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Milieu- und Szenenforschung: Von DDR-Nostalgischen, Junghexen und Cosplayern

Einer der schönsten Themen der Soziologie, mit dem man garantiert ein eingeschlafenes Seminar wieder zum Mitdenken bringt, ist die Milieu- oder Szenenforschung. Dazu gehören etwa die Sinus-Milieus (oder die “Kartoffelgrafik”), in der die deutsche Bevölkerung auf der vertikalen Achse nach den big three (Bildung, Beruf, Einkommen) geschichtet sind und auf der horizontalen nach der “Grundorientierung” von traditionell bis postmodern:

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Auch die Milieuforschung von Gerhard Schulze (“Die Erlebnisgesellschaft“) eignet sich immer wieder gut für spannende Diskussionen nach dem Motto: Sag mir, welches Bild auf deinem Klavier steht, und ich sage dir, welche Musik du hörst usw. Schulze unterscheidet im Wesentlichen fünf Milieus: Niveaumilieu (“Bildungsbürger”), Harmoniemilieu (“Volksmusik”), Selbstverwirklichungsmilieu (“Hedonisten”), Unterhaltungsmilieu (“Computerspiele” und “Mallorca”), Integrationsmilieu (Mischung zwischen den anderen vier Milieus).

szenenkat.pngJetzt ist mit den Jugend-Szenen ein drittes Konzept dabei, eine beachtliche Karriere in der öffentlichen Wahrnehmung zu erleben (siehe die Berichterstattung auf heise, Trierer Medienblog, netzpolitik.org, Spiegel Online und Der Westen). Auf der von Daniel Tepe betreuten Seite jugendszenen.com (Blog), die vom Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie an der Universität Dortmund (Ronald Hitzler) unterstützt wird, findet man einen umfangreichen Katalog von Szenen in Deutschland von der Antifa bis zur Warez-Szene. Zunächst zur dort verwendeten Definition von Szenen:

Auf theoretischer Ebene definieren wir eine Szene als ein Netzwerk von Akteuren, die bestimmte materiale und mentale Formen der kollektiven Selbst-Stilisierung teilen, um diese Teilhabe wissen, und die diese Gemeinsamkeiten kommunikativ stabilisieren, modifizieren oder transformieren. Weit weniger scheint uns dabei also Gleichaltrigkeit das wesentliche Vergemeinschaftungskriterium zu sein als vielmehr die (relative) ‘Gleichartigkeit’ von Interessen, die in der Regel teilzeitlich begrenzt relevant und ‘ausgelebt’ werden (Quelle).

Jede dieser Szenen wird mit einer kurzen historischen Einführung vorgestellt, dann folgen einige Zahlen sowie Anmerkungen zum konstitutiven Kern der Szene (“Fokus”), zu Einstellung, Lifestyle, Symbolen, Ritualen, Events, Treffpunkten, Medien, Strukturen und Beziehungsmustern vorgestellt. Abschließend gibt es dann noch Verweise auf weiterführende Literatur oder Webseiten. Besonders bemerkenswert: Die einzelnen Szenenbeschreibungen kann man kommentieren, außerdem wurden sie unter einer Creative Commons-Lizenz ins Netz gestellt. Eine spannende Art, soziologische Forschung im Internet zu präsentieren.



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    cc.pngWenn man auf der metaroll-Seite die Checkbox “nur Creative Commons” und auf “Suche” klickt, werden nur diejenigen Blogs angezeigt, die unter einer Creative-Commons-Lizenz stehen. Bei diesen Blogs wird außerdem ein Ausschnitt aus dem jeweils letzten Blogeintrag angezeigt. Wessen Blog nicht unter einer CC-Lizenz steht, aber trotzdem will, dass ein solcher Schnippsel angezeigt wird, bitte mir per Email oder Kommentar mitteilen. Dasselbe, wenn ich ein CC-Blog fehlt (das sind derzeit noch einige). Danke!

    Von den ersten 100 Blogs der metaroll stehen ein Drittel unter der Creative-Commons-Lizenz. Man mag jetzt streiten, ob das viel oder wenig ist (ich finde, es könnten mehr sein), aber auffällig ist doch: jedes der “Big Five”-Blogs (Spreeblick, Wirres.net, Basic Thinking, Bildblog und Nerdcore) ist CC-lizenziert. Ist das vielleicht ein Baustein für den Erfolg? Oder können es sich diese Blogs “leisten”, ihre Inhalte zu öffnen? Oder ist das nur ein Zufall?



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