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Das Ende der Blogsphäre

Eigentlich hätte ich nie gedacht, dass ich in diesem Blog einmal einen Post über das Ende der Blogosphäre schreiben würde, aber jetzt ist es so weit. Die Blogosphäre, sowieso von Anfang an ein fragiles, hauchdünnes Gewebe, fasert und franst zunehmend aus. Das “Bloggen” als verbindende Gemeinsamkeit ist hinfällig, nachdem es Blogs mittlerweile als allgemein akzeptiertes mediales Design Pattern auch auf die Onlineangebote traditioneller Massenmedien geschafft hat. Die typische Bloggerin oder den typischen Blogger als solches kann man wahrscheinlich ebenso schwer beschreiben wie typische Autofahrer oder typische Mobilfunknutzer.

Mein Indikator für diese Entwicklung war das diesjährige Bloggertreffen in München, das nun schon zum dritten Mal im Vorfeld des DLD stattgefunden hat. Nicht, dass dieses Bloggertreffen ein Misserfolg gewesen wäre – im Gegenteil! Noch nie gab es so viele Teilnehmer auf einem Münchener Bloggertreffen. Nur: die dort versammelte Menschenmenge lässt sich nicht mehr als “Blogger” beschreiben. Besonders deutlich sieht man den Wandel der letzten Jahre an der Resonanz, die dieses Bloggertreffen in der Teilöffentlichkeit formerly known as “Blogosphäre” erkennen.

In der folgenden Grafik ist die Entwicklung der Anzahl der Anmeldungen zu dem Bloggertreffen von 106 im Jahr 2007 zu 216 im Jahr 2009 aufgezeichnet und außerdem die Entwicklung der Vor- und Nachberichterstattung über das Bloggertreffen, die von 59 Posts im Jahr 2007 auf 23 Posts im Jahr 2009 zurückgegangen ist.

Das Verhältnis Blogposts pro Teilnehmer ist also in diesen drei Jahren von 56% auf 11% gesunken. 2007 hatte das Bloggertreffen tatsächlich noch etwas von einem Vereins- oder Klassentreffen und die Erlebnisse und neuen Bekanntschaften wurden ausführlich in den Tagen danach geschildert. In den Tagen davor waren die Blogs ein Mobilisierungs- und Informationskanal, in den Tagen danach eine Ping- und Trackback-basierende Vernetzungsmaschine. Die erste Funktion hat heute Twitter übernommen, die zweite Facebook, LinkedIn und Xing (teilweise auch Twitter).

Wozu also noch Blogs? Der Erfolg dieses Formats hat zum einen dafür gesorgt, dass Blogs mittlerweile weder als “next big thing” angesehen werden, noch als besonders sexy Form der Kommunikation. Aber damit ist die (kurze) Geschichte der Blogs noch längst nicht vorbei. Ich bin hier ganz Saschas Meinung, denn nach wie vor eignen sich Blogs hervorragend

  • als Bündelung zahlreicher Onlineaktivitäten und -profile auf einer Seite
  • als Dialogplattform, wenn es um eine sehr große Anzahl Kommentare geht
  • als Format für onlinepublizistische Langformen
  • als Scharnier zwischen der alten Welt der Massenmedien und der neuen Welt der Dialogmedien

Insofern bedeutet das Ende der Blogosphäre nicht das Ende der Weblogs, denn diese Geschichte beginnt gerade erst so richtig spannend zu werden.



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    Gerade auf dem Groundswellblog gefunden: eine Umfrage von Forrester zum Vertrauen in unterschiedliche Nachrichtenkanäle (nach einer mehr oder weniger kurzen Registrierung – je nachdem wieviele Fehler man im Formular macht – bekommt man auch den gesamten Bericht als pdf). So etwas ähnliches hatte ich vor kurzem ja auch für die StudentInnen. Jetzt geht es um einen repräsentativen Schnitt durch die US-Onlinebevölkerung. Die Ergebnisse in Kurzform:

    • Am stärksten vertrauen die Leute ihren Bekannten und Freunden. Besonders glaubwürdig werden die Informationen dann, wenn sie über das klassische Digitalmedium “Email” übertragen werden. 77% geben an, dieser Quelle völlig zu vertrauen oder zu vertrauen. Merkwürdigerweise wirkt das Social-Network-Profil eines Bekannten nur noch auf 43% der Nutzer vertrauenswürdig. Vielleicht ein Effekt des deutlich sichtbaren Branding der Seiten oder der Werbeeinblendungen? Das Medium spielt in diesem Fall doch eine deutliche Rolle. McLuhan würde sich freuen.
    • Ebenfalls sehr glaubwürdig sind Produktrezensionen. Darin liegt der große Vorteil von Amazon gegenüber seinen Mitbewerbern ohne nutzergenerierte Rezensionen. Nicht nur werden auf diese Weise Millionen von Seiten gefüllt und immer wieder aktualisiert, sondern diese Inhalte werden auch noch als besonders vertrauensvoll wahrgenommen. Auch, wenn sie von Unbekannten geschrieben wurden. Für mich ist das ein deutlicher Hinweis, dass Unternehmen, Organisationen, Parteien etc. sich verstärkt diesen Plattformen zuwenden sollten. Sowohl zuhörend, um zu erfahren, wie sie bewertet werden, als auch aktivierend, also selbst Kritiken und Bewertungen anstoßend.
    • Die Massenmedien liegen im Mittelfeld des Vertrauens und erreichen Werte zwischen 48% (gedruckte Branchenverzeichnisse) oder 46% (gedruckte Zeitungen) und 39% (Radio) oder 38% (TV).
    • Wikis (33%) liegen in den Vertrauenswerten unterhalb von professionellen Nachrichtenangeboten im Web (39%), aber immer noch vor Unternehmensemails (28%) oder Forenbeiträgen (21%).
    • Nun zur schlechten Nachricht: Besonders schlecht schneiden Unternehmensblogs ab, die nur von 16% der Befragten als vertrauensvoll bewertet werden. Das ist sehr wenig, aber private Blogs liegen mit 18% auch nicht sehr viel weiter vorne. Allerdings handelt es sich hier um sehr neue Arten der Unternehmenskommunikation, mit denen sowohl die Produzenten als auch die Nutzer noch längst nicht so souverän umgehen wie zum Beispiel mit den klassischen Massenmedien.
    • Sehr spannend ist die Differenzierung nach der Nutzerkategorie, also die Unterschiede zwischen allen Onlinern, Bloglesern und Blogschreibern. Besonders deutlich sind die Unterschiede, wenn es um das Vertrauen in Blogs geht. Blogschreiber vertrauen Unternehmensblogs (fast 40%) und privaten Blogs (fast 50%) stärker. Aber auch Wikis profitieren von der Vertrautheit mit Social Media. Sie liegen bei ihnen gleich auf mit professionellen Onlinenachrichtenangeboten und Printzeitschriften. Social-Network-Profile von Bekannten liegen bei aktiven Bloggern, was das Vertrauen betrifft, an dritter Stelle hinter Email und Produktbewertungen.
    • Dabei ist besonders interessant, dass auch klassische Massenmedien davon profitieren. Blogger und Blogleser scheinen insgesamt den Medien mehr Vertrauen zu schenken als Nicht-Blogger. Womöglich steckt dahinter eine Art generalisiertes Medienvertrauen oder media literacy, das sowohl dazu führt, dass Menschen sich in Blogs ausdrücken als auch dazu, dass sie anderen Medien stärker vertrauen. Eine Schlussfolgerung: Auch klassische Medien wie Zeitschriften oder Printzeitungen sollten sich demnach verstärkt um diese medienaffinen Nutzer bemühen anstatt in ihnen allein eine Bedrohung zu sehen.
    Ein Kritikpunkt ist, dass nicht danach gefragt wurde, um welche Inhalte es jeweils geht. Ich vermute, dass sich das Medienvertrauen deutlich unterscheidet, je nachdem ob es um Informationen über einen Bombenanschlag in Mumbai geht oder um Erfahrungen mit dem neuen EEE-PC oder um das Leben der Paris Hilton. Ein zweiter Punkt ist, dass nicht zeitlich differenziert wird, um welche Stadien der Informationsgewinnung es sich handelt: ob um die zwanglose Recherche, das Überprüfen von Informationen oder um breaking news. Überhaupt wäre es interessant, auch einmal die wahrgenommenen Geschwindigkeiten zu überprüfen. Das ist schließlich auch ein Faktor, der einen Informationskanal kennzeichnet: der Informationsdurchsatz.


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    Social-Media-Monitoring ist derzeit hoch im Kurs. Immer mehr Unternehmen, Parteien und Journalisten bemerken, dass man nicht nur durch Fokusgruppen und Panels etwas darüber erfahren kann, was über sie gedacht oder geredet wird, sondern dass diese Gespräche an zahlreichen Orten des Internets bereits stattfinden. In Foren, Blogs, Social Networks oder Chatrooms. Übrigens schon lange – vermutlich schon so lange, wie es das Internet gibt. Nur war es in den Anfangszeiten des Web 1.0 nur eine ganz kleine Zahl ganz spezieller Personen, die sich über dieses Medium austauschten: “Internet-Freaks”. Also der Legende nach Chips-futternde, korpulente männliche Technikjünger mit langen Haaren. Ihre Meinung zählte nicht.

    Mittlerweile ist die Internetdurchdringung jedoch so stark angestiegen, dass aus Sicht von Politik, Unternehmen und Presse auch ganz normale Menschen dieses Medium nutzen. Dazu kommen dann noch neue Technologien, die es eben diesen Leuten ermöglichen, sich ohne technisches Know-how im Internet auszudrücken – Social Web oder Web 2.0 sind die mehr oder weniger eleganten Formeln, mit denen diese Entwicklung bezeichnet wird. Kurz: Es wird immer interessanter, zu erfahren, was die Leute im Internet über Parteien, Politiker, Produkte, Marken, Unternehmen oder auch nur andere Personen sprechen. Die Suche nach dem Social Media Dashboard hat begonnen.

    Gesucht wird ein Interface für das Social Web, auf dem in Echtzeit zum Beispiel abgelesen werden kann,

    • wie oft über eine Partei, Marke etc. gesprochen wird (“Buzz”)
    • was über sie gesagt wird (“Content”)
    • welche Bedeutungen dahinter stecken (“Sinn”)
    • welche Werturteile in den Konversationen auftauchen (“Bewertungen”)
    • wer darüber spricht (“Zielgruppen”)
    • wie diese Gruppen konstituiert sind (“Brand Communities”)
    • welche Personen in den Gesprächen eine besondere Rolle spielen (“Einfluss”)
    • wie sich das alles über die Zeit verändert (“Wandel”)
    • wie schnell sich die Gespräche ausbreiten (“Viralität”)
    • wie diese Veränderungen mit anderen Ereignissen zusammenhängen (“Kontext”)
    • wie sich die Veränderungen weiter entwickeln könnten (“Trends”)
    • … und das alles dann auch noch ansprechend und anschaulich dargestellt (“Visualisierung”)

    Noch gibt es ein derartiges Social Media Dashboard noch nicht und insbesondere der qualitativ-verstehende Aspekt (die “Sinndimension” der Social Media Analyse) lässt sich derzeit nur mit vergleichsweise aufwändigen und noch nicht echtzeitfähigen Methoden wie der Netnography erfassen. Und die Trendforschung steht auf diesem Gebiet noch auf sehr wackligen Beinen. Aber früher oder später werden die Marketing-, Kommunikations- und Customer-Support-Abteilungen solche Tools wie selbstverständlich für die Planung, Überwachung und Evaluierung ihrer KampagnenInitiativen verwenden.

    Einen kleinen Vorgeschmack liefert das Tool Perspctv, mit dem sich immerhin schon der Buzz auf sehr vielen unterschiedlichen Kanälen in Echtzeit verfolgen lässt:

    Man kann sich ein ähnliches Dashboard auch für selbst gewählte Begriffe erstellen lassen, zum Beispiel um den Social Media-Buzz von Audi, VW und BMW miteinander zu vergleichen. Aber verglichen mit der obigen Liste potentieller Bestandteile eines Social Media Dashboards ist das dann noch ziemlich wenig Information.



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  • Auch Kommentare könnten gesammelt werden, Schutz von Urheberrechten unklar: Die Antwort der Deutschen Nationalbibliothek

    Letzte Woche hatte ich ein paar Fragen an die Deutsche Nationalbibliothek geschickt, die meiner Ansicht nach in der Pflichtablieferungsverordnung nicht genügend ausgeführt werden. Heute kam die Antwort. Schnell sind sie ja in Frankfurt, das muss man ihnen lassen. Im Folgenden die Antworten der Nationalbibliothek:

    1) Nach welchen Kriterien werden “private Zwecke” von “nicht-privaten Zwecken” unterschieden? Ist die Reichweite entscheidend oder die Gewinnabsicht oder der organisatorische Kontext?

    Die Entscheidung, ob etwas sammelpflichtig ist oder nicht, wird aufgrund der Pflichtablieferungsverordnung und der noch zu veröffentlichenden Sammelrichtlinien getroffen. Die Sammelrichtlinien werden die Pflichtablieferungsverordnung noch konkretisieren. Private Websites werden nicht gesammelt, wenn sie nur das private Umfeld oder Kunden interessieren. Wenn Sie jedoch themen- oder personenbezogene Informationen enthalten, die von öffentlichem Interesse sind, wie z. B. über Personen des öffentlichen Lebens oder über Kleintierzucht, sind sie sammelpflichtig. Die Reichweite, die Gewinnabsicht oder der organisatorische Kontext sind dabei unerheblich.

    2) In zahlreichen Netzpublikationen sind multimediale Inhalte ein essentieller Bestandteil. Aus Ihrer Seite geht hervor, dass “alle Darstellungen in Schrift, Bild und Ton, die in öffentlichen Netzen zugänglich gemacht werden” betroffen sind. In Ihrer Auflistung der bevorzugten Dateiformate stehen jedoch keine Bewegtbild- oder Audioformate. In welcher Form sollen Netzpublikationen abgeliefert werden, die hauptsächlich multimedial sind?

    Multimediale Netzpublikationen werden z. Zt. noch nicht gesammelt und müssen nicht abgeliefert werden.

    3) Wie verfahre ich mit Veröffentlichungen, die Bestandteile enthalten, die nur für den Zweck der Veröffentlichung in meiner Netzpublikation freigegeben sind und keine Weitergabe an Dritte erlauben?

    Für diese Frage muss ich Rücksprache mit dem Justitiariat halten. Die Antwort wird Ihnen nachgereicht.

    4-6) Wie ist mit Inhalten aus anderen Netzpublikationen zu verfahren, die dynamisch in meine Netzpublikation eingebunden sind (”Widgets”)? Fallen diese, wenn sie das Erscheinungsbild meiner Netzpublikation maßgeblich prägen, ebenfalls unter die Ablieferungspflicht?

    Zahlreiche Netzpublikationen bestehen zu einem überwiegenden Teil aus nutzergenerierten Inhalten wie zum Beispiel Kommentaren oder von Nutzern hochgeladenen Bildern. Fallen diese nutzergenerierten Inhalte ebenfalls unter die Ablieferungspflicht? Sind diese Inhalte gesammelt oder einzeln abzuliefern? In welcher zeitlichen Periodizität?

    In ihrem Glossar verweisen Sie auf “Datenbanken” als einen Typus von Netzpublikationen. Bin ich dazu verpflichtet, die Datenbanken, auf denen meine Netzpublikation abgespeichert ist, ebenfalls abzuliefern?

    Alle Bestandteile der Veröffentlichung fallen unter die Sammelpflicht. Da aber in der momentanen Entwicklungsstufe nur Netzpublikationen mit Entsprechung zum Printbereich, also z. B. elektronische Zeitschriften, E-Books, Hochschulprüfungsarbeiten oder Digitalisate gesammelt werden, ist keine Ablieferung von Webseiten aller Art erforderlich.

    Was ich daraus gelernt habe:

    • Vieles ist tatsächlich noch im Unklaren. Es werden aber Sammelrichtlinien formuliert, in denen genaueres geregelt wird. Vielleicht ist die Deutsche Nationalbibliothek so kooperativ und offen, dass sie nach dem Beispiel der BLM eine Veranstaltung zu diesen Sammelrichtlinien ausrichtet, an der auch potentiell betroffene Blogger und Netzpublizisten teilnehmen und auf der auch die Kritiker gehört werden?
    • Die zum Beispiel hier zu lesende Annahme, dass Blogs von privaten Betreibern nicht betroffen seien, ist haltlos. Es geht nicht darum, ob mit einem Blog Geld verdient wird oder nicht. Sobald es um Themen geht, die von öffentlichem Interesse sind, greift die Verordnung. Diese Antwort steht auch in den DNB-FAQ.
    • Wenn dann irgendwann nicht mehr nur “Netzpublikationen mit Entsprechung zum Printbereich” gesammelt werden, sondern auch Blogs, dann wird es kompliziert. Auch Widgets, Datenbanken und Kommentare wären als Bestandteile eines Blogposts ablieferungspflichtig. Wie man das technisch und rechtlich regeln will, ist mir völlig unklar. Der Nationalbibliothek aber anscheinend auch.
    • Das Hauptproblem sehe ich nach wie vor darin, dass in dem Moment, in dem bestimmte Netzpublikationen abgeliefert werden, Seiten, die dies nicht tun, theoretisch abgemahnt werden könnten (z.B. Konkurrenten, die durch die Nicht-Ablieferung einen Vorteil hätten). Dann wird sich zeigen, welchen Wert die zahlreichen “Noch-Nichts” der Nationalbibliothek haben.

    Bleibt nur die Frage: Gibt es eigentlich gar keine Qualitätsanforderungen für die Verabschiedung von Verordnungen? Zumindest für das politische Feld “Internet” kann ich nichts dergleichen erkennen.



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    Viele Blogs haben auf ihrer Seitenleiste einen Kasten mit den populärsten Blogbeiträgen. Dahinter steckt die Logik des Matthäus-Prinzips: Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. (Mat 25, 29). Populäre Beiträge haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, noch populärer zu werden als Beiträge, die nur wenig Beachtung finden.

    Heute bin ich über Profy auf eine Seite gestoßen, die dieses Prinzip umstoßen will: Digital City, ein Blog mit Entertainment-Nachrichten hat nicht eine Rubrik der “Most Popular Stories”, sondern auch der “Least Popular Stories”. Schließlich muss es nicht immer mangelnde Qualität eines Artikels sein, der sich in niedrigen Aufrufzahlen ausdrückt, sondern Schuld kann auch ein ungünstiger Zeitpunkt sein.

    Ich habe gleich einmal in meinen Statistiken gestöbert, um die “Least Popular Stories” dieses Blogs anzusehen. In einigen Fällen ist das niedrige Interesse verdient und es handelt sich um kurze Veranstaltungsankündigungen oder Notizen. Manchmal sind es jedoch Beiträge aus der Anfangszeit dieses Blogs, die heute – ein gutes Jahr später – gar nicht so schlecht wirken. Aber urteilt besser selbst:

    1. Commercialisation of privacy? (23. September 2007, 4 Aufrufe)
    2. Aktuelles Lexikon: Blogger (2004) (19. Juli 2007, 5 Aufrufe)
    3. Weblogs in den Printmedien (16. Juli 2007, 6 Aufrufe)
    4. Die Macht des Mikrobloggens (10. September 2007, 8 Aufrufe)
    5. Die Tyrannei der Authentizität (12. September 2007, 21 Aufrufe)


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    Ob eine Konferenz gut ist oder nicht, merkt man eigentlich sehr schnell an den Gesprächen in den Pausen oder beim gemeinsamen Abendessen. Im Fall des ersten Symposiums zur Wissenschaftskommunikation, die von der Initiative “Wissenschaft im Dialog” gestern und heute veranstaltet wurde, ist mir sehr schnell klar geworden: Selten habe ich mit so vielen Leuten gesprochen, die das Gefühl vermittelten, am Anfang von etwas neuem zu stehen. Das Thema Wissenschaftsdialog scheint sich zu einem absoluten Renner zu entwickeln.

    Eigentlich ist die Idee schon recht alt. Am Anfang stand ein Memorandum (1999) der Wissenschaftsstiftungen und -organisationen in Deutschland, das die Rolle der allgemeinverständlichen Kommunikation von Wissenschaft ganz klar in den Mittelpunkt rückte. Darin stehen Dinge wie:

    In Abstimmung mit den wissenschaftsfördernden Einrichtungen des Bundes und der Länder, der Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie Repräsentanten aus Wirtschaft und Politik wird ein den einzelnen Institutionen angemessenes Anreizsystem entwickelt, das geeignet ist, Belohnungen für diejenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Aussicht zu stellen, die sich aktiv im Dialog mit der Öffentlichkeit engagieren. Das Engagement für diesen Dialog darf dem wissenschaftlichen Ruf nicht abträglich sein, es sollte zu einem zusätzlichen Merkmal wissenschaftlicher Reputation werden.

    Oder wie das folgende:

    Die Würdigung von Leistungen im Dialog mit der Öffentlichkeit soll im Rahmen der internen und externen Begutachtung bzw. Evaluation zusätzlich zur Würdigung der wissenschaftlichen Leistung erfolgen. Geeignete Formen der Anerkennung sollen entwickelt werden.

    klingen auch nach fast zehn Jahren noch revolutionär. Aber, wenn man sich ausführlich mit den Wissenschaftskommunikatoren aus Universitäten, Stiftungen, Museen und diversen Initiativen unterhält, wird schnell deutlich, dass sich hier gerade jetzt sehr viel verändert. Die Zeiten, in denen Professoren ihre Interviews in TV und Print bewusst einschränken mussten, um ihre wissenschaftliche Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel zu setzen, scheint allmählich überwunden. Nicht in allen Disziplinen – die Geistes- und Sozialwissenschaften scheinen hier den Natur- und Technikwissenschaften noch etwas hinterherzuhinken. Aber auch hier gibt es Bewegung.

    Für mich das schönste Beispiel ist das Aufblühen von Wissenschaftsblogs in den unterschiedlichsten Bereichen. Allen gemeinsam ist jedoch die Betonung von dialogischen Elementen. Vilém Flusser hat sehr plausibel zwischen diskursiven Kommunikationsstrukturen, die auf der möglichst unverfälschten Weitergabe von Informationen beruht, und der dialogischen Kommunikation, in der die Partner ihre Informationen zusammenbringen, um etwas Neues daraus zu schaffen, unterschieden. Wissenschaft im Dialog heißt, das ist heute in vielen Vorträgen deutlich geworden, mehr als nur Wissenschaftskommunikation oder public understanding of science.

    Das Ziel sollte sein, die Öffentlichkeit in den Prozess der Wissenschaft zu involvieren – was natürlich je nach Fachgebiet unterschiedlich aussehen kann -, und Blogs ebenso wie Microblogs stellen für mich ein vielversprechendes Werkzeug für diesen Zweck dar:

    • Blogs sind authentischer: In Blogs schreibt man anders als in Journals. Näher an der Person, weniger ausführlich und häufig auch offener. Mit Blogs kann man auch Institutionen ein Gesicht geben, die bislang in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt waren.
    • Blogs sind dialogisch: Die Leser oder Zuschauer müssen nicht passiv bleiben, sondern können Fragen stellen, auf weitere Informationen verweisen und mit anderen diskutieren. Blogs forden zum Engagement auf.
    • Blogs sind unmittelbarer: Spannende Experimente lassen sich mit Blogs und noch besser mit Microblogs in Tickertempo miterleben. Aber im Unterschied zum Ticker, der immer one-to-many funktioniert, kann hier ein echter Austausch funktionieren. Eines der schönsten Beispiele ist für mich nach wie vor der Mars-Phoenix-Twitteraccount.
    • Blogs sind offener: Auch die Wissenschaftsblogger können Fragen stellen. Fragen sind als Format für Wissenschaftskommunikationen unterrepräsentiert. Publiziert werden meistens nur die Antworten. Auch Misserfolge können in Blogs auf informelle Weise vorgestellt und diskutiert werden. Den gewaltigen Bias aller bisherigen Wissenschaftskommunikationen in Richtung gelungene Experimente und bestätigte Hypothesen ist legendär.
    • Blogs erreichen jüngere Zielgruppen: Nachwuchssicherung in der Wissenschaft ist eines der wichtigsten Ziele der Organisationen. Blogs erreichen eine jüngere Zielgruppe als Wissenschaftsmagazine.


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    Nächste Woche geht’s nach Bremerhaven, um dort in einem Workshop des Symposiums der Initiative “Wissenschaft im Dialog” etwas zum Thema Wissenschaftsbloggen zu erzählen. Das Programm für meinen Input sieht in etwa so aus:

    Die Zeichen stehen auf Öffnung. Public Understanding of Science, Wissenschaftskommunikation oder Wissenschaftsmündigkeit – mit Schlagworten wie diesen wird gerade in den letzten Jahren immer stärker eine Wissenschaft gefordert, die nicht nur forscht, sondern auch kommuniziert, ja gar in einen Dialog mit der Öffentlichkeit tritt. Die Wissenschaftler sollen also endlich ihre Alchemistenlabors verlassen und der Welt mitteilen, was sie tun und was das für die Gesellschaft bedeutet.

    Sind Blogs als typische dialogische Medien der Königsweg zu diesem Ziel? Wie lassen sich Blogs für die interne und externe, formelle und informelle Wissenschaftskommunikation einsetzen? Welche Arten wissenschaftlicher Blogs sind tatsächlich in der freien Wildbahn (in erster Linie der deutschsprachigen Blogosphäre) zu beobachten? Wo liegen die spezifischen Vorteile von Weblogkommunikationen und welche Herausforderungen für Öffentlichkeit und Wissenschaft sind damit verbunden?

    In meinem Referat werde ich versuchen, einige Antworten auf diese Fragen vorzustellen – verbunden mit einigen praktischen Anregungen, das Wissenschaftsbloggen selbst einmal auszuprobieren.

    Sehr gut gefällt mir, dass es nicht nur um das übliche public understanding of science einer erwachsenen Öffentlichkeit geht, sondern dass die Veranstalter Wissenschaftskommunikation bereits im Kindergarten beginnen lassen. Ich glaube, dass wir mehr derartige ganzheitliche, lebenslange Herangehensweisen benötigen.

    Warum sollte man nicht auch schon in der Grundschule anfangen, mit den Schülern über den Umgang mit sozialen Medien zu sprechen? Dabei könnten nicht nur die Schüler einen Eindruck von den Möglichkeiten aber auch Gefahren der digitalen Werkzeuge (SchülerVZ, Wikipedia, ICQ etc.) erlangen, die sie sowieso nahezu täglich verwenden. Auch die Lehrer könnten ein realistisches Bild davon bekommen, wie das Aufwachsen in einer hochmedialisierten Gesellschaft aussieht. Howard Rheingold scheint sich gerade intensiv mit diesen Fragen zu befassen – ich bin gespannt, welche Ideen zu einer Lebenslangen Medienpädagogik oder vielleicht besser: einem Lebenslangen Mediendialog noch alle auftauchen werden.



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  • Zweitverwertung

    Auch das zweite Interview, das ich im Funkhaus des Bayerischen Rundfunks gegeben habe, kann man sich jetzt als Podcast anhören. Darin erzähle ich, sofern ich mich noch richtig erinnere, etwas darüber, warum Blogs keine Massenmedien sein müssen und dass Relevanz nicht immer notwendig dasselbe ist wie Reichweite.

    Insofern geht der Aufmacher des BR in eine völlig falsche Richtung:

    Wenn es im Internet beachtenswerte Beiträge zu Debatten gibt, dann meist als zweitverwertete Stücke aus Radio, Fernsehen oder Zeitung. Derweil dämmern die deutschen Blogs vor sich hin [...]

    Der Fehler liegt darin, dass von vornherein “beachtenswerte Beiträge” nur dann als solche wahrgenommen werden, wenn sie sich auf Debatten beziehen, die a) auch in den Massenmedien rezipiert werden und b) eine große Reichweite haben. Aber für diesen Blogeintrag liegen die Kritiker natürlich richtig. Das hier ist nichts anderes als Zweitverwertung eines Radiobeitrags.



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  • Bitte notieren: Blogs sind keine Massenmedien

    Die Zukunft wird sprechen (Goya 1803-24)

    Die Zukunft wird sprechen

    Was mir gestern auf dem Heimweg von dem Interview im Bayerischen Rundfunk, das natürlich mal wieder viel zu schnell vorbei gewesen ist, noch eingefallen ist: Das Thema der (mangelnden) Relevanz von Weblogs (siehe insbesondere hier, hier und diese Übersicht) zeigt eigentlich nur eines, nämlich, dass die Massenmedien das Prinzip Blog immer noch nicht annähernd verstanden haben.

    Mittlerweile haben sie ein Verständnis für Onlinepublikationen entwickelt, sie lernen langsam, aber sicher das Verlinken, nutzen die Instrumente des Web 2.0. Aber von Weblogs haben sie keine Ahnung. Denn wenn man liest, an welchen Stellen aus der Sicht von Spiegel et al. Weblogs noch nicht ausgereift genug sind, um ihrer Bestimmung nachzukommen, dann wird auf einmal klar: Anerkennung würden Blogs erst dann finden, wenn sie genau so aussehen würden wie Spiegel Online, Focus Online oder Zeit Online. Mit Redaktion, professionellen Grafikern und dpa/ap-Meldungen. Ihr Erfolg würde sich dann darin messen lassen, eine ähnliche Reichweite zu besitzen wie die genannten Onlinepublikationen.

    Genau darum geht es aber im Falle der Blogs gar nicht.

    Nur die allerwenigsten Blogs werden jemals eine ähnliche Reichweite ausweisen können wie die großen Onlinemagazine. Das ist in den USA übrigens nicht anders. Die Blogs, die sich dann tatsächlich in Massenmedien verwandeln, werden allerdings auch nach einer ganz ähnlichen Logik arbeiten, mit einer Redaktion usw. Die meisten Blogs richten sich an sehr viel kleinere und vor allem speziellere Öffentlichkeiten zwischen 2 und 2.000 Personen. Keine Massenmedien, aber in ihrer Gesamtzahl durch die vielen sich überlappenden Öffentlichkeitsfragmente, die erreicht werden, durchaus ein Medium von Gewicht. In einigen Fällen werden dann sogar durch Vernetzung und virale Effekte Kampagnen möglich, die ein quasi-massenmediales Publikum erreichen können.

    Bloggerinnen und Blogger sollten gar nicht – und in den wenigsten Fällen tun sie das – den großen Onlinemagazinen nacheifern, denn sie befinden sich historisch gesehen im Augenblick auf der richtigen Seite des Medienwandels. Ich spreche hier gerne von einem Metawandel, da es nicht nur um den Wandel einzelner Medien geht wie zum Beispiel im Fall der Onlineaktivitäten von Zeitungen und Zeitschriften, sondern weil sich meiner Ansicht nach das gesamte Koordinatensystem der Medienlandschaft ändern wird unter anderem in Richtung fragmentierte Öffentlichkeiten, kurzfristige Themenaffinität, dialogische Informations- und Wissensstrategien.

    Blogs sind, was diese Themen Entwicklungen angeht, auf lange Sicht zukunftssicherer als der Versuch, die massenmediale Logik und ihre Reichweiten einfach ins Internet zu übertragen.

    (Abbildung: Zeno.org)



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    Gleich mache ich mich auf zum Rundfunkplatz 1 (wird es irgendwann einmal auch einen Social-Media-Platz geben?), um auf on3radio, der Jugendwelle des Bayerischen Rundfunk, etwas über Politik in Weblogs und die Unterschiede zwischen Deutschland und den USA zu erzählen. Ich bin ja einmal gespannt, wieviel aus dem Fragenkatalog der Vorankündigung sich zweimal sieben Minuten Interview packen lassen:

    In den USA prägen Blogs wie “Huffington Post” die Tagespolitik. In Deutschland übernehmen diese Aufgabe immer noch und fast ausnahmslos die klassischen Medien. Wenn es im Internet beachtenswerte Beiträge zu Debatten gibt, dann meist als zweitverwertete Stücke aus Radio, Fernsehen oder Zeitung. Derweil dämmern die deutschen Blogs vor sich hin, im aktuellen Spiegel werden sie als “unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell” bezeichnet. Wir fragen uns: Stimmt das? Und wenn ja: Woran liegt das?

    Dr. Benedikt Köhler von der Universität der Bundeswehr München ist Soziologe mit Interessensschwerpunkt auf der Soziologie des Internets – und selbst Blogger. Heute ist er bei uns um Studio und wird sich mit Laury über deutsches Internet und deutsche Blogs unterhalten. Sind die deutschen Blogs, die deutschen Blogger wirklich so schlecht? Ist die Tatsache, dass in Deutschland nur wenige etablierte Journalisten ins Internet flüchten, anders beispielsweise als in Frankreich und den USA, nicht eigentlich ein Kompliment für die hiesige Medienlandschaft? Brauchen wir vielleicht gar keine Debatte im Internet, weil wir schon eine haben: in Radio, Fernsehen und Zeitung, mit Meinungen vom rechten bis zum linken Rand der politischen Lager? Wollen es die deutschen Internetnutzer vielleicht gar nicht anders, ist Politik im Internet für sie eher schnelle Information als große Diskussion? Und welche Rolle spielt das deutsche Parteiensystem, das nicht nur Demokraten und Republikaner kennt, sondern auch kleinere Parteien, die immer wieder neue Aspekte in große politische Debatten einbringen?

    Eines dürfte aber klar sein: Der These, die deutschen Blogger seien “unpolitisch und rechthaberisch, selbstbezogen und unprofessionell” kann ich in dieser Form nicht zustimmen. Zumal es den deutschen Blogger oder die deutsche Bloggerin sowieso nicht gibt. Überhaupt: Je mehr sich das Medium Blog durchsetzt, desto schwieriger wird es, Gemeinsamkeiten zwischen den Nutzern zu finden. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass BloggerInnen früher oder später nicht mehr sehr viel mehr gemeinsam haben als die Briefe-Schreiber früher oder die Handynutzer heute. Was meint ihr?

    Das Gespräch wird zwischen 17 und 18 Uhr hier auch online übertragen.



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