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Digitale Stadtentwicklung oder Warum Code for America die Zukunft des digitalen Ehrenamts ist

Auf Twitter erlebe ich immer wieder merkwürdige Koinzidenzien. Heute Abend zum Beispiel waren zwei meiner Twitter-Freunde in München auf einer Stadtentwicklungsveranstaltung. Unter dem Motto “MitDenken” sind hier die Bürger aufgefordert, sich Gedanken über die Zukunft der Stadt zu machen. Also ein klassischer Bürgerdialog – immerhin mit Onlinefragebogen.

Parallel dazu wurden auf der US-Konferenz SXSW in Austin, Texas die ersten Ergebnisse des Projekts “Code for America” vorgestellt. Nur ein paar Tweets von den Münchener MitDenkern entfernt, aber trotzdem liegen Welten zwischen den Projekten. Code for America ist eine Initiative mit dem Ziel, ganz praktische Aufgaben und Herausforderungen von Städten auf digitalem Weg zu lösen – mit Hilfe von Apps.

Das Vorhaben setzt dabei vor allem auf das freiwillige Engagement der digitalen Bürger. Diese werden nicht zum Schneeschippen aufgerufen, aber dazu, eine Crowdsourcing-App zu programmieren “Adopt-a-Hydrant“, die das Freischaufeln von Hydranten intelligent unter den Bürgern verteilt. Eine andere App verzeichnet alle Street-Art-Werke in Philadelphia, könnte aber sehr schnell an andere Zwecke angepasst werden, zum Beispiel wenn es darum geht, die Kunst im Öffentlichen Raum erfahrbar und erlebbar zu machen. DataCouch ist eine Anwendung, die es zum Beispiel Stadtverwaltungen wie auch Bürgern ermöglicht, Datensätze über das Netz zu teilen und in standardisierten Formaten abzurufen, um daraus zum Beispiel weitere Anwendungen zu bauen.

Hinter dem Vorhaben stecken drei sehr spannende Grundannahmen:

  • Wiederverwertung: Gerade unter kommunalen Sparzwängen (und dies ist eigentlich der Normalzustand) ist es unverantwortlich, dass jede Stadt, jede Gemeinde ihre eigenen Apps bastelt bzw. für viel Geld bei IT-Dienstleistern in Auftrag gibt. Allein, wenn man sich die Webseiten der Kommunen betrachtet, wird schnell deutlich, dass die Vielfalt im Erscheinungsbild der Städte im Web viel größer ist als das immergleiche physische Stadtbild aus “großzügigen Villen im Landhausstil”, 1950er-Jahre-Überbleibseln mit Deutschem Dach gepaart mit brutistischer Dienstgebäudearchitektur. Natürlich ist Vielfalt hübsch, aber nicht wenn sie auf Kosten von Funktionalität, Wartbarkeit und vor allem wichtiger kommunaler Aufgaben geht. Hier kann eine freie und wiederverwertbare Anwendungsinfrastruktur wie “Code for America” sehr sinnvoll sein.
  • Interfacegestaltung: Diesen Punkt hat die Gründerin Jennifer Pahlka vorhin auf ihrem Vortrag in sehr schönen Zitat angebracht: “I believe that interfaces to government can be simple, beautiful, and easy to use.” Warum nicht einmal den Programmiererblick auf die Kommunalpolitik richten. Die städtischen Webseiten, Formulare, Broschüren etc. sind nichts anderes als eine mehr oder weniger gelungene Benutzerschnittstelle für die Politik. Damit bedienen wir die städtischen Funktionen. Warum nicht diesem Aspekt eine Generalüberholung gönnen und dafür sorgen, dass Bürgerbeteiligung sich ähnlich anfühlt wie das Blättern bei Flipboard auf dem iPad? Oder so viel Spaß macht wie das Kommentieren und Posten von Bildern auf Instagram? Oder so produktiv sind wie das gemeinsame Arbeiten an Dokumenten über Dropbox?
  • Digitales Ehrenamt: Ich weiß, Ehrenamt klingt immer viel zu abgedroschen und altmodisch. Man denkt gleich an Rasenmähen im Kindergarten, Kuchenbacken für den Kirchenkaffee oder das Freischaufeln von Hydranten (moment mal?). Bitte nicht falsch verstehen, diese Dinge sind sehr wichtig. Aber warum gibt es so wenige Versuche, den kommenden Generationen der digital natives Möglichkeiten für ein digitales Ehrenamt zu geben? Warum lassen wir die Wikipedianer nicht eine neue Plattform für Ortschroniken schreiben? Warum nicht die jungen Ruby-on-Rails- und Python-Hacker in kommunalen Hackathons eine wiederverwertbare Infrastruktur für kommunale Open-Data-Initiativen entwickeln? Warum nicht die Nachwuchsdesigner und UI-Startups ein elegantes und benutzerfreundliches Interface für die Kommunalpolitik entwickeln?

Workshops und Ortsbegehungen zur Planung und Verbesserung von Fahrradwegen sind nicht schlecht, sind aber Bürgerbeteiligung im Stil der 1960er/70er Jahre. Wir leben längst in einer digitalen Gesellschaft, also sollten wir auch auf die Fähigkeiten und Kompetenzen ihrer Bewohner zurückgreifen.



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