?” Wenn ich das Prinzip “Blog” auf vier Punkte reduzieren müsste, wären es die folgenden (Klick zum Vergrößern):

    Für mich ist insbesondere der zweite Punkt wichtig: Im Grunde genommen sind Blogs so etwas wie geronnene Datenströme, die jederzeit wieder “aufgetaut” werden können und in ganz andere Formen gebracht werden können (Stichwort: Data Portability). Dieser Punkt wird vor allem in der “The Conversation has left the Blogosphere”-Diskussion deutlich, als auf einmal klar wurde, dass man gar nicht mehr überblicken, geschweige denn kontrollieren kann, wo die eigenen Bloginhalte (als Ströme) auftauchen und von anderen kommentiert werden.



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  • Flusser, Twitter, Lobo – für ein dialogisches Fernsehen

    Eine der intelligentesten Analysen des Fernsehens hat der kosmopolitische Medienphilosoph Vilém Flusser 1974 unter dem Titel “Für eine Phänomenologie des Fernsehens” vorgelegt. Darin versucht er sich durch die Ausblendung alles Vorwissens (bei Husserl heißt das Epoché oder Innehalten, Enthaltung) das Wesen des Fernsehens zu beschreiben, wie es sich dem Phänomenologen unmittelbar präsentiert (“Unter den Möbeln eines Wohnraums steht eine Kiste. Sie hat ein fensterähnliches Glas und verschiedene Knöpfe …”).

    Das Fernsehen erscheint aus dieser Betrachtungsweise als “Fenster zum Blicken auf die Welt”, ein Fenster, das in manchen Punkten dem klassischen Fenster überlegen ist (Möglichkeit der Vergrößerung und Verkleinerung von Dingen sowie eine unbeschränkte Aussicht). In anderen Punkten ist der Fernseher dem gewöhnlichen Fenster unterlegen, denn er unterbricht den Dreischritt Orientierung (Ausblick), Engagement (Vorstoß durch die Tür), Einkehr (Rückkehr in die vier Wände). Fernsehen ist passiv.

    Noch spannender sind die politischen Mängel des Fernsehens, also diejenigen, die mit dem Verhältnis von Privatsphäre und Öffentlichkeit zu tun haben. Zunächst einmal ermöglicht das Fernsehen z.B. Politikern, das private Wohnzimmer der Leute zu betreten. Aber diese Beziehung ist minderwertig, denn:

    Erstens erlaubt die Kiste, die den Politiker in den Privatraum projiziert, keinen Dialog mit ihm, und der Dialog ist die Struktur des politischen Lebens. Und zweitens sind die Millionen von Kisten, die in der Gesellschaft verteilt sind, zwar alle mit demselben Sender (dem Politiker), aber nicht untereinander verbunden. Sie erlauben also keinen Dialog zwischen den Empfängern [...] Es führt einerseits zur Vereinsamung, zur Entpolitisierung des Empfängers und andererseits zur allgemeinen Invasion des Privaten, zum Totalitarismus.

    Gestern abend habe ich erlebt, wie dieser Mangel kurzzeitig korrigiert werden konnte. Durch Twitter. In der “Kiste” kam eine Sendung von Menschen bei Maischberger, bei der auch Sascha Lobo, einer der aktivsten Twitterer zu Gast war. Dementsprechend groß war die Aufmerksamkeit auf Twitter. Die vielen maximal 140 Zeichen langen Botschaften lieferten genau den Dialog zwischen den Empfängern, den Flusser im Fall des nackten Fernsehens so vermisst. Und dazu kommt, dass auch einer der im Fernsehen erscheinenden Protagonisten per Twitter direkt ansprechbar war und seinerseits den eigenen Auftritt im Fernsehen zeitversetzt kommentieren konnte.

    Die kurzen Kommentare der Twitter-Zuseher reichten von Politik

    Ach so, Steuern haben nix mit Abgaben zu tun. Politiker sind Fachidioten mit Scheuklappen. Im Realleben laufen solche Leute vor die Wand

    über Ästhetik,

    möglicherweise wurde @saschalobo nur als roter Teppich eingeladen. was fatal wäre. #laufenüberiro

    Wissenschaft

    “Diskontinuierliche Arbeits- und Erwerbsbiographien” wären das Stichwort! #saschalobo #maischberger

    oder Rhetorik

    @saschalobo guter einstieg, angenehmes tempo

    Eine mögliche Nebenfolge des intensiven Begleittwitterns ist, dass die bei solchen Ereignissen übliche Aufarbeitung der Sendung in den Weblogs bisher eher schleppend voran geht.

    Unabhängig von der Frage, ob man in 140 Zeichen tatsächlich einen politischen Dialog führen kann, halte ich dieses Experiment für gelungen. Um die 50 Personen sehen gemeinsam eine Fernsehsendung und verwandeln sie durch ihr Getwitter von einem starren diskursiven Broadcast in einen Dialog. Die zweite Einseitigkeit – also das Fehlen einer Verbindung zwischen Empfängern und Sender – wird dadurch vermutlich nicht beeinflusst. Aber ich hoffe, dass früher oder später vielleicht auch die Rundfunkverantwortlichen dieses dialogische Potential entdecken werden, das unendlich wirkungsvoller und ehrlicher ist als die oft so dämlichen Zuschaueranrufe, die von Redakteuren ausgewählt und ins Studio durchgestellt werden.

    Ein dialogisches Fernsehen wäre ein sinnvoller Auftrag für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Vielleicht sogar der einzige, der geblieben ist.

    Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun.



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    Aus dem ausführlichen Gespräch über Wissenschaftsblogs, das ich am Mittwoch mit Marcus Bösch geführt habe, hat es immerhin ein Satz in die aktuelle “Blogschau” der Deutschen Welle geschafft. Dass daraus dann auch noch ein virtuelles Zwiegespräch mit Marc aus der Wissenswerkstatt geworden ist, freut mich noch viel mehr.

    Zugleich zeigt es doch, welche Grenzen diese Form der medialen Informationsvermittlung hat. Ganz abgesehen davon, dass aus Einzelinterviews nur mit ganz viel Glück ein wirkliches Zwiegespräch, ein Dialog, in dessen Verlauf aus einzelnen Bauteilen neue Informationen werden, zusammengestellt werden kann – das ist klar. Auch die Reaktionsmöglichkeiten sind bei Broadcastmedien selbstverständlich äußerst reduziert (obwohl man hier das Internet als Rückkanal nutzen kann).

    Aus Sicht der Blogger ist mit am problematischsten, dass durch die mangelnde Verlinkung der Quellen deren Relevanz insgesamt nach wie vor unterschätzt wird. Auf der einen Seite ist es fast schon zu einem Grundgesetz der Blogosphäre geworden, die Inhalte, auf die man Bezug nimmt, zu verlinken. Dadurch werden pseudointelligente Aggregations- und Sortierdienste wie Rivva möglich. Umgekehrt verlinken Zeitungen, Onlinemagazine und Radiobeiträge nur in Ausnahmefällen (Heises Telepolis ist hier ein lobenswertes Beispiel) auf die referenzierten Blogbeiträge. Auf diese Weise wird der schiefe Eindruck verstärkt, dass die Blogosphäre andere Mediensysteme parasitiert, während Printpresse, TV und Radio ihre Inhalte aus eigener Kraft schaffen (vgl. zur Parasitenthese v.a. den Aufsatz “Are blogs a ‘parasitic’ medium?” von Robert Niles). Durch dieses auch für die empirische Forschung schwer durchsichtige (Nicht-)Linkverhalten wird die Relevanz der Blogosphäre systematisch unterschätzt.



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    Häufig wird das Buzzword “Social Media” (die deutsche Übersetzung “soziale Medien” klingt leider etwas missverständlich) verwendet, um zu die Veränderungen in der Medienlandschaft gegen Anfang des 21. Jahrhunderts zu beschreiben. Wikipedia definiert den Begriff im Augenblick wie folgt:

    Social Media (auch Soziale Medien) ist ein Schlagwort mit dem Webdienste und Plattformen zum gegenseitigen Austausch von Meinungen, Eindrücken und Erfahrungen beschrieben werden. Als Kommunikationsmittel wird dabei Text, Bild, Audio oder Video verwendet. Populäre Medien sind dabei Internetforen, Mailinglisten, Weblogs, Podcasting, Vlogs, Wikis, und Social-Bookmarking-Dienste.

    Diese Definition stellt also im Wesentlichen auf die Dialogfähigkeit der Anwendungen ab (“gegenseitiger Austausch”). Also gehören nicht nur die genannten Phänomene dazu, sondern auch ICQ, Chat und IM müssten dieser Definition nach soziale Medien sein. Auf der anderen Seite ist nicht ganz mir nicht ganz klar, inwiefern Podcasts tatsächlich als Dialogmedien betrachtet werden sollten, oder nicht viel mehr als eine demokratisierte Weiterentwicklung des Radios mit sehr viel niedrigeren Zugangsbarrieren. Das Konzept “gegenseitiger Austausch” scheint also nicht zu genügen, um Social Media zu definieren. Robert Scoble hat vor etwa einem Jahr eine Neun-Punkte-Liste für die Definition des Begriffs zur Diskussion gestellt. Seiner Meinung lassen sich soziale Medien wie folgt definieren:

    • Veränderbarkeit: Einträge in Blogs u.ä. lassen sich schnell revidieren oder aktualisieren, falls sich der Wissensstand in der Zwischenzeit geändert hat.
    • Interaktivität: Das zielt in dieselbe Richtung wie die Wikipedia-Definition. Scoble vergisst allerdings zu erwähnen, dass es nicht nur um Interaktivität als solche geht (“Leserbrief”), sondern darum, dass die Reaktionen in demselben Medium stattfinden können (siehe auch hier).
    • Granulare Erfolgsmessung in Echtzeit: Bei Inhalten, die in sozialen Medien publiziert werden, kann die Popularität z.B. anhand von Kommentaren oder Backlinks nahezu in Echtzeit erfasst werden. Dabei ist allerdings umstritten, welche Maße für welche Zwecke angewendet werden sollen.
    • Leichte Zugänglichkeit der Archive: Bei diesem Kriterium wäre ich vorsichtig, da nicht klar ist, was ein “leichter” Zugang sein soll. Außerdem dürften Microblogging-Dienste nach diesem Kriterium eigentlich nicht zu den sozialen Medien gerechnet werden – sie haben zwar Archive, die sind aber nur schwer zugänglich.
    • Medienmischung: In sozialen Medien können unterschiedliche Medien wie Text oder Bewegtbilder kombiniert werden. Dabei wird allerdings der Medienbegriff problematisch. Was sind in diesem Fall die sozialen Medien? Die Inhalt allein oder erst eine spezifische Form ihrer Kombination?
    • Unmittelbare Publikation: Anders als in klassischen Medien (= “asoziale Medien”?) steht zwischen der Produktion von Inhalten und ihrer Publikation keine Instanz wie z.B. ein Herausgeber, der darüber entscheidet, wann und in welcher Form eine Veröffentlichung vorgesehen ist.
    • Unbegrenzte Länge und Quantität: Ein weiterer spannender Punkt, der sehr gut zu Weinbergers Konzept “Everything is miscellaneous” passt. Social Media-Inhalte können sich über die üblichen Restriktionen bezüglich Länge, Quantität und Sortierung hinwegsetzen. So kann man Youtube nicht sinnvoll mit einem Fernsehsender vergleichen, wird doch an einem einzigen Tag mehr Filmmaterial auf die Server hochgeladen als ein Mensch in seinem gesamten Leben ansehen könnte.
    • Syndizierbarkeit und Verlinkbarkeit: Social Media zeichnen sich auch dadurch aus, dass die Inhalte leicht weiterverwertet werden können, entweder durch die Verlinkung oder die automatische Wiedergabe der Inhalte in einem anderen Kontexte. Dieser Punkt ist insbesonder deshalb spannend, weil damit die klassischen Messverfahren der Reichweitenfeststellung beeinträchtigt sind. Dadurch, dass die Inhalte so leicht reproduziert werden können, erscheint ein integrierter Multi-Site-Ansatz notwendig, um Relevanz und Wirkung von Social Media-Inhalten wirklich schlüssig nachweisen zu können. Dies ist ein wichtiges Aktionsfeld der neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft Social Media.
    • Vermischung mit Daten aus anderen Quellen: Nicht nur können die Inhalte an anderen Orten reproduziert werden, sondern es können auch Daten aus anderen Quellen einbezogen werden. Social Media sind mashable.

    So verführerisch diese Auflistung von Merkmalen erscheint, es fehlt nach wie vor eine schlüssige theoretische Grundlage, die einen Zusammenhang zwischen den einzelnen Eigenschaften herstellt oder verdeutlicht, welche der Punkte notwendige bzw. hinreichende Kriterien darstellen.

    Für mich ist ein wichtiger Punkt die Theatralität von Social Media-Kommunikationen. Im Unterschied zu klassischen Dialogmedien wie dem Telefon finden hier die Gespräche auf einer Art Bühne statt, die von anderen Personen beobachtbar ist. Im Social Web wird der dialogische Austausch sendefähig und kann ein quasi-massenmediales Publikum erreichen. Diese Publikum kann allerdings jederzeit die passive Rezipientenrolle verlassen und die Bühne betreten, z.B. indem man einen Kommentar verfasst oder sich mit dem @-Symbol in eine Twitter-Unterhaltung einmischt. Ebenfalls sehr wichtig: Der mit Social Media verknüpfte Medienwandel lässt sich nicht auf ebendiese Medien beschränken, sondern verändert den gesamten Bezugsrahmen für die Beurteilung von Medienwirkungen. Social Media verändern also auch die klassischen Medien. Auch die Printzeitung nach Social Media ist eine andere als davor – und das nicht nur indem Redaktionen zu twittern anfangen oder mit Quick-Response-Codes experimentiert wird.



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    Märkte sind Gespräche. Das merkt man zur Zeit an dem starken Anstieg der twitternden Unternehmen (Corporate Twitter). Hier eine Liste (anzumerken ist jedoch, dass es sich in den meisten vielen Fällen um Feeds handelt, die automatisch auch in Twitter eingespeist werden):

    Transport
    Deutsche Bahn (seit 11.4.2008, Feed)

    Medien
    Bild Newsticker (seit 9.10.2007, Feed, letzte Meldung vor zwei Wochen)
    Bunte Online (seit 22.8.2007, Feed, letzte Meldung vor fünf Monaten)
    Computerwoche (seit 10.4.2008, Feed)
    Der Westen (seit 10.6.2008, Dialog)

    Deutsche Welle (seit 14.5.2007, Feed)
    Focus Online (seit 26.4.2007, Feed, letzte Meldung vor zwei Wochen)
    Hannoversche Allgemeine Zeitung (seit 17.10.2008, Dialog)
    Heise Online (seit 2.4.2007, Feed, letzte Meldung vor zwei Monaten)
    iBusiness.de (seit 4.4.2008, Feed)
    NZZ (seit 31.3.2008, Feed)
    Online PC (seit 4.3.2008, Feed)
    Sevenload (seit 23.3.2007, Links)
    Spex (seit 6.4.2008, Dialog)
    Stern.de (seit 1.11.2007, Feed)
    T3N Magazine (seit 11.12.2007, Feed)
    Tagesanzeiger (seit 10.5.2007, Feed)
    Titanic (seit 22.1.2008, Feed)
    Welt Kompakt (seit 13.3.2008, Dialog)
    Welt Online (seit 7.9.2007, Feed)
    Zeit Online (seit 2.5.2007, Feed, letzte Meldung vor zwei Wochen)

    Handel
    Lehmann’s Buchhandlung (seit 6.10.2008, Dialog)

    Mode
    A better tomorrow (seit 13.4.2007, Dialog)
    Spreadshirt (seit 8.3.2008, Dialog)

    Internet
    Blogpiloten (seit 10.1.2008, Dialog)
    DocInsider (seit 17.7.2008, Dialog)
    Hitflip (seit 12.3.2007, Dialog)
    hype! (seit 11.12.2007, Feed)
    Mixxt (seit 1.11.2007, Dialog, auch englisch)
    NETFORMIC (seit 4.3.2008, Dialog)
    Netzathleten (seit 4.9.2007, Dialog)
    Preisbock (seit 21.12.2007, Feed)
    Qype (seit 29.3.2007, Dialog)
    Travello (seit 10.8.2007, Dialog)
    Yeebase (seit 11.12.2007, Dialog)

    Technologie
    Cellity (seit 11.4.2008, Dialog)
    Newthinking Store (seit 4.4.2008, Dialog)

    Telekommunikation
    O2 Surf Stick (seit 19.1.2009, Dialog)

    Agenturen
    Ad!Think (seit 16.9.2008, Dialog)
    conosco (seit 22.4.2008)
    Kehrseite (gerade eben begonnen)
    KMTO (seit 12.10.2007, Dialog)
    nugg.ad (seit 7.12.2007, Dialog)
    sinnerschrader (seit 28.8.2007, Dialog)
    Smaboo (seit 1.4.2008, Dialog)

    Genuss
    Lamian Restaurant (seit 16.4.2008, Dialog)
    MyMuesli (seit 12.4.2008, Dialog)
    Saftblog (seit 24.4.2008, Dialog)
    San Lorenzo (seit 30.1.2008, Dialog)
    Sonntagmorgen (seit 29.8.2007, Dialog)
    Südafrika Weininformation (seit 16.4.2008, Dialog)
    verkostet.de (seit 2.4.2008, Dialog)
    Viva-Vino (seit 14.11.2007, Dialog)
    Weingut Probst (seit 13.4.2008, erst ein Update)
    Weingut Staffelter Hof (seit 12.4.2008, Dialog)

    NGOs
    Ärzte ohne Grenzen Österreich (seit 29.8.2008, Feed)
    Greenpeace Hamburg (seit 17.1.2008, Dialog)
    pl0gbar (seit 16.3.2007, Dialog)

    Kunst
    Galerie Royal (seit 16.5.2008)

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